Die Schlossberglücke

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Von /. Beck.

Die Schlossberglücke 1,2631 Meter. ) Ende Juni 1875 hatten mich meine photographischen Streifzüge ins Oberengadin geführt; mit 60 trockenen Platten gewappnet war ich nach Pontresina ausgezogen, hatte beim herrlichsten Wetter von der Alp Misaun aus den Piz Morteratsch bestiegen, der Bovalhütte meinen Besuch abgestattet und hier und dort photographirt, ohne mehr als 3, sage 3 gelungene Clichés als Siegespreis davonzutragen. Gewiss ein betrübliches Resultat, das ich grösstenteils dem neuen Verfahren zuschreibe, welches ich, um Besseres anzustreben, dieses Mal versucht hatte. Alle meine diesjährigen Platten waren nämlich mit einer Kautschuklösung statt mit Eiweiss hergestellt worden und hatten in Strassburg versuchsweise während der ersten 6 Wochen prachtvolle Resultate ergeben. Nach 3 Monaten sah es ganz anders aus, und ich hatte Gelegenheit, über das französische Sprichwort nachzudenken: le mieux est l' ennemi du bien! In einer Zeitschrift für photographische Mit- theilungen las ich seitdem, dass das Kautschukverfahren ebenfalls bei der deutschen Expedition zur Beobachtung des Venusdurcligangs auf den Aucklandinseln angewendet werden sollte, aber bei dem reichen Wassergehalt der Luft daselbst sogleich Feuchtigkeit einsperrte und Flecken gab. Auch hier mag der bedeutende Wassergehalt der Luft im Juli an dem sehr mittelmässigen Resultate schuld gewesen sein und werden wir desshalb wieder zu unserem früheren Verfahren zurückkehren.

Hatte der Sommerfeldzug mir wenig photographische Beute gebracht, so versprach ich mir vom Herbste Besseres. Am 4. September erreichte ich Martigny und wanderte am folgenden Morgen der Dranse entlang thalaufwärts ins Tal de Bagne, machte einen Abstecher zum Glacier de Corbassière und bestieg mit meinen wackern Führern Gilloz* ) und Bessard am 7. September den Grat der Ruinette, ohne indess den höchsten Gipfel zu erreichen; mir genügte es, nahe bei Punkt 3340 der Exkursionskarte einen passenden Standpunkt für meine photographischen Aufnahmen gefunden zu haben, und es war denn auch der Erfolg bei dem herrlichen Sonnenschein und der durchsichtigen Klarheit der Luft, die selbst die ferne Pointe des Ecrins zu erblicken gestattete, ein ganz befriedigender. Ueber den Col de FEvêque gelangte ich dann am 8. September, ebenfalls mit gutem photographischem Resultat,Mit der Unterstützung der Sektion Genf baut Gilloz bei Lancet unterhalb Chanrion ein Berghotel, das bis Anfangs Sommer 1876 fertig werden soll.

ins gastliche Hotel de la Dent blanche in Evolena, von wo aus ich über den Col d' Hérens nach Zermatt hinüberzusteigen gedachte. Aber ich hatte die Rechnung ohne das Wetter gemacht; wie letztes Jahr, so war auch diesmal der Col d' Hérens mir nicht günstig, und unverrichteter Dinge musste ich zurück nach Evolena und thalabwärts wandern.

Ich hatte nun noch 10 trockene Platten und etwa eben so viele Tage zu meiner Verfügung. Die einen und die andern nicht zu benützen, wäre wirklich sündhaft gewesen, und so wurde ich eines schönen Morgens bei Catani im Hotel zum Engel in Engelberg abgeladen.

Eine Depesche, die ich Tags zuvor geschickt hatte, um einen der Gebrüder Feierabend als Führer zu bestellen, kam wegen Abwesenheit der Frau Wirthin ohne Weiteres in den Papierkorb. Uebrigens war einer derselben mit Herrn Catani über das Spannortjoch gegangen und der andere von Hrn. Landry, Besitzer des Sonnenbergs, und einem Pariser für Besteigung des grossen Spannorts schon in Pflicht genommen, so dass ich von der projektirten Ueberschreitung des Spannortjochs absehen musste. Maurus Amrhein, als Führer von mir engagirt, hatte ein einziges Mal vor 4 Jahren das Schlossbergjoch überschritten und zeigte wenig Lust, sich mit dem Spannortjoch abzugeben. Also musste ich wohl eine etwas leichtere und kürzere Exkursion unternehmen, um vor allen Dingen mehr Zeit und mehr Chancen für photographische Resultate zu erzielen. Es handelte sich darum, über Punkt 2631 südlich vom Schlossberg in einem Tage nach Erstfelden zu gelangen und möglichst viele Aufnahmen zu machen. Amrhein verschaffte mir noch einen tüchtigen und mit der Gegend sehr gut bekannten Führer in der Person des Catani, Sattler seines Handwerks und Gemsjäger in seinen freien Stunden. Ein beliebiges Nr. 3 funktionirte als Träger.

