Die Tal- und Bergformen des Vispgebietes

Von

Dr. F. Nußbaum ( Sektion Bern ).

Illustration nach Längs- und Querprofilen des Verfassers und Aufnahmen von F. Rohr ( Sektion Bern ).

1. Topographischer Überblick.

Von zahlreichen Alpenfreunden und Touristen ist die majestätische Hochgebirgswelt, die sich im Hintergrund der Visptäler auftut, geschildert worden; denn bekanntlich gehören diese Landschaftsbilder, die das trunkene Auge des Betrachters kaum zu erfassen vermag, zu den großartigsten Szenerien, die es überhaupt gibt.

Weniger Beachtung wird dagegen im allgemeinen den Tal- und Bergformen geschenkt, die der aufmerksame Wanderer zwischen Visp und Zermatt zu beobachten Gelegenheit hat; sie erscheinen allerdings einförmiger und scheinbar weniger kühn geschnitten; es fehlt hier die überwältigende, wunderbare Lichtfülle, die durch die weite Perspektive und die vorwiegend hellen Töne der Gletscherlandschaft bewirkt wird; der Blick ist gewissermaßen eingeengt und bleibt an nahen Erscheinungen haften. Aber gerade auf dem Gegensatz der Formen dieser nördlichern, tiefern Gebirgsgegenden beruht die gewaltige Wirkung der plötzlich vor den Augen auftauchenden eisgepanzerten, herrlichen Gebirgswelt im Talhintergrund. Man kann sich in der Tat kaum einen schärfern und größern Kontrast denken als denjenigen, welcher sich ergibt, wenn wir die Landschaftsbilder des Talausgangs bei Visp mit denen oberhalb Zermatt vergleichen.

Allein es zeigt sich bei näherer Prüfung, daß diese hervorgehobenen Gegensätze doch nicht so unvermittelt sind, als es nach diesen Andeutungen den Eindruck machen möchte.Vielmehr treffen wir auch hier Übergangsglieder an, die in den physikalischen Verhältnissen der Gebirgswelt begründet sind.

Mit Bezugnahme auf den landschaftlichen Charakter, der sich in den Vegetations-verhältnissen, in den Siedelungen und in der Beschäftigung der Menschen widerspiegelt, können wir die von der Visp durchrauschte Tallandschaft in drei verschiedene Abschnitte einteilen, deren unterster zwischen Visp und Stalden den Talausgang umfaßt, der zweite das mittlere Talstück bis Zermatt begreift, während der dritte Abschnitt den Talhintergrund umschließt. Diese Abschnitte entsprechen mit Bezugnahme auf den Fluß den drei verschiedenartigen Stücken: Unterlauf, Mittel- und Oberlauf. Jedem dieser drei verschiedenen Talgebiete kommt hinsichtlich der Entstehung der Tal- und Bergformen des Vispgebietes eine ganz besondere und beachtenswerte Bedeutung zu. Aber auch in rein geographischer Beziehung dürfte es nicht überflüssig sein, die Oberflächenformen dieser einen großen Tallandschaft des Wallis nach ihrer äußern Erscheinung und nach ihrer Entstehung darzustellen. Als nicht überflüssig erscheint mir dieser Versuch im Hinblick auf die Tatsache, daß in Reisehandbüchern und in Werken über die historischen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse der Bewohner die Tal- und Bergformen und ihre Beziehungen zu den andern geographischen Faktoren weniger berücksichtigt worden sind.

In der folgenden Betrachtung ziehen wir in erster Linie die eidgenössischen topographischen Karten ( Dufourkarte Bl. XVIII und Bl. XXIII und Siegfriedatlas Bl. 496, 500, 531, 533 und 535 ) heran; nach diesen Blättern sind sämtliche Profile ohne Überhöhung gezeichnet.

Beginnen wir zunächst mit dem Talausgang!

1. Am Talausgang, zwischen Visp und Stalden, treffen wir die Züge einer eigentlichen Mittelgebirgslandschaft an, wie aus den nachstehenden Ausführungen hervorgehen dürfte.

