Die Alpenflora

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von Dr. H. Christ.

Du erinnerst dich doch noch, lieber Leser, an deine erste Alpenreise ?" An das feierliche und wonnige Gefühl, welches jede neue Wahrnehmung im Hochgebirg in dir erregte? Zuerst erfasste dich das Dunkel der Waldung mit süssem Grausen, dann drang der düstere Ernst der Felswände auf dich ein, bis endlich der Eintritt in die glänzende Firnregion in dir einen Sturm noch nicht gekannter Begeisterung wach rief. Wohl erst nach dem Grossen und Erhabenen der Gesammterscheinung erschloss sich dir dann der Reiz der kleineren Züge der Alpenlandschaft. Du mustertest während einer Rast auf bemooster Felsplatte die Pflanzendecke rundum. Mit wachsender Freude erkanntest du auch hier Neues und Schönes. So niedliche, feste Polster von Grün, so reine Farben, so grosse Blumenkelche hattest du drunten noch nie geschaut: ja bis in die Moose und Flechten hinein, welche das Gestein bedecken, schien dir Alles einen fremden Charakter zu tragen, und je höher du wandertest, desto eigenthümlicher, desto edler und adliger kamen dir diese kleinen, muthig der Eisregion trotz bietenden Alpenpflanzen vor. Und dieser erste Jugendeindruck ist dir bis

heute geblieben. Dfi bist seither kein Botaniker, wohl aber

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ein Alpengewohnter Veteran geworden, und immer noch grüssest du mit inniger Freude die Erstlinge dieser hoch-geborenen Flora: wenn dich das plebejische Kräuterheer deiner Thalwiesen höchstens an den Heuertrag mahnt, so siehst du am Rande des Firns in den Alpenblumen nicht eine blosse Masse von Kräutern, sondern einen Verein von Distinction, worin jedes Individuum für sich einen Gruss verdient.

So lass es dir denn gefallen, wenn ich dich, statt auf verwegener Fahrt in noch unbekannte Eismeere, einführen will in das stille Gebiet unserer Alpenflora, wenn ich das Gesammtbild in seine einzelnen Züge zerlegen und solche wo möglich dir deuten möchte.

Welche gemeinsamen Merkmale, fragen wir zunächst, kommen der Vegetation der alpinen Region zu?

Zuerst das Fehlen der hochstämmigen Waldung. Wo die spezifischen Alpenpflanzen, nicht als einzelne, tiefer streichende Plänkler, sondern in geschlossenem Chor auftreten — in einer Höhe von ungefähr 5000 Fuss in den nördlichen, von 6000 in den mittleren, und von 7000 in den Engadiner- und Walliser-Alpen — da findet der Laubwald längst keine Stätte mehr und der Nadelwald lichtet sich rasch und bleibt bald ganz zurück. Nur Sträucher machen sich in der unteren Zone der eigentlichen Alpenregion breit: ihr Typus und ihre Krone ist die Alpenrose. Sonst zeigt sich eine kurze, gedrängte Grasnarbe, überragt von mannigfaltigen schönblüthigen Kräutern, und endlich — auf den höchsten Rücken und Kämmen—jene Elite unserer Flora, welche Wahlenberg die subnivale genannt hat, und deren oberste Vorposten tief in die Schneelinie eindringen, wo nur ein aberer Kamm oder eine geschützte Spalte sich bieten. So giebt ja der letzte Jahrgang dieses Buches Kunde und Bild einer Oberaarhornflora bei 10500 ';

so fand man an den Rosagipfeln bei 11770'noch Blüthenpflanzen. Und wo diese in die Augen fallende Vegetation aufhört, da breiten noch emsig die Flechten ihre Scheiben fest angedrückt über die Felsen aus, und decken, peripherisch wachsend, Platte um Platte mit bald schwärzlicher, bald hell rothgelber Kruste. Noch ist der Mensch nicht in Höhen gelangt, wo das Pflanzenleben in der Elementarform der Flechten ganz erstirbt: denn nicht nur an alle Gipfel unserer Alpen, sondern an die höchsten erreichten Punkte des Himalaya heften sich noch diese unscheinbaren, aber ausdauernden Bahnbrecher höherer Organismen fest.

Werfen wir, vor der näheren Betrachtung der dicht am Boden sich anschmiegenden Alpenflora, noch einen Blick abwärts in die letzten in diese Region vorgeschobenen Waldbestände, so finden wir kaum mehr als 4 Baumarten darin vertreten. Die Alpenbäume par excellence, die am höchsten oft mitten in den Teppich der Alpenkräuter ansteigen, sind die Lärche und die Arve. Beide erreichen im Oberwallis 7000, im Engädin fast 8000 ', und stehen beinahe stets gemischt. Oberwallis allein besitzt, so viel mir bekannt, reine Lärchenbestände. Trotz der anscheinenden Zartheit der Lärche hält sie der so robust und derb sich darstellenden Arve im Kampf gegen das Höhenklima die Wage; ja die Lärche scheint noch unabhängiger von äusseren Einflüssen, Aenn sie steigt tiefer gegen das Thal abwärts als die Arve ( im Wallis bis gegen 1200 ', während die Arve daselbst nie unter 5000'anzutreffen ist ), sie setzt sich also grösseren Temperatur-Variationen aus als diese. Zudem verdient die edle Lärche der Schweizer besondere Sympathie als der charakteristische helvetische Gebirgsbaum. Genauere Untersuchung hat gezeigt, dass der Waldbaum Russlands und Sibirien^, den man bisher für unsere Lärche hielt, einer anderen Art ( der Larix sibirica Ledeb .) angehört, dass somit unsere Lärche in ihrem Vorkommen auf das Alpensystem beschränkt ist, und dass die Alpen von Wallis, Tessin und Bündten die eigentliche Domäne derselben sind, von wo aus sie in dünnen Streifen nach Ost und West ausstrahlt:

nach Ost bis an die Carpathen, nach West bis zum obern Var.

Die Arve dagegen erscheint bei uns nur als letzter Ausläufer von ihrem mächtig ausgedehnten Heimathland: dem Norden Sibiriens her, wo sie von Kamtschatka an ( ja nach Hooker und Arnott sogar vom arctischen Amerika an ) in geschlossenem Wald: zuerst als Krummholz, dann als Hochstamm bis in 's europäische Russland einherzieht, eine kleine Etappe in Siebenbürgen macht, und in den Alpen der Provence erlischt.

An diese 2 Alpenbäume reiht sich die Rothtanne ( Pinus Picea Du Roi, Pinùs Abies L. ), die an Häufigkeit dieselben weit übertrifft, die jedoch ihren beiden Vorgängern nicht ganz so hoch zu folgen vermag ( Grenze circa 5700, südlicher 6500 Fuss ). Doch ein Charakterbaum der Alpen im strengen Sinn ist unsere Tanne nicht: ihr grösstes Verbreitungsgebiet liegt im Norden, wo sie vom Ural an über Russland, Finnland und Scandinavien bis zum 70. Grad ihren dunkeln Mantel ausspannt, und auch in ganz Deutschland, in früheren Zeiten auch in Grossbritannien, alle höheren Punkte besetzt hält. Dagegen bilden die Alpen, wie der, Arve und der Lärche, so auch der Rothtanne südliche Grenze: die südlichen Halbinseln Europa's entbehren sie ganz: sehr ungleich ihrer zartem Schwester, der Weisstanne ( Pinus Abies Du Roi, P. Picea L. ), welche nicht über 4500 Fuss, also nicht in die eigentliche Alpenregion aufsteigt, ( welche z.B. im ganzen Oberengadin fehlt und erst bei Scanfs be- ginnt ), welche aber die griechischen Berge und den ganzen Apennin bewohnt, ja selbst auf Sicilien ( Serra dei Pini der Madonie ) in erlöschenden Spuren vorkommt, dagegen nördlich von den mitteldeutschen Gebirgen ( 52° Breitegrad ) nicht mehr auftritt.

Der vierte unserer Alpenbäume ist seltener und wenig gekannt. Er ist der Art nach mit der Legföhre identisch, zeigt aber aufrechten Stamm von 25'bis 40'und schlanken, kurzastigen Wuchs. Es ist die Bergföhre oder Hackenkiefer ( Pinus montana Mill. var. uncinata Ram. ). Sie findet sich bei uns zerstreut von Waadt bis nach Graubünden, am häufigsten wohl im Ofenthal, als Begleiterin der Arve und Rothtanne, bis gegen 7000 '.

Diess sind die Elemente, aus welchen die alpinen Waldbestände zusammengesetzt sind. Von Flechten überwuchert mit vertrocknetem Wipfel, bieten sie fast überall das unheimliche Bild absterbenden Lebens. Die Arve zumal recrutirt sich nirgends mehr in befriedigendem Verhältniss; auch die Tanne geht zurück, und selbst die Lärche, die weitaus widerstandskräftigste dieser Baumformen, scheint sich mehr auf Kosten ihrer Genossen abwärts und seitwärts, als nach der Höhe auszudehnen. Ueberall treten einzelne uralte Wettertannen über die geschlossene Waldgrenze hervor, und stundenweit ob den letzten Bäumen bezeugen, inmitten der Hochalpenflora, einzelne abgestorbene Stöcke, dass früher der Wald weit höher in unseren Bergen gedieh, dass dessen heutige obere Grenze keine natürliche ist. In den meisten Fällen war es der Unverstand des Menschen oder das Bedürfniss seiner Viehheerden, welche die verderbliche Veränderung zu Stande brachten.

Nach dieser kurzen Musterung der alpinen Waldgrenze betreten wir nun unser eigentliches Gebiet: die herrliche offene Alpentrift, Doch halt!

nicht zu rasch vorwärts! denn es hemmt den Fuss nunmehr dichtes Gestrüpp, anfangs in Aughöhe, bald nur in Gürtelhöhe, und endlich zwischen den Steinen sich verkriechend. An Halden mit trockenem Felsenschutt, besonders also im Kalkgebirg, ist es die Legföhre in mehreren Abänderungen ( Pinus montana Mill. var. humilis Heer, Pumilio Hänke etc. ), die ihre harzreichen Zweige, die Wipfel stets thalwärts gewandt, ausbreitet und durch Befestigung des Gerölls den Boden für eine spätere Waldvegetation vorbereitet. Auch das Landschaftsbild der Zwergwälder von Legföhren ist den Alpen nicht ausschliesslich eigen: die Carpathen zeigen es selbst noch ausgedehnter als diese, und alle höheren böhmischen und deutschen Gebirge, sowie der Süden von Europa ( analog der Weisstanne ) bis nach Calabrien, besitzen Legföhrenbestände. Nach Norden geht jedoch diese Form nicht, und der Westen, besonders die Pyrenäen, kennen nur die hochstämmige Form der Hackenkiefer. An feuchteren Abhängen, zumal im Schiefer- und Urgebirg, tritt ganz ähnlich die dunkle Alpenerle ( Alnus viridis D. C. ) auf. Zwischen diese dominirenden Sträucher schlingen sich, mehr einzeln, eine grosse Zahl anderer: von unten wagt sich die Himbeere, der Seidelbast ( Daphne mezereum L. ) und der „ Girmsch " ( Sorbus aucuparia L. ) heran; die dornenlose Rose, drei Arten der Heckenkirsche ( Lonicera ) u. s. w. treten hinzu, am meisten aber interessiren uns die immer massenhafter erscheinenden, oft weite Hänge überdeckenden Rhododendren, unsere Lieblinge, mit deren Blüthen wir selbst die nackteste Prosa des Lebens: unsere Geldstücke zieren. Zwischen 5000 und 7000 Fuss scheint der eigentliche Gürtel dieser prächtigen Sträucher sich auszudehnen, und zwar durch das ganze Alpengebiet von den Seealpen ob Nizza an bis nach Nieder- Oestreich.