Die hohen steilen Felszinnen, welche das Thal vom Titlis bis gegen die Surenen einmauern, machen sich ganz imposant, und man bekömmt den Eindruck, als habe man es da mit ganz anständigen, nicht zu unterschätzenden Gegnern zu thun. Zudem sind sie in dieser Jahreszeit von ausgewaschenen, abgeschmolzenen und zerklüfteten Gletschern bedeckt, die ihre Zungen Stotzig gegen das Thal herunter hängen, und denen man es schon von Engelberg aus ansieht, dass sie. schwer zu begehen sind. « Wir waren vom Vollmonde und vom herrlichsten Wetter begünstigt, so dass ich Befehl gab, mich um halb 1 Uhr zu wecken, um so rasch als möglich nach Niedersurenen aufzubrechen, wo wir frühstücken sollten, da im Hotel zu so früher Zeit nichts zu bekommen war.

Ein Viertel nach 1 Uhr konnten wir ausrücken.

Es war eine rechte Lust, in der Kühle der Nacht endlich einmal ohne die obligate Laterne durch das schöne Thal hin zu wandern. Oft erhoben sich meine Augen zur Hochwarte des Spannorts. Stolz sah es auf uns herunter wie eine kolossale Schlossruine von Berges Höh. In Niedersurenen fanden wir anständiges Quartier und gefällige Insassen. Ich verschrieb mir gegen etwaige Bergkrankheit Mehlsuppe, Cottelettes und schwarzen Kaffee, alle Milchprodukte bei Seite lassend, und das einfache Mittel erwies sich als probat. Um halb 5 Uhr verliessen wir Niedersurenen und wandten uns östlich dem Bache zu, welchen der Gletscher des grossen Spannorts ins Thal entsendet. Derselbe braust in einer felsigen Schlucht herunter, deren nördliche Seite von dem sogenannten Geissrücken gebildet wird. Der Name entspricht der Form, und dieser Geiss auf den Rücken zu gelangen, war zunächst unsere Aufgabe. Allzu-schwer war sie nicht. Grasbänder durchsetzten die steilen Felsabstürze, an welchen wir uns hinwanden. Schwindel war verboten und sicherer Tritt geboten.Zwei Stunden brauchten wir, um auf den obern Geissrücken, etwas unter P. 2461 der Exkursionskarte, zu gelangen. Hier machten wir Halt und ich betrachtete mir die Scenerie etwas genauer.

Eine Wildniss von Moränenlandschaft umgibt uns.

Sie ist derart mit Bruchstücken von gelbem Talkschiefer besäet, dass die nächste Umgebung ein buntscheckiges Ansehen hat. Ich glaube, es ist Talkschiefer, der vom Schlossberg* ) abbröckelt und bitte zum Voraus um Entschuldigung, wenn ich etwa mit Talkschiefer eine geologische Ketzerei begangen haben sollte. Links befinden sich die senkrechten Felsen des Schlossberges, dessen Ausläufer, der Spitzgrassen, sich ins Thal hinunter senkt. Mit einem Steinwurf könnte man sie erreichen. Ueber uns die felsige Einsattelung der Schlossberglücke, beherrscht von den merkwürdigen ThürmenVom Schlossberg her wohl eher Kalkschiefer.

Anm. d. R.

11 des grossen Spannorts, dessen Felsen wie Basaltsäulen oder wie die Pfeifen einer Orgel in Reih und Glied stehen und von da aus eine interessante Aufnahme geliefert hätten; allein der Tag war kaum angebrochen und die Sonne jenseits; alles lag noch im Schatten. Rechts über uns ganz nahe der jedenfalls jetzt schwer zu begehende Spannortgletscher. Der Grassengletscher, von Felsrippen durchfurcht, lehnt sich an den Titlis, welcher mit seiner 2000 Meter hohen Felsmauer das Rund würdig abschliesst.

Wenn sich auch schönere und grossartigere Bilder in den Alpen dem Beschauer darstellen, so ist doch auch dieser Circus keineswegs gering anzuschlagen und bietet dem Touristen manches, was er anderswo vergebens sucht.

