Die Rettungsaktion Naturgefahren und die Hütten

Ein Felssturz beschädigte letzten Sommer die Länta-Hütte SAC. Nur dank einem Kraftakt der Sektion ist die Hütte für die Skitourensaison bereits wieder offen. Aber die Länta-Hütte ist kein Einzelfall. Auch andere Hütten und Hüttenzustiege sind steinschlaggefährdet. Die Kosten für Massnahmen zum Schutz vor Naturgefahren nehmen zu.

Die Warnsirene hallt ein letztes Mal durch das enge, felsbewehrte Läntatal im hintersten Valsertal. Dann piepst der Countdown für die Sprengung oberhalb der Länta-Hütte. Ein dumpfer Knall, die Erde bebt. Eine Tonne explodierendes Dynamit lässt 4500 Kubikmeter Fels in sich zusammenstürzen. Donnernd rollen die Felsmassen über eine steile Felsstufe auf die Hütte zu. Eine weisse Wolke mit feinem Steinstaub wabert mehrere Hundert Meter den Gegenhang hoch. Als sie sich legt, zeigt sich, dass der zuvor errichtete Schutzdamm komplett mit neuem Schuttmaterial hinterfüllt ist, ein riesiger Brocken liegt ganz obenauf. Wäre er heruntergekollert, hätte er vielleicht das Hüttendach eingeschlagen. Auf der nördlichen Seite ist ein anderer Brocken über den auslaufenden Damm gesprungen, ist an der Hütte vorbeigeschrammt und hat deren vordere Ecke beschädigt – wie wenn die Schäden noch nicht genug gross wären, die ein Felssturz in der Nacht auf den 13. Juni 2019 verursacht hatte. 600 Kubikmeter Fels lösten sich damals aus der Wand, und obwohl die Hütte lawinensicher dicht an einen schützenden Felsen gebaut ist, beschädigten Querschläger eine Seitenwand. Ein anderer drückte eine Dachlukarne ein. «Gott sei Dank war ich im Tal – ich hätte diese Nacht in meinem Dachzimmer kaum überlebt», sagt Hüttenwart Thomas Meier.

Stützender Gletscher ist weggeschmolzen

Steinschlag stellt auch andernorts eine Gefahr dar. «Am unmittelbarsten gefährdet ist die Mutthornhütte», sagt Hans Rudolf Keusen, Geologe und Co-Präsident der Kommission Hütten und Infrastruktur des SAC. Nahe der Hütte ist eine rund 20-mal grössere Fels-partie als diejenige bei der Länta-Hütte instabil geworden. Grund sei ein markanter Gletscherrückgang. Der Gletscher stützte eine Felsflanke, nun ist diese Stütze weg, und es kam zu Felsstürzen. «Die Felsstürze kommen nun immer näher an die Hütte heran», sagt der Geologe.

Alarmiert ist man auch bei der Trifthütte SAC. Als der Hüttenwart im letzten Winter die Hütte eröffnen wollte, lagen grosse Steine auf dem Dach und ein Felsbrocken neben der Hütte. «Wir gehen davon aus, dass sich weiter oben ein Felssturz ereignet hat und ein Teil der Felsen dann von einer Lawine weiter talwärts transportiert wurde», sagt Hans Rudolf Keusen. Gemäss einem Gutachten der Geotest AG sei der Abbruch aus einer Höhe von 2930 Metern über Meer erfolgt, über die Ursachen enthalte das Gutachten keine näheren Angaben. «Auftauender Permafrost spielt aber hier höchstens eine sekundäre Rolle», sagt Keusen.

Auch bei der Länta-Hütte ist es nicht ganz einfach, die Ursachen zu benennen. Klar ist aber, dass in den vergangenen 105 Jahren nie so etwas passiert ist. «Wenn Felsstürze in solch grossen Zeitabständen passieren, werden sie nicht als Gefahr wahrgenommen», sagt Keusen. Beim Bau der Hütte war die Lawinengefahr zentral, denn Lawinen gibt es regelmässig. «Die Länta-Hütte steht an der einzigen Stelle, die gut gegen Lawinen geschützt ist», sagt er. Und ausgerechnet oberhalb dieser Stelle ereignete sich nun der Felssturz aus einer Höhe von rund 2300 Metern. Auch dieses Ereignis habe nichts mit auftauendem Permafrost zu tun. Jedoch goss es in dieser Nacht wie aus Kübeln. Die Kraftwerke Zervreila registrierten noch nie so grosse Mengen Wasser, die in den nahen Zervreila-Stausee flossen, wie in jener Nacht.

Sichern und reparieren

Gleich am Wochenende nach dem Felssturz erstellten Freiwillige der SAC-Sektion Bodan, der die Länta-Hütte gehört, ein Schutzdach und reparierten notdürftig die kaputte Wand der Hütte. «Bereits am Montag hatten wir den Geologen und die Verantwortlichen des Amtes für Wald und Naturgefahren vor Ort. Und schon drei Wochen später lag ein detaillierter Lagebericht vor», sagt Hüttenchef Patrick Maly. Resultat: Die Hütte darf wieder instand gestellt werden, wenn das lose Felsmaterial weggesprengt und oberhalb der Hütte ein Schutzdamm errichtet wird. Am 14. August beriet eine ausserordentliche Generalversammlung der Sektion über die Zukunft der Hütte: an einen anderen Standort versetzen? Sichern und reparieren? Oder neu bauen? Letzteres kam nicht infrage, weil ein Gebäudeabriss in der roten Gefahrenzone automatisch ein Verbot des Wiederaufbaus am gleichen Standort zur Folge gehabt hätte. Wirklich bessere Alternativstandorte waren im Läntatal zudem nicht auszumachen. Also sichern und reparieren, aber das geht ins Geld: Rund 420 000 Franken beträgt der Kostenvoranschlag für die Sprengungs- und Sicherungsmassnahmen. Daran beteiligt sich der SAC aus dem zentralen Hüttenfonds mit 120 000 Franken. Die Kosten für die Instandstellung der Hütte schlagen nochmals mit rund 400 000 Franken zu Buche, glücklicherweise sind sie zum grössten Teil von der Gebäudeversicherung gedeckt.