Von den beiden Arten hält sich die rostige ( R. ferrugineum L. ) mehr in den inneren, die haarige ( R. hirsutum L. ) mehr in den Voralpen; gleichwohl finden sich beide sehr oft beisammen. Jedoch scheint die erstere die grösseren Massen zu bilden.Jedes grössere Gebirgssystem. der alten Welt — Amerika hat keine Rhododendren — besitzt als Zierde Glieder dieses Geschlechts; das Centrum bildet der Himalaya, wo die Zahl und Grosse der Arten der Macht des Gebirgs entspricht: Wallich hat uns mit solchen vom Wuchs unserer Nussbäume bekannt gemacht, und Hooker in Bootan und Sikkim solche mit liliengrosseii Blüthen gesammelt. Das pontische und kolchische Küstengebirg bietet das bei uns so häufig gepflegte Rh. ponticum L., der Caucasus das kleinere Rh.c.aucasicum L. Die Alpen Sibiriens haben das goldgelbe R. chrysanthum L., Kamtschatka das R. kamtseha-ticum L., und selbst die tropischen Gebirge Asiens, Ceylon und die Sunda-Inseln nähren ihre besonderen Alpenrosen zum Theil epiphytisch auf Bäumen lebend; Sumatra eine solche ( R. obtusatum Bl. ) von grösster Aehnlichkeit mit unserer rostigen Art. In Europa hat der Jura ( Creux du van ) unsere rostfarbene .Species neben der Legföhre; die Karpathen Siebenbürgens eine sehr nahe verwandte ( R. myrtifolium Schott ); das südspanische Gebirge wieder das grosse R. ponticum L., und Lappland das ganz kleine R. lap-ponicum L.

An die Alpenrose schliesst sich nun eine reiche Anzahl immer kleiner werdender Sträucher an: vier Heidelbeerarten, Eriken, die seltsame, in Grönland zur Nahrung der Bewohner wesentlich beitragende Rauschbeere ( Empetrum ), ferner 9 verschiedene Weidenarten und viele andere. Den Schluss macht als letzte namhafte Holzpflanze, bis weit über 8000 Fuss der Wachholder ( Juniperus communis L. var. nana Willd. )

Es ist indess zu bemerken, dass lange nicht überall in den Alpen diese Strauchregion sich als eine besondere über dem Walde ausgebreitete Zone darstellt. An vielen Orten, besonders in den südlichem Centralalpen, steigen die lezten Lärchen und Arven ganz so hoch als die Sträucher, welche dann ein Unterholz in dem immer lichter werdenden Walde bilden. Und fast% überall deuten Spuren darauf, dass einst unsre Alpenbäume soweit aufwärts vorkamen, als heute die Alpenerle und die Legföhre, so dass diese Zwergbestände als das stehengebliebene Unterholz des längst zerstörten alpinen Waldes erscheinen.

In den Lichtungen des Alpenwaldes, und mehr noch im Gebiet der Sträucher steigt nun, dem Lauf der Bäche und Quellen entgegen, eine grössere Zahl hoher grossblättiger Stauden und Kräuter empor, und bedeckt an nassen Stellen auch die fetten untern Waideplätze. Es sind vollsaftige, üppig ins Kraut geschossene Pflanzen, meist mit trübgefärbten Blüthen, in Folge des Baum- und Strauchschattens, den sie selten verlassen. Dahin gehören manche Dolden ( Choero-phyllum, Astrantia, Imperatoria ), Huflattig und Pestwurz ( Petasites albus Grt. und Cacalia ), Wolfs- und Eisenhut ( Aconitum ), Fingerhut ( Digitalis ), Baldrian ( Valeriana ), Knöterich ( Bistorta ), die grosse Schafgarbe ( Ach. macrophylla L. ), Senecioarten, mehrere Disteln und Andere. Sie behalten den Habitus wohlgenährter montaner Pflanzen bis gegen 5000 und 6000'bei, verschwinden jedoch rasch, nebst den im Bergwald so massenhaften grössern Farrenkräutern, sobald sie den Schutz der Holzgewächse oder den besonders fetten Boden nicht mehr vorfinden.

Nun erst haben wir Alles hinter uns, was uns an die rasch aufstrebende Vegetation der Ebenen und Vorberge mahnt, und wir sind im Begriff, unser eigentliches Gebiet zu betre- ten.

Vorher aber geht es noch durch einen Strich, dem die Hand des Menschen seinen Stempel aufgedrückt hat:

Durch die obersten Heuwiesen. Wir erkennen sofort — abgesehen von den äussern Merkmalen, der Umzäunung, den Wässerungsgräben etc. dass hier die menschliche Thätigkeit ein Stück Tiefland in das Alpengelände hinein gewirkt hat. Denn je energischer der Fleiss der Bewohner durch Entfernung der Steine, durch Nivellirung, Wässerung oder gar dîirch Düngung sich hier bethätigt hat, desto weniger zeigt sich auf der Wiese die charakteristische, den unberührten Boden ringsum bedeckende Vegetation der Alpenpflanzen, desto massenhafter erscheinen vielmehr die speei-fischen Wiesenkräuter der untern Bergregion bis in die Alpenregion hinauf. Die halbstrauchigen Pflanzen, die gross-und rauhblättigen Kräuter treten zurück, und je besser die Alpenwiese gepflegt ist, desto ausschliesslicher besteht sie aus Gramineen, in deren dichter Schaar einige Wiesenpflanzen, Glockenblumen: ( Campanula rhomb. L. und Scheuchzeri Vill. ) mehrere Synanthereen: ( Crépis, Hypochoeris, Apargia, Taraxacum ) die Lichtnelke, ( Lyehnis floscuculi L., ) die Federnelke, ( Dianthus superbus L. etc. ) schmächtig und dünn aufgeschossen stehen, und in denen auch die Herbstzeitlose erscheint.

Aber jetzt befinden wir uns doch auf jungfräulichem Boden? Noch nicht ganz. Denn der weite, von Steingeröll und Bachrunsen vielfach unterbrochene Teppich der freien Alpenwaiden, den wir jetzt betreten, ist zwar schon durchaus von echten Alpenpflanzen bewohnt; jedoch ist deren Vertheilung auch hier noch wesentlich verändert durch den langjährigen Einfluss, den das immer wiederkehrende Abwai-den der Heerden und die zerstreute natürliche Düngung dureh dieselben ausübten. Auch hier überwiegen die Gräser ( allerdings sind es die eigenthümlichen Alpengräser ) in einer

* Weise, wie es auf unbewaideten Stellen nicht vorkommt, und viele andere Alpenpflanzen fehlen, weil sie das beständige Beschnitten werden durch die Zähne der Thiere nicht so gut ertragen als die Gramineen, und selbst die trefflichen Futterkräuter Plantago alpin a L.(„Spitzgras " ) Meum Mutellina Grt. ( „ Muttern " ) und „ Bärwurz " ( Meum athmanticum Jcq. ) widerstehen nicht immer.

Erst in jenen Höhen ( 7000 und 8000 Fuss, an unzugänglichen Stellen aber oft beträchtlich tiefer ), wo die Waide-zeit zu kurz und das Terrain zu rauh ist, als dass die Heerden eingreifend auf die Vegetation einwirken könnten, finden wir in ursprünglicher Frische und natürlicher Gruppirung jene Elite unserer Flora: die Hochalpenpflanzen. Selbst an den sanftem Abhängen bilden sie eine Decke, deren einzelne Stücke nicht mehr zusammenhängen, wie tiefer unten; es besteht insulare Sonderung der einzelnen Gruppen zu runden Polstern, deren Ränder sich nicht mehr berühren: denn hier oben herrschen Gewalten, welche den Pflanzen eine freie Ausdehnung nicht mehr gestatten, und aus einiger Ferne gesehen, ist der grüne Anflug unsrer höchsten Bergrücken nicht mehr als solcher dem Auge wahrnehmbar: das Grau des Terrains dominirt. Solche Abhänge und Terrassen, ( „ Gemsmätteli " ) bilden den Standort für die grosse Mehrzahl unserer Alpenarten: da ist die Heimath der mancherlei Potentillen, der Zwergweiden, der reizenden Azalea, der moosartigen Silène acaulis L., des Edelweiss, der gelben Senecioarten, Habichtskräuter ( Hieracium ), des Doronicum, der Lieblingsspeise der Gemsen; der Veilchen ( V.calcarata L. ), Anemonen ( A.alpina L., narcissiflora L. ), Ranunkeln, Leguminosen ( Phaca, Oxytropis, Hedysarum ), Schafgarben ( Ach. atrata L., moschata Wulf ) und der mancherlei Gräser ( Avena Scheuchzeri All., Festuca pumila Vili., Agrostis alpina Scop.

und rupestris AU .), da steht der als Zaubermittel hoch geachtete „ Allmannsharnisch " oder „ Nünhemler " ( Neunhemd-ler ) Allium Victoriaiis L., da glänzen die Gentianen, Primeln, wogen die schneeigen Blüthenheerden der Dryas, und die vergängliche, aber desto lieblichere himmelblaue Blume des Alpenleins. An Trümmerhalden klemmen sich die Pflanzen in die schützenden, freilich auch beschattenden Lücken des Gesteins ( Viola bifloraL.,Cacalia leucophylla Wild .); im feinern Felsenschutt erscheinen sporadisch Gewächse mit langen, tauartig den Guffer durchziehenden Wurzelfasern, sonst aber von zartem Bau, oft mit .saftigen dicken Blättern ( Ranunculus glacialis L., parnassifolius L., Viola Cenisia L., Thlaspi rotundifolium Gd.; Papaver alpinum Jacq., Galium helveticum Weig .); den schmelzenden Schnee umdrängt ein Ring noch zarterer Gestalten mit besonders reinen Farben, darunter die einzigen Repräsentanten der Tulpen in den Alpen ( Loydia, Gagea Liottardi Schult, Ranunculus alpestris, rutaefolius und pyrenaeus L., Anemone vernalis L., Primula integrifolia L., Soldanella ). Wo stehendes Wasser in einer Mulde eine kleine Torfbildung anbahnt, stehen Riedgräser und Binsen ( Carex frigida L., Persoonii Sieb ., capillaris L., foetida L., bicolor All ., etc. Jncus triglumis L., Jacquini L., Scirpus alpinus Schi, etc. ) und dazwischen die silberweissen Federbälle des Wollgrases ( Eriophorum Scheuchzeri Hopp .); am Rande des Sumpfes finden sich die prächtigen Pedicularen ein. Am anstehenden Fels, wo er beschattet und von Wasser benetzt ist, siedeln sich Saxifragen ( S. aizoides L., stenopetala Gaud. adscendens L., etc. ), Fettkräuter ( Piugnicula vulgaris L. var. grandifloraLamundalpinaL.)und seltene Moose an, und an den sonnigen Wänden und Hörnern kleben, in weiten Abständen fest angedrückt, die letzten Vorposten, alle von sonderbarer Pyg-mäengestalt: denLeibfastaufNullreducirt,alleKraftund allen Stoff auf den Fuss und das Haupt:

die meist prächtige Blüthe concentrirend. Als Beispiel gelte die helvetische und die penninische Androsace, und das herrliche Gletschervergiss-meinnicht, Eritrichiuni nanum Schrd.

