Die neue Rottalhütte

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Wo heute die Augen ein Trümmermeer Und gleißende Gletscher nur schauen, Da lagen vor Zeiten, so geht die Mär, Viel blumenduftende Auen; Hier hausten und herrschten, weltenfern, Rauhe Gesellen, die Rottalherrn.

Sie trieben es arg und lagen zumeist Im Streit miteinander, die Recken. Gar mancher Felsblock im Tieftal weist Zurück an die Zeiten der Schrecken — Da hat eine rächende Hand sich geregt Und Herren und Auen hinweggefegt.

Jetzt, wenn um die Firnen donnert der Föhn, Erwachen die Herren wieder; Sie stürzen das Eis von den schimmernden Höhn, Die Felsen vom Grate hernieder, Und wo ihr vernichtend Geschoß schlägt ein, Ist alles erstorben: Leben und Sein.

Wenn toben die Herren, so werden verzagt Die Leute im Lande und beten — Der Hochwelt Freunde erst haben gewagt, Das grauliche Tal zu betreten, Und ihnen gefiel es am schaurigen Ort, Sie bauten ein Hüttlein zu Schirm und Hort.

Zu eng ward es bald und zerfallen das Dach, Aufs neue entstand eine Hütte. Auch diese ist wettergebräunt und schwach, Drum weihen wir heute die dritte. Bewahre sie ewig ein guter Stern Vor den Geschossen der Rottalherrn!

Karl Jahn ( Sektion Oberland ).

Fritz Beck.

In kürzerem Zeitraume als in irgend einem andern Gebiete sind im Rottal schon drei Clubhütten errichtet worden, und derjenige hatte so unrecht nicht, der bemerkte, es scheine ihm das Rottal ein wahres Versuchsfeld für den Hüttenbau zu sein. Bereits im Jahre 1872, bevor noch einigermaßen empfehlenswerte Routen nach dem Jungfraugipfel bekannt waren, erbauten die Lauterbrunner Führer eine Unterkunftshütte, die „ leider " vom S.A.C., und zwar von der Sektion Bern, erworben wurde. Der Bau war allerdings weder groß noch kostspielig ( siehe Titelblatt, Jahrbuch IX ), litt dafür aber bald an dem Übelstand, daß das über die anlehnenden Felsen herabrinnende Wasser den Aufenthalt in der Hütte immer unwohnlicher gestaltete. Mit der Auffindung des heutigen Jungfrauweges durch F. von Allmen und Begleiter im Jahre 1885 mußte natürlicherweise der Besuch des Rottales zunehmen, und wieder war es die Führerschaft des Lauterbrunnentales, die sich in ihrem eigensten Interesse beeilte, bessere Unterkunftsverhältnisse zu schaffen. So entstand 1888 die heute noch bestehende Hütte, welche zur Stunde selbst keineswegs baufällig genannt werden kann, wohl aber von Anfang an am unrichtigen Orte unzweckmäßig errichtet wurde. Es wird behauptet, der Erbauer H. von Allmen habe sie ganz eigenmächtig in jenes bekannte Loch zwischen die großen Felsblöcke hineingestellt, fürchtend, der Wind oder Lawinen könnten ihr an freierem Standort schaden, welcher Glaube übrigens beim dritten Neubau noch in manchen Köpfen spukte. Die Kosten sollen sich auf Fr. 2500 belaufen haben; der Gesamtclub erwarb den Bau später um Fr. 1970 und stellte ihn unter Aufsicht der Sektion Oberland. Leider sollten sich die Befürchtungen von J. J. Schießer in seinem Bericht über die Clubhütten des S.A.C. ( Jahrbuch XXVIII, pag. 446 ) nur zu bald bewahrheiten. Das Hauptübel bestand darin, daß die Hütte infolge ihrer Lage bis spät in den Sommer hinein im Schnee steckte, die nördliche Giebelseite zudem bis Dachhöhe an eine Schutthalde lehnte, in der sich Wasser ansammelte und die eindringende Feuchtigkeit den Aufenthalt in dem niedrigen, schlecht erleuchteten Raume vollends ungemütlich machte. An groben Bemerkungen über den Zustand der Hütte hat es der Sektion Oberland trotz wiederholt vorgenommener Reparaturen nie gefehlt, und da die Raumverhältnisse infolge zunehmenden Besuches oft ungenügend waren, entschloß sie sich im Jahre 1906 zur endgültigen Beseitigung ihres „ Schandfleckens im Rottal ".

Neubau.