Das 7 km lange, südnördlich gerichtete Talstück zeigt im Querprofil eine weitgeöffnete V- Form mit verhältnismäßig schmalem Talboden; der letztere fällt mit 10‰ von 720 m bei Stalden auf 650 m bei Visp hinunter. Die Talgehänge sind jedoch ungleichmäßig ausgebildet; der Westhang steigt jäh mit großer Steilheit in die Höhe, während der Ostabhang eine sanftere Neigung aufweist ( vgl. Fig. 3 ). Diese Erscheinung beruht offenbar auf dem Umstande, daß am Westhang drei mächtige, härtere Felsbänke auftreten, die ziemlich steil nach Süden einfallen, während am östlichen Gehänge weichere Gesteine vorzuwalten scheinen. Damit steht auch die verschiedenartige Wasserführung der beiden Talseiten im Zusammenhang: Über die harten Felsbänke der Westseite rieseln zwei kleine Bächlein herunter, während auf dem Ostabhange vier wasserreiche Bäche tiefe Gräben in das weichere Gestein eingeschnitten haben; es sind der Staldbach, der Riedbach, der Breiterbach und der Rohrbach. Auffallend deutlich zeigt sich die Beeinflussung der Richtung des Breiterbaches vom Streichen einer Glanzschieferzone, die vom Visptal durchquert wird1 ).

Beide Talgehänge haben das eine Merkmal gemeinsam, daß sie unten am steilsten sind und dann in einer gewissen Höhe nach oben eine sanftere Neigung annehmen, 1 ) Nach den Aufnahmen von H. Gerlach, Bl. XVIII der geologischen Karte.

und zwar geht die steile Böschung an deutlichen, aber nicht scharfen Kanten in geneigte Terrassen über. Es lassen sich auf beiden Seiten mehrere, in verschiedener Höhe liegende Terrassen unterscheiden. Die tiefste liegt am östlichen Abhang zwischen Staldbach und Riedbach in 900 m Meereshöhe, ungefähr 200 m über dem Fluß. Auf dieser Terrasse befinden sich die Weiler von Unter-, Ober- und Hinter-Stalden. Über derselben bemerken wir auf einer höhern Terrasse in 1547 m mitten im Walde die Hanschalp. Südlich davon, zwischen Riedbach und Breiterbach, dehnt sich die breite, von 1200—1500 m ziemlich steil ansteigende Terrasse von Visperterminen ( 1340 m ) aus, während südlich vom Breiterbach die Terrasse vom Riedje in 1549 m schmäler, aber flacher und mit steilerm Absturz entwickelt ist. Über all diese Terrassen hebt sich der bewaldete Bergabhang mit etwas größerer Steilheit zu einem 2300—2500 m hohen, abgerundeten Bergrücken empor; es ist der auf der Ostseite steil zum Nanztal abfallende Rücken 1 ), der vom Gebidem ( 2328 m ) in südlicher Richtung zum 2900 m hohen Weißengrat hinansteigt.

Ähnliche Verhältnisse treffen wir auf der Westseite des Tales an. Hier liegen die Terrassen durchschnittlich höher und sind schöner entwickelt als auf der rechten Seite. Die unterste derselben, die in 1450—1500 m Höhe die Ortschaft Zeneggen trägt, scheint über die zweite mächtige Felsbank gegen Biel hin anzusteigen und dann nach Westen gegen Unter-Hellelen ( 1500 m ) in der Richtung des Rhonetales hinabzubiegen. Ihr annähernd parallel ziehen zwei andere Terrassen, diejenige mit dem Weiler Ober-Hellelen in 1617 m und die vom Bannwald bedeckte schmälere Terrasse bei Quote 1826. Ganz großartig entwickelt ist die Terrasse in 2100 m Höhe, die den Bonigersee trägt; sie bildet einen oben abgeflachten Bergsporn, der von der Augstbordhorngruppe gegen Nordosten hinabführt. Am Südabhang dieses abgeflachten Bergrückens treffen wir eine stark fallende Terrasse in 1500 —1600 m an; auf derselben liegt das Dorf Törbel ( vgl. Fig. 1 und 3 ).

