Die erste Frau auf über 6000 Metern Fanny Bullock Workman

Die amerikanische Geografin und Abenteurerin Fanny Bullock Workman war 1899 die erste Frau, die einen Gipfel auf über 6000 Metern bestieg. Ihr Erfolgsrezept: eine aussergewöhnliche Beharrlichkeit und das Können eines Walliser Bergführers.

«Donnerwetter!» Auf fast 6000 Metern Höhe im Karakorum macht Matthias Zurbriggen mit diesem Ausruf seiner Anspannung Luft. Der Walliser Führer ist in der Klemme. Er hat den Bart voller Eiszapfen, ein Sturm kommt auf, und jetzt setzt sich einer der Träger einfach auf den Boden und weigert sich weiterzugehen. «Los, weiter, oder löse dich vom Seil», schreit er ihn an. «Bitte, halten Sie nicht hier an», fleht ihn ebenfalls Fanny Bullock Workman an. Sie ist die Kundin, die Zurbriggen mit ihrem Mann William Workman auf den Koser Gunge führt. Das Paar will nicht so nah am Ziel umkehren. Der Träger seilt sich los und steigt ohne viel Aufhebens ab.

Kulturschock

Leichtsinnig? Man muss bedenken, dass 1899 die Sicherheitsstandards und der Respekt gegenüber den Trägern deutlich geringer waren als heute. «Was hätte man auch anderes erwarten können von einem Kashmiri?», fragt das Ehepaar Workman rhetorisch im Buch In the Ice World of Himalaya, das die beiden nach der Expedition schrieben. Das ist der Ton, den sie anschlagen. Zu jener Zeit und in diesen abgelegenen Tälern gehörte der Beruf des Höhenträgers noch nicht zur Tradition, und die Besteigungen der Westler lösten eher Unverständnis als Begeisterung aus. Trotz allem erreicht die Seilschaft den Gipfel. Fanny Bullock Workman wird, im Alter von 40 Jahren, die erste Frau, die eine Höhe von 6400 Metern erreicht. Aber das Wetter macht nicht mit, der Sturm kommt immer näher. Die Workmans haben deshalb keine Zeit, den Glasbehälter zu deponieren, in dem als Beweis für ihre Besteigung eine Visitenkarte steckte. Zurbriggen seinerseits muss auf seine unvermeidliche Pfeife auf dem Gipfel verzichten. Die Seilschaft steigt eilends ab.

Überzeugte Feministin

Sie waren ein untypisches Ehepaar, die Bullock-Workmans. Die Amerikaner aus bester Gesellschaft hängten 1889 ihre Berufe als Arzt bzw. Hausfrau an den Nagel und reisten per Velo durch Europa, ehe sie sich für den Himalaya begeisterten. Es ist Fanny, eine Feministin mit sehr klarer Zielsetzung, welche die Hosen anhat. Sie entscheidet, geht mit dem Führer voraus und unterhält sich mit den örtlichen Honoratioren, während ihr Mann als Fotograf fungiert. Sie ist von matronenhafter Statur, kleidet sich in einen Wolljupe und beschreibt sich selber als «langsame, aber ausdauernde Kletterin». Trotzdem ist sie eine der ersten Frauen, die den Mont Blanc besteigt, noch vor dem Matterhorn und der Jungfrau.

Nichts bremst ihren Willen. Nicht einmal trödelnde Träger, die ihr Mann schliesslich «heftig mit kleinen Steinen bombardiert», damit sie vorwärts machen. Trotz ihrer kolonialistischen Haltung sind sich die beiden bewusst, dass die Bedingungen für «Kulis» wenig attraktiv sind. Während die Kunden in Zelt und Schlafsack übernachten, kauern sich diese bei –8 Grad und auf Höhen von 4200 bis 5500 Metern unter Felsen, berichten die Workmans. «Wer sich in die höheren Regionen des Himalaya begeben will, tut gut daran, ein Zelt dabeizuhaben, in dem 10 bis 15 Kulis unterkommen können. Dann sind sie vielleicht etwas geneigter, in grössere Höhen zu klettern, als wenn sie keinerlei Schutz haben», halten sie fest.

