«Die Natur ist der Goldschatz» Bergsteigerdörfer

St. Antönien im Prättigau hat seine Ursprünglichkeit bewahrt und betreibt einen naturnahen Bergtourismus. Jetzt wird der Ort als erstes Bergsteigerdorf der Schweiz ausgezeichnet und verpflichtet sich damit, der Natur und der Kultur weiterhin Sorge zu tragen.

Von oben betrachtet lässt sich St. Antönien am besten beschreiben. Um die schlichte Kirche aus dem 15. Jahrhundert gruppieren sich eine Handvoll Hotels, das Tourismusbüro, das Ortsmuseum, die Schule und der Dorfladen. «Am Platz haben die Leute eigentlich nie gewohnt», sagt Dominik Karrer, Schneeschuhguide aus St. Antönien. Noch heute leben die meisten Menschen in den verstreuten Bauernhöfen in der ganzen Talschaft. Typisch für eine Walsersiedlung, deren Zentrum Platz heisst. Und noch etwas fällt auf an diesem tief winterlichen Februartag. Am Morgen ziehen Skitouren- und Schneeschuhläufer in alle Richtungen los. Im Verlauf des Nachmittags kommen sie nach und nach zurück – mit sehr zufriedenen Gesichtern.

Das Seitental im Prättigau ist als Skitourenparadies bekannt, ein Klassiker ist etwa die Sulzfluh. Aber auch im Sommer bietet das Gebiet viele Möglichkeiten zum Wandern, Klettern oder Biken. Am idyllischen Partnunsee gibt es einen Klettergarten für Familien und Einsteiger, fortgeschrittene Kletterer gehen derweil ins Klettergebiet «Chlei Venedig» oder an den Schijenzan, einem geologischen Wunder, das in einem Gebiet des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler (BLN) liegt. Für viele Mountainbiker und Wanderer ist die Carschinahütte der SAC-Sektion Rätia ein beliebtes Ziel.

Jetzt wird das Walserdorf mit seinen vielseitigen Möglichkeiten an Bergsportaktivitäten das erste Bergsteigerdorf der Schweiz, zusammen mit den Dörfern Lavin, Guarda und Ardez im Unterengadin (siehe Kasten S. 26). Die Initiative Bergsteigerdörfer wurde 2008 vom Österreichischen Alpenverein (ÖAV) ins Leben gerufen und ab 2016 auf andere Länder ausgeweitet. Bis jetzt gab es 29 Dörfer in Österreich, Deutschland, Italien und Slowenien. 2021 kommen insgesamt sechs Dörfer hinzu. Die Bergsteigerdörfer setzen sich bewusst für die Umsetzung der Alpenkonvention ein – so ein Grundsatz –, also den Schutz und die nachhaltige Entwicklung der Alpen. Für die Ausweitung auf die Schweiz hat der SAC ein Partnerschaftsabkommen mit dem ÖAV unterzeichnet. «Wir verpflichten uns damit, bei der Auswahl neuer und der Evaluation bestehender Bergsteigerdörfer auf die Kriterien zu achten», sagt Philippe Wäger, Ressortleiter Umwelt und Raumentwicklung beim SAC. Der SAC nimmt Einsitz in der internationalen Steuerungsgruppe, die die Initiative strategisch weiterentwickelt und über die Aufnahme neuer Kandidaten befindet. Die dreijährige Pilotphase wird finanziell vom Bund und vom Kanton Graubünden unterstützt. Die operative Projektleitung liegt während dieser Zeit beim Produktmanagement Bergsport Prättigau – und der SAC übernimmt das Patronat und geht die Deklarationen mit den politischen Gemeinden und die Vereinbarungen mit Partnerbetrieben ein. Ab 2023 soll die Initiative Bergsteigerdörfer auf weitere Regionen in der Schweiz ausgeweitet werden. «Aufgrund der strengen Kriterien und der in der Schweiz stark ausgebauten Wasserkraft dürften Bergsteigerdörfer hierzulande etwas Exklusives bleiben», sagt Philippe Wäger. Doch was macht ein Bergsteigerdorf aus? Und warum wird St. Antönien das erste in der Schweiz?