Diese gesamte Mittelgebirgslandschaft mit ihren ausladenden Terrassen und abgerundeten Rücken trägt trotz ihrer absoluten Höhen ein den echten außeralpinen Mittelgebirgen ähnliches Pflanzenkleid, das den Eindruck großer Fruchtbarkeit erweckt. Dichter Wald reicht bis zu 2100 m Meereshöhe hinauf. In demselben walten allerdings die Nadelhölzer weitaus vor. An den tiefern Partien der Talgehänge liegen zahlreiche Weinberge, deren größter sich an dem nach Süden schauenden Gehänge des Staldbachtälchens bei Ob-Stalden ausbreitet; es ist der „ Heidenrebberg ", nach F. G. Stebler „ der höchstgelegene Rebberg in der Schweiz und wahrscheinlich auch Europas, dessen oberste Grenze über 1200 m Meereshöhe liegt. Derselbe hat eine Ausdehnung von 9½ ha, gehört den Visperterminern und ist bereits in diesem Gemeindebezirk gelegen " 2 ). Aber auch andere Vertreter einer „ fast südlichen Vegetation " 3 ) sind im Tale und an den Gehängen häufig zu erblicken: Der Weg führt vielerorts im Schatten mächtiger Kastanien- und Nußbäume und an üppigen Obstgärten vorbei.

Was die Verbreitung der menschlichen Siedelungen anbetrifft, so ergibt sich zum Teil schon aus den oben gemachten Andeutungen, daß die großen Dörfer und die zahlreichen Weiler sich auf den breiten, gerodeten, von saftigem Mattgras und Acker-pflanzen bedeckten Terrassen ausdehnen, und zwar bis zu einer Höhe von 1600 m über Meer, während im schmalen Talgrund zwischen Visp und Stalden nur eine einzige größere Ortschaft liegt, „ Neue Brücke " an der Mündung des Breiterbaches. Über die Beschäftigungen der ansässigen Bewohner, die in ganz auffallender Weise von den äußern Faktoren, Bodengestalt, Klima und Vegetation beeinflußt sind, kann man sich durch die Lektüre von F. G. Steblers Monographie: Ob den Heidenreben, eine gute Vorstellung verschaffen.

Andere Verhältnisse in bezug auf die Tal- und Bergformen, die Vegetation und die Lage der Siedelungen und die Beschäftigungen der Bewohner treffen wir im mittlern Tal stück an, welches zwischen Stalden und Zermatt eine Strecke von 27 km aufweist.

2. Das mittlere Talstück, allgemein als das Nikolaital bekannt, beginnt bei Stalden mit einer typischen Talstufe, indem unmittelbar nördlich vor dem Dorf der Talgrund mit zunehmender Breite plötzlich von 720 auf 840—880 m hinaufsteigt. Dieser höhere Talboden gehört einem U-förmig ausgeweiteten Trogtale an. Der Tal-fluß hat sich in diesen Talboden eine stellenweise über 100 m tiefe, schmale Schlucht eingeschnitten; unter ebensolcher Form vereinigt sich bei Stalden die Saaservisp mit dem Hauptflusse, der Mattervisp, wenn auch in weniger tiefer Schlucht; beide Einschnitte nehmen jedoch an Tiefe talaufwärts ab, und zwar aus dem Grunde, weil der in schmalen Terrassen erkennbare Talboden fast in gleicher Höhe bleibt, der Flußlauf dagegen regelmäßig ansteigt. Über die linksufrige Terrasse führen Weg und Bahnlinie nach Zermatt, und auf ihr liegt die Station Stalden; aber schon etwa 4 km oberhalb dieses Punktes treffen Fluß und Weg und Bahn in der gleichen Höhe, nämlich in 900 m, zusammen. Hier zwischen Kalpetran und Kipfen geht das schmal gewordene Trogtal, über dessen steilen, 300 m hohen Wänden ebenfalls wie andernorts sanfter geneigte Terrassen liegen, so z.B. die von Emd und Schalp ( vgl. Fig. 4 ), in ein eigentlich V-förmiges Tal über, auf dessen schmaler Sohle kein Platz mehr für den Weg sich fand; auch die Bahnlinie springt, ängstlich suchend, von einem Ufer auf das andere hinüber. Hier ist die sogenannte Kipfenschlucht, die uns als 2 km lange Talenge entgegentritt, den Namen Schlucht dagegen kaum verdient; es handelt sich hierbei offenbar um eine ganz schmale Trogform, die durch die mächtigen Schutthalden am Fuße der Felswände eine V-Form erhalten hat. Auf der Ostseite streben die steilen Gehänge fast gleichmäßig 400—500 m hoch empor, um dann in 1450—1500 m Höhe in eine breite Terrasse überzugehen, auf der das Dorf Grächen mit seinen Weilern Eggen, Binnen, Werkgarten, Meiggeren und Ritinen liegt ( vgl. Fig. 5 und 6 ). Höher hinauf hebt sich die Talwand auf der Westseite, bei Großberg bis 1600 m, bei Jungen bis 1800 m, an beiden Orten schmälere Terrassenvorsprünge bildend.

