Der Rest des Restrisikos

Ich traute meinen Augen nicht. Da kletterte auf einer schweren Route ein muskulöser Typ mit einem seltsamen Gerät, dessen Funktion ich erst nach genauerem Hinsehen begriff. Mit der einer Fischerrute ähnlichen Vorrichtung angelte er jeweils nach dem nächsten Haken, hängte damit eine Expressschlinge samt Seil ein und konnte so, von seinem Gefährten gesichert, die paar Meter klettern. Dann wiederholte sich das Prozedere, bis er die ganze Route sozusagen «top rope» geschafft hatte. Das Gerät war, wie ich feststellte, teleskopartig ausziehbar. «Bis zu sieben Metern», wussten meine Kollegen. «Das kommt jetzt immer mehr.»

Na ja, kann man denken. Jeder soll nach seiner Fasson selig werden, wie schon der Preussenkönig Friedrich II. sagte. Natürlich sprach er nicht vom Klettern, sondern von der Religion, doch auch im Sport gibt es Regeln von beinahe religiöser Vorschrift. Eine heisst «Rotpunkt» und erklärt eine Besteigung für null und nichtig, wenn neben Griffen und Tritten im Fels auch technisches Gerät zum Höherkommen benutzt wird. Disqualifiziert also der Muskelmann mit seinem Stock.

Am folgenden Tag beobachtete ich ein älteres Ehepaar. Der Mann, fürsorglich, fischte für seine sportliche Ehefrau vom Boden aus sogar nach dem zweiten Haken. Sie hätte es nicht nötig gehabt, kletterte brillant, doch sicher ist sicher.

«Clipstick» heisst die alpine Variante der Fischerrute im Handel, «Cheatstick» unter Kletterern, die nur Spott übrig haben für diese Technik der totalen Sicherung. Denn der Clip- oder Cheatstick beseitigt auch noch den letzten Rest des Restrisikos, das beim Sport- und Plaisirklettern ohnehin eher gering ist, wie die Unfallstatistik zeigt. Klettern mit solcher Steighilfe ist sozusagen die Antithese von «free solo» – einer von den gegenwärtig angesagten Heroen mediengerecht vermarkteten Tendenz des Kletterns ohne Sicherung auf schwierigsten Routen. Total gesichert einerseits, total am Limit anderseits. Wohin geht die Reise? Kann es sein, dass der Klettersport in einer Sackgasse steckt wie einst, als der alpinistischen Avantgarde nichts anderes mehr einfiel als sich in Superdirettissimas durch die Felswände zu nageln? «Rotpunkt» war vor 40 Jahren eine sportliche Offenbarung, der Beginn einer neuen Kultur des Kletterns. Der Cheatstick ist vielleicht ihr Ende.

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