Vorerst wurde ein Um- und Aufbau der alten Hütte ins Auge gefaßt und Zimmermeister von Allmen in Lauterbrunnen um Ausarbeiten eines Bauplanes ersucht. Als jedoch dessen Projekt vom Zentralkomitee als völlig ungenügend zurückgewiesen wurde, machte sich der Sektionspräsident Herr Pfarrer Feller mit Clubgenosse H. Ärni, Architekt in Interlaken, selbst ans Werk. Dessen Plan sah nun eine Erhöhung des Parterrebodens um 60 cm ., eine Verlängerung der Front um 2 m. und ein ausgebautes erstes Stockwerk vor; um dem eindringenden Wasser zu steuern, sollte auf der Nordseite die Mauer ganz neu aufgeführt werden, und zwar so, um zwischen ihr und der bestehenden einen Raum von zirka 10 cm. zu lassen, was den Abfluß des eindringenden Wassers ermöglicht hätte. Dieses Projekt fand mit geringen Abänderungen die Zustimmung des Zentralkomitees, und die Delegiertenversammlung vom 22. Oktober 1906 in Olten bewilligte ohne Diskussion einen Beitrag aus der Zentralkasse von 2/3 = Fr. 5300 der auf Fr. 7985 veranschlagten Kosten. Um den Lauterbrunnern den guten Willen zu zeigen, wurde ein dortiger Zimmermeister zur Eingabe einer Übernahmsofferte für den Bau eingeladen. Sein Devis fiel jedoch so auffällig hoch aus, daß wir den Verfertiger nicht einmal einer Antwort würdigten. Nun konnten wir uns auch die Annehmlichkeit leisten, die Holzkonstruktion in Interlaken unter unsern Augen erstehen zu sehen. Nach langem Zaudern wurde diese Arbeit der Parketterie und Chaletfabrik Interlaken zugeteilt, wohl wissend, daß wir bei ihr etwas höhere Ansätze zahlen müßten, dafür aber auf gediegene Ausführung rechnen durften. In der Folge sollte sich diese Wahl als eine glückliche erweisen, denn eine flottere Arbeit in prima trockenem Holze hätten wir von anderer Seite nicht erwarten können. Während dem Aufrichten klappte alles und nicht das geringste Frite Beck.

Stück fehlte; zudem hätte uns infolge des mittlerweile ausgebrochenen Zimmerleutestreikes kein anderer Meister für Ablieferung auf 1. Juni 1907 garantieren können. Der Transport des Baumaterials von Stechelberg ( 920 m .) bis ins Rottal ( 2760 m ) wurde von unserem Hüttenaufseher Brunner und Führer Joh. Gertsch, beide in Stechelberg, zu Fr. 20 per 100 kg. übernommen. Sie entledigten sich dieser schweren Aufgabe zu unserer vollsten Zufriedenheit, doch machten sie auch einmal Miene zum Streiken, was aber dadurch verhindert wurde, daß der Ansatz auf Fr. 24 erhöht, für schwere und lange Stücke ein Zuschlag jedoch nicht mehr bezahlt wurde. Die Nachforderung schien durch die ungewöhnlich hohen Löhne, welche von den Trägern gefordert wurden, teilweise gerechtfertigt, denn mit Beginn des Monates Juli war es schwierig, die Leute noch zurückzuhalten. Es sei noch erwähnt, daß die Unternehmer auf unsern Wunsch hin ihre Hülfskräfte gegen Unfall versichern ließen, und daß sich einzig die Gesellschaft „ Zürich " zur Übernahme dieses Risikos herbeiließ. An die Gesamtprämie von Franken 280 steuerte die Sektion Oberland 4/7 = Fr. 160 bei; irgend ein Unfall kam glücklicherweise nicht vor.

Anläßlich einer In- spektionstour am 2. Juni Phot. F. Beck ( Sektion Oberland ).

durch Schreiber dies und einen Freund war die alte Hütte noch so tief im Schnee begraben, daß die Unzweckmäßigkeit dieses Bauplatzes augenscheinlich erwiesen war; in nächster Nähe war ja Auswahl an besseren Baustellen. Eine sofort einberufene Sektionsversammlung beschloß denn auch, durch Voten des Führerpräsidenten Steiner von Lauterbrunnen unterstützt, die Hütte auf einem neuen, ganz freien Standort zu errichten. Man konnte dies um so eher tun, als die ganze Holzkonstruktion neu erstellt worden war und von den alten Mauern doch nicht viel hätte benutzt werden können; zudem bot die bestehende Hütte den Arbeitern willkommenen Unterschlupf. Der bekannte nasse Vorsommer 1907 gestattete eine Platzbestimmung erst am 6. Juli, und auch damals lag noch so viel Schnee, daß sie gerade noch vorgenommen werden konnte. Gewählt wurde eine Stelle einige Meter unterhalb der großen Felsblöcke, welche die erste Hütte einschlossen, und die allfällige Lawinen sicher aufhalten werden. Was die Schönheit dieser Lage anbetrifft, so konnte nicht besser gehandelt werden; der Bau thront auf Die neue Rottalhütte.

freiem Emporium, ungehemmten Ausblick nach allen Seiten bietend, so daß er auch von weither sichtbar ist.