Wir sehen, daß demnach hinsichtlich der untern Talgehänge und der Lage der Siedelungen hier Ähnlichkeiten mit den geschilderten Erscheinungen am Talausgange auftreten.

Oberhalb der Sellibrücke, wo die Kipfenschlucht zu Ende geht, ändern sich nun die Verhältnisse beinahe in jeder Beziehung. Von hier an zieht sich ein großartiges Trogtal von fast gleichmäßiger Breite und 21 km Länge in nahezu ungestörter Richtung hinan, zu beiden Seiten von einer typischen Hochgebirgskette überragt. Diese Talstrecke setzt sich mit Bezug auf die vertikale Gliederung aus drei verschiedenen Formelementen zusammen: zu unterst ist, wie man auf dem Bilde1 ): „ Taltrog von Randa " schön zu erkennen vermag, ein von steilen, bis 1000 m hohen Wänden ein-gefaßter Taltrog mit verhältnismäßig breiter Sohle eingeschnitten; darüber liegen schmälere oder breitere, teils von Wald, teils von Weiden bedeckte Terrassen oder abgeflachte und gerundete Bergvorsprünge, zwischen denen sich schmale Talfurchen in Stufen gegen das Haupttal hinabziehen; über den nach ihrer äußern Gestaltung als Mittelgebirgsformen erscheinenden mittlern Bergpartien erheben sich nun meist unvermittelt und jäh aufsteigend die kühn geschnittenen, zackigen, von Firn und Gletschern bedeckten Grate der eigentlichen Hochgebirgsformen, die den zwei das Tal im Osten und Westen begleitenden Hauptbergzügen angehören; der östliche dieser Bergzüge beginnt oberhalb Grächen und wird als die Mischabelhörner bezeichnet, der westliche mag nach seinem höchsten Gipfel als Weißhorngruppe aufgeführt werden. ( Man vergleiche die beigegebene Kartenskizze, Fig. 1. ) Fassen wir nun die drei angegebenen Formelemente, von denen wir einen guten Überblick in der „ Gesamtansicht von Randa " ( siehe den Lichtdruck gegenüber pag. 240 ) erhalten, etwas näher ins Auge, und sehen wir uns zunächst den Taltrog in seinem Querprofil an. Hierbei machen wir die gleiche Beobachtung wie beim Talprofil am Ausgang, daß nämlich der westliche Abhang im allgemeinen eine viel größere Steilheit und Höhe aufweist als der östliche ( man vergleiche die Profile, Fig. 7, 9, 10 und 11 ). Vielerorts steigt die Trogwand mehrere hundert Meter hoch senkrecht empor; dann stellt sich ein schmales Band in Form eines Absatzes ein, und darüber folgt wieder eine senkrechte Wand. Diese Absätze sind durch die bankige Schichtung bedingt, die sehr deutlich zu erkennen ist, so namentlich zwischen St. Nikiaus und Randa. Diese geschichteten Bänke fallen durchweg westlich ein, wie auf dem Bilde: „ Taltrog von Randa " zu ersehen ist, und sie bestehen nach C. Schmidt aus Gneis und andern kristallinischen Gesteinen 2 ). Diese Lagerung bedingt denn auch die im allgemeinen geringere Steilheit des Osthanges, indem die Gehängeböschung hier vielerorts dem Einfallen der Felsbänke entspricht. Aber doch nicht überall; denn auch da erscheinen namentlich die untersten Partien wie unterschnitten und fallen nahezu senkrecht gegen die Talsohle ein. ( Man vergleiche außer dem Bilde des Taltroges auch die Profile 8 und 12. ) In der Regel wird der Fuß dieser Trogwände von steilen, gleichmäßig abgeböschten, spärlich bewaldeten Schutthalden gebildet, die aus Absturzmaterial bestehen; häufig zeigt diese Schuttbildung die Form eines etwas weniger steilen Schuttkegels, der sich unten an einer Steinschlagrinne ansetzt. Solche Rinnen führen gelegentlich auch Wasser und senden Lawinen zu Tal, und viele ähnliche, die oben einen steilen Einzugstrichter aufweisen, können als Wildbachrunsen bezeichnet werden; dieselben enden überall Der Taltrog von Randa ( Nikolaital ). Blick nach Norden.

