«Der Wald ist wie eine Kathedrale»

Tagsüber arbeitet der Waadtländer Vincent Chabloz als Polsterer und Dekorateur. In der Morgen- und der Abenddämmerung jedoch verfolgt er mit der Filmkamera die Tierwelt. Begegnung mit einem Verrückten aus dem Unterholz.

Es ist 9.30 Uhr, und Vincent Chabloz bestellt am Bahnhof Morges Kaffee und ein Croissant. «Ich hatte keine Zeit zum Frühstücken», sagt er. Ende Februar zwingt die Paarungszeit der Luchse dem Tierfilmer einen engen Zeitplan auf: Ansitz von 6.30 bis 9 Uhr, Rückkehr zur Arbeit um 9.30 Uhr. Und von 16 bis 19 Uhr geht es erneut zum Beobachten. «Was ist denn so schwierig daran, einen Film über diese Katze zu drehen?», fragt sich der Laie. «Die Paarungszeit dauert etwa drei Wochen. Ich verfolge die Luchse jetzt schon seit vielen Jahren, aber insgesamt habe ich nur sechsmal einen gesehen, und lediglich zweimal konnte ich ihn filmen», sagt der Waadtländer.

Liebe auf den ersten Blick

Ist es pure Sturheit? Oder hat das Tier ihn verhext? «Es ist ein bisschen wie mit der Suche nach dem heiligen Gral», sagt Vincent Chabloz, und auf seinem gebräunten Gesicht breitet sich ein Lächeln aus: «Wenn du dem fabelhaften Tier in die Augen siehst, willst du es wiedersehen.» Doch trotz seiner Faszination für das Raubtier hat er auch andere Lieblinge wie Eulen, Spechte oder Käuze. So war es eine kleine Eule, genauer gesagt ein Raufusskauz, die in ihm die Leidenschaft für die Tierwelt weckte. «Mit 14 oder 15 Jahren sah ich ein Bild von einem Raufusskauz, und ich war hin und weg», sagt er. «Als ich herausfand, dass er in der Schweiz lebt, wollte ich ihn finden.» Zusammen mit einem Freund machte er sich mit dem Töffli auf den Weg in die Wälder des Juras. Die beiden betraten eine Welt, die sie nicht mehr losliess.

Ornithologische Arbeit

Vincent Chabloz lebte seine Leidenschaft, Tiere in freier Wildbahn zu beobachten, mit grosser Intensität, aber lange auch mit genauso viel Diskretion. «Ich habe niemandem davon erzählt, denn es wäre mir peinlich gewesen», sagt er. «In den 1980er-Jahren wären wir sofort als ‹Ökos› bezeichnet worden.» Nach und nach näherten sich die Freunde dem naturwissenschaftlichen Umfeld und begannen, bei Vogelberingungen für die Vogelwarte Sempach mitzuarbeiten. «Eine fabelhafte Zeit», erinnert sich der Waadtländer. Am 19. Mai 1985, einem Datum, das ihm für immer in Erinnerung bleibe, haben die beiden Freunde schliesslich ihren Kauz gefunden. Nach drei Jahren Suche. «Das hat uns motiviert weiterzumachen», sagt Vincent Chabloz. Doch der junge Naturforscher verlor zunehmend das Interesse am wissenschaftlichen Aspekt seiner Leidenschaft. «Ich hatte ein Problem damit, die Vögel zu stören.» Deshalb wandte er sich der Tierfilmerei zu.

Belohnte Geduld

Das Drehen, das Schneiden und die Tonaufnahme hat Vincent Chabloz sich selbst beigebracht. Für den Rest sorgen seine Geduld und seine Begeisterung für die Tierwelt. Die Filme, die er für den Verlag der Zeitschrift La Salamandre realisiert hat, haben seine Arbeit bekannt gemacht. Für sein neuestes Werk, Premières loges, das dem Erwachen eines Waldes nach dem Winter gewidmet ist, hat er am internationalen Bergfilmfestival in Les Diablerets (FIFAD) 2018 den Sonderpreis der Jury gewonnen. «Ich möchte zeigen, dass wir in der Schweiz eine aussergewöhnliche Fauna mit mehr als 300 Vogelarten haben», sagt er. «Taucht man einmal ein, reicht ein Leben nicht, um alles zu entdecken.»

Das Gleichgewicht des Waldes

Aber Talent alleine ist nicht genug. «Tierfilme zu machen, ist wahrscheinlich eine der unrentabelsten Aktivitäten der Welt», sagt Vincent Chabloz. Deshalb arbeitet er weiterhin als Polsterer und Dekorateur. Diesen Beruf hat er von seinem Vater, einem Antiquitätenhändler, gelernt. Er restauriert Möbel und fertigt Vorhänge und Wandbehänge an. «Es ist ein sehr schöner Beruf. Einige Stoffe sind so fabelhaft, dass sie selbst zur Dekoration werden», schwärmt der Fachmann aus Saint-Saphorin, der «ein gewisses Talent für die Kombination von Materialien und Farben» hat. Ende Monat geht es manchmal ziemlich stressig zu und her. Da wirkt die Natur für ihn wie ein «therapeutisches» Element. «Sie löst ein erhabenes Gefühl aus. Der Wald ist eine Kathedrale, in der ein aussergewöhnliches Gleichgewicht herrscht», sagt er. «Wenn wir nicht zu viel eingreifen, läuft alles wunderbar.» Ausserdem hat der Tierbeobachter hier gelernt, geduldig zu sein. «Man darf nicht vergessen, dass man die meiste Zeit nichts sieht», betont er, «aber das ist Teil der Spielregeln. Es ist die Seltenheit, die etwas schön macht.»

Einer dieser Höhepunkte war die Begegnung mit einem Uhu. Nach einer stürmischen Nacht war das Tier durchnässt. «Der Uhu wirkte aber weder frustriert noch unglücklich, er war einfach da und ruhte sich aus. Ich fand es unglaublich, ein Tier zu sehen, das ein paar Meter von mir entfernt war, ohne dass es mich bemerkte», erinnert sich Vincent Chabloz. Aber es gibt auch Enttäuschungen. Etwa als er auf einem Walliser Bergrücken ein Steinhuhn entdeckte und dann den ganzen Frühling vergeblich auf eine erneute Begegnung wartete. Und schliesslich gibt es auch die Sorge, dass natürliche Feinde ihm plötzlich einen Teil seiner Filmprotagonisten wegschnappen könnten.

Im Sommer kommen Zweifel

Der «zwangsläufige Einzelgänger» zieht es vor, wenig über sein Privatleben zu sprechen. Er freut sich aber jeweils sehr, nach einigen Tagen Warten im Unterholz wieder in den Komfort seiner Wohnung zurückzukehren. Am Ende jedes Frühlings macht er eine Pause. «Dann bin ich erschöpft. Ausserdem gibt es im Sommer überall Blätter, Fliegen und Touristen, die Jungen haben das Nest verlassen, und die Tiere kommen fast nie heraus.» Dann nutzt der Filmemacher die Gelegenheit, mit seinen Freunden Zeit am See oder in den nördlichen Ländern zu verbringen. Es ist jedoch keine einfache Zeit. «Der Sommer deprimiert mich, ich habe Angst, dass meine Begeisterung verschwindet …», sagt er. Doch jeden Herbst, sobald das Gras braun wird, ertönt der Ruf des Waldes. Kein Zweifel, auch dieses Jahr wird Vincent Chabloz wieder auf den Spuren des Luchses zu finden sein.

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