Die Burgen und Schlösser am Rätikon

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W. Zwicky ( Sektion Scesaplana ).

Von enn ich es im folgenden unternommen habe, den Lesern des Jahrbuchs die Burgen und Schlösser im bedeutendsten Teil des gegenwärtigen Clubgebietes vorzuführen, so geschah dies zunächst, weil ja unser S.A.C. sich die Aufgabe gestellt hat, „ das schweizerische Hochgebirgsland allseitig genauer zu erforschen und näher bekannt zu machen "; sodann aber hauptsächlich, weil für den Clubisten, der nicht bloßer Sportsmann ist, diese sagenumsponnenen Zeugen einer romantischen Vorzeit das höchste Interesse bieten, um so mehr, als viele derselben mit der Geschichte des Landes aufs engste verknüpft sind. Daher ist denn auch die Geschichte dieser Burgen und der einst dort herrschenden Geschlechter seit mehr als drei Jahrhunderten Gegenstand eifriger Forschung gewesen, und die besten Männer des rätischen Freistaates haben jeweilen daran gearbeitet, Licht in das Dunkel zu bringen. Die älteren Chronisten und Geschichtschreiber bieten unter einem Schutt von kuriosen und anekdotenhaften Beimischungen, von Spitzfindigkeiten und etymologischen Künsteleien sehr viele interessante Notizen, so besonders Ulrich Campell in seiner ums Jahr 1570 geschriebenen „ Historia lt;«ti#a "; Johannes Guler in seiner „ ausführlichen und wahrhaften Beschreibung der dreyen löbl. grauwen Bünden ", 1616; Fortunatus Sprecher von Bernegg in seinen beiden Werken: „ Pallas Rœtica " und „ Historia motuum et bellorum ", 1617 und 1629. Treffliche Dienste geleistet haben mir namentlich auch Nikolaus Sererhards „ Einfalte Delineation aller Gemeinden gemeiner dreyer Pündten ", 1742; der „ Neue Sammler, ein gemeinnütziges Archiv für Bünden ", sieben Jahrgänge 1804—1812; Röder und Tscharner, „ der Kanton Graubünden ", 1838, und Dietrich Jecklin „ die Burgen und Schlösser in alt fry Rätia ", 1870—1872. Letzteres Werk, das leider Fragment geblieben, ist für die behandelten Gebiete geradezu erschöpfend; ich habe es ausgiebig benutzt.

Die Felsenpforte der „ Klus " teilt die Thalschaften am Südabhang des Rätikon in zwei Teile: die sog. „ Herrschaft " und das Prätigau. Wenden wir uns zunächst der erstem zu. Wir treten in den Garten Graubündens, wo feuriger Wein, auserlesenes Obst, duftendes Heu und treffliche Früchte des Bodens in Fülle die Mühe des fleißigen Landmanns belohnen. Der Botaniker findet voll Erstaunen eine Menge Pflanzen, die er sonst in einer viel tiefern Höhenlage heimisch weiß. Wir sind hier eben, wie Dr. Christ in seinem „ Pflanzenleben der Schweiz " zuerst es aussprach, im Gebiet des Föhns, des wahren Traubenkochers. Sehnsüchtig blickt der Bewohner des benachbarten Prätigaues im April, da sein Thal meist noch in das kalte Kleid des Winters gehüllt ist, zur „ Klus " hinaus, wo der warme Frühling schon mit aller Macht einzieht; und wenn im Thal der Lanquart rauhe Stürme das letzte vergilbte Blatt vom Baum gefegt haben, prangt „ die Herrschaft " noch in allen Reizen des Spätherbstes. Diese Gegend von der Lanquart bis zur Luziensteig war in grauer Zeit schon bewohnt, und der Boden nutzbar gemacht. Aus der vor-'römischen Zeit berichtet die Geschichte nichts. Die Römer hingegen hatten, wahrscheinlich in der Gegend des Steigwaldes nördlich vom Städtchen ( siehe Exkursionskarte zu Jahrbuch XXIII ), ein Standlager; man fand dort vor 30 Jahren zwei Goldmünzen aus dem IV. Jahrhundert. Außer Zweifel ist auch, daß hier eine Station der Römerstraße von Bregenz nach Chur gewesen ist. Unter der Herrschaft der deutschen Kaiser erstanden zahlreiche Gehöfte und abgegrenzte größere Grundstücke.

Diese Hofe gewannen mit der Zeit an Ausdehnung und Bevölkerung. Herrenhäuser, einzelne Burgtürme und Warten bezeugten die Existenz selbständiger Herren. Den Hohenstaufen im Regiment von der Lanquart bis auf die Steig folgten einzelne rätische Dynasten, so die Freiherren von Aspermont, als Herren über die Gerichte Jenins und Malans; die Freiherren von Vatz, als Besitzer von Maienfeld. Letzteres Geschlecht war im XII., XIII. und XIV. Jahrhundert das bedeutendste des Landes, es beherrschte den dritten Teil Rätiens. Der letzte Sprosse dieser Dynastie, Donat von Vatz, war der mächtigste; er hat, namentlich auch durch seinen Kampf gegen das Bistum, worin er von den Waldstätten aufs wirksamste unterstützt wurde, den tiefgreifendsten Einfluß auf die Geschicke Rätiens ausgeübt. Von seiner Stammburg aus, der im Centrum von ganz Churrätien gelegenen mächtigen Feste Vatz am östlichen Ende des Schyn, die mit mehreren kleinen Burgen diesen Gebirgspaß dominierte, beherrschte er die Gerichte Vatz, Ortenstein, Domleschg, Schieins, Laax, Hohentrins, Heinzenberg, Thusis, Tschappina, Savien, Schams, Rheinwald, Davos, sowie das Prätigau, Maienfeld, Beifort, Schanfigg und Churwalden. Wer sich für diesen Freiherrn Donat von Vatz, der mit kraftvoller Hand die Geschicke Rätiens auf ein Jahrhundert hinaus, bis zum Erlöschen des Hauses Toggenburg und der Entstehung der rätischen Bünde, bestimmt hat, und namentlich für seinen siegreichen Kampf gegen das Bistum interessiert, dem sei Prof. Plattners Abhandlung, betitelt: „ Die Fehde zwischen Donat, Freiherr von Vatz, und Rudolf, Graf von Montfort, Bischof von Chur und Konstanz, 1322/23 ", im Jahrbuch S.A.C., Bd. V, S. 608—626 warm empfohlen. Bei der Teilung von Donats Erbe gingen dessen Besitzungen an die Grafen von Toggenburg über. Nach dem Tode des letzten Toggenburgers kam die Herrschaft Maienfeld an die Freiherren von Brandis. Die Stammburg dieses Edel-geschlechtes stand auf einem Hügel in der Nähe des durch Jeremias Gotthelf bekannten Lützelflüh oberhalb Burgdorf. Von der einstigen Herrlichkeit dieses Schlosses Brandis, das in Gotthelfs Schriften mehrfach vorkommt, ist nur ein wüster Schuttkegel mit prachtvoller Aussicht zurückgeblieben. Diese Herren von Brandis, welche ihren Stammsitz frühe verlassen haben, spielen in der rätischen Geschichte eine ziemlich bedeutende, wenn auch infolge ihrer treuen Anhänglichkeit an Ostreich nicht immer glänzende Rolle.Von ihnen wurde anno 1446 der Angriff auf Ragaz gegen die Eidgenossen unternommen und geleitet. Im Schwabenkrieg händigten sie den Östreichern das Städtchen Maienfeld ein, das allerdings einige Tage darauf von den vereinigten Bündnern und Eidgenossen wieder eingenommen wurde. Nach dem Kriege verkauften sie ihre Besitzungen und sämtliche Rechte an die drei Bünde, welche dann einen Landvogt dahin setzten, der bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts im Schloß seinen Sitz hatte.

Fassen wir nun das alte Schloß in Maienfeld ins Auge, den langjährigen Sitz der Herren von Brandis. Der Turm, ein massiver, herrlicher, wie für die Ewigkeit erstellter Bau. wohl das mächtigste Bauwerk dieser Art im Bündnerland, ist von den Römern erstellt worden und hatte den Zweck, die Straße nach Oberrätien zu beschirmen und den Rhein zu beherrschen. Es wird behauptet, Kaiser Konstantin habe um 340 diesen Turm erbaut und mit Graben und Wall umgeben, als*er den Rhein durch Türme befestigen ließ, um gegen die Einfalle der Alemannen gesichert zu sein. Andere nennen als Erbauer den Kaiser Valentinian. Nach dem Untergang der römischen Herrschaft in Rätien war er durch Verwalter der jeweiligen Kaiser und Könige bewohnt und diente ohne Zweifel auch als Aufenthaltsort der Grafen an der Lanquart. Dann wurde er Besitztum der Freiherren von Vatz und kam im Lauf der Zeit erbweise an die Grafen von Toggenburg, die mit Vorliebe hier wohnten, nachdem sie auf der südwestlichen Seite des Turmes das palastähnliche „ neue Schloß " erstellt hatten. Besonders Friedrich der Alte verwendete große Kosten auf Verschönerung und Erweiterung der Schloßgebäude. Er verband die verschiedenen Gebäude durch Ringmauern, so daß nach und nach der Römerturm in der Mitte einem altersgrauen Herrscher inmitten seiner Unterthanen ähnlich sah. An das neue Schloß anstoßend lagen prächtige Gärten und gegen den Hof zu zwei Kapellen. Die Herren von Brandis scheinen den herrlichen Sitz nicht sowohl erweitert, als vielmehr in mancher Beziehung vernachlässigt zu haben. Im Schwabenkriege wurde das Schloß durch die Bündner und Eidgenossen geplündert und ausgebrannt, aber nicht zerstört, sondern später wieder in ordentlichen Stand gesetzt; es diente in der Folge, wie bereits bemerkt, den bündnerischen Landvögten über die Herrschaft Maienfeld zur Wohnung. Nach Aufhebung der Landvogtei wurde das Schloß verkauft. Es ist nun in nicht gerade geschmackvoller Weise als Wohnung und Sommerwirtschaft einfachster Art hergerichtet ( Eigentümer Präsident R. Tanner ). Der alte Turm, der 30 m hoch und 13 m breit ist, dessen Mauern unten 2,5 m, im 4. Stockwerk noch beinahe 2 " dick sind, ist sehr gut erhalten; ein großer Teil des Schlosses aber ist Ruine, in einem Teil wurde der Stall eingebaut.