Suchen wir nun die Eigenthümlichkeiten dieser Flora zu erfassen, dieser „ Alpenkräutlein ", wie wir oft sie nennen:

Sehen wir uns aber recht um in dieser reizenden Schaar, entwurzeln wir schonungslos diese zierlichen Polster, so zeigt es sich, dass von Kräutern im Sinn der Tieflandsflora hier nichts zu finden ist; denn alle diese Pflanzen sind perennirend, sind, wenn auch noch so klein, wahre Zwergsträucher, deren ausdauernde Stämme, sehr verastet und oft von hohem Alter, unterirdisch sich ausbreiten und blos ihre äussersten Zweiglein einige Zoll oder Linien hoch dem Licht aussetzen, um ihre Blätter und Blüthen zu entfalten. Diese belaubten End-sprossen sind es, welche wir als „ Alpenkräutlein " pflücken, während der greise,zolldicke Stamm tief in der Felsritze verborgen bleibt. So stark ist in diesen Regionen die Tendenz der Stammbildung und eines unterirdischen Lebens, dass Gattungen, die im Tiefland nicht anders als in jährigen Arten auftreten, hier oben nur halbstrauchige Formen zeigen ( Draba, Androsace, etc. ) Und dieser Eigenthümlichkeit sind denn auch die Alpenpflanzen sehr benöthigt. Während in den unteren Lagen die Vegetationsperiode günstig und ungestört bis zur vollen Reife der Frucht verläuft, ist der Alpensommer in der Regel zu kurz zur vollen Entwicklung der Saamen; die Alpenpflanzen sind daher fast ausschliesslich auf die Vermehrung durch Sprossung angewiesen, und allein ihrem entwickelten unterirdischen Stamm haben sie den Sieg in dem fortwährenden Kampf gegen den sie umdrängenden Winter zu verdanken.

Neben dieser Eigenschaft: der Perennität der Alpen- pflanzen, zeichnen sie sich noch durch einige andere gemeinsame Züge vor denen des Tieflandes aus.

Vornemlich durch die Gedrungenheit, Kürze und Kleinheit aller axialen und vegetativen Theile. Aeste, Stengel und Blätter sind merkwürdig reducirt; letztere treten sehr häufig blos in der Form von dachziegelartig sich deckenden Schuppen auf, und zwar wieder bei Geschlechtern, deren verwandte Arten in der Ebene mit breit und langentwickelten Blattspreiten und hohen Stengeln versehen sind ( Saxifraga, Primula, Silène, Campanula, Gentiana, etc. Auch die Blüthenstände:die Aehren und Dolden sind häufig zu dichten Köpfchen zusammengedrängt. Im Gegensatz dazu sind die Blüthen der alpinen Arten relativ von auffallender Grosse; oft übertrifft die Länge und Breite der Corolle die der ganzen übrigen Pflanze beträchtlich ( z.B. Gentiana acaulis L.auch die Wurzelfasern sind meist zu beträchtlicher Länge entwickelt, weil sie den Ritzen des Gesteins weithin zu folgen haben, um den spärlichen Humus auszubeuten.

Eine andere Eigenthümlichkeit hat der dänische Botaniker Schouw in der glatten Oberfläche der Alpenpflanzen finden wollen. Allerdings ist diess der Fall, wo die Standorte sich durch Luft- und mehr noch durch Bodenfeuchtigkeit auszeichnen. Unsere südlichen, ein äusserst trockenes Sommerklima bietenden Alpen, namentlich der Monte Rosa, beherbergen jedoch gerade in der höchsten Region eine Menge dichtbehaarter, silbriger und drüsiger Arten, und auch die nördlichen Vorberge weisen eine Anzahl dieser so hübsch bekleideten Pflanzen auf ( Artemisia, Androsace, Potentilla, Leontopodium ). Auch sollte man meinen, dass gerade in der kalten Höhe die zarten Kinder Floras eines tüchtigen Pelzes am dringendsten bedürfen. Doch diesen Zweck hat das Haargewand der Pflanzen wohl nicht; vielmehr deutet die Thatsache, dass je trockener ein Klima, desto zahlreicher behaarte Arten sind, mit Sicherheit darauf, dass die Behaarung den Pflanzen die Aufnahme von Feuchtigkeit erleichtert Der Niederschlag der atmosphärischen Feuchtigkeit wird durch die Vervielfachung der Oberfläche, welche wir Haare und Drüsen nennen, befördert und das belebende Nass reichlicher der Pflanze zugeführt.

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Und nun die reinen, ungemischten Spectralfarben, in denen die Alpenblumen glänzen, neben welchen die Tinten unserer Thalwiesen trüb und matt erscheinen! Vor allem ist es der Einklang aller Farben: das reine Weiss, und zwar bei Geschlechtern, welche in der Ebene nur, oder vorwiegend gefärbt erscheinen ( Papaver, Ranunculus, etc. )

Dann folgt Gelb, dann hell Rosa, dann Carmin, dann Violett, dann Blau, .beide letztern in einem Feuer, wie es selbst die Tropen kaum aufzuweisen haben. Das metallisch schimmernde Blau der Gentianen ist wohl die höchste Potenz dieser Farbe in der ganzen Schöpfung. Auch ein wundersam frisches orange kommt vor, wie es sich sonst in unsrer ganzen Flora nicht findet ( Papaver PyrenaicumWlld., Senecio abrotanifolius L., Cineraria aurantiaca Hopp., Hieracium aurantiacum L., trüber bei Crépis aurea Cass.Wie matt erscheinen dagegen die analogen Nuancen der Ebenflora: und wie weit bleiben die Farben der in der Tiefe zum Blühen gebrachten Alpenblumen hinter ihren auf heimathlicher Fluh erblühten Schwestern zurück! Ausser den Blumenblättern zeigen auch die Kelchblätter und Bracteen vieler Alpenpflanzen eine tiefere, purpurne oder satt braune Färbung, die sich bei mehrern Arten ( Carex atrata L., ustulata Wahlb., frigida L., bicolor AU., Chryanthemum alpinum L. etc. ) zu reinem Schwarz steigert. Der Grund dieser Farbenpracht ist leicht einzusehen: es ist die Intensität des Lichts in den Höhen;

wenn sich nun dies Licht zu Farben differenzirt, wieviel stärker und reiner müssen diese sein als in der nebligen Tiefe? Nicht nur die Blüthen, die gesammte sichtbare Welt in der Alpenzone theilt diesen Charakter; alle Farben: die der Flechten und Moose, der Rinden und des Holzes, der Erde und des Wassers selbst, zumal in seiner festen Gestalt, scheinen nicht nur hier oben, sondern sind an und für sich schärfer, tiefer, cruder.

Wie aber verhält sichs mit dem lieblichen Bruder der Farbe, mit dem Duft? Hier müssen wir wohl den heissen Hügeln der Niederung, z.B. den Seegestaden Tessins oder dem Walliser Thalkessel, den Preis überlassen: die Hochalpenpflanzen zeichnen sich nicht durch starke Arome aus. Vielmehr ist das Clima der Tiefe der Entwicklung der ätherischen Oele, welche den Duft bedingen, weit günstiger, und wer je die betäubenden Würzgerüche einer sonnenbeschienenen Halde bei Nizza geathmet, wird mir hier trotz unserm Brändli ( Nigritella ) Recht geben. Dafür — bemerkt Schouw mit Recht — ist man in der hohen Alpenregion der Furcht vor Giftpflanzen enthoben: hat man die letzten Heuwiesen und Mittel-Staffel mit ihrem Germer ( Veratrum ) und Eisenhut ( Aconitum ) hinter sich, so ist in dieser Beziehung Alles rein und manches treffliche Heilmittel ( die „ Iva " der Engadiner AchilleamoschataWulf.;die„Genipi"od.„Edelraute"Artemisia Mutellina Vill. und spicataWulf .) klebt hoch am Rande der Flühe.

Wie wir am unteren Saum der Alpenregion ein Element: die Waldung, abnehmen sahen, so bemerken wir mit dem Aufsteigen gegen den oberen Alpengürtel die auffallende Zunahme eines anderen Elements, eines zwar unscheinbaren, aber unendlich wichtigen. Hier beginnt das Reich der blüthen-losen, der Zellenpflanzen eine Ausdehnung und Bedeutung zu erreichen, wie nirgends im Tiefland. In der obern Wald-

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région sind es die Moose, welche weit stärker hervortreten, als in der trockenem Tiefe; jedoch nimmt ihre Zahl in der eigentlichen Alpenzone wieder beträchtlich ab. Anders dagegen die Flechten. Hüte dich, lieber Leser, diese schwarzen, gelbgetupften, diese röthlichen und falben Krusten, die sowohl den anstehenden Fels als das Geröll der Trümmerhalden überziehen, etwa nur als Schmutz und Aussatz des Gesteins, als unvermeidliche Trübung der Oberflächen gering zu schätzen. Betrachte sie vielmehr mit Respect und Dank, diese Pioniere der Pflanzenarmee, die mit riesenhafter Lebenskraft ausgerüstet, nicht nur den nahrungsreichen Feldspath, nein auch den reinen Kalk und Kiesel überziehen, einhüllen, angreifen und endlich eine Schicht von Dammerde herstellen, worauf die Gräser sich ansiedeln können. Diese stille, kaum beachtete und doch gewaltige und erobernde Thätigkeit der Flechten hat etwas Imposantes und Rührendes. Selbst auf der glänzenden Spaltfläche des Quarzes keimen die Sporen der Leeideen; ihr Thallus dehnt sich concentrisch von Jahr zu Jahr aus; unabhängig von jeder Temperatur benutzen sie die geringste Feuchtigkeit und beleben so selbst die höchste Felsenzone. Nicht nur die Mannigfaltigkeit der Formen und Farben, sondern auch die Masse und Anhäufung der Einzelwesen und des vegetabilischen Stoffes ist im Reich der Flechten von 5000 und 6000 Fuss an aufwärts immer hervortretender und bedingt den Charakter der Landschaft. Wo die dünnen Schorfe, schwarzgelb, bleigrau, ziegelroth von Farbe ( Lecidea, Lecanora, Parmelia ) das Gestein erst erobert, da setzen sich bald die grösseren Becher- und Horn- flechten, oft in Purpur wie Corallen glänzend ( Cladonia ) und die weissen krausen Miniaturwälder des Rennthiermooses ( Cenomyce ) an; zwischenein die braunen Polster des isländischen Mooses ( Cetraria ) mit seinen zierlich gewimperten Lappen.