mit breitem Schuttkegel, dessen gerade Profillinie jedem Wanderer auffallen muß, in der Talsohle 1 ). Der Einzugstrichter des Wildbaches liegt dagegen in sehr verschiedener Höhe. Die meisten der kleineren Wildbäche beginnen oben an der Trogwand, indem der Trichter in die Trogschulter eingeschnitten ist; solche finden sich bei Zunachern und Täsch, und besonders schön entwickelt ist derjenige, auf dessen Schuttkegel das Dorf Herbrigen liegt. Wieder andere Wildbäche haben sich sehr tief in die Trogschulter eingeschnitten 2 ), und ihr Einzugsgebiet liegt hoch über derselben am Berggrat; wir können solche Runsen als vollkommen ausgebildete, als ausgereifte Wildbachfurchen bezeichnen. Als Typus derselben dürfen wir den Groß-graben bei Mattsand südlich St. Nikiaus hinstellen; aber auch die Wildbäche unmittelbar nördlich und südlich dieses Dorfes und der Schußlauibach bei Randa sind wohl ausgebildet. Da nun die höhern Grate weit über die Schneegrenze emporragen, so treffen wir vielerorts in den Wildbachtrichtern kleine schmale Gletscher an, die den Wildbach speisen. Von den verschiedenen Arten der Gletscher wird später die Rede sein; hier sei nur bemerkt, daß solche von Gletschern gespiesene Bäche in der Regel außerordentlich viel Geschiebe führen und daher mächtige Schuttkegel aufgebaut haben und noch jetzt lebhaft daran arbeiten. Ein schönes Beispiel dieser Art bildet unter andern der Schuttkegel des Biesbachs gegenüber Randa ( vgl. Bild „ Biesgletscher mit Bach und Schuttkegel " ). Längst abgeschlossen scheint dagegen der in größerm Maßstabe vor sich gehende Aufbau zahlreicher großer Schuttkegel; ihre mit schönem Kulturland bedeckte Fläche wird nur auf einer Linie vom geschiebereichen Bachbett durchzogen; ein solches Bild bietet der Schuttkegel, auf dem sich die Ortschaft Randa ausbreitet. So reiht sich talaufwärts Schuttkegel an Schuttkegel, und fast jeder zwingt den Fluß, ihm auf dem stellenweise 750 m breiten Talboden auszuweichen.

Eine andere Art der Schuttanhäufung im Tal- grund wird durch Bergsturz bewirkt. Ein solcher hat sich zwischen Randa und Täsch ereignet, und das etwa 1 km2 große Ablagerungsgebiet trägt zwischen dem grobblockigen Trümmerwerk den Atermentswald, über welchem schon aus großer Entfernung die Abbruch-nische, „ Im Bruch " genannt, am Leiterspitz sichtbar ist. Diese Schuttanhäufung ist der Besiedelung ungünstig, während die breiten, weit vorgebauten, „ abgestorbenen " Schuttkegel1 ) großer Wildbäche von Dörfern, Weilern und Einzelhöfen bedeckt sind; denn diese Bildungen bieten die einzigen Stellen in der Talsohle, welche zur Anlage menschlicher Wohnungen in Betracht kommen können. Während der ebene Talboden von Randa an 6 km weit mit zirka 10 ‰ ansteigt, folgt südlich Täsch eine Stufe von 45 ( „ zum Bühl " ), und oberhalb einer durch Felsvorsprünge bewirkten Talenge liegt in 1620 m Höhe der Kessel von Zermatt, ein ringsum eingerahmter Trogschluß.