Am nordöstlichen Ende des Städtchens erhebt sich der schöne Sitz Salenegg. Bis zu Ende des 16. Jahrhunderts Prestenegg genannt, gehörte es wohl ursprünglich den Herren von Vatz, und kam durch Erbschaft an die Grafen von Werdenberg-Sargans. Seinen Besitzer mehrmals wechselnd, gelangte es anno 1594 durch Kauf an den Ritter Ves-pasian von Salis, der es nun nach seinem Namen Salenegg nannte.Von dessen Schwiegersohn, dem Ritter Molina, um den großen Rittersaal erweitert, gelangte Salenegg durch die Töchter desselben um 25000 Gulden und 6 Fuder Wein im Jahr 1656 an den Landshauptmann Gugelberg.

Seine Nachkommen gaben ihren Wohnsitz in Maienfeld auf und bezogen Salenegg, das bis auf den heutigen Tag im Besitz der Familie Gngel-berg von Moos ist und von ihr bewohnt wird.

Von dem Schlosse Grafenburg, das auf einem Felsenvorsprung am nördlichen Abhang des Fläscherberges nordwestlich von Maienfeld gestanden, findet sich jetzt keine Spur mehr. Es ist wohl an dem so überaus wichtigen Paß der Luziensteig eine Art Landwehr gewesen, kaum aber der Sitz eines eigenen Herrengeschlechtes; wenigstens kommt unter dem Namen Grafenburg oder Grafenberg kein rätisches Geschlecht vor. Möglich auch, daß es seinen Namen von den Grafen an der Lauquart hatte.

Eine starke halbe Stunde östlich und oberhalb des Dorfes Jenins, am Weg zur Jeninser Alp Ortensee, erhebt sich auf jetzt bewaldetem Abhang über einem brausenden Waldwasser die schöne Ruine Alt-Aspermont, schlechthin Aspermont genannt. Diese Feste gab der Gegend von Jenins und Malans den Namen „ Herrschaft Aspermont ". Sie soll schon im IX. Jahrhundert erstellt worden sein und gilt für die Stammburg der Freiherren von Aspermont, die von den Chronisten zu den rätischen Dynasten gezählt werden, gleichzeitig aber auch als Dienstleute der Kirche zu Chur erscheinen. Sie waren reiche, angesehene Edelleute, und ihr Name hat in der Geschichte Eätiens einen guten Klang. Sie besaßen außer Jenins und Malans, wahrscheinlich infolge einer Heirat mit einer Freiin von Vatz, auch die Festen Fragstein, Solavers und Castels im Prätigau, sowie den benachbarten Turm Klingenhorn. Als Beweis dafür, daß dieses Geschlecht schon früh in sehr großem Ansehen stand, erzählen die Chronisten Ardüser und Guler, daß Schweikhard von Aspermont Rat und Vertrauter des Kaisers Friedrich Barbarossa gewesen und von diesem zu den wichtigsten Geschäften und Missionen gebraucht worden sei. Andere Ritter von Aspermont, besonders Konrad und Eberhard in der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts, haben sich in verschiedenen Kriegen großen Ruhm erworben. Um die Mitte des folgenden Jahrhunderts verschwinden die Aspermont aus Churrätien. Teils durch Tod; so starb anno 1.544 eine Linie mit Ulrich IX. aus. Sein Erbe im Prätigau fiel an die Grafen Friedrich von Toggenburg und Ulrich von Matsch. Teils durch Wegzug; denn wir finden zur selben Zeit Ulrich X. und seinen Sohn Ulrich XI. zu Grüningen im Zürichbiet. Èrsterer, der sich mit Margaretha von Landenberg zu Greifensee vermählt und in Grüningen den Turm Aspermont gebaut hatte, wurde im Jahr 1363 Bürger der Stadt Zürich. Eine dritte Linie war fast gleichzeitig durch Heirat zu Besitzungen in der bayerischen Bodenseegegend gelangt, ließ sich in der Folge dort unten nieder und gebrauchte nunmehr den verdeutschten Namen Rauhenberg, aus dem wohl im Lauf der Jahrhunderte der Name Rhomberg entstanden sein mag. Wenigstens hat vor dreißig Jahren ein Herr von Rhomberg zu Torenbüren in Bayern, in der festen Über- zeugung, von den edeln Rittern von Aspermont abzustammen, es sich etliche hundert Fränklein kosten lassen, um die Ruine an sich zu bringen. Es würde zu weit führen, alle die Wechselfälle namhaft zu machen, denen die Burg vom XIV. Jahrhundert an ausgesetzt war; es genüge zu sagen, daß Johann von Marmels ( Schloß im Oberhalbstein ), Landvogt der Herrschaft Maienfeld und Besitzer der Herrschaft Aspermont, im Jahr 1536 für sich und all' seine Erben genannte Herrschaft an die drei Bünde verkaufte.Vermutlich war aber das Schloß in diesem Kauf nicht inbegriffen, denn übereinstimmend wird gegen Ende des XVI. Jahrhunderts als dessen Besitzer der uns bereits bekannte Ritter Vespasian von Salis auf Salenegg genannt und als letzter Bewohner desselben sein Tochtermann, der Ritter Molina. Sodann sehen wir die Gemeinde Jenins als Besitzerin, welche Schloß und Güter parzellenweise verkaufte. Jetzt steht der einst so stolze Bau in Ruinen; aber keine Burg im ganzen Klubgebiet gewährt einen instruktiveren Einblick in die Bauart und Einrichtung der mittelalterlichen Schlösser, als Aspermont. Die Pforte, die in das Innere des Schloßgebäudes führt, ist noch ordentlich erhalten. Vom Hausflur ging die fast 2 m hohe und 1,2 m breite Hauptthür in den Schloßturm, dessen Mauern 1,2 m dick sind, wie durchgängig alle im Schlosse. Der Turm mißt im Innern ca. lm ins Geviert, ist fast 25 m hoch und hat bis an die Zinnen fünf Stockwerke. Eingestürzte Mauerstücke haben eine Anhäufung von Schutt im Innern bewirkt, so daß nicht wohl ermittelt werden kann, ob er unten ein Verlieli enthielt oder nicht. Den dritten Stock füllte der Rittersaal aus, in welchem zwei große Fenster und Nischen sichtbar sind. Sogar Reste primitiver Wandmalerei in schwarz auf weiss haben sich trotz Wind und Wetter noch ganz gut erhalten; eine Thüre ging vom Rittersaal auf den zweiten Boden des Hausflurs hinaus. In den übrigen Stockwerken finden wir größere und kleinere Fenster und Lücken, sowie Thüren nach dem Mittelbau; die Zinnen hatten Scharten, in welchen nun Gesträuch wuchert. Oberhalb des Hausflurs kann man noch Teile des Backofens, der Küche, der Kamine sehen, und vom Mittelbau aus führten zahlreiche Thüren nach dem Keller, dem Turme und den übrigen SchloCteilen hinab und hinauf. Die Keller und Gewölbe sind eingestürzt und verschüttet. Das eigentliche Wohngebäude hatte in den zwei ersten Stockwerken Gewölbe, wovon noch Spuren vorhanden, in den drei obern waren größere und kleinere Wohnzimmer mit Fenstern aller Größen. Eine weitere Abteilung im Schlosse enthielt Keller, Gewölbe und in drei Stockwerken Zimmer für dienstbare Geister. Her-vorstehendes Holzwerk, das ich anschnitt, war, obwohl schon seit Jahrhunderten Wind und Wetter und strengem Winter ausgesetzt, noch vollständig frisch und gesund. Im Innern des Schloßhofes und des Turmes führen Holundersträucher ein beschauliches Stillleben. Auf der stellenweise nicht mehr 2 m hohen Ringmauer wurzelt eine stolze, den Ifauptturm hoch überragende Tanne. Den Eingang in den SchlolSkomplex bildet eine 2,4 m hohe und 1,5 m breite Pforte. Auf der ehemaligen Schwelle erhebt sich eine knorrige Buche mit vier starken Ästen, die innerhalb und außerhalb der Eingangspforte fast senkrecht in die Höhe steigen. Will der Burggeist wohl dem fremden Besitzer einst den Eingang in sein Eigentum verwehren?

Auf anmutigem Weg durch Weinberge und den schattenspendenden „ Buchwald " gelangt man in vierzig Minuten von Malans zu der auf einem Ausläufer des Vilan 760 m hoch gelegenen Ruine Wyneck. Von dieser Burg weiß man nur wenig aus Urkunden. Sie hatte ein eigenes Geschlecht, das in Urkunden des XIII. Jahrhunderts vorkommt. Nach dem frühen Erlöschen der Edeln von Wyneck gelangte das Schloß in den Besitz des Bistums, von dem es die Freiherren von Vatz und nach deren Aussterben die Grafen von Toggenburg zu Lehen empfingen. Wann Wyneck, ohne Zweifel durch Kauf, an die Guler von Davos kam, ist nicht ganz sicher; jedenfalls um die Wende des XVI. Jahrhunderts. Diese Guler ließen das Schloß herrichten, bewohnten es und nannten sich in der Folge „ Guler ab Winegg ". Mehrere von ihnen haben sich als gewandte Krieger, umsichtige Staatsmänner, gewissenhafte Gesandte, Gelehrte in vielen Künsten und Wissenschaften ausgezeichnet und sich für das Wohl des Vaterlandes aufgeopfert. Die Namen Lukas und Peter Guler glänzen ruhmvoll in Bündens Geschichte; vor allen strahlt hellleuchtend Johann Peter Guler; er war einer der Führer des Volkes im Prätigauerkriege 1622, ein Ritter ohne Furcht und Tadel, gleich erhaben durch hohe Geistesbildung wie durch Mut und riesenmäßige Kraft des Armes. Er schrieb nach Beendigung des Krieges dessen Geschichte. Campell fand um 1570 den obern Teil des Schlosses, der wahrscheinlich Nebengebäude enthielt, bereits zerfallen; im übrigen war es 150 Jahre später, wie Sererhard berichtet, „ noch in seinem Wesen bey Tach und bewohnlich, ein lustig Schlösslin ". Es zerfiel aber durch Vernachlässigung seiner Besitzer. Nach Theobald sollen zwei alte Damen, die es zuletzt bewohnten, nach Malans gezogen sein, weil es ihnen zu weit zur Kirche gewesen sei, was wir gern glauben. Jetzt stehen von all der einstigen Herrlichkeit nur noch die nackten Mauern, in welchen die Fenster, Nischen, Gewölbe, Thüren zahlreich zu finden sind. Die Keller sind zerfallen, teilweise mit dem Schutt der eingestürzten Mauern ausgefüllt. Wo einst die Ritter tafelten und sich von anmutigen Edelfräulein den feurigen Malanser kredenzen ließen, da wuchern jetzt zahlreiche Buchen und Tannen, unter letzteren prächtige Exemplare von mindestens 25 m Höhe. In wenigen Jahrzehnten wird der Schloßhof ganz uberwaldet sein. In den einstigen Rittersaal herab hangen junge Tannen, deren Fundament, Teile der einstigen Saaldecke, nachgegeben hat und teilweise heruntergestürzt ist. Auch die nordöstliche Längsmauer trägt über 30 m hohe Tannen. Auf drei Seiten fällt der Burghügel ziemlich steil ab. Der Name der Burg deutet darauf hin, daß auf dem bis zu der gefürchteten Uellrüfe sich gleichmäßig herabsenkenden Hügelgelände trotz der Höhenlage einst ausgedehnte Weinberge gestanden haben. In der That finden sich dort heute noch zwei allerdings kleine Rebbestände. Cirka 30 m unterhalb der Burg ist noch verschiedentliches Gemäuer, zum Teil von wunderbar üppigem Epheu überdacht. Es möchte schwer sein, zu entscheiden, ob dies Reste der einstigen Gartenmauer oder selbständiger Vorwerke sind. Ruine und Schloßgut Wyneck sind Eigentum der Gemeinde Malans, welche letzteres verpachtet.