Bei trockener Luft ist alles dürr und todt, und zerstiebt unter dem Tritt zu Staub; mit dem ersten Regen jedoch füllt sich die Flechtendecke mit Wasser, die Zweiglein schwellen an und in der gallertartigen Masse regt sich der langgehemmte Lebensprocess. Man begreift, welch mächtige Wirkung diese hygroskopische Eigenschaft der Flechtendecke auf das Gestein ausüben muss. Und nun erst all die schönen, in Bart- und Geweihform herabhängenden Arten welche die alternden Aeste der letzten Bäume wie mit einem Flor behängen ( Usnea ), und deren Stämme weiss und hellgelb ( Evernia ) einhüllen! Selbst das Gebilde, das jedem Leben unnahbar scheint: der Firnschnee, wird überwunden und muss einem elementaren Pflanzenorganisnms Herberge bieten: kühner als alle anderen Lebensformen wagt sich die Öchneealge ( Protoeoccus ) auf den Firn unserer Hochgipfel so gut als in die Eiswüste Nord-Grönlands, und färbt in unbegreiflich raschem Wachsthum weite Strecken mit durchsichtig zartem Roth. Das ist eine Nival-Flora im höchsten Sinne des Worts, das grösste Wunder der wunderreichen Alpenzone!

Unwillkürlich denken wir hier, wo wir vor den letzten höchsten Spuren des Lebens auf unserer Erde stehen, an dessen letzte tiefste Spuren, in der Abgrundszone des Oceans. Auch hier herrscht, selbst in den Tropenmeeren, eine eisige Kälte, verbunden mit absoluter Nacht; und dennoch bietet diese Tiefe eine gleich einfach .gebaute Algenform: die Diatomeen, in gleich unbegrenzter Individuenzahl.

Betrachten wir nun, nach dieser Schilderung der phy-siognomischen Eigenthümlichkeiten der Alpenflor, die Art und Weise ihrer Verbreitung und Vertheilung.

Wir haben gesehen, dass uns in der Höhe eine den

Arten nach von der Ebenflor verschiedene Vegetation be-

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Dr. H. Christ.

gegnet. Von den 2000 Blüthenpflanzen der Schweiz ( in runder Zahl; meine exacte Zählung giebt 2027 ) bewohnen 450 ( exacte Zählung 449 ) nur die eigentliche Alpenregion. Und diese Scheidung der Tieflandsflora von der Alpenflor ist eine schärfere, absolutere, als es auf den ersten Anblick scheinen mag. Zwar dringt aus der Bergregion in den untern Theil der Alpenzone eine Anzahl von Arten herauf, zumal, durch Vermittlung des Menschen, auf den Heuwiesen; es sind jedoch blos einzelne wenige Arten, die sich von der Ebene bis zur Hochalpenzone erstrecken. Theils sind es Ubiquisten, deren zähe Natur mit allen Lagen vorlieb nimmt ( der Wiesenklee Trifolium pratense L., der Löwenzahn Leontodon Taraxacum Solidago, Poa annua L., Festuca ovina L., Carex stellulata Good. etc. ), theils Unkräuter, die auf dem künstlichen, durch " Menschenhand geklärten oder durch Dünger bereicherten Terrain sich versamen ( Nesseln, Chenopodium, Scleranthus, die Herbstzeitlose ), theils aber — und dies ist der interessanteste Theil — sind es Alpenpflanzen, welche sich an besondern Stellen des Tieflandes sporadisch wieder finden. Diese Stellen sind Flussgeschiebe, welche durch den Stromfaden immer wieder mit Flüchtlingen aus dem alpinen Quellgebiet bevölkert werden ( z.B. bei Basel am Rhein Campanula pusilla Hnk., Allium Schoenopra-sum L., Linaria alpina Mill, Erigeron angulosus Gd. etc. ) Ferner beschattete, feuchte Felswände und Halden, durch Lawinenzüge und Wasserrinnsale in directer Verbindung mit der Alpenzone ( z.B. Alpenrosen am Spiegel des Thuner und Lowerzer Sees ). Dann aber — ausser aller räumlicher Verbindung mit dieser Zone — Torfmoore und erratische Felsblöcke, über welches Vorkommniss später wird zu reden sein. Interessant ist es zu sehen, wie das Leben in der Höhe jenen aus der Ebene heraufgewanderten Arten einen eigenen Alpenflora.

alpinen Habitus, analog den eigentlichen Alpenarten, verleiht, so dass Botaniker, welche mehr die systematische als die biologische Seite ihrer Wissenschaft cultivirten, jene Emporkömmlinge als besondere Species beschrieben und benannten. ( Trifolium nivale Sieb., Leontodon alpinus Hoppe, Solidago cambrica Huds., Poa varia Sehrad., Festuca alpina Gaud., Carex Grypos Schk., Scleranthus biennis Reut, alles in Wirklichkeit blosse Alpenformen der obengenannten Ubiquisten und Unkräuter. )

Warum nun, fragen wir, halten sich die Alpenpflanzen so eigensinnig in einer bestimmten Region? Warum existirt für sie nicht nur, wie für alles Leben, eine obere, sondern auch eine untere Grenze?

In erster Linie darum, weil nur die Höhe ein Clima bietet, welches ihnen behagt, weil in der Tiefe gewisse ihnen feindliche Agentien wirken. Es ist wohl der Mühe werth, näher auf diese Differenzen einzugehen.

Jedermann weiss, dass die Vegetation aller Pflanzen hauptsächlich bestimmt wird durch die zwei grossen Lebens-erwecker Wärme und Feuchtigkeit. Jedoch kommt es für jede Pflanzenart wesentlich darauf an, wie sich diese zwei Agentien zeitlich verhalten. Es ist durchaus entscheidend für das Gedeihen jeder Art, ob die ihr zufliessende Wärme und Feuchtigkeit sich in der ihr zuträglichen Weise über das Jahr hin vertheile.

Man hat sich vielfach — bis jetzt nur mit annäherndem Resultat — bemüht, die Menge der Wärme zu bestimmen, welche einer gegebenen Species zu ihrem Bestehen nöthig ist. Man suchte zu diesem Behuf den Temperaturgrad zu ermitteln, bei welchem die Vegetation der Pflanze beginnt, unter welchem sie stille steht. Man summirte nun die Temperatur der Tage, an welchen die Wärme über dies Mini-

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H. Christ.

mum: den sogenannten Vegetationsnullpunkt, steigt, und erhielt eine Summe, welche annähernd den Wärmebedarf der vorliegenden Pflanze ausdrückt. In einer geogr. Breite oder in einer Bergeshöhe nun, wo diese Summe beträchtlich niedriger ist, da wird die Pflanze nicht mehr leben können, eben so wenig als in einer Tiefe, wo die Wärmesumme eine namhaft höhere ist als in ihrer Heimath. Und die Pflanzen sind in dieser Beziehung äusserst eigenartig und sensibel. Während die eine schon bei 5° über dem Gefrierpunkt zu vegetiren beginnt, ruht die andere noch, und treibt erst, wenn die Temperatur auf 10° gestiegen ist, und während die eine Art einer Wärmesumme von 2500° über ihren Nullpunkt bedarf, um es von der Keimung oder vom Ausschlagen bis zur Fruchtreife zu bringen, begnügt sich die andere mit 1500.

Neben dieser Wärmesumme ist nun — und für die Alpenpflanzen ganz besonders — in Betracht zu ziehen die Anzahl der Tage, über welche hin sich die Wärmesumme vertheilt, während welcher sie der Pflanze geboten wird. Denn es ist nicht gleichgültig, ob dieselbe Summe in 90, oder erst in 160 Tagen erreicht werde; die Vegetation einer Art, welche diese Wärmesumme in dem längern Zeitraum zu empfangen gewohnt ist, lässt sich vielleicht bis zu einem gewissen Grade beschleunigen, eine beträchtliche Beschleunigung aber wird nicht ohne Schaden für ihr Bestehen ablaufen. Ebenso wird eine Alpenpflanze, die in einer kürzern Wärmeperiode zu vegetiren pflegt, eine stark verlängerte nicht überdauern. Was nun die Feuchtigkeit anbelangt, so kommt es auch hier durchaus darauf an, wie dieselbe sich vertheile. Eine Pflanze kann sich trefflich befinden in einem Tropenland, wo in einer Regenzeit von 8 Wochen der gesammte Jahresniederschlag fällt, indess 10 Monate ununterbrochene Dürre herrscht. Eine andere bedarf vielleicht des gleichen, aber eines gleichmässig über das ganze Jahr vertheilten Regenquantums.

Solcher Art sind die Verhältnisse, die hier in Betracht kommen; quantitativ oft kaum unterschieden, in ihrer Modalität aber sehr mannigfaltig und von durchaus verschiedener Wirkung.

