Der Öschinengrat

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Es kann einem passieren, daß man voll gipfelstürmender Pläne in die Blümlisalphütte hinaufrennt und am anderen Tage, wenn der Hüttenwart Küenzi den Kopf zum Fenster hinausgestreckt hat, mißmutig und verdrossen sich wieder ablegt: schlecht Wetter, es nebelt. Und wenn man es verschmäht, als Ersatz die Wilde Frau zum xten Male zu machen, so sitzt man 2 Stunden lang hinter dem Frühstück, und dann kann man langsam einen betrübten Rucksack um die Felsen nach Kandersteg oder Reichenbach verschwinden sehen — unrühmliches Ende großer Gedanken.

Aber es muß nicht so sein, und um solchen enttäuschten Klubgenossen dennoch zu einem vollen Genuß zu verhelfen, sollen diese hinweisenden Zeilen geschrieben sein. Nicht die Waffen strecken! Wenn es auch obendurch nebelt, eins kann man doch machen: den Öschinengrat. Wo ist der? Er zieht sich vom Dündenhorn herab zum Bundstock. Was ist mit ihm? Ein ganz prächtiger Klettergrat mit Türmen und Wänden und schmalen Grätlein. Und daß es respekteinflößende Gestalten sind, das sieht man an den Weglein, die unten in Schutt oder Geschröf fein ehrfürchtig in großem Bogen um die zackigen Dinger herumgehen. Nach der landläufigen Meinung, die auch der Hüttenwart und die Kandersteger- und Kiental erf ührer teilen, ist er noch nie vollständig begangen worden. Ein Anreiz mehr für meinen Freund Erb und mich, schon letztes Jahr von unserer Ferienhütte aus ihn tagtäglich wenigstens aus der Ferne gehörig zu „ befeldspiegeln ". Als wir uns dann Rudolf Mani gegenüber äußerten: der „ giuste " uns, spielte ein freundliches, etwas malitiöses Lächeln um seine Lippen: Ihr cheut 's ja probiere! Und dann kam so sukzessive zum Vorschein, daß er selber schon einmal mit einem Herrn, der vorher schwere Wallisertouren gemacht hatte, dahintergewesen sei, daß aber die Geschichte nicht reüssiert habe. Und kurz darauf vernahmen wir von Christen Mani eine ähnlich betrübliche Erzählung: Die zwei ersten Zacken, ja; aber dann der Turm — da war 's fertig. Nicht gerade ermutigende Aussichten, aber probiert mußte es werden. So fingen wir eines schönen Nachmittags um 1 Uhr — leider viel zu spät, wie die anderen auch — in der Lücke zwischen Bundstock und Dündenwittlig an, aber brauchten schon 1 Stunde, bis wir nur die ersten zwei Zacken überwunden hatten. Etwas war wirkliche Schwierigkeit daran, „ d's andere war d'r Gruuse ", wie der Oberländer sagt, das Gefühl, auf völlig wildem Boden zu stehen, wo man keinen bequemen Dübi aus der Tasche ziehen konnte, um schnell zu „ spicken ", wo es jetzt durchgehe. Item, und dann kam der Turm. Hinauf ein Kinderspiel, aber hinab die alte Geschichte, und so erlebte dieser trotzige Felsgrind zum drittenmal seinen Triumph: zwei Gestalten, die unter verschiedenen beschönigenden Ausflüchten ein Felsbändchen zur Rechten hinabschlichen und unten auf den Schnee sprangen. Ruedi Manis Mundwinkel zuckten und die lachenden Augen sprühten Blitze, als wir es ihm später erzählten: i ha 's wohl dankt.

Aber „ über 's Jahr im andere Summer ", da kamen die Jungknaben wieder und hatten sich diesmal noch einen Altknaben zugesellt, eben besagten Spötter Ruedi Mani. „ Ubere Grat il ?" fragt Kttenzi in der Blümlisalphütte ungläubig, „ heit d'r Ruschtig binech ?", wobei er mit den Händen eine Bewegung machte, wie wenn er Stift und Schlegel hätte. Die Ruschtig war da, denn wir waren diesmal nicht gekommen, um abzublitzen, sondern um zu siegen. Wozu hat man sonst so anspornende Worte altlateinischer Vorbilder — veni, vidi, vici?