In der gleichen geographischen Breite, aber durch das Tobel des vorhin genannten Uéllbaches getrennt und cirka 170 m höher am Berg, genau nördlich über dem Dorf Malans, schaut der Turm Klingenhorn, früher Klingishorn genannt, weit ins Land. Die Geschichte dieses vierkantigen Turmes ist in Dunkel gehüllt; man weiß nicht, wann, durch wen und zu welchem Zweck er erbaut wurde. Seine Lage ist eigentümlich isoliert, an einem waldbewachsenen Felsabhang hart über dem tiefeingeschnittenen Tobel. Dieser Umstand, zusammengehalten mit der Sage, daß von diesem Turm aus ein unterirdischer Gang nach dem ehemaligen Schloß Unter-Ruchenberg in Malans führte, möchte darauf schließen lassen, daß er vielleicht den Bewohnern dieses Schlosses angehörte, denen er in stürmischer Zeit als Zufluchtsort diente. In den ersten Zeiten muß der Turm ein eigenes Geschlecht gehabt haben, dessen Wappen dem der Edeln von Ober- und Unter-Ruchenberg ( ersteres Schloß südlich von Trimmis ) und Aspermont ähnlich war; denn in einem wegen den Festen Aspermont und Ruch-Aspermont ( nördlich von Trimmis ) zwischen dem Bistum und den Freiherren von Vatz ausgebrochenen Streite wird ein Ulrich von Klingishorn als Obmann genannt. Jedenfalls aber ist dies Geschlecht schon früh erloschen. Ohne Zweifel gehörte auch Klingenhorn denen von Vatz, welchen ja das ganze Gebiet von der Luziensteig bis zur Lanquart eigen war. Von ihnen ging der Turm an die Freiherren von Aspermont über .und nach verschiedenen Handänderungen an die drei Bünde. Jetzt gehört er samt dem Hügel einem Herrn von Salis, Bürger zu Malans. Der stattliche Turm verwittert und zerbröckelt allmählich. Seine Mauern sind 1,5 m dick; deutlich erkennt man noch im Innern die verschiedenen baulichen Begrenzungen. Vom Söller der Burgen Aspermont, Wyneck und Klingenhorn muß die Aussicht eine bezaubernd schöne gewesen sein. Zu den Füßen das heitere, blühende Thal, wo schon vor vielen Jahrhunderten jenes Rebgelände emporstieg, dessen köstlicher Wein die Domherren Churs zu Gesängen begeisterte; den sie zur Fastenzeit nach dem letzten Amt ( Completorium ) tranken ( sonst wohl nie ?), und der deshalb bis auf den heutigen Tag den Namen Compléter führt. Hinüber schweifte der Blick zum ehrwürdigen Kloster St. Pirminsberg und der Ritterburg Wartenstein, nach dem damals so bescheidenen Ragaz und dem Schloß Freudenberg. Er umfaßte das ganze mit Burgen und Ortschaften übersäete Gelände vom Walensee bis zur altehrwürdigen Curia mit ihren Ringmauern und Türmen. Und darüber der herrliche Kranz der Berge: Rechts Alvier und Gonzen, die Sage der Knrfirsten, unmittelbar vor dem Beschauer die reichgegliederte Kette der Grauen Hörner und der breite Rücken des Calanda, zahllose Gipfel und Gräte im Mittelpunkt der Bündnerberge und links die Steilwand des Valzeiner „ Hauptes ". Fürwahr ein erhabenes, formenreiches und farbenprächtiges Bild, dem die Silberader des jungen Rheinstroms auch das belebende Element verleiht!

Im obern Teil des Dorfes Malans steht der schöne Edelsitz Bothmar oder Bödmer, der in seinen Anfängen schon im XIV. Jahrhundert bestanden haben soll. Von Ambrosius von Gugelberg, der den Mittelbau erstellte, kam der Bödmer an die Familie Planta, dann anno 1690 durch Heirat an Gubert von Salis in Maienfeld, der die beiden Flügel anbaute. Herr Bavier, ehemaliger Bundespräsident und gegenwärtig schweizerischer Gesandter in Rom, benutzt den schönen Sitz mit seiner herrlichen Aussicht in seinen Ferien als Villégiatura.

Nicht weit davon, doch schon im Dorfe selber, ist das schloßähnliche sog. Brügger'sche Haus, seiner Zeit die Wohnung des im Prätigauer Freiheitskampf berühmt gewordenen Generals Rudolf von Salis, und später des vaterländischen Dichters J. Gaudenz von Salis-Seewis.

Ganz nahe beim Bödmer, ja auf dem Gebiet desselben, „ allwo jez ein Bauren-Hauß stehet, in welchem in einem Keller noch ein Stük Maur von dem alten Schloß von ungemeiner Dicke ", stand vor altem das Schloß Unter-Ruchenberg. Campell und Stumpf jedoch sagen: „ Oberhalb des Dorfes Malans im Walde liegen Überreste des zerstörten Schlosses Unter-Ruchenberg. " Aus keiner Überlieferung erhellt etwas Bestimmtes über Entstehung und Bewohner von Unter-Ruchenberg. Wenn die bereits angeführte Sage, daß dieses Schloß durch einen unterirdischen Gang mit dem Turm Klingenhorn verbunden gewesen sei, etwelchen Grund haben sollte, so dürfte es mit diesem gleiche Besitzer gehabt haben. Andere wollen in den einstigen Besitzern und Bewohnern von Unter-Ruchenberg eine Seitenlinie der Ritter von Ober-Ruchenberg erblicken, wie auch die Wappen beider Geschlechter ähnlich sind und auch mit dem von Klingenhorn übereinstimmen. Bestimmtes wissen wir jedoch nichts über dieses Schloß, als daß es schon früh eine Ruine war.

Ein Stündchen südlich von Malans, dicht an der Steilwand des Val-zeinerberges, doch ganz in der Ebene, liegt ein Schloß, das zwar nicht mehr zur „ Herrschaft " gehört, aber in jeder Hinsicht so merkwürdig ist, daß ich es nicht übergehen wollte. Es ist das stattliche Schloß Marschlins, unstreitig das interessanteste Kastell im ganzen Clubgebiet. Wahrschein- lieh das älteste, ist es auch, abgesehen von einigen neuern Schloßbauten, das einzige, welches dank großer baulicher Veränderungen noch heute bewohnt wird. Vor seiner Modernisierung anno 1633 sah es folgendermaßen aus: Vier starke Türme bildeten die Winkel eines rechtwinkligen Parallelogramms; diese Türme, auf der längern Seite 29™, auf der kurzem 17 m von einander entfernt, waren durch eine 3,6 m hohe und 1,5 m dicke Mauer miteinander verbunden, auf welcher man von einem Turm zum andern gelangen konnte. In der Mauer gegen Nordwesten war das Thor angebracht. Der höchste Turm, gegen Südosten, erhebt sich 19 m über den Hof, und seine Mauer hat an der Basis 2 m, zu oberst 1 m Dicke; der obere Durchmesser des Turmes beträgt 6,6 m. Er ist ganz rund und war gleich den übrigen mit Zinnen versehen, wovon noch Spuren vorhanden sind. Die drei andern Türme, von etwas geringerer Höhe und Dicke, sind auf der Seite gegen den Hof abgeschnitten. An der Nordseite dieses Hofes befand sich ein 18,6 m tiefer Ziehbrunnen. Um das ganze Gebäude lief in einer Entfernung von 3,6 m ein 3 m tiefer und 10 m breiter Graben; dann folgte ein 11,7 m breiter, von der aufgeworfenen Erde gebildeter Damm, und hierauf wieder ein Graben von 8 m Breite und 3 m Tiefe. Der Vater Karls des Großen, Pipin der Kleine, soll im Jahr 755 diese Burg haben anlegen lassen. Es ist bekannt, daß die beiden Pipine öfters gegen die Longobarden zogen, wozu ihnen wie auch in ihren Kriegen gegen die Alemannen ein sehr fester Platz in Rätien nötig sein mochte. Man nennt einen gewissen Marsilius ( in alten Urkunden wird die Burg Ca8trum Marsilium genannt ), aus dem Geschlecht der alemannischen Herzoge, als Erbauer und Namensstifter der Burg. Die Legende erzählt, daß der hl. Pirminus einst auf der Stelle, wo nun Marschlins steht, einen Klosterbau begonnen habe. Nachdem jedoch einer der Bauleute an der Hand verwundet worden war, habe eine weiße Taube einen der blutigen Späne in ihren Schnabel genommen, sei damit über den Rhein geflogen und habe den Span dort in einem Walde vom Gipfel eines Lärchen -baumes fallen lassen. Pirmin habe solches als höhere Deutung angesehen und an der Stelle dieses Lärchenbaumes den Bau des Klosters St. Pirminsberg oder Pfävers begonnen. Lehmann berichtet in seinem Werk „ die Kepublik Graubünden ", daß der Kaiser Friedrich Barbarossa im Jahr 1154 bei Anlaß seines Zuges gegen die Mailänder das Schloß bewohnt, verschönert und vergrößert habe. Dem sei nun wie ihm wolle, so ist gewiß, daß man von Marschlins nicht die geringste Nachricht findet, bis zum Jahr 1333, wo man erfährt, daß es zwischen dem Bistum und dem mächtigen Donat von Vatz streitig gewesen.