Ich kann die Eigenheiten des Alpenclimas als bekannt voraussetzen. Ein langer Winter mit constant niedriger Temperatur ( bei 6000 Fuss ungefähr — 6, 2° Réaum. im Mittel ) und ununterbrochener tiefer Schneedecke, eine kurze ( 4 Monate dauernde ) sehr massige Wärmeperiode ( mittlere Lufttemperatur des heissesten Monats Juli bei 6000 Fuss in den Berner Alpen + 8,9°. In Basel dagegen 15,1° ), welche als Wärmesumme über 6° etwa 963° ergiebt, mit häufigen ( wenn auch im Vergleich zur regenreichen Waldregion nicht mehr so reichlichen ) Niederschlägen, steter Feuchtigkeit des Bodens, daneben aber starker Sonnen Wirkung: das mögen ungefähr die Hauptzüge sein#

Nehmen wir nun eine Alpenpflanze: etwa den rothen Steinbrech ( Saxifraga oppositifolia L. ) oder die Alpenrose, und suchen uns klar zu machen, warum ersterer kaum je unter 6000 ', letztere kaum je unter 3000'herabsteigt. Beide sind, der Steinbrech im höchsten Grade — genügsam in Betreff der Wärme: bei 4 oder 5° Lufttemperatur beginnt letzterer schon sein Wachsthum, während der Boden unter ihm noch in der Tiefe eines Zolles gefroren ist. Wollten wir ihn aber in unserer Ebene künstlich in eine Lage versetzen, wo ihm nicht mehr Wärme zuströmte, so würden wir vergeblich sein Gedeihen erwarten. Denn im Tiefland wirkt eine Wärme- und Wachsthumsquelle viel schwächer, die in den Alpen mächtig sich geltend macht, und die mangelnde Luftwärme in wunderbarem Grade ersetzt. Es ist dies die ge- steigerte Insolation, d.h. die directe Wirkung der Sonnenstrahlen, welche in der dünnen reinen Luft selbst bei grosser Kälte dermassen kräftig erregend und erwärmend auf die Pflanzen reagirt, dass ihnen ein grosser Thejl der in der Ebene erforderlichen Luftwärmesumme über ihren Null-;

punkt entbehrlich wird. Es ist dies dasselbe gewaltige Agens, dem unsere Haut in der Hochregion so rasch und kläglich zum Opfer wird, und dem wir nie entgehen, sobald wir uns dort dem Anprall der Sonnenstrahlen, auch bei schneidender Luft, aussetzen. Dieselbe Insolation gestattet z.B. im Wallis die Cultur des Roggens bei einer Wärmesumme von 903° über 5°, während er unter dem trüben Himmel Schottlands an W00° bedarf; ohne sie würde die Hochregion unserer Alpen sich trostlos entvölkern.

Es ist also jedenfalls eine zu grosse Wärme des Sommers, die den Alpenpflanzen in der Ebene den Aufenthalt verbittert, jedoch nicht in dem Grade, wie wir leicht glauben könnten, da die Insolation hier ausgleichend eintritt. Wohl viel störender als die Höhe der Ebenentemperatur an sich wirkt die lange Dauer der Wärmeperiode des Tieflandes. Die Vegetation der Alpenpflanzen ist eine kurze ( von 3-4 Monaten ), aber desto energischere. Durch zu lange Ausdehnung des Sommers wird das Gleichgewicht ihrer Oekonomie gestört; sie erschöpfen sich und vergeilen. Ferner ist die Trockenheit unseres Ebenensommers diesen Pflanzen feind; weniger zwar die der Luft, denn trotz den häufigen Niederschlägen ist die Alpenluft von ausnehmender Trockenheit. Vielmehr ist es die vollständige Austrocknung des Bodens, die im Tiefland herrscht, während sich das Hochgebirg durch eine reichliche und constante Bodenfeuchtigkeit, durch stete Berieselung mit Schneewasser auszeichnet. Diese ist eines der ersten Lebenselemente der Alpenpflanzen.

Und nun noch eine hauptsächliche, dem Leser gewiss unerwartete Ursache: es ist nämlich die Kälte, welche die Alpenpflanzen in der Ebene tödtet und sie am Hinabsteigen verhindert. Natürlich nicht die Kälte in Gestalt einzelner absonderlich tiefer Wintertemperaturen, denn solche sind in den Alpen viel häufiger als in der Ebene; sondern die Kälte in Gestalt von Früh- und Spätfrösten des Herbstes und mehr noch des Frühlings, wenn plötzlich, nachdem längst der Schnee geschmolzen, auf Thauwetter und warmen Sonnenschein der Nordostwind einfällt und die nicht mehr geschützte Vegetation einer Kälte von 5, von 10 und mehr Grad aussetzt. Dieser furchtbaren, in der Ebene leider so häufigen Prüfung sind die Alpenpflanzen durchaus nicht gewachsen, denn in ihrer Heimath deckt und schützt sie tiefer Schnee bis zu einem Zeitpunkt, wo die Sonne mächtig genug ist, um alle diese Gefahren zu beseitigen. Die Alpenpflanzen sind also durchaus nicht die Aschenbrödel unserer Flora, die sich alle erdenkliche Unbill gefallen lassen. Die Blattorgane einzelner subnivaler Arten vermögen zwar dicht an den Boden gedrückt, den Nachtfrösten trefflich zu widerstehen, sonst aber sind die Alpenpflanzen viel zarter, viel wählerischer als die meisten Tieflandspflanzen: sie bedürfen längerer Ruhe, eines sieheren Schutzes, einer Garantie gegen die Kälte und steter Zufuhr von Feuchtigkeit, und werden für den Mangel der Luftwärme durch eine gesteigerte Insolation getröstet. Von allem dem hat denn auch der Gärtner praktische Einsicht: er giebt den Alpenpflanzen eine leichte, die Feuchtigkeit conservirende Pflanzenerde; er hält sie noch bedeckt zu einer Zeit, wo schon einige südliche Sträucher ohne Gefahr im Freien stehn, oder überwintert sie ganz im Glashaus.

Ob und in wie weit bei all dem Vorhergehenden auch der verminderte Luftdruck ins Gewicht falle, ist noch durchaus unerforscht.

Dass nun jeder, auch der Alpenpflanze, eine obere Grenze gesetzt ist, über welche hinaus sie nicht mehr gedeiht, ergiebt sich aus dem Gesagten. In einer Höhe, wo trotz der Insolation die unentbehrliche Wärmesumme nicht mehr erreicht wird, wo die schneefreie Zeit für die auch noch so rasche Entfaltung ihrer Knospen zu kurz ist, da wird auch ihre Grenzmark stehen. Doch ist diese Grenzmark eine höhere, als man bei dem eisigen Clima der höchsten Alpenregion erwarten sollte. Eine ziemlich grosse Zahl selbst von Blüthenpflanzen findet sich noch bis 10000 und 11000 Fuss, und manche können jahrelang unter der Schneedecke schlummern, ohne zu sterben; sie treiben und blühen, sobald einmal ein günstiger Sommer ihren Standort für einige Wochen von Schnee befreit. Es sind dies sämmtlich solche Arten, deren untere Grenze nicht tief hinabsteigt, sondern welche erst in Höhen von 7000 und 8000 Fuss beginnen. Dahin gehört Cherleria, Androsace pennina Gd., Gentiana brachyphylla Vill., Saxifraga biflora AU., Draba sclerophylla Gd., Campanula Cenisia L., Ranunculus glacialis L., Eritrichium, ThlaspirotundffoliumGd.,zwei Zwergweiden, Potentilla frigida Vill., Phyteuma pauciflorum L. und Andere, im Ganzen etwa 50 Arten.

Wir haben soeben die physikalischen Gründe besprochen, welche die Alpenpflanzen in ein bestimmtes Gebiet eingren-zen, Gründe, welche unter unseren Augen immerfort wirken. Doch müssen,wir uns gestehen, dass wir damit das grosse Phänomen der Eigenthümlichkeit dieser Flora und ihrer Verbreitung über die Räume hin entfernt nicht erschöpfend erklärten. Giebt e3 ja Stellen auf unserer Erde, deren Clima und Boden fast gleich, und doch von so verschiedener Ve-

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getation belebt sind, dass unter tausend kaum eine Art ihnen gemein ist. Neben den Gründen der Gegenwart sind es hauptsächlich Ursachen, die der Vergangenheit angehören, die in einem dem unsrigen vorangegangenen Zeitraum die Vertheilung der Organismen über die Erde hin bestimmt haben. Und gerade die Alpenflora bietet den stärksten Anhaltspunkt für diese Ansicht, gerade sie hat auf diese genetische Betrachtungsweise der pflanzengeographischen Verhältnisse, auf die historische Erforschung derselben hingeführt Bereits wurde erwähnt, dass die Arve, die Rauschbeere, die rothe Schneealge, das isländische und das Rennthier-moos sowohl in unseren Alpen als innerhalb des nördlichen Polarkreises vorkommen. Dies sind nicht etwa seltene Ausnahmen, sondern die Alpenflora hat durchweg die grösste Aelmlichkeit mit der des hohen Nordens; sie ist zugleich nahezu die Flora aller übrigen hohen Gebirge Europas; ja die Flora aller Hochgebirge der alten und der nördlichen neuen Welt bildet mit der arctischen eine Familie, deren Glieder unter sich die grösste Verwandtschaft haben, und das so seltene Beispiel der Verbreitung einer Pflanzenart über mehr als einen Erdtheil hin findet sich relativ am häufigsten in der Gebirgsflora. Vergleichen wir die Alpenflora mit der Lapplands, so sind die Genera bis auf einige wenige dieselben, und von den 685 Blüthenpflanzen Lapplands finden sich nach Anderssen 108 in der schweizerischen Alpenkette. Unter den von Ed. v. Martens aufgezählten 486 Gefässpflanzen der äussersten arctischen Zone ( rund um den Pol herum von Spitzbergen über Grönland, Melvilles Island,. Behringsstrasse nach dem polaren Sibirien ) kommen volle 229 Arten, und von 109 arctischen Moosen gar 98 auch in Mittel- und Südeuropa vor. Von jenen 229 Arten sind nur 98 Strand- U. Wasserpflanzen oder Ubiquisten; 131 da- gegen sind echte Alpenpflanzen unseres Hochgebirgs.

Einige dieser gemeinsamen Arten finden sich im Norden, andere in den Alpen häufiger; viele der seltensten, erlöschenden Alpenarten sind in der Lappmark oder Grönland oder der Behrings-strasse sehr häufig ( Saxifraga cernua L., Ranunculus pygmaeus Wahlenb., Carex ustulata Wahlb. Juncus castaneus Sm. Lychnis alpina L., Alsine biflora Wahlenb., Achillea alpina L. etc. ), während Andere in den Alpen zahlreicher auftreten ( Oxytropis Lapponica Gaud.von den Basses Alpes bis Engadin, ferner Potentilla frigida Vill., Saxifraga cuneifolia L., Gentiana purpurea L., Leontodon pyrenaicus Gouan. ) und die grösste Zahl von arctisch-alpinen Arten vereinigt sich auf den colossalen sibirischen Gebirgen um den Baikal, und im Altai. Hier, wenn irgendwo, scheint überhaupt der Heerd zu sein, von dem aus sich diese Flora über die Erde verbreitet hat: denn nicht nur bedeckt sie hier die grössten Räume, sondern es finden sich neben den arctischen Pflanzen auch eine Zahl solcher alpiner Arten, die im eigentlich arctischen Gebiet nicht zu finden sind.

Mustern wir nun unsere Umgebungen näher, so ist allbekannt, dass der Jura auf seinem höheren Rücken eine mit der alpinen identische Flora zeigt; fast dieselbe Uebereinstimmung findet sich jedoch bei allen höheren Gebirgen im weitesten Umkreis: auf den Karpathen, Sudeten sowohl als den Pyrenäen, Apenninen, den spanischen Sierren, in der Türkei und Griechenland. Und wenn auch, je weiter wir uns, zumal nach Süden zu, entfernen, die Zahl der identischen Arten zurücktritt, so werden sie doch ersetzt durch eine Menge nahverwandter, oft sehr schwer von den alpinen zu unterscheidender Arten, welche man stellvertretende Arten nennen kann. Als Beispiel können die schon besprochenen Alpenrosen, noch mehr aber die Geschlechter Saxifraga oder Viola dienen.