Steigen wir nun auf schmalem Zickzackwege die steile Trogwand hinauf zu der Trogschulter empor! Wir gelangen dann in die Zone der abgerundeten Mittelgebirgsformen. Als abgerundete Formen erscheinen zunächst die von den Seitenkämmen gegen das Haupttal hinabsteigenden Bergsporne, wie z.B. solche vom Nadelhorn, Dom, Täschhorn und Rimpfischhorn ausgehen. Der Übergang von dem gerundeten Kücken zur scharfen Gratform ist vielerorts ein ganz unvermittelter, plötzlicher, und man kann direkt eine deutliche Grenzlinie beobachten. So reicht die Rückenform am „ Grat " ob St. Nikiaus zu 2500 m, bei Randa und Täsch zu 2400—2500 m hinauf; darüber erheben sich Gratformen. Die Grenze ist im Landschaftsbild um so schärfer, wo, wie bei Randa, der Wald bis 2400 m hinaufreicht. Diese Sporne sind in der Regel abgestuft; es lassen sich zwei bis drei Vorsprünge unterscheiden. Solche sind am Osthang zwischen Herbrigen und Randa: Geißtrifft 1662 m, Bergli 1727 m, Kühbodmen 1798 m, Tschuggen 1800 m, dann folgt das Bergje mit 2071 m ( vgl. hierzu Profile 9 und 12 ). Auf dem Bild: „ Gestufte Bergsporne bei Randa " sind diejenigen zwischen Breitenmattbach und Randaierbach zu erblicken. Der hintere Sporn steigt vom Nadelgrat herunter; die untere Stufe des vordern Sporns ist Kühbodmen; im Vordergrund der Kalkofen bei Randa.

Außerdem lassen sich in der Mittelgebirgszone mehr oder weniger breite Terrassen an den Gehängen feststellen. Sie sind besonders deutlich dort entwickelt, wo ein größeres Seitental ins Haupttal mündet; so z.B. im Täschtal in 1800 m „ Am Berg ", am Ausgang des Findelentals in 2200—2300 m, am Ausgang des Trifttals in 2400 m ( „ Kühberg " ), des Schallibachtals am Schalliberg, bei Jungen in 1800 —1900 m und bei Gassenried ( südlich Grächen ) in 1650 m.

Diese genannten Täler bedürfen noch einer besondern Erklärung. Es sind dies sämtlich sogenannte Hängetäler, d.h. Täler, deren Mündungsbasis gewissermaßen in der Luft hängt; sie münden nämlich in Stufen zum Haupttal hinunter. Bekanntlich besitzt jedes normale Tal mit ausgeglichenem Längsprofil im Oberlauf das größte Gefälle; dasselbe nimmt talauswärts regelmäßig ab. Nicht so in den Seitentälern unseres Gebietes; wie sich aus den beigegebenen Längsprofilen, Fig. 2, ergibt, folgt nach dem sanfter fallenden Mittellaufe ein steil geneigter Unterlauf zum Haupttal hinunter. Als ein besonders typisches Hängetal stellt sich uns das 10 km lange Täschtal dar, dessen verlängerter Mittellauf eine 550 m über der heutigen Sohle des Haupttales liegende Mündung verlangt. Das Haupttal erscheint also gegenüber dem Nebental „ übertieft ". Betrachten wir noch andere Hängetäler: Da fällt uns auf, daß die kleinern Täler mit höherer Stufe münden, so Augstbord- und Jungental bei St. Nikiaus und das kleine Tälchen der Riederkummen, ein längliches Kar mit Schwelle in 2700 m, östlich von Zermatt.