Wahrscheinlich hatten die deutschen Kaiser und Könige das Schloß in ihren Händen behalten, bis in irgend einer Verwirrung ( etwa nach der Hinrichtung Conradins von Hohenstaufen ) die Freiherren von Vatz es an sich rissen, während das Bistum, vielleicht infolge einer kaiserlichen Ver- gabung, Anspruch darauf erhob. Als Eigentümer, Pfandinhaber und Lehensbesitzer des Schlosses wechselten außer den Freiherren von Vatz und dem Bistum die Herzoge von Ostreich, die Grafen von Toggenburg, die Freiherren von Brandis, die Grafen von Sulz, die Gugelberg von Moos. Im Jahr 1460 brannten die Wohngebäude ab, wodurch ein heftiger Streit über Besitzrecht und Entschädigung ausbrach, der durch den sog. Marsch-linser-Spruch beigelegt wurde. Es ist bemerkenswert, daß das betreffende Schiedsgericht zusammengesetzt war aus zwei Schiedsrichtern der Stadt Chur und je drei aus dem Gotteshausbund, dem obern Bund und dem Zehngerichtenbund, woraus wir sehen, daß die drei Bünde schon vor Errichtung eines allgemeinen Bundesbriefes als vereinigter Staatskörper handelten. Anno 1633 ging das Schloß durch Kauf an den berühmten Marschall Ulysses von Salis liber. Dieser ließ den Bau, der im Lauf der Jahre sehr vernachlässigt worden war, in neuerer Form erstellen; die Verbindungsmauern zwischen den Türmen ließ er niederreißen, zweckdienlich wieder aufführen und zu Wohnzimmern einrichten. Auch kaufte er Grundstücke, die an das Schloßgut grenzten, zusammen, pflanzte Fruchtbäume aller Art und setzte das Ganze wieder in guten Stand. Sein Sohn, Oberst Herkules v. Salis, verschönerte noch mehr am Besitztum und besonders an dessen Umgebung. So berichtet Sererhard, der auch sagt, daß man das Schloß gemeiniglich „ bei den vier Thürn " nenne: „ Es hat einen lustigen Spaziergang under dem Torkel ( Weinkelter ) bis hinab in die Landstraß, der auf beiden Seiten mit sehr hohen Lindenbäumen besetzet ist. " Von diesen Linden steht noch eine und zwar am Eingang des Thorweges, ein prachtvolles Exemplar mit mächtigem Stamme. Im Jahr 1770 nahm der Minister Ulysses v. Salis das Planta'sche Philanthropin, mit dem uns C. Brüsch in seiner vorzüglichen Arbeit über Haldenstein ( Jahrbuch XXIV, S. 298—300 ) bekannt gemacht hat, in sein Haus auf. Mit 96 Zöglingen siedelten Planta und Nesemann von Haldenstein nach Marschlins über. „ Nun schien in pädagogischer Beziehung der Stern über unserm Kanton aufgehen zu wollen. In Geist und Lehrweise an August Hermann Francke in Halle sich anlehnend und betreifend die Disziplin von den Zöglingen verlangend, daß sie Selbstzucht auf einander ausübten, hatte Planta eine nationale Bildungsanstalt geschaffen, in welcher nicht nur die Helvetische Gesellschaft alle ihre Wünsche dieser Art erfüllt sah, sondern welche bis zu seinem Tode 1772 im höchsten Grade blühte. Nicht weniger als 16 Lehrer teilten sich in die große Aufgabe, in all den Fächern, welche in den heutigen Realschulen und Gymnasien gelehrt werden, Unterricht zu erteilen und die Jünglinge mit einem lebendigen Interesse für solche Geistesarbeit zu erfüllen, insbesondere auch dieselben durch strenge Militär-Übungen an stramme Zucht zu gewöhnen und teilweise sogar durch Handarbeiten für technische Berufe vorzubilden ( Planta ist der Erfinder der Scheibenelektrisiermaschine, einer Dampfmaschine und verschiedener mechanischer Vorrichtungen ). Und damit es nicht an den nötigen Hilfsmitteln fehle, legte der Minister eine großartige Naturaliensammlung an, ergänzte seine durch vorzügliche Schriften ausgezeichnete Bibliothek bis auf 4000 Bände und stellte alles zur Verfügung der Anstalt. Voll freudiger Hoffnung strömten daher Jünglinge nicht nur aus den Thälern Bündens, sondern aus allen Gauen der Schweiz, sogar von Genf, nach Marschlins, um hier die erwünschte Tüchtigkeit für ihren künftigen Lebensberuf zu erwerben. Es schien geradezu, als ob sich in Marschlins für die im argen liegende Schule der Schweiz ein Gesundbrunnen eröffnet hätte, als Planta starb, und auf Empfehlung Basedows 1775 der Theologe Dr. Bahrdt die Leitung der Anstalt übernahm, seinen philanthropistischen Firnis darüber strich und schon im Verlauf von zwei Jahren die Anstalt so sehr ruinierte, daß dem Minister nichts übrig blieb, als dieselbe 1777 aufzulösen. " ( Dir. Baumgartner: „ Geschichte der Erziehungsanstalt in Schiers ", 2. Auflage, S. 44. ) Durch Bahrdts heillose Wirtschaft wurde der menschenfreundliche, ideal angelegte Minister in große Schuldenlast gestürzt. Im Jahr 1823 kaufte der Kanton das ganze Naturalienkabinett und die Bibliothek der Marschlinser Anstalt für 230 Louisd'or an. Erwähnenswert ist, daß durch den Vater des wiederholt genannten Ministers Ulysses v. Salis, den Präsidenten Rudolf v. Salis, welcher unter landwirtschaftlichen Beschäftigungen ein Alter von 99 Jahren erreichte, auf dem Marschlinser Schloßgut anno 1717 der erste Mais, sowie auch die ersten Kartoffeln in Bünden gepflanzt wurden; es wird auch berichtet, daß weder Knechte noch Mägde davon essen wollten, weil sie sie für eine sehr ungesunde Speise hielten. Im Jahr 1787 wurde daselbst auch eine kleine Tabakfabrik errichtet, die bewies, daß die Tabakspflanze in dieser Gegend sehr gut gedeihen würde. Man spann auch vortreffliche Knaster-rollen, allein — so klagt der treffliche C. U. von Salis-Marschlins— der stinkende Frastenzer behielt nach wie vor die Gunst der Mehrheit. Ebenso lieferte, wie der eben genannte Gewährsmann berichtet, der Versuch einer Seidenspinnerei in Marschlins so schöne Seide, daß sie von den Fabrikanten teurer als die italienische bezahlt wurde. Es fanden sich aber Schwierigkeiten in der Fortsetzung: die Maulbeerbäume wuchsen zwar sehr gut, aber die späten Frühlingsfröste benahmen ihnen nur allzu oft ihr Laub und somit den jungen Würmern ihre Nahrung. Diesem Hindernis hätte durch an warmen, windstillen Stellen angelegte Maulbeerhäge sehr wahrscheinlich vorgebeugt werden können; unüberwindlich aber war ein anderes, nämlich die Abneigung der Dienstleute, sich der sehr beschwerlichen Wartung des Seidenwurms in seinen letzten Perioden zu unterziehen und beim Abwinden der Cocons ihre Finger ins heiße Wasser zu wagen. Für beide Arbeiten mußte man also Italiener kommen lassen, und die Unkosten fielen zu groß aus.

Zu Marschlins ist auch die erste auf trigonometrische Messungen gegründete Karte in Bünden entstanden, nämlich die kleine Karte des Rheinthals von Chur bis zur Luziensteig von Magister Rösch. Das Schloß ist jetzt, wenn ich nicht irre, Eigentum der als Vorkämpferin für Frauen-emanzipation vielen bekannten Fräulein Meta von Salis-Marschlins, Dr. phil. Wir wenden uns nun dem Prätigau zu, dem Thal, von dem der Dichter singt:

„ Du Land der sonnigen Wiesen, der kühlen Waldesluft, Wie zeuchst du starke Kinder auf an der freien Brust! Die Männer fest wie Felsen, mit löwenkühnem Mut, Die Frauen frisch und blühend, wie Alpenrosenglut.

Das ist ein Land der Dichter; da geht wie Mondesstrahl Ein leises Geisterwachen so zaubervoll durchs Thal; Da webt um Wirklichkeiten, so blühend und so hold, Die lichten, leichten Schatten der Sage Abendgold. "

Die Bewohner dieses Thales gelten als Nachkommen des wildesten Stammes der Rätier, der Rukantier, welche nach verzweifelter Gegenwehr von Drusus, dem Stiefsohn des Kaisers Augustus, besiegt und unterjocht wurden. Weniges ist über die älteste Geschichte der Thalschaft bekannt. Gleich andern Teilen der Grafschaft an der Lanquart kam sie an die mächtigen Grafen von Montfort, deren Stammburg bei Feldkirch stand. Ein Hauptzweig dieser Montfort, die Grafen von Werdenberg, belehnten später damit die Freiherren von Vatz. Nach Donat's Tod kam sein Erblehen im Prätigau teils an seinen Schwiegersohn Friedrich von Toggenburg den Alten, teils an die Ritter von Aspermont, deren Anteil infolge ihres Wegzuges aus Rätien an die drei mit Vatz verwandten Häuser Werdenberg-Sargans, Matsch ( deren Stammsitz im Vinstgau war ) und Toggenburg zurückfiel. Von entscheidender Bedeutung für das Prätigau wurde das Jahr 1436, in welchem Friedrich der Junge, der letzte Sproß des Hauses Toggenburg, starb. Als über seine Erbschaft drohender Zwiespalt sich erhob, traten die Abgeordneten der toggenburgischen Besitzungen in Rätien zu Davos zusammen und schlössen zur Wahrung ihrer Rechte und Freiheiten den Zehngerichtenbund. In den Jahren 1477 und 1479 kam das Prätigau an das Haus Ostreich, das anfänglich die Rechte der Bevölkerung anerkannte, ja ihre alten Freiheiten noch vermehrte. Durch Heinrich Spreiter aus dem benachbarten Montafon wurde ums Jahr 1525 in allen Ortschaften die Reformation eingeführt. Bis dahin war die Sprache die romanische gewesen, wie ja die Namen der meisten Dörfer und fast sämtliche Güternamen jetzt noch dieser Sprache angehören; durch die Reformation wurde sie noch im selben Jahrhundert vollständig verdrängt. Schwere Zeiten brachen über die Thalschaft mit dem Jahr 1621 herein, als Ostreich ein unbedingtes Herrschaftsrecht über dieselbe in Anspruch nahm und auch die religiöse Freiheit bedrohte.