Man wird unwillkürlich zu der Vermuthung getrieben, dass es locale, im Lauf der Zeiten entstandene Variationen der gleichen Typen seien. Diese stellvertretenden Arten sind in der Regel, weil sie eben als locale Formen ihrem Gebiet speciell eigen sind, zugleich auch als charakteristische Arten dieser Gebiete zu bezeichnen. Dieselbe Erscheinung ist nun über Europa hinaus in die reichgegliederte Bergwelt Vorderasiens hinein zu verfolgen: Der Caucasus ist das letzte Gebirge, welches unsere Alpenpflanzen in grösser Masse bietet; in den bithynischen und pontischen Ketten, dem Taurus und persischen Gebirge treten die identischen Arten sehr zurück und machen nah verwandten Platz, und von da ab nach Südosten hin wird die Identität der Species zwar immer seltener, stets aber vermitteln stellvertretende Arten aus gleichen Genera die Aehnlichkeit. So im Himajaya ( wo z.B. Pedicularis asplenifolia Fl., P. versicolor Wahlenb., P. verticillata L., Saxifraga cernua, Hirculus und Stellaris L., Rhodiola rosea L. mit den Alpen identische Blüthenpflanzen ), in China bis nach den höchsten Gipfeln der Sunda-Inseln.

Auch die von der alten sonst so grundverschiedene neue Welt macht von diesem Gesetz der Aehnlichkeit der Gebirgsfloren keine Ausnahme.Vom arctischen Amerika zieht die Alpenflora sich in die Felsengebirge hinein, wo nach Hooker von 286 Moosen 203 den europäischen Alpen gemeinsam und wo auch die Phanerogamen sehr ähnlich sind. Ed. v. Martens zählt 69 Arten, welche aus der polaren Zone nach den nördlichen, und 27, welche bis nach den südlichen Vereinigten Staaten hinabgehen.Endlich erstreckt sich über den ganzen Rücken Amerikas durch die Schneegebirge Mexikos und der Anden bis Patagonien und den Falklands-insehi ein Strich stellvertretender und einzelner gleicher Arten.

Ein Beispiel wie das Trisetum subspicatum Clairv ., ein bei uns nicht seltenes Alpengras, das von den Malouiuen östlich von Cap Hörn und von Campbells Island im Süden Neuseelands über alle hohen Bergkämme beider Hemisphären bis'zum Nordpol streicht, also gleichsam den ganzen Planeten mit seinem Netz umzieht, ist nur im Bereich der Alpenflora möglich.

Selbst das ganz isolirte, mitten aus tropischen Tiefländern emporragende Cameroon-Gebirge, im Golf von Guiena, zeigt nach Ferd. Manns neusten Entdeckungen die nordischen Formen Silène, Poa, Koehleria, Ranunculus und Andere.

Woher nun aber diese Uebereinstimmung? Von einer Verbreitung von Einem Punkt aus, etwa vom Pol, über alle jetzt ein gleiches arctisches Clima bietenden Punkte der Erde, kann bei der so vollständigen Trennung dieser Punkte durch Meere und heisse Ebenen und bei der delicaten Natur dieser Pflanzen keine Rede sein. Die heutige Configuration der Länder erklärt dies Räthsel nicht. Aber das Pflanzenkleid unserer Erde ist kein gleichzeitig auf einen Schlag ge-wobenes, es ist ein gewordenes, aus Stücken und Streifen verschiedenen Alters kunstreich gewirktes, und unter diesen Gewandstreifen ist die Polar- und Alpenflora nicht der jüngste. Sie ist zwar nicht so alt als die Flora Neuhollands, auch nicht einmal so alt als die Japans oder der Canaren; sie ist jünger selbst als ein Theil der Mittelmeerflora; jedenfalls aber ist sie um eine ganze Generation älter als die Vegetation, welche unser Tiefland erfüllt.

In der Periode, welche die Molasse unseres Mittellandes abgelagert hat, erhoben sich die Alpen noch nicht zu ihrer jetzigen Höhe. Europa bestand aus einem Complex von Inseln und war durch einen breiten Landstreif mit dem

südlichen Nord-Amerika verbunden. An seinen östlichen und südlichen Strand schlugen die warmen Gewässer eines Meeresarms, welcher mit dem tropischen indischen Ocean in directer Verbindung war. Dieser Lage und Beschaffenheit entsprechend herrschte ein subtropisch-oeeanisches, d.h. ein mildes und feuchtes Clima und eine Flora, welche mit der der südlichen Vereinigten Staaten und Japans grosse Aehnlichkeit hatte, und deren Reste sich auf den atlantischen Inseln, theilweise wohl auch an den Küsten des Mittelmeeres finden. Diese von Heer so schön geschilderte, ja recht eigentlich wieder auferweckte Flora vereinigte einige Palmen, mehrere Coniferen, immergrüne Lorbeerarten und Proteaceen, Ahorn- und Kätzchenbäume mit abfallendem Laub zu einem Ganzen, wie wir es in gleicher Mischung nirgends mehr, wohl aber annähernd noch in den Urwäldern des Missisippi-Delta heutigen Tages wiederfinden. Von einer mit der Ebenenflora contrastirenden Gebirgsflora war damals so wenig zu finden, als von den Hochgebirgen selbst. Auf diese Epoche folgte nun aber, das Verschwinden der atlantischen Länder-brücke, die mächtige Erhebung der Alpen, die Ausdehnung des Festlandes zu seiner heutigen Gestalt, und zugleich die gewaltige Entwickelung des vorderasiatischen Gebirgsrückens, welcher die innige Verbindung Europas mit Asien und damit das Aufhören seiner Communication mit dem warmen indischen Ocean zur Folge hatte. Durch diese Erhebung des Landes und seiner Gebirge bis in die Schneeregion einerseits, durch den Verlust seiner beiden Wärmequellen in Ost und West anderseits trat nun eine Umwälzung im Clima, eine Abkühlung ein, welche die ganze organische Schöpfung aufs Tiefste berühren musste. Es finden sich von jetzt an über ganz Europa hin Spuren einer Zeit, wo die Gletscher von den Gebirgen herab bis zum Meeresufer reichten, einer Zeit, wo der ganze Continent ( höchstens mit Ausnahme des mittelländischen Küstensaumes ) kaum wirth-licher ausgesehen haben muss, als jetzt die Küste Ostgrönlands unter 65°.

Den Beweis hiefür liefern die überall angehäuften Geschiebe und Blöcke, welche gerade so vertheilt sind, wie nur die Gletscher sie hinterlassen, und die Reibungsspuren des Gletschereises an den Gebirgen. Diese gewaltige Erkältung, die Eiszeit der Geologen, brachte natürlich der reichen subtropischen Flora der Molassezeit den Untergang; es siedelte sich in dem kalten Lande eine neue, die heutige arctisch-alpine Flora an, und zwar aller Vermuthung nach von Asien her. In dieser unserer Epoche vorausgehenden Eiszeit war also die Alpenflora die einzige und ausschliessliche, und bedeckte von der Sierra Nevada bis zum Pol alles von der Eisdecke verschonte Land.

Doch es kamen endlich bessere Zeiten. Vielleicht entstand durch die Trockenlegung der Sahara die neue Wärmequelle, welche allmälig das vergletscherte Europa wieder belebte, die Thäler erwärmte, die Eismassen schmolz und sie endlich auf den jetzigen Stand reducirte. Und nun begann, wieder von Asien her, die Flora einzuwandern, welche jetzt unser Tiefland in ein grünes Gewand kleidet. Die Flora der Eiszeit aber hielt sich immer noch an den Orten, deren Clima das alte blieb: auf den Kämmen der Gebirge und um den Pol. Diese von Charpentier zuerst erkannte, seither durch Geologen und Botaniker näher aufgehellte Geschichte der zwei letzten Weltalter erklärt nun vollständig die Uebereinstimmung der arctischen und Gebirgsfloren bei ihrer heutigen localen Isolirung: es sind verschonte Inseln der alten Glacialflora, umfluthet von dem später eingedrungenen wärmeren Luftmeer und der modernen temperirten Vegetation.

Eine Menge einzelner, sonst unbegreiflicher Phänomene finden nun in dieser Theorie ihre befriedigende Erklärung und helfen sie stützen und bestätigen. So das sonderbare Vorkommen von Alpenpflanzen mitten in der Ebene, mitten unter der modernen Tieflandsflora. Solche Colonien, den Resten unseres celtischen Urvolks unter der eingewanderten germanischen Bevölkerung vergleichbar, finden sich auf einzelnen Felsblöcken, am Rande des Jura, in der Ebene des Ctn. Zürich u. s. w. Diese Blöcke sind bedeckt mit Moosen und Flechten, mit einzelnen Fairen ( Asplenium septentrionale L. ) und Blüthenpflanzen ( Silene rupestris L. Gräsern etc. ), die ringsum durchaus fehlen und nur in den innern Alpen sich wiederfinden. Ein unerklärliches Vorkommen, bis man entdeckte, dass diese Blöcke ( „ Geissberger " ) sammt ihren Bewohnern durch die Gletscher der Eiszeit hieher geführt wurden. Eines der lehrreichsten Beispiele dieser Art ist die skandinavischse Cornus Suecica L. die sich diesseits des baltischen Meeres bei Bremen wieder findet, aber nur auf erratischen Trümmern, auf der Moräne alter, einst so weit vorgeschobener oder durch die Fluthen als Treibeis angeschwemmter schwedischer Gletschern ) assen.

So auch die Flora unserer Torfmoore, die so auffallend mit der Alpenflora übereinstimmt: ( Pinus montana Mill., Comarum, Primula farinosa L., Scirpus coespitosus L., Eriophorum alpinumL., Arten von Carex, Juncus, Gentiana, Pinguicula alpina L., Sedum villosum L., Dryas octopetala und viele andere in den Möösern und Riedern- von Ctn. Luzern, Ctn. Bern: Gümligenmoos, Belpmoos etc. Ctn.Zürich und Thurgau, bei 1500—1800 Fuss Meereshöhe ) die sich aber leicht erklärt, seit man weiss, dass diese Torfmoore Reste der alten Gletscherwasser sind, gestaut und erhalten

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durch die vorgelagerten Frontmoränen.* ) Und selbst in der eigentlichen Tieflandsflora zeigen sich die Spuren der alten Glacialvegetation eingemengt. Es hat die moderne Vegetation nicht ganz die alte zu verdrängen vermocht. Diesen Spuren können wir am besten nachgehen in der Jahreszeit, wo das Clima unserer Ebene die meiste Analogie zeigt mit dem arctisch-alpinen CJima: in der Zeit, wo die Sonne am Rande der schmelzenden Schneeflecke zu wirken beginnt, im Frühling. Unsere Frühlingsflora hat mit der Alpenflora so viele gemeinsame Züge, dass sie auch gleichen Ursprungs scheint. Nicht nur bietet sie Pflanzen von gleichem Habitus: kurze Stengel, relativ sehr grosse Blüthen mit reinen Farben in weiss, rosa und gelb, Pflanzen mit ganz kurzer, schon im Vorsommer endigender Vegetationsperiode, sondern sie enthält auffallend viele nächstverwande Arten, und viele ihrer Arten sind gerade diejenigen, welche hoch in die Alpen aufsteigen und dort als Sommerblüthen auftreten. ( So die Anemonen, Ranunkeln, viele Cruciferen, Potentillen, Phyteuma, Viola, Primula etc. ).