6 Uhr ist 's, ein strahlender Tag, das Doldenhorn gerade von hier aus in überwältigender stiller Pracht, als wir in der tiefsten Einsattelung zwischen Bundstock und Dündenwittlig stehen, um nun anzufangen. Eine vollständige Routenbeschreibung von dem, was folgte, habe ich nicht im Sinn zu geben. Das macht die Sache nur kompliziert, wiewohl gewisse Dübibeispiele diesem und jenem von uns noch abschreckend, halb auswendig gelernt, im Kopf herumsumsen — 2 m nach rechts, 5 m halblinks, beim auffallenden Block etwas absteigen auf eine Leiste, 2.« m auf dieser vorwärts, dann hinauf usw. na, da hört die Gemütlichkeit auf; so kann man keine Besteigung machen. Selber die Augen auftun, getragen von der Gewißheit: andere sind da durchgekommen, also werde ich es wohl auch können — das ist bei einem Grat, bei dem kein Ausweichen im Programm steht, das wichtigste und das hülfreichste. So will ich bloß einige Punkte herausgreifen, die die hauptsächlichsten pièces de résistance sind. Man ist zwar völlig ungleich aufgelegt, auch rein technisch ganz verschieden und individuell erzogen, so daß anderen andere Stellen als die Nichtleichten erscheinen werden, aber die, die mir haften geblieben sind, sind diese.

Gleich am Anfang der erste Zahn. Hinauf, sehr leicht; dann bricht er ab, zirka 4 m, mit ausgesprochenem, geradezu sichelartigem Überhang. Umgehen in der Südseite ist, nach vorjähriger Erfahrung, möglich; aber es ist vorzuziehen, trotz des Überhanges direkt abzusteigen. Von oben beurteilt man die eingehöhlte Stirnwand als das günstigste; von unten aber sieht man dann, daß die Kante rechts ( Kiental ) trotz ihrer Exponiertheit das sicherste ist. Der unmittelbar darauffolgende zweite Zahn ist eine abgeschwächte Kopie des ersten; er meint auch, er könne es ohne Überhang nicht machen. Aber dafür hat er oben auf der rechten Seite eine F. Hutzli.

kleine Leiste, auf die man sich hinablassen kann und so bequem in die nachfolgende Lücke gelangt. Dann kommt sofort der Turm. Leicht über runden Plattenfels hinauf, wobei lange Arme zustatten kommen, und dann steht man auf dem altbekannten, geräumigen Felsgrund. Zuerst allmählich abfallend, dann ein senkrechter Absatz in eine Scharte hinunter. Hier ist es, wo für den letzten die „ Ruschtig " in Aktion treten muß. Stein, um eine Abseilschlinge daran zu befestigen, ist keiner. So wird ein langer Dachnagel ins Geschröf eingeschlagen. Er hält, aber allzu fest darauf verlassen kann man sich nach der Art des brüchigen Untergrundes nicht. Eine Schlinge daran befestigen und zwei aneinandergeknilpfte 25-m-Seile durchziehen — damit kommt man prächtig hinab; zuerst mehr auf der linken Kante, dann direkt in der Stirnseite. Griffe sind ziemlich zahlreich, aber meist schlecht. Unten hat man dann bequemen Reitsitz und kann Ge- schenke, die von oben kommen, wie Pickel und Rucksack, gut abnehmen.

Ein schmales luftiges Klettergrätchen folgt, das aber keine besonderen Hindernisse bietet, sich auch verbreitet und ansteigt bis an den Fuß des vierten Punktes, den ich erwähnen will und der die schwerste Stelle der ganzen Traversierung ist, nämlich an den Fuß einer ziemlich jäh aufschießenden Wand.

Man teilt diese sofort in zwei Teile: 3/4 bis hinauf zu einem Bändchen, 1/i der letzte Teil. Dieser letztere flößt keine Besorgnis ein; es wird schon gehen. Aber die ersten 25 m! Runder plattiger Fels, links eine kleine, sich hinaufziehende Verschneidung. Wenn es überhaupt möglich ist, dann hier. Und es geht. Das 25-m-Seil läuft ab, fast bis auf den letzten Rest. Nun nachkommen. Zuerst stehend und mühelos, dann schiebt sich plattiger kleingriffiger Fels an einen heran; „ un- gäbig ". Und es wird noch „ ungäbiger ". Die Verschneidung, über die man sich hinaufzieht und schiebt, neigt sich noch mehr nach außen. Die Sache wird noch plattiger, die Griffe noch kleiner — aber siehe, dort oben, wo unser quasi-Bändchen an die rechte Wand anstößt: ein Spalt, ein veritabler „ Chlack ", wo man die Finger wird hineinstoßen können! 0 so ein „ Chlack ", wieder mal ein ganzer Griff, was kann es Herrlicheres geben? Und dann zielt man auf diesen „ Chlack " zu und schaut noch viel inbrünstiger nach ihm aus als weiland die Mer-ligerkuh, die sie zur Grasweide an einem Hälslig auf ihren Kirchturm hinaufzogen und freudvoll konstatierten: Gugget doch, sie lallet scho!