Während ich diese Betrachtungen hinter meiner Brille gemacht und mit gutem Appetit ein kaltes Frühstück verzehrt hatte, waren wir von Hrn. Landry, dem Pariser und ihren Führern eingeholt worden. Ich sagte dem Mitglied des C.A.F. einige verbindliche Worte über sein rasches Marschiren, allein da dieselben so ziemlich ohne Echo blieben, so fühlte ich mich nicht zu weitern frais de conversation veranlasst. Um die Kletterei über den Moränenschutt zu vermeiden, stiegen wir südlich von P. 2461 über die Gletscherzunge hinauf und erreichten die Höhe um halb 10 Uhr, wo mit einem Male jenseits des Glattenfirns der Anblick auf Kröntlet, Männtlissen, Windgelle, Tödi etc. sich vor uns enthüllte. Zum ersten Male legte ich Steigeisen an, denn ich wäre sonst nur mit grosser Mühe hinauf gekommen. Ein Leitschaf hatte sich unserer Gesellschaft angeschlossen und begleitete uns ohne Steigeisen über den Gletscher bis zur Höhe, kam aber mit geschundener Nase an. Die andere Gesellschaft brach bald nach unserer Ankunft auf und liess sich 2 Stunden später vom grossen Spannort herunter hören und sehen. Ich glaube, dieser Gipfel sei unter allen Umständen leichter vom Schlossbergjoch als direkt von Engelberg über das Spannortjoch zu erreichen; dies wird besonders im Spätsommer der Fall sein. Wie ich nachher von Herrn Catani hörte, hatte er mit seinen Führern eine zweistündige Stufenhackerei auszuführen, um die Höhe des Spannortjochs zu gewinnen. Ueber den Glattenfirn jenseits der Schlossberglücke hingegen steigt man auf ziemlich bequemen Eisfeldern rasch zum Joch empor.

Was nun mich anbetrifft, so wurden Photographie und Kochkunst emsig kultivirt. Die Resultate der erstere waren leider ziemlich unbefriedigend. Die zweite bewahrte mich vor meinem alten Feinde, der Bergkrankheit, mit besserem Erfolge.

Ein Viertel nach 12 nahmen wir zum ersten Male das Seil und schritten dicht an den senkrechten Felsen des Schlossberges ohne alle Schwierigkeiten über die von einigen Spalten durchfurchten Firnhänge den obersten Terrassen des Erstfelder Thales zu.

In der Ferne winkten uns die grünen Abhänge des Reussthaies, und wir freuten uns schon jetzt, ins Quartier zu kommen, allein es gab noch manchen Schweisstropfen. In Ermanglung eines bessern Standpunktes hatte ich auf dem Joch das grosse Spannort von der Seite photographiren müssen, ohne die charakteristischen Formen desselben ins Objektiv bekommen zu können. Auf dem Firn abwärts steigend, bekam ich abermals die Basaltformen vollständig zu Gesicht und konnte trotz des sehr ungünstigen Terrains und der mir direkt entgegen stehenden Sonne der Versuchung nicht widerstehen, den Apparat aufzustellen. Leider hatte ich wieder einmal mehr Muth als Glück.

Gegen die direkten Sonnenstrahlen, welche sich hin und wieder unbequem machen, werde ich in Zukunft einen Schirm anwenden. Um 2 Uhr konnte ich der eigentlichen Firnregion, welche uns also alles in allem nur während l1/'Stunden in Anspruch genommen hatte, Valet sagen. Den Ausläufer derselben bildet der kolossale Lawinenzug vom Schlossberg, einer der grössten, welchen ich noch gesehen habe.

Um halb 7 Uhr Abends, nachdem wir das schöne und ziemlich viel Abwechslung bietende Erstfelderthal. im Sturmschritt durchmessen hatten, langten wir wohlbehalten und besten Humors im gastlichen Wirthshause von Erstfelden an.

Am andern Tage kehrten wir immer noch- bei schönstem " Wetter über die Surenen nach Engelberg zurück.

Auf der Waldnachtalp machten wir Halt.

Der Blackenstock, der einzige interessante Gebirgsstock von dort aus, gelang als photographische Aufnahme ordentlich. Ein zweites Cliché, ebenfalls Tom Blackenstock, welchen die Nebel auf der andern Seite des Passes gegen Engelberg schon zu belagern anfiengen, ist mehr als mittelmässig ausgefallen. Das schöne Wetter, das Photographiren und meine Platten hatten ein Ende.

In 23/é Stunden beinahe ununterbrochenen Lauf-schrittes gelangten wir von der Höhe der Surenen nach Engelberg. Gewöhnlich hole ich von 2 Uhr Nachmittags an abwärts ein, was ich am Vormittag, wenn es aufwärts geht, versäume. Meine diesjährigen Exkursionen konnte ich auf die angenehmste Weise durch die Theilnahme am Clubfest in Thun abschliessen.

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