Von Lawinen geprägt

Dominik Karrer ist Wander- und Schneeschuhguide in St. Antönien, Schneeschuhtouren führt er den zwölften Winter. «Ich bin fast jeden Tag unterwegs», sagt er. Auf der Terrasse des Michelshofs erklärt er die Talschaft und die umliegenden Gipfel. Der Michelshof sei einst der grösste Bauernhof gewesen. Jetzt ist er ein Berggasthaus, das seine Mutter bis letzten Sommer geführt hat, und die Basis vieler Schneeschuhläufer. Vom Dorf bis nach Junker hinauf führt ein Skilift. Doch nur selten ist ein Bügel besetzt. «Früher gab es hier viele Skilager, das hat stark abgenommen», sagt Dominik Karrer. In den 1960er-Jahren habe es Pläne für ein Skigebiet gegeben. Realisiert wurde es nicht - zum Glück. Denn St. Antönien würde heute sonst woanders stehen und würde nicht Bergsteigerdorf werden. Eines von den relativ vielen und strengen Kriterien der Bergsteigerdörfer ist, dass es keine grossen Wintersportanlagen geben darf (siehe Kasten S. 27). Bergsteigerdörfer müssen zudem unter anderem ein intaktes Ortsbild haben und dürfen nicht zu gross sein. St. Antönien, das seit 2016 zur politischen Gemeinde Luzein gehört, zählt gerade mal 338 Einwohner. Am meisten geprägt haben die Talschaft aber wohl die Lawinen. Über St. Antönien thront das Chüenihorn mit seinen steilen Nordhängen. Seit je kommen im Winter die Lawinen von dort hinunter und bedrohen die Menschen. Im Lawinenwinter 1951 wurden durch eine Lawine zehn Personen verschüttet und 42 Häuser beschädigt. Nach dem Unglück wurden die massiven Lawinenverbauungen gebaut und unterhalb davon Schutzwälder aufgeforstet. «Grosse Teile der Talschaft sind in der roten Zone, wo man nicht bauen darf», sagt Dominik Karrer. «Deshalb sieht man die ursprüngliche Siedlungsform der Walser so deutlich wie sonst fast nirgends.» Das bedeutet aber auch, dass sich kaum Zuzüger niederlassen können. Die Zahl der Schulkinder ist deshalb stark zurückgegangen, und die Dorfschule wird diesen Sommer geschlossen.

Die Initiative Bergsteigerdorf geht für Dominik Karrer aber in die richtige Richtung. «Weniger ist mehr», sagt er. Er hoffe, dass sie zur Sensibilisierung beitrage, dass man zur Natur Sorge tragen muss. «Die Natur ist der Goldschatz.»

Ein Schub fürs Dorf

Die Idee der Bergsteigerdörfer brachten potenzielle Kandidaten wieder auf den Tisch. Der SAC wollte die Initiative der Bergsteigerdörfer schon früher auf die Schweiz ausweiten. Jetzt im zweiten Anlauf hat es geklappt, am 12. Juni findet die Beitrittsfeier für St. Antönien statt. «Wir waren von Anfang an hell begeistert, St. Antönien ist prädestiniert», sagt Christian Kasper, Gemeindepräsident von Luzein. Bergsteigerdörfer zeichnen sich dadurch aus, dass sie ursprüngliche Bergorte sind und sich auch künftig der Nachhaltigkeit verschreiben wollen. «Hier geht man schon länger in diese Richtung, man muss nichts ändern», sagt Christian Kasper. Doch was wird es dem Dorf, das stark von der Landwirtschaft und dem Tourismus geprägt ist, bringen? Es gibt eine gemeinsame Plattform, auf der die Dörfer und mögliche Bergsportaktivitäten vorgestellt werden, die Alpenvereine sprechen mit ihren zahlreichen Mitgliedern direkt die Zielgruppen der Bergsteigerdörfer an, zudem können die Dörfer im gesamten Alpenbogen mit ähnlichen Strukturen untereinander Erfahrungen austauschen. «Wir erhoffen uns, dass die Initiative dem Dorf einen Schub gibt», sagt der Gemeindepräsident. Sie soll Perspektiven schaffen, dann würden vielleicht auch Investitionen in Unterkünfte oder touristische Angebote getätigt. Man habe einen Hintergedanken: die Wertschöpfung steigern und neue Arbeitsplätze schaffen, damit St. Antönien als Wohn- und Arbeitsort erhalten werden kann. Denn St. Antönien kann sich nicht über zu wenig Besucher beklagen, aber viele lassen nicht mehr als die Parkgebühren liegen. «An schönen Wochenenden werden die Parkplätze im Tal rege genutzt. Mit zusätzlichen Angeboten im öffentlichen Verkehr möchten wir die Leute zum Umsteigen auf den öV bewegen», sagt Christian Kasper. Man werde nun die Ideen und Bedürfnisse der Bevölkerung eruieren und Projektideen ausarbeiten. «Es soll eine Entwicklung nach innen sein», sagt der Gemeindepräsident.

Vor ein paar Jahren wurde oberhalb von St. Antönien ein grosses Solarkraftwerk an den Lawinenverbauungen am Chüenihorn geplant. Das Projekt ist mittlerweile vom Tisch. «Die Wirtschaftlichkeit war nicht gegeben», sagt Christian Kasper. Mit der Initiative Bergsteigerdorf würde es sich aber auch nicht vertragen.