So lechzt man wirklich nach diesem verlockenden „ Chlack ", aber — man erlebt da die große Enttäuschung seines Lebens: das beidseitige Kaliber paßt nicht für einander, der Spalt ist zu eng, die Hand mag nicht hinein! Das ist bitter. Man kann 's gar nicht glauben, nacheinander wir alle drei nicht. Man probiert und probiert nochmals, wird immer bescheidener: wenn 's mit dem klobigen Mittelfinger nicht geht, dann doch vielleicht mit dem Ringfinger, oder wenn man schließlich auch nur mit dem kleinen Finger anhenken könnte — aber nischt, gar nischt!

Der öschinengrat.

281 Es war zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein, und so wendet man seufzend seine Blicke anderswohin. Oder eigentlich nicht seufzend, sondern die Zähne zusammenbeißend mit aller Anspannung und Zusammenraffen des ganzen Körpers. Jede kleinste Reibung benutzend, mit Handflächen, Ellbogen, Knien, Sportstrümpfen schiebt man sich exponiert die Stelle hinauf, bis wieder griffähnliche Sachen kommen und man sich mit einem letzten Verstemmen endlich oben auf das Bändchen schwingt. Das ist die einzige, wirklich nicht leichte Stelle, nicht leicht natürlich in erster Linie für den Vorangehenden. Das letzte Viertel der Wand ist ebenfalls steil, aber gutgriffig und bietet weiter keine Schwierigkeit.

Dann verflacht sich der Grat wieder, und man meint, man habe schon gewonnen, bis man ans letzte Bollwerk — Wandabsätze anrennt, das den Zugang zum Gipfel noch verteidigt. Teil 1 und 3 sind zu machen, Teil 2 scheint böser. Und so ist es in der Tat. Man läuft im zweiten Teil an die Stirnseite eines Wändchens an. Mitten hinauf ein Riß. Ich für meinen Teil hätte da probiert und glaube noch jetzt, es wäre die günstigste Lösung gewesen. Aber Ruedi will nicht. Nun bleiben zwei Wege. Links in der Wand in sehr geneigten plattigen Tritten oder rechts über gebrochenen, senkrechten bis überhängenden Fels. Nach kurzer Prüfung wird die linke Seite vollständig ausgeschaltet und rechts probiert. Nach langer Arbeit muß man auch da einsehen: es geht nicht. Wären die Griffe fest, so wäre es ein leichtes; aber man mag anrühren, was man will, alles bricht aus. Wollte man es auf ein zufälliges Halten ankommen lassen, so könnte es eventuell gelingen, aber um va banque zu spielen, gehen vernünftige Leute nicht in die Berge. So drückt man sich ein paar Meter weiter rechts um eine Nase herum, und sofort ändert der Stein. Statt gelb und brüchig und großkantig wird er grau, fest, kleingriffig. Und unmittelbar hinter dieser Nase, sie selber als Rückenverstemmung benutzend, kommt man an kleinen Griffen nicht gerade leicht das senkrechte Wändchen hinauf und hat nun mit List diesen zweiten Wandabsatz seitlich überwunden.

Der dritte und letzte bietet keine besonderen Schwierigkeiten mehr — dann liegt der Weg zum Gipfel frei. Eine kurze Strecke noch über den Grat, ein paar Tritte im Schnee, über gestuften Fels den Gipfelwall hinauf, und das Dündenhorn ist unser. Von der Hütte weg 43/^ Stunden, von der Bundstocklücke ( dem Anfang des eigentlichen Grates ) 1 Stunde weniger.

Ruedi hat ihn im ersten Schreck oder in der ersten Siegerfreude — wie man will — als einen erstklassigen Grat bezeichnet. Ob man ihn wirklich als das klassifizieren kann, dafür habe ich zu wenig vergleichende Erfahrung. Auf alle Fälle eins: so bloß, um ihn im Vorbeigehen zu „ überschießen ", ist der Grat nicht; es braucht gehörig Zeit dazu und gut antrainierte, schwindelfreie und ruhige Kletterer. Wer aber das beisammen hat, der braucht das nächste Mal in der Blümlis-alphtitte, wenn ihm Nebelwetter die höheren Gipfel versagt, nicht zu verzweifeln.

Wenn Küenzi die Stube wischen will und mit dem Besenstiel kommandiert: „ us-rückeü ", dann wird er freilich ausrücken, aber nicht, um mit lampigen Ohren sich ins Kandersteger Bahnhofrestaurant zu verziehen und da auf den nächsten Zug zu warten, sondern um das Dündenhorn über seinen Ostgrat zu machen. Glück auf dazu.F. Hutzli ( Sektion Bern ).

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