Die Mauerarbeiten wurden aus verschiedenen Gründen einem italienischen Unternehmer, R. Cardilani aus Interlaken, in Akkord gegeben, und derselbe förderte sie trotz wiederholtem Schneefall und Desertion der einheimischen Handlanger mit nur zwei seiner Landsleute derart, daß schon Ende Juli die Zimmerleute antreten konnten. Anfang August wurde der Bau von Dachdecker Kräuchi aus Interlaken eingedeckt, durch Mitglied Gutermann mit Blech versehen, und so stand er in der zweiten Woche August fertig zum Bezuge da. Ich wünsche andern hüttenbauenden Sektionen einen ebenso glatten und schnellen Verlauf der Arbeiten, wie er uns im Rottal beschieden war. Über die am 18. August abgehaltene äußerst gelungene Einweihungsfeier siehe „ Alpina " Nr. 16, Jahrgang 1907. Es fanden damals in der alten und neuen Hütte über 50 Personen Unterkunft, so daß auch nach Eingehen der erstern wohl auf Jahrzehnte hinaus nicht über Raummangel im Rottal geklagt werden dürfte.

Dank der Wiedergabe des Planes in den Beilagen und der Ansichten der Hütte im Text, kann ich mich in der Beschreibung kurz fassen. Das Erdgeschoß, auf einem Sockel von durchschnittlich 40 cm. Höhe ruhend, ist in Trockenmauer, außen und innen mit Mörtel ver- putzt, erstellt und im Pritschenraum mit Holz getäfert. Der erste Stock, in Holzfachwerk gehalten, ist durch sechs starke Spannschrauben in den Mauern verankert. Dach und Wände weisen doppelte, gefugte Holzverschalung auf und sind mit Dachpappe und Eternit verkleidet. Die rote Farbe dieses Materials läßt die Hütte aus großer Entfernung erkennen; besonders schön sieht man sie von der Ebnen Fluh und dem Rottalsattel aus, ja selbst von der Mutthornhütte her gewahrt man sie mit unbewaffnetem Auge. Bei Einteilung der Räumlichkeiten waren mehr die praktischen Bedürfnisse und eine gewisse bequeme Einrichtung als Sparsamkeitsrücksichten ausschlaggebend. So finden wir im Erdgeschoß eine abgeschlossene, geräumige Küche mit dem bewährten Doppelherdsystem nach Vorbild der Berglihütte; der Feuersgefahr wegen ist der Kamin durch die Mauer hindurch an die Außenseite des Giebels geführt und zieht, dank seiner Höhe, brillant. Neben der Küche befindet sich ein helles „ Wohnzimmer " mit Pritsche für 7— 8 Personen. In den ersten Stock führt eine bequeme, abschließ-bare Treppe; hier sind Pritschenlager für 17 Personen, davon ein abgeschlossener, selbständiger Raum für 4—5 Damen. Bei Bedarf kann noch eine fernere Pritsche für 5 Mann angebracht werden, ohne, daß dadurch das Aufstellen eines größern Tisches verunmöglicht würde. Die Höhenlage der Schlafplätze ist so gehalten, daß niemand Gefahr läuft, beim Aufstehen den Schädel an der Decke einzuschlagen. Selbstverständlich sind geräumige Tablars und genügend Kleiderhaken vorhanden. Unter dem Dach befindet sich noch ein verfügbarer Raum von 1.40 m. Scheitelhöhe, woselbst sich, wenn nötig, noch einige Schlafplätze anbringen lassen; vorläufig dient er zur Aufbewahrung einer Leiter, Tragbahre und des Holzvorrates. Ein Abort ist unterhalb der Hütte etwas rudimentär erstellt, indem noch die schützende Hülle fehlt, solche aber durch große Felsblöcke ersetzt wird; dafür genießt man von diesem Orte aus einen Rundblick, wie ihn keine derartige Anlage auf dem Erdenrund aufweisen dürfte, so daß ein Spaßvogel bemerkte, ob dem Schauen vergesse man ja ganz den eigentlichen Zweck des Sitzes.