Die evangelischen Prädikanten wurden verjagt und Kapuziner, von rohen Soldaten unterstützt, sollten das Land zum katholischen Glauben zurückführen. Die Prätigauer wurden zur Auslieferung ihrer Waffen gezwungen, die in die Feste Castels gebracht wurden; dann mußten sie in Klosters auf den Knieen um Verzeihung bitten und eidlich nicht nur allen Bündnissen, namentlich auch denen mit den beiden andern rätischen Bünden, mit den Eidgenossen und mit Frankreich entsagen, sondern auch dem östreichischen Hause den Huldigungseid schwören. Um die unbeugsamen Prätigauer geschmeidiger zu machen, wurde in die Burg Castels eine starke Besatzung östreichischer Landsknechte gelegt. Von der entsetzlichen Roheit dieser Landsknechte zeugt die Thatsache, daß dieselben einen Verwundeten lebendig schunden und ihm die abgehauene rechte Hand in die aufgeschlitzte Brust steckten. Dies alles trieb die Bevölkerung zur Verzweiflung und führte im nächsten Frühjahr zu einer allgemeinen Erhebung. Diejenigen, die keine verborgenen Waffen besaßen, holten sich solche in der „ Rüstkammer Gottes ": sie schnitzten sich nächtlicherweile in den Wäldern Keulen, die sie mit Nägeln spickten oder mit Äxten und andern geeigneten Werkzeugen versahen. Am Palmsonntag 1622 brach der Aufstand los. Castels wurde von den erbitterten Bauern zur Übergabe gezwungen, und dann der Feind thalauswärts gedrängt. In Schiers wurde die östreichische Mannschaft nach hartem Kampf, an dem sich auch Frauen beteiligten, überwältigt, und nun atmete die Bevölkerung wieder auf. Aber nicht lange, so rückte vom Engadin her ein neues Heer sengend und brennend heran. Ihm führte der General Rudolf von Salis seine durch Hülfstruppen aus der Schweiz verstärkten Prätigauer entgegen. Bei Raschnâl hinter dem Dorf Saas trafen die Heere aufeinander. Dreißig Bündner und Eidgenossen stürzten mit vorgebeugtem Haupt und hochgeschwungenen Keulen auf den Feind und starben den Heldentod. Umsonst. Die Prätigauer wurden auf der Wiese Aquasana nach langem Kampf überwältigt. Die Thalschaft mußte sich zu einem harten Frieden verstehen, und nach dem Elend des „ Hunger-winters " 1622/23 leisteten ihre Männer bei der Burg Castels knieend den Unterthaneneid. Wer sich über die Bedeutung orientieren will, welche dieser und die nachfolgenden Bündnerkämpfe in der Weltgeschichte haben, der lese im Jahrbuch Bd. VII S. 438 ff. den ausgezeichneten Aufsatz von Prof. G. Meyer von Knonau: „ Die Schweiz. Ostalpen als einer der Kampfplätze des dreißigjährigen Krieges. " Da nach dessen Beendigung Ostreichs Kräfte erschöpft waren, gelang es im Jahr 1649 den präti-gauischen Gerichten Schiers, Castels und Klosters sich loszukaufen. Von da an entwickelten sich die Zustände von Land und Leuten, vom Frieden begünstigt, in der erfreulichsten Weise.

Wenn wir von der lieblichen, lachenden „ Herrschaft " dem tannengeschmückten, ernsteren Prätigau zu wandern, so gelangen wir, voraus- gesetzt, daß wir das Dampfroß verschmähen, das ja bei den Burgruinen doch keinen Halt macht und ihnen auch sonst nicht grün sein soll, von Malans auf freundlichem, sonnigem Sträßchen, das uns dicht an den Completer-Halden vorbeiführt, zu der Klus, der etwa 2 km. langen, von schroffen, himmelanstrebenden Felsen eingeengten Eingangspforte des Prätigaues. Der Prätigauer nennt diesen Engpaß das „ Schloß " und die Bewohner der Herrschaft die „ Fiirschlösser ", d.h. die vor dem Schloß. Wohl jeder, der diese schauerlich-düstere Felsenpforte schon durchwanderte oder in offenem Wagen hart an der brausenden Lanquart fröstelnd durchfuhr, hat hoch oben links ( für den thaleinwärts Kommenden ), gleichsam an den überhängenden Felsen angeklebt, voll Staunen die noch ziemlich gut erhaltenen Überreste einer Burg bemerkt, die so recht dazu geschaffen scheint, das Thal und dessen Eingang zu beherrschen. Es ist Ferporta oder Fragstein. Über die Entstehung dieses Kastells berichtet die Geschichte ebenso wenig wie über die der übrigen Schlösser im Prätigau. Campell sagt, daß zu seinen Zeiten eine Mauer bis an den Fluß hinunterführte; Beste von dieser Letzimauer sind jetzt noch vorhanden. Da wo der Weg durchführte, war ein festes, eisernes Thor, das der Burg den Namen gegeben hat. Sie ist jedenfalls ein mittelalterliches Bauwerk, wie alle Burgen der Thalschaft, und hatte den Zweck, den Verteidigern des Engpasses, dessen strategische Bedeutung schon frühzeitig gewürdigt wurde, als gut gewählter Standpunkt zu dienen. Sie war stets der letzte Zufluchtsort der Besatzung in der Klus. Die Volkssage dagegen läßt diese Burg als das sichere Versteck von Raubrittern erscheinen, die nirgends besser als hier lange Zeit als Wegelagerer und Schnapphähne ihr Unwesen trieben und den Pfad, der hier vorbei führte, unsicher machten, bis die rächende Nemesis ihnen ihr Handwerk legte. Und wer hätte nicht schon, wenn er in dämmernder Abendstunde einsam durch die Klus zog und dort oben die Burgruine in Ungewissem Zwielichte dräuen sah, wenn seine Phantasie die Einsamkeit mit unheimlichen Gestalten bevölkerte, in seinem Herzen der Sage Recht gegeben? Nach ihr wurde der letzte Ritter von Fragstein vom gegenüber liegenden Felsen aus durch den Pfeil eines Jünglings getötet, dem er seine Braut geraubt hatte. Das Volk erhob sich darauf im Sturm, nahm die Zwingburg ein und legte sie in Trümmer und Asche. So die Sage.Von einem eigenen Geschlecht der Feste weiß man nichts. Ohne Zweifel war sie schon Besitztum der Grafen an der Lanquart und diente ihnen wohl zur Verschanzung des Engpasses gegen die Einfälle der Ungarn und Sarazenen im X. Jahrhundert. Rudolf, Graf von Montfort ( er gehört zu derselben Linie der Montfort, welche, wie auch die Grafen von Werdenberg und Toggenburg, anno 1388 in der ruhmreichen Schlacht bei Näfels die Hellebarden und Morgensterne der Glarner zu spüren bekamen ), nach Mitte des XII. Jahrhunderts „ Herr im Prätigau " genannt, war sicherlich