Führer mit dem sechsten Sinn

Unter solchen Bedingungen ist ein guter Führer die Schlüsselfigur für den Erfolg einer Expedition. Die Workmans hatten im Verlauf ihres Aufenthalts in den Alpen mit mehreren Führern zu tun, aber Matthias Zurbriggen, 43 Jahre alt, machte ihnen einen besonders guten Eindruck. Dieser Führer mit langem Bart, der mit Seil und Bergschuhen zu Bett zu gehen schien, «strahlt ein Vertrauen aus wie wenige andere Schweizer Führer», schrieb das Ehepaar. Eine willkommene Qualität, da ja die Wege im Himalaya noch nicht erforscht und gewaltige Gletscher zu überqueren waren. «Ein normaler Schweizer Führer wäre überrascht gewesen und hätte Stunden verloren auf der Suche nach einem Weg durch das Labyrinth von Spalten und Seracs. Zurbriggen nicht.» Im Gegenteil, er führte sie durch das Eisgewirr, «als ob es einen gut markierten Weg gegeben hätte».

So sehr die Workmans die Einheimischen kritisierten, so sehr rühmten sie die Ruhe und die Selbstlosigkeit des Saas-Feers, der stets zu allem bereit war. Etwa um kurzerhand in eine Gletscherspalte zu steigen, um ein Schaf zu retten. Ende des 19. Jahrhunderts waren weder Gas­kocher noch Trockennahrung verbreitet, und die Expeditionen führten Brennholz und lebende Tiere als Nahrungsmittelvorrat mit sich.

Etwas weniger aussergewöhnlich war die Situation bei einer Gletscherüberquerung, als er seiner Kundin aus der Klemme helfen musste: «Eine der Personen der Gruppe wird das Gefühl sobald nicht vergessen, das sie hatte, als sie bis zu den Schultern in einer Gletscherspalte verschwand», schrieb die Amerikanerin danach etwas trocken. Sie gehörte nicht nicht zu denen, die ihre Gefühlen gegen aussen trug.

Grosser Verlust

Diese durch nichts zu erschütternde Frau beklagt sich nur einmal: als ein Windstoss ihr am Koser Gunge ihren Lieblingshut, den sie auf dem Gletscher wie in den Tropen trug, vom Kopf reisst, obschon sie ihn am Kopf festgebunden hat. «Ich hätte lieber Ringe oder Broschen verloren, wenn ich sie in diesem Moment getragen hätte», erzählt sie. Beim Abstieg versucht der treue Zurbriggen, den Hut zu finden. «Aber das war eine hoffnungslose Sache; der Hut war an einen Ort geflogen, den kein Mensch, nicht einmal ein Schweizer Bergführer, erreichen kann», schreibt sie schicksalsergeben.

Der Verlust hat auch seine guten Seiten: Anstelle einer Visitenkarte auf dem Gipfel ist es schliesslich dieser Hut, der, wahrscheinlich tief in einer Gletscherspalte steckend, beweist, dass eine Frau erstmals auf 6000 Metern gestiegen ist. Mithilfe eines aussergewöhnlichen Führers.

Zum Lesen

F. Bullock Workman und W. Workman, In the Ice World of Himalaya, T. Fisher Unwin, London 1900

Koser Gunge: wie hoch genau?

Die Ansichten darüber, wie hoch der Koser Gunge genau ist, gehen auseinander. Es beginnt schon mit den beiden Messinstrumenten, welche die Workmans mit hinaufgetragen haben. Am 25. August 1899 auf dem Gipfel zeigte das eine Gerät 6370 Meter und das andere 6446 Meter an. Das Ehepaar entschied sich für 6401 Meter (21 000 Feet). Der Himalaya-Index des britischen Alpine Club seinerseits führt ihn mit 6400 Metern auf. Topografische Karten im Internet, deren Herkunft unklar ist, geben ihm deutlich weniger, nämlich 5710 Meter. Hatte also Fanny Bullock Workman effektiv die 6000 Meter überschritten? Auf jeden Fall, wenn nicht auf dieser Expedition, dann sicher auf derjenigen im Jahr darauf (1906), deren höchster Punkt der Pinnacle Peak mit 6930 Metern war.

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