Werfen wir nun einen Blick auf die Verbreitung der Alpenflora mit specieller Rücksicht auf die Alpenkette.Vor allem fällt uns auf, dass die meisten Arten einen viel kleinern Raum einnehmen, als die Bestandteile der Tieflandsflora, und zwar in doppeltem Sinne. Einerseits sind die meisten Alpenpflanzen in einen weit kleinern Bezirk eingegrenzt als die grosse Mehrzahl der über ganz Mitteleuropa bis an die Pyrenäen gleichmässig häufigen Ebenenpflanzen. Einige Alpenpflanzen sind sogar an einzelne

* ) Heer fasst auch den Standort von Alpenarten auf den Kämmen der Züricher Vorberge ( Albis, Schnebelhorn etc. ) als einen exceptionellen auf.

Thäler, einzelne Kämme gebunden und kommen sonst nirgends vor. So ist die Campanula excisa Schi, auf unsere Rosathäler, und die Wulfenia auf die einzige Kühweger Alp in Kärnthen beschränkt. Diese Erscheinung nimmt zu, je weiter wir nach Süden und Osten gehen, und erreicht in der Gebirgswelt Asiens ihr Maximum. Jeder neue Bergrücken hat hier seine specielle und eigenthümliche Flora. ( Der Bulghar Dagh allein hat zum Beispiel nach Kotschy in seiner Hochregion über 5000 Fuss 70 ihm eigenthümliche Arten. ). Die entgegengesetzte Wahrnehmung machen wir, je weiter wir gegen den Pol vorrücken; hier tritt auf einem Kaum, der in den Alpen einen Reichthum verschiedener Arten bieteu würde, eine grosse Monotonie, eine sehr geringe Artenzahl auf.

Anderseits bemerken wir in den Alpen, sobald wir die Buschzone hinter uns haben, nirgends mehr gesellschaftliche Arten, wie sie im Tiefland in compacten Massen ganze Bezirke überdecken und daselbst ausschliesslich herrschen. Vielmehr besteht in den Hochalpen eine bunte Mischung einzelner Individuen verschiedener Art und viele Arten finden sich nur in wenigen Exemplaren weit über den Bezirk ihres Vorkommens hin zerstreut.

Diese beiden Erscheinungen: Kleine Verbreitungsbezirke und Vereinzelung innerhalb dieser Bezirke mögen zum Theil mit der verringerten Fortpflanzungsfähigkeit durch Samen zusammenhängen. Beide sind aber auch wieder Belege für die Annahme, dass die Alpenflora aus einzelnen Trümmern einer einst zusammenhängenden Decke besteht. Die Abnahme der Artenzahl bei Zunahme des Areals, die um so mehr hervortritt, je weiter wir uns von Südeuropa und den asiatischen Gebirgen nach dem Pol zu entfernen, weist daraufhin, dass von Mittel-Asien aus, wie

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die gesammte heutige Lebenswelt, so auch deren Vorläufer: die Alpenflora, nach Europa eingewandert ist, wobei natürlich auf dem langen Weg die entfernte Peripherie weder die Mannigfaltigkeit noch den Reichthum des Centrums erhalten konnte. Was nun noch die Vertheilung der Alpenpflanzen in unserem schweizerischen Hochgebirg betrifft, so bemerken wir schon auf dieser massigen Strecke, dass solche durchaus nicht gleichförmig über den Raum hin verbreitet sind. Es giebt artenreichere und artenärmere Districte, welche ersteren durchaus nicht etwa mit den üppig bewachsenen, letztere mit den sterilen zusammenfallen. Zu den erstem gehört vor allem der Monte Rosa und seine Umgebung, und in schwächerem Maasse das Wallis überhaupt. Eine ganze Anzahl von Arten, deren Centrum in Dauphiné und Piémont liegt, rückt bis ins Wallis vor, mischt sich hier mit den Arten der mittleren Schweizeralpen, und erreicht am Rosa ihre Ostgrenze, ( Potentilla multifida L., Oxytropis cyanea Gaud. und foetida Vill, Silène Val- lesia L. Colchicum alpinum DC. Alyssum alpestre L., Androsace carnea L., Senecio uniflorus All. etc. ). Es hängt dies zusammen mit der climatischeu Uebereinstimmung dieser Gebiete: Wallis hat durchaus das Sommer-clima des weiteren Südwestens, eine mächtig entwickelte Thalsohle, welche wie ein Trockenofen auf die Berge ringsum wirkt, daher eine beständigere und längere Wärmeperiode und weniger Regen als sonst in den Alpen irgendwo, und eine höchst gesteigerte Insolation. Dass aber auch hier historische Ursachen mitwirken, ist kaum zweifelhaft. Viel ärmer an Arten sind bei sehr üppiger Vegetation unsere mittleren Alpen, die Berneralpen, der nördliche Theil des Gotthardtstocks, die vorderen Bündneralpen und noch mehr die nördlich vorgelagerten Ketten.

Dagegen nimmt der Reichthum an Arten wieder wesentlich zu auf der Südseite des Gotthardts und mehr noch im Engadin. Hier treten wieder viele seit Wallis nicht mehr beobachtete westliche Arten auf und haben da ihre letzte Ostgrenze. ( Z. B. Cacalia leucophylla Wild. Scirpus alpinus Schi., Oxytropis lapponica Gd., Alsine biflora Wahlenb., Geranium aconitifolium L' Her. etc. ). Dazu kommen aber mehrere östliche Arten, die weiter nach Tyrol hinein häufiger sind und im Engadin ihre Westgrenze finden ( z.B. Pedicularis Jacquini lach. und asplenifolia FL, Primula glutinosa Wulf. u. oenensis Thom. Valeriana supina L., Crépis Jacquini Tausch, Dianthus glacialis Hnke. Senecio abrotanifolius Hppe. etc.Diese Erscheinung ist, abgesehen von den historischen Ursachen, wieder zu erklären aus der Thalbildung und zugleich aus der in den Alpen einzig dastehenden Massenerhebung des Engadin, welche ein ähnliches Sommerclima hervorrufen wie das der penninischen Alpen. Es ist merkwürdig, dass gerade in diesen trockeneren südwestlichen und Engadineralpen auch die meisten mit der arctischen Flora gemeinsamen Arten vorkommen, ( z.B. Juncus arcticus L., Tofjeldia borealis Wahlenb., Linnea borealis L., Oxytropis lapponica Gd., Alsine biflora Wahlenb., Salix glauca L., Potentilla multifida L. etc. ), während diese um so seltener sind, je weiter wir uns in die feuchteren und kühleren Voralpen entfernen. Die schon so oft genannten historischen Ursachen vorbehalten* ), erklärt sich auch dies

* ) Heer stützt auf das Vorkommen mehrerer nordischer Arten in Graubünden die Vermuthung, dass die Alpenflora aus Lappland ( also nicht von Ost ) in unsere Gebirge möge eingewandert sein. Da von den grossen Gletschern der Eiszeit einzig der aus Bündten herablaufende ( der sogen. Rhein-Gletscher ) nach Deutschland hinausreichte, so konnten — glaubt Heer — gerade in Bündten leichter nordische zum Theil aus dem Clima, denn die arctischen Länder haben einen durch ihren langen Sommertag bedingten sehr heissen Sommer mit wenigem Regen.

Wollten wir nach dem Gesagten die Vertheilung der Alpenpflanzenarten in der Schweiz graphisch darstellen, so würden von Südwest nach Südost 2 dunkle, d.h. artenreiche Streifen gegen ein helleres, artenärmeres Centrum: den St. Gotthardt, vorrücken, und sich in einen noch blassem nördlichen Säum verlieren.

Doch ist nicht zu übersehen, dass die Voralpen trotz ihrer grössere Armuth an Arten manche, den Centralalpen abgehende Pflanze besitzen. So ist Pedicularis Barrelieri Rb., Oxytropis Hallen Bunge, Eryngium alpinum L., Draba incana L. der Kette zwischen Waadt, Freiburg und Bern, Pedicularis versicolor Wahlb., der ganzen nördlichen Alpenkette eigenthümlich; der gelbe Alpenmohn Papaver pyrenaicum Willd. der Centralalpen wird in den Voralpen ersetzt durch den stellvertretenden weissen Papaver alpinum Jacq. Näher einzugehen auf die Einzelnheiten aller dieser Verbreitungsverhältnisse wäre nun eine der schönsten und resultat-reichsten Arbeiten, würde jedoch den dieser Uebersicht gezogenen Rahmen weit überschreiten.

Auf einen Punkt möchte ich jedoch noch eintreten, da er gerade gegenwärtig viel besprochen wird, auf den Einfluss der chemisch-mineralogischen Beschaffenheit des Bodens auf die Vegetation. Man hat eine Zeitlang geglaubt, und hat es sogar in Floren streng durchgeführt, dass die meisten

Pflanzen einwandern als sonstwo. Dem steht jedoch entgegen, dass über die ganze Alpenkette hin sporadisch Stellen sich finden, wo mehrere arctische Arten beisammen vorkommen ( Mont Cenis, Zermatt, Grossglockner ), ohne dass solche Stellen nach Norden bis in die Ebene hinaus durch Thäler geöffnet sind.