auch Inhaber des Schlößleins in der Klus. In der Folge wechselte es seinen Herrn jeweilen zugleich mit der ganzen Thalschaft und ward so auch östreichische Besitzung. Aber das Erzhaus, das an der Erhaltung desselben kein großes Interesse haben mochte, ließ es immer mehr zerfallen. Das Volk mochte wohl in der kleinen Feste ein „ übel und zwanghaft Gäbü ( Gebäude ) " erblicken, ja sogar seinen Verfall geflissentlich beschleunigt haben. Campell sah es nur noch als Ruine. Seit Anfang des XVII. Jahrhunderts dienten die Schloßmauern wiederholt als Sammelplatz von Besatzungstruppen, denen die Verteidigung des Engpasses oblag; so ließ Oberst Baldiron im Jahr 1621 die Mauerwerke beim Schlosse verstärken, und im folgenden Jahre lag darin eine kleine östreichische Besatzung, welche außer der Hut des Passes namentlich auch die Bestimmung hatte, die Prätigauer von der Vereinigung mit der außerhalb der Klus liegenden Hilfsmannschaft abzuschließen. Am 7. März 1799 verteidigte der Landsturm, angeführt von Bundeslandammann Roffler von Fideris, die Klus gegen die Franzosen, sah sich aber, durch zwei Verräter hintergangen und von den Feinden im Rücken angegriffen, gezwungen, den Posten aufzugeben. Seit dieser Zeit stehen die Ruinen außer Gebrauch. Von den drei Mauern ( die Rückwand bildete der lebendige Fels ) stehen noch die Längs- und eine Seitenmauer, die in ihren Resten noch gut erhalten sind. Die Burg zählte einst vier Stockwerke, von denen die zwei untern, nach den kleinen Lucken in der 13 m langen und 1,2 m breiten Längsmauer zu schließen, sehr tiefe in den Felsen eingelassene Räume fassen mochten. Von den obern Stockwerken sind noch Thür- und Fensterstellen zu sehen, und die Zinnen sind noch gut erhalten. Außer verschiedenen Pfosten ist noch ein eichener sehr gut erhaltener Tragebalken sichtbar. ( Ob die jetzt so beliebten eisernen T Balken wohl auch so lang sich halten weiden ?) Cirka 50 m östlich vom Hauptgebäude befindet sich, ebenfalls an den überhängenden Fels angebaut, noch eine kleinere, von der Straße und Bahn aus nicht sichtbare Ruine in zwei Stockwerken. Der Bewurf an der Außenseite ist noch erhalten, im übrigen zerfällt sie sichtlich und wird wohl in wenigen Jahren ein Trümmerhaufe sein. Von den noch stehenden zwei Mauern ist die eine geborsten und „ kann stürzen über Nacht. " Von der „ Schatz-hüterin von Fragstein " erzählt die Sage folgendes: „ Unweit der Klus, da wo von der Prätigauer Landstraße das Sträßchen nach Malans abzweigt, wanderte einst auf letzterem an einem dunkeln Abend ein Bürger von Malans seinem Dorfe zu. Plötzlich stand eine wunderschöne, weiß gekleidete Jungfrau vor ihm und sagte zur großen Beruhigung des erschrockenen Mannes zu ihm, daß er sich vor ihr nicht zu fürchten habe. Ihr Vater habe sich bei seinen Lebzeiten ungerechter Weise große Reichtümer erworben und dieselben in seinem Schloß vergraben; sie aber, die unschuldige Tochter, müsse als Sühne für des Vaters Verbrechen den Schatz hüten, bis sie erlöst und der Schatz gehoben werde. Wenn er sie erlösen wolle, so solle er heute um Mitternacht wieder auf der gleichen Stelle sein; statt ihrer aber werde eine greuliche Schlange erscheinen, die ihm Tod und Verderben drohe, mit einem Schlüsselbund am Halse. Gelinge es ihm, ihr denselben abzuziehen, so sei sie erlöst und er Besitzer aller Schätze, die sie bisher gehütet habe; wo nicht, so könne sie erst in hundert Jahren wieder erlöst werden, er aber sei dann verloren. Von der Begierde nach Reichtum, sowie von der anmutigen Erscheinung gefesselt, versprach er, sich zu stellen und die Aufgabe zu lösen. Gegen Mitternacht stand er richtig an der bezeichneten Stelle und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Da vernahm er plötzlich ein Poltern und Krachen vom nahen Schlosse her, und bald bewegte sich ein scheußliches, schnaubendes Ungetüm gegen ihn, einen Schlüsselbund am Halse tragend. Er bot allen seinen Mut auf und hatte schon dreimal den Schlüsselbund erfaßt, aber ebenso oft ließ er ihn auch wieder los. Mit dumpfem Wutgebrüll stürzte sich das Ungetüm gegen die Lanquart hinunter, und bald war wieder alles still und ruhig wie zuvor. Totenbleich wankte der Mann in sein Dorf zurück, erzählte dort das Vorgefallene und war am dritten Tag darauf eine Leiche. " Ob jetzt, da der grelle Pfiff der Lokomotive am Burgfelsen widerhallt und der 70 m hohe, steile Abhang bis zur Ruine hinauf zur Sicherung des Bahnkörpers und des Zuges gegen die zur Zeit der Schneeschmelze von den Felswänden herabstürzenden Eislawinen mit steinernen und hölzernen Schutzwehren bedeckt ist, die Jungfrau wohl auch noch erscheinen wird? Seit 1649 gehört die Burgruine samt dem östlich davon sich in die Höhe ziehenden sog. Hoch-gerichtswald ( s. Exkursionskarte ) dem Hochgericht Schiers-Seewis.

Einen Kilometer von Fragstein entfernt, am Ausgang des wilden, schluchtigen, aber triftenreichen Alpenthales Valzeina, das seinen Namen ( Thal der Gesundheit ) erhalten haben soll, weil während der Pestzeit anno 1622 die Leute, welche sich da hinauf geflüchtet hatten, von der furchtbaren Pestilenz verschont blieben, erhob sich, nicht weit oberhalb der Mündung des Schrankenbaches, auf einem nicht mehr leicht zugänglichen Hügel das verschollene Schloß Castellûn. D. Jecklin hat daselbst noch vor 20 Jahren Fundamente aufgefunden, die einem wahrscheinlich turmartigen Gebäude angehörten; jetzt ist nichts mehr sichtbar, und die Waldlichtung, wo der Turm gestanden, wird allmählich ganz überwachsen. Von einem eigentlichen Schlosse Oastellun ist in der Geschichte nichts erwähnt. Wahrscheinlich stand hier ein Wartturm, der den Paß beherrschen sollte, welcher über Valzeina und die Höhe von Stams nach Trimmis und Chur führte.Von hier aus konnte man auch mit Fragstein, Solâvers und Montas korrespondieren. Solcher Kastelle gab es ehedem in Rätien manche, und ihr Name deutet darauf hin, daß sie sämtlich Warttürme waren, die oft keinen Eigennamen führten; daß sie alle Beobachtungs- W. Zwicky.

posten waren, zeigt die Lage ihrer Überreste. Die Bezeichnung Castellun hat sich erhalten, denn jene ganze Gegend heißt noch „ im Gaschlunu ( nicht Castelun, wie auf der Karte steht ).

Die bedeutendste Burg im Vorderprätigau ist Soldvers ( gewöhnlich abgeleitet von sur las avas = über den Wassern ). Auf vorspringendem Felsenplateau, nordwestlich über der gewerbreichen, kleinen Ortschaft Grüsch, erheben sich gebietend die heute noch sehr ansehnlichen Kuinen.

Nur von Norden her war es vor Gebrauch der Feuerwaffen möglich, der Burg beizukommen, da die sonnige Terrasse, auf der sie stand, teils steil gegen die Thalfläche, teils hundert Meter tief senkrecht gegen das grausige Taschinestobel abfällt, durch welches der wilde Schmittnerbach der Lanquart zurauscht. Von der Erbauung dieses Schlosses ist nichts bekannt, über seine Geschichte wenig Belangreiches; sie hängt da und dort mit der der umliegenden Gemeinden, sowie der Burgen Fragstein und Castels zusammen. D. Jecklin sagt betreffend die Bauart des Schlosses: „ Wir haben in der Bauart von Solavers diejenige des XI. und XII. Jahrhunderts und sind entschieden geneigt, dies Bauwerk als eines der damaligen Dynasten in Rätien, der Grafen von Montfort, zu halten und als eine Behausung derselben zu betrachten. Bei genauerer Besichtigung findet man in Bauart der Feste zwei verschiedene Zeitalter, und ich stehe nicht an, die ältere Anlage als die montfortische zu bezeichnen. Die neuern Anlagen an den Burggebäuden, besonders an den nördlichen Ringmauern, zeigen Art und Baustil, in denen die Toggenburge ihre Werke aufführten. " Nach dem Tode Friedrichs von Toggenburg, der auf der Burg Solavers geboren ist, ging diese an die Grafen von Matsch über, die einen Teil davon bewohnten, aber die südlichen Burggebäude abgehen ließen, und als 1479 das Erzhaus Ostreich in den Besitz des Gerichtes Schiers kam, zerfielen die übrigen Schloßbestände von Solavers rasch, so daß im Jahr 1548 der Chronist Stumpf nur noch von dessen Ruinen sprechen konnte. Jetzt stehen noch nördlich und südlich die gewaltigen Längsmauern. Erstere, die unten 1,6 m dick ist, reicht bis hart an den senkrechten Absturz zum Taschinestobel, sodaß man sich nur wundern muß, wie dort gebaut werden konnte. Am obern Teil des Hügels, nahe an der nördlichen Längsmauer, finden sich noch die nackten Mauern einer der Maria geweihten Kirche, die einst nicht bloß Schloß-kirche, sondern auch Pfarrkirche von Seewis, Valzeina und Fanas war, obwohl sie bloß cirka 16 m lang und 5 m breit ist. Sie ist fast bis zur Höhe der Eingangsthüre mit Schutt gefüllt. Diese und das Mittelfenster des Chors zeigen noch deutlich den Spitzbogenstil. Nach der Sage hat sich der letzte Burgherr, als die Feste vom erzürnten Landvolk erstürmt wurde, auf seinem Schimmel über die Felswand in das schauerliche Tobel gestürzt.

„ Doch oft noch sieht man in finsterer Nacht, Von Blitzen umzingelt, vom Donner umkracht, Hoch oben stehen den Grafen, Er schwingt in der Rechten sein schneidiges Schwert, Er spornt die Felsen herunter sein Pferd.

Dann legt er sich wiederum schlafen.A. von Flugi. ) Oberhalb des Dorfes Schiers, dessen Einwohner nach einem alten Schriftsteller „ Acerrimi inter Rucantios ", d.h. die wildesten unter den Rukantiern waren, weshalb nicht zu verwundern, daß auch ihre Nachkommen nicht nur während der Freiheitskämpfe, sondern bis in unser Jahrhundert hinein sich den Ruf bewahrt haben, die stärksten und streit-barsten Männer weit im Umkreis zu sein, soll auf dem sog. Scheibenbühl das Schloß Montas gestanden haben, das ein eigenes Geschlecht gehabt habe. Aus der Geschichte ist gar nichts darüber bekannt. Nach der Volkssage sind seine wenigen Mauerüberreste nach dem großen Brand von 1767 zum Kirchenbau in Schiers verwendet worden. Indessen sagt Sererhard, der doch noch zirka 10 Jahre vor dem Brand in dem benachbarten Seewis gestorben ist, daß „ von dessen Rudera ( Trümmer ) nichts mehr zu sehen ". Dieses Montas möchte wohl weniger ein selbständiges Schloß, als vielmehr bloß ein Wachtturm für Solavers gewesen sein. Die Sage erzählt, daß sein letzter Besitzer zu gewissen Zeiten bei stürmischer Nacht auf dem Burghügel herumreite. Trifft es sich einmal, daß ein „ Sonntagskind " ihn erblickt und es wagt dem Pferde in den Zügel zu fallen, so wird es in den unterirdischen Gang geführt, wo es große Schätze findet.