Man möchte uns vielleicht vorwerfen, wir hätten zu groß und unrationell gebaut. Was den ersten Einwand anbetrifft, so wird die Zukunft darüber entscheiden; wir nahmen aber an, daß just durch das Vordringen der Jungfraubahn das Rottal in erhöhtem Maße besucht werden wird, denn die Königin der Berner Alpen wird trotzdem ihre Anziehungskraft auf den Bergsteiger ausüben, und als Naturfreund und Mann eigener Kraft wird er den interessanten und großartigen Aufstieg vom Sattel aus unternehmen, ist doch schon jetzt die gebräuchlichste Route vom Jungfraufirn her so ziemlich „ verpöbelt ". Die alte Hütte hat zudem schon mehrmals über 20 Personen beherbergt, und wenn auch solchen, die keine Gipfelstürmer sind, sondern das Rottal nur seiner Urwüchsigkeit und Naturschönheit wegen besuchen, ein Obdach geboten wird, so sinkt dasselbe kaum zum Ausflugsziel der lästigen Hütten-schmarotzer herab, denn der fünfstündige Weg von Stechelberg aus dürfte solche abhalten. Hinwiederum rechtfertigt just diese große Entfernung eine geräumige Anlage. Daß nicht rationell gebaut wurde, geben wir selbst zu, doch geschah es dem Komfort zuliebe, der auch im Clubhüttenwesen andere Bahnen vorschreibt, als noch vor wenigen Jahren; schließlich hat ja die Sektion Oberland die Überschreitung des Voranschlages um zirka Fr. 2000 bis auf einen kleinen Bruchteil selbst aufgebracht. Ohne tatkräftige Unterstützung von außen wäre es natürlich der kleinen Sektion unmöglich gewesen, einen so großen Bau auszuführen; es sei deshalb hier nochmals den Subvenienten, nämlich den Verkehrsvereinen, Hoteliers, Führervereinen, Transportanstalten und Clubgenossen, die teils durch Barbeiträge, teils durch Arbeitsleistung ihr redlich Teil beigetragen haben, der verbindlichste Dank ausgesprochen.

Finanzielles.

Einnahmen:

Subvention der ZentralkasseFr.5,300. Nachsubvention der Zentralkasse, weil neuer Standort .250. Beitrag der Zentralkasse an Inventar-Neuanschaffung .350. Durch die Sektion Oberland aufzubringen 4,501.10 Total Fr. 10,401.10 Ausgaben:

Gewicht kg.Kosten Fr.

Konstruktionsholz und Eisenteile11,7362,893.75 Eternit und Dachpappe1,833496.15 Kalk und Zement1,25089. Fuhren von Interlaken nach Stechelberg... .229.50 Transport v. Stechelberg z.B.auplatz à 24 Cts. p. kg. 14,819 = 3,556.55 Prämienbeitrag an Trägerversicherung160. Aufrichten:

Maurerarbeiten, 64.807 m3 à 20 Fr1,296.15 Zimmermeister382.35 Dachdecker, 127.9 m2 à Fr. 1.127.90 Spenglerarbeit inklusive Materia1200.05 Brennholz während des Baues und Trägerkosten für Lebensmittel und Werkzeuge360. Verschiedene Auslagen ( Porti etc.)43.30 Totalkosten des Baues9,834.70 Neuanschaffung an Inventar ( inklusive Transport 360 kg.

à 24 Cts.)566.40 Totalausgaben 10,401.10 Um die Sektionskasse nicht zu belasten, wurden die Kosten der Einweihungsfeier von den Teilnehmern selbst zusammengelegt. Es sei noch erwähnt, daß am Zugangsweg zur Hütte, hauptsächlich aus Rück- sicht auf den schwierigen Transport, Verbesserungen vorgenommen wurden, so durch Felssprengungen und Befestigen von Drahtseilen bei der Bärenfluh, sowie direkt unterhalb der Hütte, und daß die Zentralkasse in verdankenswerter Weise Fr. 120 daran leistete.

Möge nun die neueste, flotte Rottalhütte auch entsprechend stark besucht werden, das Rottal bietet ja so viele intime Reize und sogar die Möglichkeit, neue Aufstiege in den umliegenden Felsbollwerken auszuführen. Vielleicht findet sich eine berufenere Feder als die meinige, um für das nächste Jahrbuch eine kleine Monographie über das Rottal zu schreiben. Ich wünsche nur, daß dieses Stück Hochgebirgswelt trotz vermehrten Besuches nie von seiner Urwüchsigkeit einbüße!

Fritz Beck ( Sektion Oberland ).

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