Lebendige SAC-Hütte

Bergsteigerdörfer sind per se immer abgelegen und nicht die grossen Tourismuszentren, sondern vielmehr jene Orte, die sich einem sanften Tourismus verschrieben haben. Trotzdem gibt es auch Bergsteigerdörfer, die sich vor dem sogenannten Overtourismus fürchten. «Zu viele Gäste? Nie!», sagt Sonja Lütolf und lacht herzlich. Sie und Kim Sieber führen seit letztem Sommer die Carschinahütte SAC auf 2229 Metern über Meer. Im Winter arbeiten sie im Gastgewerbe auf der Lenzerheide, weil die Hütte zu ist. Aber heute waren sie mit den Tourenski oben, um zu schauen, ob alles in Ordnung und der Winterraum sauber ist. Im Sommer gibt es 80 Schlafplätze zum Übernachten und viele Tagesgäste. «Es ist eine sehr lebendige Hütte, an schönen Tagen servieren wir zu dritt auf der Terrasse.» Die Hütte ist einfach erreichbar, insbesondere seit Bus alpin bis zum Bärgli fährt und die Hütte zu Fuss in nur einer Dreiviertelstunde erreichbar ist. Viele kommen zudem mit dem Mountainbike. Trotzdem habe die Umgebung einen hochalpinen Charakter. «Die Sulzfluh oberhalb der Hütte ist sehr imposant», sagt Kim Sieber. Dass St. Antönien jetzt zum Bergsteigerdorf wird, werde ihnen vielleicht noch etwas zusätzliche Bekanntheit einbringen. Aber das fürchten die beiden Vollblutgastgeberinnen nicht. Und sie finden, dass die Initiative gut zu St. Antönien passt: «Es ist so ein herziges Dorf. Wir finden es toll, dass man das bewahren will.»

{f:if(condition: label, then: label, else: header} Das zweite Bergsteigerdorf Unterengadin mit Lavin, Guarda und Ardez

Gleichzeitig mit St. Antönien wurde als zweites Bergsteigerdorf der Schweiz das Unterengadin mit den Dörfern Lavin, Guarda und Ardez von der internationalen Steuerungsgruppe gutgeheissen. Die Beitrittsfeier wird voraussichtlich im Herbst stattfinden. Das Unterengadin als Bergsteigerdorf zeichnet sich gleich durch mehrere Besonderheiten aus: So besteht es aus drei Dörfern in zwei politischen Gemeinden, nämlich Scuol und Zernez. «Die drei nahe beieinanderliegenden Dörfer verbinden die prägenden Ortsbilder und die vergleichbaren Grössen», sagt Niculin Meyer von der Wirtschaftsförderung der Gemeinde Scuol. Alle Ortsbilder sind denkmalgeschützt und ausgezeichnet, Guarda zum Beispiel mit dem Wakkerpreis. Gemeinsam ist den Dörfern zudem die Dominanz der romanischen Sprache, ein aktives Dorfleben und die Topografie. «Lange galt es als Nachteil, von der Tourismusentwicklung isoliert zu sein», sagt Niculin Meyer. Jetzt zeige sich, dass es auch ein Vorteil sei, wenn Natur, Architektur und Kultur erhalten geblieben seien.

Die Topografie und die Landschaft bieten viel für Bergsportaktivitäten. «Bei uns muss man nur einen Schritt zur Haustüre hinaus machen, und man ist schon mitten in den Bergen», sagt Niculin Meyer. Die prominentesten Gipfel im Perimeter des Bergsteigerdorfs sind der Piz Linard (3410 m) und der Piz Buin (3312 m), es gibt drei Hütten, die Chamonna dal Linard CAS, die Chamonna Tuoi CAS und die Chamonna Cler, und viele attraktive Wanderziele wie etwa die Seenplatte Macun, die bereits im Schweizer Nationalpark liegt. Bis jetzt habe man den Alpinismus nicht gross beworben, sagt Niculin Meyer. Aber die Initiative Bergsteigerdörfer sei nun eine Chance, gewisse Ideen umzusetzen. Zum Beispiel das Einrichten von Schneeschuhrouten, ein besserer Zugang im Winter in das Val Tuoi oder die Weiterentwicklung des Klettergartens in Ardez. Wichtig sei aber vor allem auch die gemeinsame Positionierung. «Das Label gibt ein Stück weit vor, wie sich die Dörfer weiterentwickeln», sagt er. Und mit der erfolgreichen Kandidatur sei das Projekt nicht abgeschlossen. Man wolle den Bergsport als touristisches Produkt weiterentwickeln, dafür würden die Gemeinden Scuol und Zernez sowie die Tourismusorganisation noch einmal mindestens so viel Geld investieren wie für das Bergsteigerdorf.

Autor / Autorin

Anita Bachmann

Die wichtigsten Anforderungen an ein Bergsteigerdorf:

mindestens 1000 Höhenmeter zwischen dem tiefsten und dem höchsten Punkt

intaktes Orts- und Landschaftsbild

keine grossen Wintersportanlagen

keine durch Strassen oder Seilbahnen erschlossenen Berggipfel

keine Einrichtungen zur Energiegewinnung mit überörtlichen Dimensionen

maximal 2500 Einwohner/innen

Beherbergungsbetriebe mit ausreichender Qualität

alpine Schutzhütte vorhanden

gut betreutes und ausgeschildertes Alpinwegnetz

Anschluss an den öffentlichen Verkehr

Verpflichtung zu einem nachhaltigen Tourismus und zur Erhaltung von Orts- und Landschaftsbild

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