In Jenaz heißt eine Örtlichkeit ein Stück oberhalb der Kirche „ auf der Feste " ( s. Karte ). Sererhard sagt davon: „ Ob Jenaz stulinde vormalen auch ein altes Schloß, genant Castlins, wovon man aber keine Rudera mehr siehet, weil an seinem Plaz ein Hauß gebauen, welches man auf der Veste nennet. " Heute ist auch dieses Haus verschwunden; es sind dort oben nur noch Ställe. Der Historiker Sprecher spricht von den abgebrochenen Mauern dieses Schlößleins, während Campell, fünfzig Jahre vorher, desselben mit keinem Worte erwähnt. Den Namen Castlins, der noch auf einem Grundstück daselbst haftet, trägt auch eine Burg bei Süs im Unterengadin. Aus dem bestehenden Namen läßt sich allerdings der Schluß ziehen, daß wenigstens ein turmartig erstellter Bau hier gestanden, aber keine Urkunde giebt irgend welchen Aufschluß darüber.

In Jenaz gabelte sich die alte Landstraße. Ein Weg ging hinauf zum Schloß Câstels, der andere nach Fideris. Am nördlichen Ende dieses Dorfes, nach anderen auf der westlichen Seite in der Nähe der Kirche soll die Burg Vaiava oder Valäria gestanden haben. Ein zweites Schloß dieses Namens, das ein eigenes Geschlecht gehabt haben soll, stand beim Dorf Fellers im Bündneroberland. D. Jecklin vermutet, daß beide Schlösser einem und demselben Geschlecht angehörten, den „ Edelknechten ab Valära ", die ihre Stammburg bei Fellers hatten, daß sie dann dieselbe verließen, sich in Chur, auf Davos und im Prätigau niederließen, wo der Zweig, der zu Fideris wohnte, ein Schlößlein baute, das dann den Namen der Familie erhielt. Herr Landammann Gujân aufAquasana, unser Clubmitglied und vorzüglichster Kenner seiner Heimat, glaubt jedoch, daß die Vaiar jedenfalls von Fideris stammen, wo sich noch einige alte Häuser Valär'schen Ursprungs befinden. In der Kirche, die im Jahr 1461 durch den Bischof von Chur eingeweiht wurde, ist außer dem Wappen des Bischofs auch das der Vaiar, auf Glas gemalt. Auch verschiedene Güternamen deuten auf diese Familie hin. Alpen, die jetzt den Gemeinden Jenaz und Fideris gehören, waren nach dem Tode des Donat v. Vatz in den Besitz der Vaiar gelangt.

Eine Viertelstunde östlich von Fideris, auf der rechten Seite des wilden Arieschbaches, der den weiter oben befindlichen Badgebäuden schon oft verhängnisvoll geworden ist, stehen auf tannenbekränztem, steil gegen die Thalstraße abfallendem Hügel die Überreste der Burg Strahlegg. Der deutsche Name dieser Burg hat die Vermutung aufkommen lassen, daß sie zur Zeit der Hohenstaufen, 1080-1250, entstanden sei. Da in dieser Gegend das Thal sich schluchtartig verengt, so mochte sie wohl eine Art Thalsperre sein. Die Sage hat sie zum Eaubschloß gemacht. Die Geschichte schweigt über ihre Anfänge ganz. Später gehörte sie den Freiherren von Vatz; anno 1403 wurde sie durch Erledigung eines Rechtsstreites dem Grafen Friedrich von Toggenburg zuerkannt. Die nachherigen Eigentümer, darunter auch die Edelknechte von Valära, ließen das Schloß nach und nach zerfallen. Jetzt steht von den Burggebäuden hauptsächlich noch der guterhaltene, feste Turm. Er ist cirka 15 m hoch, mißt inwendig auf jeder Seite etwas mehr als 3 m, und seine Mauern sind l,5 m dick. Eine Eingangsthüre ist nicht sichtbar ( die jetzige Öffnung mit dem hölzernen Thiirgericht ist jedenfalls ganz neuen Datums ), so daß die Verbindung mit den übrigen Burggebäuden wahrscheinlich unter der Oberfläche zu suchen ist. Ganz schmale, kleine Lücken vertreten die Stelle von Fensteröffnungen; auch von Nischen und Kaminen ist keine Spur. Diese Umstände, sowie die Thatsache, daß in den Resten der dazu gehörigen Burggebäude Keller, Gewölbe, Treppenansätze, Säle, Kamine, Nischen zu erkennen sind, lassen annehmen, daß der Turm entweder das letzte Zufluchtsmittel war, oder als Verließ seinen Zweck erfüllte. Herr Professor Rahn in Zürich, der jüngst sämtliche Ruinen des Thales gezeichnet hat, hat aus ihrer ehemaligen Konstruktion den Schluß gezogen, daß speziell Strahlegg „ nicht alle Requisiten einer Burg besessen, sondern, als im Centrum des Thales und an der ehemaligen Landstraße gelegen, eher die Bestimmung eines Wachtpostens gehabt habe ". Der Turm lag auch in der Wartlinie einerseits mit den Türmen Castlins und Badino, anderseits mit den Burgen Stadion und Ober-Sansch. Herr Gujân erinnert sich noch, daß den Vorplatz der Ruine eine uralte, gewaltige Linde zierte. Das ganze Gebiet um den Turm gehört einem Christen Walli auf dem benachbarten Hof Strahlegg. Von den vielen Sagen, welche auch diese Burg umsponnen haben, nur eine; Campell erzählt sie in seiner Topographie: „ Einst gingen zwei Männer um Mitternacht von Küblis nach Fideris-Bad. Der Weg führt eine kleine Strecke oberhalb der Burg vorbei. Dort angelangt, wo man vom Wege aus die Burg erblickt, sahen sie aus dem Walde her eine Kutsche mit Windeseile heranrennen; darin saß der alte Burgherr. Gelingt es diesem auf seiner nächtlichen Fahrt, die sich alle hundert Jahre wiederholt, einmal ungesehen vom menschlichen Auge vierspännig zur Burg zu gelangen, so ist seine Seele erlöst. "

Die andere Landstraße führte, wie bereits gesagt, von Jenaz hinauf zu der Feste Cdstels. Am meisten imponieren die Ruinen dieses einst so gefürchteten und verhaßten Schlosses jedoch, wenn man von Osten, also von Küblis und Luzein, herkommt; da präsentiert sich einem die gewaltige nördliche Ringmauer und der mächtige Burgturm aufs vorteilhafteste.

Auch dieses Schloß hatte kein eigenes Geschlecht. Wahrscheinlich von den Grafen an der Lanquart erstellt, ging es im Laufe der Zeiten durch die gleichen Hände wie die ganze Thalschaft ( siehe oben ). Im Schwabenkrieg, am 17. Februar 1499, wurde es von den Bündnern belagert und eingenommen; die östreichische Besatzung wurde verjagt, und Castels mit eigener Mannschaft besetzt. Durch den Frieden von Basel wurde jedoch die Feste Ostreich wieder zugestellt, welches nach wie vor auf diesem Schloß einen Landvogt hatte, der im Namen des Kaisers die Ausübung der Kriminaljustiz und den Bezug der herrschaftlichen Einkünfte in den acht Gerichten St. Peter, Langwies, Churwalden, Beifort, Davos, Klosters, Castels und Schiers besorgte.Vertragsgemäß wurde der jeweilige Landvogt aus den Landleuten genommen. Ende des Jahres 1621 ließ Oberst Baldiron das Schloß durch kaiserliche Hauptleute besetzen, und fortwährend füllten feindliche Truppen den Schloßhof, welche von hier aus das Landvolk auf die unmenschlichste Weise tyrannisierten. Außer dem, was schon oben darüber gesagt worden, wird auch berichtet, daß die Soldaten auf dem Rücken der durch die unerhörtesten Brandschatzungen ausgehungerten und entkräfteten Bauern ins Schloß geritten seien. Im April des folgenden Jahres, als der Prätigauer Landsturm sich ermannte, zogen die ergrimmten Bauern vor die Feste, gruben ihr das Trinkwasser ab und belagerten sie drei Tage lang, dann kapitulierte die Besatzung. Anstatt sie, wie verdient, über die Klinge springen zu lassen, gewährten ihr die langmütigen Sieger freien Abzug, nachdem sie Urfehde geschworen hatte. Aber schon am 5. Mai, in dem für die Bündner siegreichen Gefecht bei Fläsch, standen viele derselben wieder in den feindlichen Reihen. Man wollte nachher auf der Wahlstatt vielfach, als Wahrzeichen des geschworenen Meineides, die drei Schwörfinger aus dem Boden emporragen gesehen haben. Nach Beendigung des Krieges mußten die Landleute, was sie an der Feste Castels durch die Einnahme vom 25. April zerstört hatten, wieder herstellen und sie zur Beherbergung der feindlichen Reiterei in Stand setzen, auch die eroberten „ Feldstuck " wieder herausgeben. Als im Jahr 1649 das Prätigau sich von der Botmäßigkeit Ostreichs loskaufte, da zerstörten die Landleute die verhaßte Feste und brannten den Turm aus. Jetzt sieht 's auf Castels friedlich, aber öde aus. Das große Portal ist durch ein baufälliges, hölzernes Thor nachlässig verschlossen ( der Schlüssel dazu ist bei dem ganz in der Nähe wohnenden Eigentümer des Schloßkomplexes, Christen Äbli, zu haben ). Der ehemalige Schloßhof, der gegen 100 m lang und cirka 30 m breit sein mag, ist in einen schönen, vortrefflich geschützten Baumgarten verwandelt. Von der kräftigen Weinrebe, die D. Jecklin vor zwanzig Jahren dort ( bei 1065™ Höhe !) an der östlichen Ringmauer ranken sah, habe ich nur noch etwas dürres Stammholz gesehen. Die Ringmauern sind, namentlich gegen Norden und Osten, von bedeutender Höhe, stellenweise bis über 10 m, und auf der nördlichen Seite mit schmalen Lucken, Scharten und Zinnen versehen. In der nordwestlichen Ecke des Schloßhofes steht die einstige Wohnung der östreichischen Vögte und Hauptleute, der mächtige Burgturm; er ist jetzt noch 15 m hoch, hat behauene Eckquadern und besteht zum größten Teil aus Gneiß und Hornblende, einem in dieser Gegend erratischen Gestein. Die Mauern sind 2,5 m dick, die Eingangs-thüre ist 2,5 m über dem Boden, in der westlichen Mauerwand angebracht. Während drei Seiten des Burghügels eine sanfte Neigung haben, fällt die Südliche senkrecht fast 300m tief zur Lanquart ab, „ eine schwache Kopfmauer zieht hier die Grenze zwischen Leben und Tod. " In den verschiedenen Kämpfen, die da droben stattgefunden, mögen wohl viele mit der schrecklichen Tiefe Bekanntschaft gemacht, und die Felsen von manchem gellenden Todesschrei widerhallt haben! Mit etwas Vorsicht gelangt man durch ein Pförtchen in der südlichen Ringmauer auf ein ebenes Plätzchen über der Felswand. Schwindelerregend ist hier der Blick in die tiefe Schlucht, durch die Fluß, Straße und Eisenbahn sich winden; ungemein lieblich auf die freundliche, grüne Terrasse von Fideris, das Prätigau von Furna bis Klosters, die sanftgeneigten Hänge des östlichen Hochwang; großartig erhaben auf die herrliche Silvrettagruppe mit dem königlichen Piz Limird. Auch die Sagenreiche Casanna, der blendendweiße Giebel der Pischa und der felsige Saaser-Calanda zeigen sich hier von ihrer schönsten Seite.