Schliessung von Hütten ist nicht ausgeschlossen

Angespannt bleibt die Situation rund um die Mutthornhütte SAC. Zwar tangierte der Felssturz in diesem Sommer die Hütte nicht. Im gefährdeten Bereich wurden dennoch GPS-Messpunkte zur Aufzeichnung der Felsbewegungen platziert. Gespannt wartet nun Sektionspräsident Ueli Kölliker auf die ersten Messresultate. Je nachdem wie diese ausfallen, muss auch die Schliessung der Hütte in Betracht gezogen werden. Denn eine Verschiebung der Hütte sei nicht realistisch. «Es wäre schön, wenn wir das 125-Jahr-Jubiläum der Mutthornhütte 2021 möglichst getrost feiern könnten», sagt er.

Nicht nur Hütten, auch Zustiege sind steinschlaggefährdet. Seit dem Bergsturz am Piz Cengalo ist die Capanna di Sciora CAS vom Val Bondasca her nicht mehr zugänglich. Die Gemeinde Bregaglia plant nun einen neuen Hüttenweg. Der neue Zustieg bedingt aber zwei bis drei Seilbrücken über tiefe Schluchten. «Uns ist wichtig, dass Kunstbauten wie Hängebrücken nur wo wirklich nötig und als reine Zustiegshilfen konzipiert sind und nicht als Erlebnisinstallationen vermarktet werden», sagt Benno Steiner vom Ressort Umwelt und Raumentwicklung des SAC. Eine Wiederherstellung des Zustiegs zur Capanna di Sciora hat für den SAC eine besondere Bedeutung, weil auch der Zugang von Albigna über den Cacciabellapass von der Gemeinde Bregaglia aus Sicherheitsgründen nicht mehr unterhalten wird. Alle Wege zur Capanna Sciora sind aktuell nicht mehr im Wanderwegnetz aufgeführt. «Ohne den neuen Zustieg aus dem Val Bondasca müsste die Hütte wohl aufgegeben werden», sagt Hans Rudolf Keusen.

Ereigniskataster wiederbeleben?

Die Berge sind eine Naturlandschaft im ständigen Wandel, Felssturz- und Steinschlagereignisse haben die Landschaft über Jahrhunderte immer wieder verändert. Dennoch steigen die Aufwände für Massnahmen zum Schutz vor Naturgefahren. Bis 2017 übernahm der Gesamtverband des SAC bei bewilligten Unterhalts- und Reparaturprojekten von SAC-Hütten 30% der Kosten bis zu einer Obergrenze von 75 000 Franken. Seither sind es 40% mit einer Obergrenze von 120 000 Franken. Obwohl gemäss Bundesgesetz über Fuss- und Wanderwege Finanzierung, Bau und Unterhalt des offiziellen Wegnetzes in erster Linie den Kantonen und Gemeinden obliegen, unterstützt der SAC auf Hauptzugangswegen zu den Hütten Investitionen für Kunstbauten, Wegverlegungen und Schadensbehebungen nach Felsstürzen. Für 2020 hat der SAC dafür das Budget um einen Viertel auf rund 900 000 Franken erhöht, um die steigenden Kosten abfedern zu können. «Da viele Menschen bereit sind, für unsere Hütten zu spenden, ist dieser Budgetposten tragbar», sagt Ulrich Delang, Ressortleiter Hütten und Infrastruktur beim SAC. Um einen Überblick über die Naturereignisse rund um die Hütten und auf den Hüttenzustiegen zu gewinnen, führte der SAC zwischen 2009 und 2014 einen Ereigniskataster. «Wegen der spärlichen Meldungen von Sektionen und Hüttenwarten wurde das Projekt sistiert», sagt Ulrich Delang. Eine Wiedereinführung wird geprüft.

Glückliches Ende für die Länta-Hütte

Entwarnung gibt es derweil für die Länta-Hütte: Nach der Sprengung vom 12. September konnten mit einem unglaublichen Einsatz – teilweise waren bis zu zwölf Baufachleute vor Ort – Dach und Mauern bis Ende Oktober repariert werden. «Dank dem Ent-gegenkommen einiger Unternehmer blieben wir sogar ungefähr im Budget», freut sich Hüttenchef Patrick Maly. Einen kleinen Rückschlag gab es dennoch: Durch starke Niederschläge füllte sich Mitte Oktober der eben ausgebaggerte Schutzdamm wieder zu zwei Dritteln mit losem Sprengmaterial, sodass er erneut ausgebaggert werden musste. Da kamen die 32 000 Franken, die der Regierungsrat des Kantons Thurgau der Sektion Bodan aus dem Sportfonds zusprach, gerade recht. «Sie sind auch ein Zeichen der Wichtigkeit, die man im Kanton dem Erhalt dieser Berghütte zumisst», sagt Patrick Maly. Deshalb ist er zuversichtlich, dass auch die restlichen Gelder aufgetrieben werden können. Aber eigentlich dreht sich hier sowieso nicht in erster Linie alles ums Geld: Viel wichtiger sind der Stolz über die gelungene Rettungsaktion und die Freude darüber, dass die Länta-Hütte Mitte März zur Skitourensaison wiedereröffnet werden kann und als wichtiger Ausgangspunkt für den Bergsport im Valsertal erhalten bleibt.

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