In die Mündungsstufe haben die Bäche vielerorts tiefe Rinnen eingeschnitten, trotzdem aber noch lange kein ausgeglichenes Gefälle zu schaffen vermocht, so daß noch heute die hoch mündenden, U-förmig profilierten Seitentäler mit den weißblinkenden Fällen ihrer Bäche uns als auffallende Erscheinungen an der Trogwand des Haupttales entgegentreten. Auf dem Bilde: „ Stufenmündung des Trifttales bei Zermatt " sind diese angeführten Merkmale deutlich zu erkennen: Im Hintergründe guckt die firnbedeckte Wellenkuppe durch die schmale U-förmige Talöffnung hervor, während die links aufsteigende Erhebung des Mittelgrundes einen vom Unter-Gabel-horn heruntersteigenden, abgerundeten Bergsporn, den Hübnerknubel, darstellt; rechts oben ist dagegen die 2400 m hohe Terrasse vom „ Kühberg " zu bemerken.

Treten wir nun auf die Betrachtung der Hochgebirgsformen ein, die vom tiefliegenden Talgrunde aus kaum zu bemerken sind. Wohl nirgends im Bereiche der Schweizeralpen ist die Entwicklung und Anordnung dieser Formen eine so typische und regelmäßige, wie gerade in den beiden oben angeführten Hauptbergzügen, in der Mischabelgruppe, die auf der dieser Abhandlung obenan gestellten Kopfleiste vorgeführt ist, und in der Weißhorngruppe, deren Gipfel jüngst durch das Buch von Prof. C. Schmidt: „ Bild und Bau der Schweizeralpen " ( pag. 70—72 ) allgemein bekannt gemacht und mit der Struktur in Zusammenhang gebracht worden sind. Von welcher Seite her man diese gewaltigen Gipfel auch betrachte, stets zeigen sie im Profil eine majestätisch aufgebaute, oben mehr oder weniger scharf zugespitzte Pyramidenform, welche vom Volk von jeher als „ Horn " bezeichnet worden ist. Als Typus derselben muß in erster Linie das Weißhorn hingestellt werden. Aber auch die auf unserm Bilde dargestellten beiden höchsten Gipfel, rechts das Täschhorn, links der Dom, und ferner das niedrigere Nadelhorn entsprechen den Anforderungen der Pyramide. Diese Regelmäßigkeit dürfte, außer mit gleichmäßig wirkenden Abtragungsvorgängen, auch mit der Gesteinsbeschaffenheit und der Struktur in Zusammenhang stehen; alle diese genannten Gipfel bestehen aus schief gestellten Bänken von Gneis und andern kristallinischen Gesteinen, die im allgemeinen zu regelmäßiger Abböschung neigen. Immerhin lassen sich bei dieser Lagerung einige Unterschiede feststellen: so zeigen viele Gipfel auf der Seite, wo die Schichten einfallen, eine stärkere Böschung, wie an der Südseite von Dom und Täschhorn zu erkennen ist. Noch verstärkt wird diese Erscheinung, wenn dazu eine andere Zusammensetzung kommt: So treten am Ostabhang des Brunegghorns bergwärts fallende, mächtige Schichten sedimentärer Kalke auf1 ), die den ungeheuren Steilabsturz der Ostwand bedingen, während die Böschung des Westabhanges eine viel sanftere ist.

Ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung der Hochgebirgsgipfel ist die Form der höchst gelegenen Tälchen und Eintiefungen; letztere bilden in der Regel das Einzugsgebiet der talwärts eilenden Bäche. Wo es sich um Wildbäche handelt, wie wir solche kennen gelernt haben, da zeigt das Einzugsgebiet die Form eines nach unten zugespitzten, von zahlreichen Rinnen durchzogenen, nach oben immer steiler ansteigenden Trichters.

Allein vielerorts weist das oberste Talstück die Gestalt einer mehr oder weniger breiten Mulde, eines Kessels mit sanfter Neigung auf, der oben und an den Seiten von steilen, teils nackten Felswänden umgeben ist, die zu scharfzackigen Gräten und Gipfeln emporführen. Aus dieser so geformten Mulde oder Nische, in welcher der blendend weiße Firn sich ausbreitet, hängt in der Regel eine nach unten schmälere, einfache oder gelappte Gletscherzunge herunter, und zwar mit größerm Gefälle, als im Firnfeld herrscht. Häufig folgt unterhalb der Gletscherzunge noch ein sehr großer, hoher Gefällsbruch, eine Talstufe, über welche die Gletscherzunge mit beängstigender Kühnheit herunterhängt. So sehen wir auf der „ Gesamtansicht von Randa ", wie der Festigletscher seine zwei Lappen über die hohe Stufe hervorstreckt, an deren steilen Felswänden die Gletscherbäche in wilden Sätzen herunterstürzen und dann als Randaierbach den Talgrund erreichen.