Ein halbes Stündchen östlich von Castels liegt auf sonniger Halde das mit einer ganzen Anzahl alter, meist Sprecher'scher Herrenhäuser geschmückte Dörfchen Luzein. Auf dem länglichrunden Hügel, an dessen Südfuß das Kirchlein steht, erhob sich vor alten Zeiten die Burg Stadion, das einzige Schloß im Prätigau, von dem ein eigenes Geschlecht sicher bekannt ist. Von den „ Edeln von Stadion " wanderte eine Linie aus Schwaben nach Rätien und baute das Schloß bei Luzein, während die andere Linie in der Heimat verblieb, in der Reihe des deutschen Adels in weltlichen und geistlichen Ehren blühte und im Jahr 1705 in den Reichsgrafenstand erhoben wurde. Wann jene Linie nach Luzein kam, und zu welcher Zeit die Nachkommen der Erbauer des Schlosses ausstarben, oder dasselbe verließen und wieder in ihre alte Heimat zurückkehrten, weiß man nicht. Mehrere Ritter dieses Namens haben an deutschen Turnieren geglänzt. Besonders bekannt sind aber Ludwig und Walther von Stadion als östreichische Landvögte zu Glarus und zu Weesen. Letzterer saß auf den Burgen zu Schwanden und zu Näfels. Der ehrwürdige Ägidius Tschudi sagt von ihm in seinem klassischen Chronicon Helveticum I, S. 404: „ Herr Walther was ein strenger Mann, deßhalb Im die Glarner vast viend ( sehr feind ) warend. " Er fiel in der ersten Schlacht bei Näfels, 1352, und die ergrimmten Glarner zerstörten seine Burgen in Näfels und Schwanden. Infolge Vernachlässigung oder Ver W. Zwichj.

lassen zerfiel die Burg Stadion allmählich, bis endlich die letzten Reste verschwunden waren. Zu Stumpfs Zeiten war sie längst in Trümmern. Im Jahr 1760, als F. Sprecher von Bernegg, der Neffe des Historikers und Eigentümer des Burghügels, zum Bau seines Wohnhauses in Luzein Steine von den Schloßtrümmern verwendete, wurden in der zerfallenen Burgmauer Kupfermünzen mit dem Bildnis des römischen Kaisers Oon-stantius I. ( 240-306 ) gefunden, was zu der Vermutung geführt hat, daß daselbst vor Erbauung der Burg Stadion ein römisches Kastell gestanden habe. Jetzt gehört der Burghügel mit dem Pflanzgarten auf dessen Scheitel Herrn Pfarrer Roffler in Luzein.

Auf alten Karten führt von der Burg Stadion ein Weg direkt hinauf zu der Burg Kapfenstein oder Ober-Sansch ( auf der Karte Hoh Sans ) nördlich über dem Dorf Küblis, während jetzt das 200 m tief ausgefressene Tobel des Si. Antönierbaches die beiden Lokalitäten trennt. Diese Burg hat wohl zuerst den Edeln von Kapfenstein gehört, einem deutschen Geschlecht, das im X., XIII. und XV. Jahrhundert genannt wird. Die Edeln von Sansch, welche von den einheimischen Chronisten zum alten rätischen Dienstadel gezählt werden, haben dann das Schloß von seinen ersten Besitzern an sich gebracht und ihm den Namen Sansch zugegeben. Später wird als Eigentümerin desselben auch eine Familie Straiff genannt, von der es durch Kauf an Graf Friedrich den Alten von Toggenburg überging. Jetzt ist die einst gewiß sehr schöne, aber nicht besonders große Burg zerfallen. Vom Ganzen stehen nur noch die etwa 20 m lange und 7-8 m hohe südliche und ein Stück von der östlichen Schloßmauer, eine halb mit Schutt gefüllte Kelleröfl'nung und Spuren von Grundmauern im Innern des Schloßbezirkes. Im ehemaligen Schloßhof gedeihen in friedlicher Eintracht zwei prachtvolle Buchen, weißstämmige Birken, knorrige Eichen, hochstämmige Espen; den Absturz gegen das Tobel verdeckt eine dichte, regelmäßige Wand prächtiger junger Tannen. Die Aussicht ist auch hier wundervoll; die Gebirgsaussicht ähnlich wie bei Castels und Stadion, nur daß hier auch der Kalkfelsen der Sulzfluh von Norden hereinschaut; die Thalaussicht hingegen ist sehr beschränkt: Man sieht bloß die kurze Strecke vom Bahnhof Küblis bis zum äußersten Haus von Dalvazza. Dies ist wohl der Grund, warum sehr viele Thalleute von der Existenz dieser Ruine keine Ahnung haben. Nach der Sage erschien eines Tages spielenden Kindern vor der Burg Kapfenstein eine weiße Jungfrau. Diese breitete ein silbergewirktes Tüchlein auf den Rasen und legte Goldstücke auf dasselbe. Die Kinder, geblendet von dem Golde, sprangen gleich herzu, um es zu erhaschen; aber plötzlich verschwanden Jungfrau und Tüchlein und Gold, und es war alles wie vorher. Hätten die guten Kinder gewartet, bis die Schloßjungfrau mit dem Legen der Goldstücke fertig gewesen wäre, so hätten sie den ganzen Schatz bekommen und damit auch die arme Seele der Spenderin erlöst. Die Burgruine samt dem darunter liegenden Gut gehört dem Bauer Peter Hartmann im nahen zu Küblis gehörigen Weiler Telfs. Wie mir Leute dort oben versichert haben, wird sie seit Erbauung der Thalbahn häufig besucht; sie lohnt das halbe Stündchen etwas anstrengenden Steigens von Küblis herauf reichlich.

Sererhard sagt bei Beschreibung des Dorfes Küblis: „ Einen kleinen Büchsenschuß weit under der Kirche stehet noch ein alter Turm, welcher bey Tach, und zu oberst seine bewohnliche Zimmer hatte, hieße vor altem Under-Sans oder Sansch. Diesen könnte man für eine Antiquität ansehen. Seine Mauren sind klafterdik, und gleichwohl ist diese dike Maur von Grund auf bis ins Tach an allen vier Seiten mit großen Quadrat-Tug-steinen besezet oder gefüttert. Die Tradition ist: ein Zwingherr zu Ober-Sans habe einen aussäzigen Sohn gehabt, welchem zu Gefallen er dieses Gebäu zu seiner abgesonderten Wohnung verfertigen lassen. " Von diesem Turm ist heute keine Spur mehr vorhanden, wohl aber trägt ein Stall in der Nähe der Kirche den Namen „ Burgstall ". Der Turm scheint ohne weitere Gebäulichkeiten dagestanden zu haben; er ist unter dem Namen Unter-Sansch in Verzeichnissen aufgeführt; Neuenburg oder „ die nü Burg " hieß er, weil er erst lange Zeit nach dem Bestehen von Ober-Sansch erstellt worden. Auch soll dieser Turm, weil er oben etwas weiter als unten war, den Namen „ Kübel " gehabt haben, womit die Herkunft des Namens Küblis glücklich erklärt wäre.

Hinter der Bahnstation Mezzaselva ( mitten im Walde ), nicht weit von der „ Grube " ( s. Karte ), heißt eine Stelle „ zum Turm ". Hier soll vor Zeiten der Turm Badino oder, nach einem alten, Herrn Hauptmann Obrecht gehörenden Manuskript, Padina gestanden haben. Jecklin leitet den Namen ab von „ Pedinat ", d.h. Zwingburg, welchen Namen auch mehrere andere Türme in Bünden führten ( z.B. die Burg Trimons, welche einst auf dem schroffen Felsen östlich von der reformierten Kirche zu Trimmis gestanden, senkrecht über dem vielen Klubisten namentlich aus der Sektion Uto bekannten Weg zur Fürstenalp ). Von unserm Badino oder Padina enthält keine bekannte Urkunde anch nur die geringste Andeutung über Zweck, Anfang und Ende.

Wir haben unsern Gang beendigt und uns dabei im Geist zurückversetzt in jene Zeit, da das Rittertum blühte und die Willkür mächtige Wurzeln trieb; da in diesen Burgen das reichste Leben pulsierte: wo der Schloßhof widerhallte vom Jubelruf heimkehrender Sieger, vom freudigen Wiehern und Stampfen der Hengste, vom schmetternden Ruf des Jagdhorns, vom scharfen Kläffen der Meute; wo der Rittersaal ertönte vom fröhlichen Gelage der Burgherren, der einsame Söller vom süßen Ton des Minneliedes, das tiefe Verließ von den Verwünschungen und Klagen des Gefangenen, vom dumpfen Gerassel der Ketten. Jetzt ist alles still und lebenlos. Diese einst so gewaltigen Schlösser sind zusammengesunken, sie sind geworden zu „ Meilenzeigern einer längst verschwundenen Zeit " und sehen in stummer Resignation ihrem völligen Untergang entgegen.

Die stolzen Geschlechter, die vor Zeiten dort oben geherrscht haben, sind entweder längst ausgestorben, oder ausgewandert, oder in die Mitte des Volkes zurückgetreten,. ans dem sie einst hervorgegangen; ihre einstigen stolzen Sitze aber sind — o grausame Ironie des Schicksals — zum großen Teil Eigentum des Standes geworden, der einst am meisten unter der Willkür des Rittertums gelitten hat.

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