Blüthenpflanzen, und die Gebirgspflanzen insbesondere, streng an eine bestimmte Gebirgsart gefesselt seien, so dass für diese der Granit, für jene der Kalk eine absolute Lebensbedingung sei; man hat erstere granit- oder kieselstete, letztere kalkstete Arten genannt. Und wenn man an andern Orten nachwies, dass eine als kalkstet registrirte Art sich auch auf Granit ertappen lasse, so entging der Flüchtling deswegen dem unerbittlichen System doch nicht, nur dass er mit dem milderen Namen „ kalkhold " behaftet wurde. Neuere, ausgedehntere Nachsuchungen haben aber gezeigt, dass weitaus die meisten Pflanzen sich sehr indifferent verhalten gegenüber der chemischen Beschaffenheit des Terrains, das es vielmehr die mechanische Beschaffenheit der- Grundlage ist, welche über das Fortkommen der verschiedenen Arten entscheidet. Es giebt Felsenpflanzen, die den nackten, compacten und trockenen Fels ausschliesslich bewohnen. Solche treten natürlich vorwiegend im Kalkgebirg auf, wo die Verwitterung eine sehr geringe, wo der Fels homogen, fest und glatt ist, und wo auch dessen Trümmer eine trockene Masse bilden. Andere Pflanzen siedeln sich immer nur in dem sandigen Gruss an, der in der Regel aus der Verwitterung der Granitgebirge entsteht und viel Feuchtigkeit und Nahrungstoff enthält. Wo nun aber ausnahmsweise der Granit sich so modificirt, dass er eine jener Felsenpflanze günstige Stätte bietet, da findet sie sich oft trotz der gänzlichen Abwesenheit des Kalks, und wo der Kalk also auftritt, dass er für die Sandpflanze einen geeigneten Boden bildet, da wird oft auch die granitstete Pflanze gefunden. So kommt es, dass in einer Gebirgskette gewisse Pflanzen nur auf einer Gebirgsart erscheinen, während in einer andern, oft nicht sehr entfernten, dieselben Arten gerade diese Gebirgsart eher vermeiden und sich an eine andere halten.

In den Vogesen z.B. werden Saxifraga Aizoon Jcq., Alchemilla alpina L., Anomene alpina L., und narcissiflora L., Gentiana lutea L. als dem Granit eigene Arten angesehen, während sie bei uns weit häufiger im Kalkgebirg auftreten. Schon der treffliche Wahlenberg hat hierüber Belege gesammelt, De Candolle hat die Liste der bisher nur auf Kalk bemerkten Arten bis auf 31, die der nur auf Granit gesammelten bis auf 26 heruntergebracht. Er bemerkt dabei mit Recht, dass bei der grossen Seltenheit der meisten Nummern dieser Listen gar kein Schluss zulässig sei; auch würde es uns nicht schwer sein, fernere Reductio-nen vorzunehmen. Dass es einige wenige Blüthenpflanzen geben mag, die theils aus historischen Gründen, theils wirklich aus physikalisch-chemischen Ursachen durchaus und überall nur « uf einer ganz speciellen mineralischen Localität, z.B. auf Granitgeschiebe, vorkommen, ist indess, obschon noch nicht streng bewiesen, so doch möglich, denn eine Anzahl von Cryptogamen: Flechten, Moose und sogar Farren ( Asplenium septentrionale L., Allosorus crispus Bernh. ) scheinen unabänderlich an bestimmte Gesteinsarten gebunden, was auch bei diesen niedrigem Organismen und bei ihrem innigem Anschluss an ihre Unterlage weniger auffällt.

Zum Schluss unserer Arbeit werfen wir nun noch einen Blick auf den Charakter der Alpenflora in Beziehung auf ihre Zusammensetzung, auf die Gruppirung ihrer systematischen Bestandtheil, auf ihre Mischungsverhältnisse und damit auf ihre Statistik.

Vor allem zeigt sich uns sofort, dass die Alpenflora durchaus keine Analogie mehr hat mit ihrer Vorgängerin: der Molassenflora. Da ist nichts zu sehen von all den subtropischen Urwaldformen, nichts von Palmen, Lorbeeren oder Proteaceen, nichts von irgend einer der vormaligen oder der jetzigen Typen der warmen Zone.

Die Alpenflora bietet auch keine Art, welche man als reducirte Alpenform einer dieser subtropischen Typen ansehen könnte, keine ver-zwergte Palme, keine stengellose Laurinee oder dergleichen. Die Alpenflora zeigt, obwohl im Alter zwischen der Molassen-und der heutigen Ebenen-Flora gelegen, keine Fortentwicklung aus jener in diese, sondern hat im Ganzen durchaus den Charakter der letzteren. Sie beide zusammen bilden Eine Gruppe, die man die moderne vorderasiatische nennen kann, und die sich durch das Vorherrschen der Dolden und Cruciferen charakterisirt.

Vergleichen wir nun noch die beiden Glieder dieser Gruppe: unsere Alpen- und unsere Ebenenflora. In beiden herrschen, wie bekannt, die Synanthereen weit vor; doch während in der schweizerischen Ebene deren 166 auf 1578 Blüthenpflanzen vorkommen, ihr Verhältniss also 10,5% ist, so steigt es in den Alpen bis zu 17,8% ( genau 80: 449 ). Dies Ueberwiegen der Synanthereen um mehr als 7% ist ein Hauptunterschied beider Floren und ist für die Alpenflora um so charakteristischer, als die verwandte polare Flora deren nur 7% ( 29 Arten auf 422 ) besitzt. Es folgen die Saxifragen, die in den Alpen volle 7% ( 21 Arten ) in der Ebene nur 0,6% ( 9 Arten ), in der arctischen Zone nur 3,5% ausmachen. Die übrigen, in der Ebene zurücktretenden Alpenfamilien folgen hier tabellarisch in ihrer Reihenfolge:

Alpenfl.

Ebenenfl.

:

%

Artenzahl.

% Artenzahl.

Primulaceen

47

21

Gentianeen

33

15

07 11

Alpenfl.Ebenenfl.

Artenzahl. % Artenzahl.

Rhinanthaceen3t14

Campanuleen2j12

Rosaceen3516

Leguminosen6228

Ranuneulaceen. 3817

20

11

17

23

37

56

89

3,

53

Besonders auffallend ist das Vorherrschen der Leguminosen, einer sonst den wärmeren Zonen besonders eigenen, in der polaren Region mit nicht einmal 3% auftretenden Familie. Zum Theil entsprechend diesen charakteristischen Alpenfamilien, sind die artenreichsten Genera der Schweizer Alpen folgende:

*Glumaceen: Carex mit Kobresia und Elyna. 27 Arten Synanthereen: Crépis und Hieracium... 26nach meinen Ansichten über Species; Andere zählen mehr

als das Doppelte )

Gentianeen: Gentiana mit Pleurogyne... 14 Arten *Caryophylleen: Alsine mit Arenaria... 13 „

Rhinanthaceen: Pedicularis 11 „

Rosaceen: Potentilla......... 10 „

Primulaceen: Androsace....

Synanthereen: Cineraria mit Senecio. *Amentaceen: Salix

*Cruciferen: Draba.. ".. *Juncaceen: Juncus......

*Violarieen: Viola... Leguminosen: Oxytropis.. Primulaceen: Primula......

Campanuleen: Phyteuma... t *Glumaceen: Festuca.....

je 9 je 8 „ je 7

Leguminosen: Trifoliirai.. Synanthereen: Achillea. *Cruciferen: Arabis... Ranunculaceen: Ranuneulus *Glumaceen: Poa....

je 6 Arten

I

Raniincnlaceen: Anemone.....

*Antirrhineen: Veronica... "..,

Campanuleen: Campanula

* Cru eiferen: Thlaspi......

je 5 „

Unter dieser Liste begegnen wir ausser den dominirenden Alpenfamilien mehreren andern, mit * bezeichneten, welche in beiden Floren in gleichem Verhältniss vorkommen wie die Gliimaceen, Cruciferen, Caryophylleen, oder welche in der Ebene vorherrschen.

Zu den letzteren, deren Zurücktreten oder Fehlen in der Alpenflora charakteristisch ist, gehören, wie schon bemerkt, vorab fast alle Baumfamilien ( mit Ausnahme des Genus Salix der Amentaceen ), dann aber alle der subtropischen oder warmen Flora eigene Formen, selbst wenn sich solche in einzelnen Repräsentanten noch in unserer Ebenenflora finden. So bietet die Schweizerflora oder deren Nachbarschaft ( Oberitalien ) je ein oder mehrere Glieder der Aroideen, Asclepiadeen, Apocyneen, Rutaceen, Acanthaceen, Verbenaceen, Cucurbitaceen, Tiliaceen, Balsamineen, Myr-taceen, Laurineen, Smilaceen etc. Nichts von alledem ist in der Alpenflora vorhanden. Selbst aus den in der Ebenene ziemlich zahlreichen Chenopodiaceen und Solaneen, ja aus den daselbst mit lj017 Arten ) auftretenden Euphorbiaceen beherbergen die Schweizeralpen keinen einzigen Repräsentanten. Es treten ferner zurück die Umbelli-feren, diese für Europa und Vorderasien so bezeichnenden

Pflanzen: statt den 46% ( 73 Arten ) der Ebene haben die Alpen nur 2% ( 9 Arten ).

Ebenenfl.Alpenfl.

% Artenzahl °/o Artenzahl

So auch die Labiaten3g62136

Orchideen2844094

Cruciaten2433021

Borragineen1829042

Also charakterisirt sich die Alpenflora der Ebenenflora gegenüber durch eine grössere Armuth an verschiedenartigen Formen; es fallen eine Menge auffallender, singulärer Typen weg, welche in die letztere als isolirte Vorposten der Flora wärmerer Länder eingedrungen sind. Die Alpenflora ist eine geschlossenere, beschränktere Societät, in welcher die einzelnen Glieder ( Familien und Genera ) weniger zahlreich, aber an Zahl der Unterglieder ( Arten ) einander mehr gleich und coordinirt sind. Es braucht in der That kaum 6 Familien, um die Hälfte der alpinen Blüthenpflanzen der Schweiz zu bilden, während in der Tieflandsflora hiezu deren 9 erforderlich sind. Die Alpenflora zeigt hierin einen streng exclusiven Charakter, im Zusammenhang mit dem so streng eigenthümlichen Clima, das kein Eindringen, keine Accommodation von Formen wärmerer Zonen duldet. Doch ist diese relative Einförmigkeit der Alpenflora in Bezug auf ihre systematischen Glieder nicht etwa auszudehnen auf ihren physiognomisch geographischen Charakter: dieser ist vielmehr, wie schon bemerkt wurde, mannigfaltiger als in der Ebene: die Mischung und Mannigfaltigkeit der Arten ist in den Alpen auf gleichem Raum viel grösser als im Tieflande, wo die Arten weitere Verbreitungsbezirke haben und oft gesellschaftlich auftreten.

Mit dieser Vergleichung, schliessen wir unsern Versuch, der auf Vollständigkeit oder Gleichmässigkeit der Behandlung nicht Anspruch macht, der überhaupt nur dazu dienen soll, den Freund der Alpen anzuregen zu näherer Betrachtung dieser herrlichen Flora, die in jeder Richtung: in biologischer, geographischer, historischer, Probleme von höchstem Interesse stellt. Wenn es mir gelungen ist, dies Interesse zu beleben, und zugleich einen Begriff zu geben von der Art und Weise, wie solche Fragen aufgefasst und behandelt werden, so ist mein Zweck erreicht.

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