Die Neuen legen los SAC-Tourenleiter werden (3. Teil)

2014 haben wir Christelle, Yvan und Nicole während des Touren-leiterkurses Winter 1 begleitet. Drei Jahre später sind alle drei sehr aktiv als Tourenleiter innerhalb ihrer Sektion tätig. Eine Bilanz.

Eines Abends im Februar 2014 sitzen in der Auberge de la Croix de Fer in Al­lières im Greyerzerland eine Linguistin, ein Mathematiker und eine Taxifahrerin an einem Tisch und studieren eine Linie auf einer Karte. Die Szene, aus der sich die eigenartigsten Geschichten entwickeln könnten, ist ganz einfach ein gewöhnlicher Abend im Ausbildungskurs Winter 1 des SAC. An diesem Abend müssen Nicole Favre, Yvan Schmutz und Christelle Godat unter den wachsamen Augen zweier Bergführer die bestmögliche Route für eine Skitour zu den Rochers des Rayes zeichnen.

Alle drei kommen aus einer anderen Sektion, und sie haben sich aus ganz verschiedenen Gründen für eine Teilnahme an der Kurswoche entschieden. Nicole geht es vor allem darum, dem SAC etwas zurückzugeben: Dank dem Club konnte sie die Welt der Berge kennenlernen. Christelle will ihr Wissen vertiefen, um in der Lage zu sein, sich besser an der Spitze einer Gruppe zu behaupten, Yvan möchte das Analysieren der Schneedecke perfektionieren. Am Ende des Ausbildungskurses erhalten sie alle ein Diplom, das ihnen erlaubt, eine Skitourengruppe zu führen.

Auf den Geschmack gekommen

Sobald sie den Kurs Winter 1 abgeschlossen hatten, verloren alle drei Tourenleiter keine Zeit, sich ihre Kenntnisse zunutze zu machen: Als Leiter oder Hilfsleiter setzten Chris­telle, Yvan und Nicole im Winter danach mehrere Touren aufs Programm. «Das waren allerdings leichte Wanderungen mit maximal sechs Teilnehmern», sagt Nicole. Daneben unternahmen alle drei auch für sich selbst Touren, um sich mehr Bergerfahrung anzueignen. «Im ersten Winter war der Druck ziemlich gross», erklärt Nicole. Im folgenden Winter leitete sie eine viertägige Tour.

Yvan hat gleich mehrere Touren mit seiner Sektion organisiert, im Sommer wie im Winter. Die Freude, gemeinsam in die Berge zu gehen, motiviert ihn. «Mein Ziel ist es, Momente der gemeinsamen Anstrengung und der gemeinsamen Erholung zu erleben. Ausserdem versuche ich, ein bisschen Geschichte einzubauen, Kultur oder lokale Legenden und die Touren so etwas anzureichern.»

Im ersten Jahr habe sie sich an der Spitze einer kleinen Gruppe wohlgefühlt, erzählt Christelle. «Ich bin aber auch zufrieden, wenn ich hinzugezogen werde, um eine grössere Gruppe zu leiten», sagt sie. Ihre Freunde nennen sie heute «Miss Météo». Im Winter konsultiert sie nämlich täglich das Lawinenbulletin, selbst wenn sie keine Tour organisiert. «Ich bin auf den Geschmack gekommen», lächelt sie. Sie hatte befürchtet, zu wenig Ausstrahlung zu haben, um an der Spitze einer Gruppe zu stehen - wurde aber angenehm überrascht. «Tatsächlich geht alles gut», sagt sie. Denn wer sich für eine Sektionstour anmelde, wolle ja gerade, dass ein Tourenleiter die Sache an die Hand nehme.

Sich immer weiterbilden

Trotz ihrem Enthusiasmus bleiben die jungen Tourenchefs vorsichtig. Vor unberührten Schneehängen haben sie Respekt. «Generell fühle ich mich wohl an der Spitze einer Gruppe, aber die Schneebedingungen bleiben ein Faktor, der nicht im Voraus bestimmt werden kann», sagt Yvan, der Mathematiker: «Obschon du alles in Betracht ziehst, kann jederzeit eine Lawine losbrechen, auch auf der tiefsten Gefahrenstufe.» Christelle ändert lieber die Route oder verzichtet gleich ganz, wenn sie sich aus irgendeinem Grund nicht ganz sicher ist.

Nicole zögerte nicht, nach der Kurswoche im Winter darauf einen Weiterbildungskurs in Lawinenkunde zu absolvieren. «Der Inhalt des Kurses Winter 1 ist eine ausgezeichnete Basis, aber das ist nur der Ausgangspunkt. Man muss sich immer weiterentwickeln», sagt sie. Und Christelle ergänzt: «Es ist nötig, Anfang Saison mit den neuesten Entwicklungen in Sachen Lawinenprävention auf dem Laufenden zu sein und auf jeden Fall praktische Erfahrungen in diesem Bereich zu machen.» Im Rückblick sehen nicht alle die Ausbildung, die sie in der Auberge de la Croix de Fer erhalten haben, gleich.

Neu überarbeitete Ausbildungen

Yvan, der bereits den Kurs Sommer 1 in der Tasche hatte, wäre es lieber gewesen, wenn der Kurs mehr auf die Beurteilung der Schnee­decke fokussiert hätte. Die Aspekte des menschlichen Verhaltens seien bereits im Sommerkurs behandelt worden. Christelle erinnert sich an eine fast «personalisierte» Ausbildung, da die elf Teilnehmer von zwei Bergführern begleitet waren. Nicole hätte gern die Arbeit rund um die Entscheidungsfindung vertieft.

Um die Ausbildungswochen zu verbessern, hat der SAC eine grosse Umfrage unter den Teilnehmern der Tourenleiterkurse Sommer und Winter durchgeführt. Zu den möglichen Verbesserungspunkten, die im Vordergrund stehen, gehören die Themen Faktor Mensch, Gruppendynamik und Entscheidungsfindung. «Die Auswertung der Umfrage wird mit Kursexperten diskutiert. Dann treffen wir in einem Pilotprojekt mit Blick auf 2018/2019 die notwendigen Massnahmen. Der Faktor Mensch und die Entscheidungsfindung werden zentrale Themen sein, die wir prioritär eingliedern möchten», erklärt Rolf Sägesser, Verantwortlicher für die Ausbildung im SAC. Das könnte einen neuen Schub an Ausbildungswilligen für die Tourenleiterkurse auslösen. Sie bleiben zentrale Pfeiler des Wissenstransfers, den der SAC schon vor Jahrzehnten eingeführt hat.

Eine Serie über drei Tourenleiter

Seit 2010 sind Tourenleiter des SAC verpflichtet, eine Ausbildung zu durchlaufen. Wir haben in einer Serie von drei Artikeln (siehe «Die Alpen» 04/2014 und 03/2015) zwei Tourenleiterinnen und einen Tourenleiter im Verlauf der ersten Jahre ihrer Tätigkeit begleitet.

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