Der Tod des Zickleins

Ende Juni unternehmen wir eine Tour zur Rottalhütte. Am Abend stossen drei Alpinisten zu uns, die – was für eine Überraschung – eines jener entzückenden Zicklein im Schlepptau haben, denen wir beim Aufstieg ebenfalls begegnet sind. Das ist ja unglaublich! Wie ist es bloss hierher gekommen? Am anderen Morgen brechen die drei Bergsteiger zur Äbeni Flue auf. Als wir aufstehen, sehen wir sie bereits über den Gletscher aufsteigen. Wir trauen unseren Augen nicht: Das Zicklein folgt den drei angeseilten Alpinisten über den Gletscher! Warum haben sie nicht daran gedacht, das Tier zur Hütte zurückzuführen? Wir hätten es auf dem Abstieg mitgenommen.

Sie marschieren unbeeindruckt weiter, ohne sich im Geringsten um die kleine Ziege zu kümmern, die offenbar den Narren an ihnen gefressen hat. Nur: Die Ziege hat keine Steigeisen, sie schlittert ein paar Meter zurück und bricht sich die Beine am Rand eines Bergschrunds. Das Zicklein blökt jämmerlich, während unsere drei Bergsteiger mit einem Herz aus Stein weitergehen, ohne von der Not des Tieres auch nur die geringste Notiz zu nehmen.

Alle Anstrengungen zur Rettung des Tieres, die wir unternehmen, sind umsonst. Von weitem müssen wir machtlos der langsamen Agonie des Zickleins zuschauen, das schliesslich im Rottaleis verendet. Traurige Zeiten!

Jean-Daniel Monnet, Bulle ( ü )

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