Die Erscheinung verhältnismäßig schmaler, stufenförmig abbrechender Kar- oder Hängegletscher ist für den Westabhang der Mischabelhörner charakteristisch. Wir haben es hier nämlich mit aktiven Karen zu tun 2 ). Ein typischer Kargletscher ist vor allen der Kiengletscher 3 ). Von vorwiegenden Hängegletschern ist dagegen der Hintergrund des Täschtales in schöner Hufeisenform umgeben, und sie bilden hier die großartige Umrahmung eines trogförmigen Hängetales, über dessen Schultern die Gletscherenden liegen.

Größere Mannigfaltigkeit weisen in bezug auf ihre Formen die Gletscher am Ostabhang der Weißhorngruppe auf. Sie kommen in der nördlichern Partie, die vom 3621 m hohen Barrhorn überragt wird, als kleine Individuen vor, die sich in die höchsten Nischen zurückgezogen haben; man könnte sie, wie etwa die Stelligletscher, ebenfalls als Kargletscher bezeichnen. Einen prächtigen, gestuften Hängegletscher stellt der Biesgletscher dar, der große Ähnlichkeit mit dem Festigletscher zeigt; er liegt in einem sogenannten Treppenkar. Auf dem auf Seite 234 wiedergegebenen Bilde vermögen wir nur die gelappte Zunge zu erkennen; sie beginnt etwa mit der weißen Fläche im Horizont an der höhern Stufe, die durch die harten, bergwärts-fallenden Kalkbänke des Brunegghorns bedingt ist. Auffallend geringfügig ist am Ende die Moränenbildung.

Ähnlich wie das Täschtal sind auch die beiden Hängetäler zwischen Weißhorn und Ober-Gabelhorn, Trifttal und Hohlichttal, im Hintergrund von Gletschern rings behangen, deren Nährgebiet sich auf je drei Nischen verteilt. Im Trifttal senden noch zwei Gletscher ihre schmalen, von mächtigen Gandecken eingefaßten Zungen über die Talstufe im Hintergrund des kurzen Tales herunter, ohne sich zu vereinigen, während aus zwei Firnmulden im Hohlichttälchen die Eismassen zu einer schönen, mit Gufferlinien bedeckten Gletscherzunge verschmelzen; in der dritten Nische beider Tälchen, die gegen Süden hinschaut, hat sich jedoch kein größerer Gletscher zu entwickeln vermocht; der eine ist ein mehr in die Breite geratener, großer Firnfleck ohne jedwede Zungenform, der Rothorngletscher.

Wo nun drei solcher halbkreisförmiger Nischen an einem Gipfel liegen, erhält derselbe im Grundriß die Form eines Dreikanters, als deren Typus hier wiederum das Weißhorn zu betrachten ist. Wenn die Nischen verschieden groß sind, so weist der Berg einen verwickeltern Grundriß auf; dies ist der Fall bei den Mischabelhörnern. Als Vierkanter stellen sich das Ober-Gabelhorn und das Allalinhorn dar.

Überblicken wir den Formenschatz des Nikolaitales, so haben wir zunächst die Talstufe von Stalden, dann die V-förmige Talenge von Kipfen, den Taltrog von Randa und endlich den kesseiförmigen Talschluß von Zermatt kennen gelernt. Im Querprofil gesehen, erscheint das heutige Tal mit seinen steilen untern Wänden als ein verhältnismäßig junges, in ein älteres, breiteres Tal eingeschnitten, dessen Sohle ungefähr durch die über den steilen Wänden liegenden Terrassen und Vorsprünge angedeutet zu sein scheint. In dieser Höhe befinden sich die abgerundeten Mittelgebirgsformen, die das Tal auf beiden Seiten bis zu 2400 — 2500 m Meereshöhe begleiten. Hier setzen dann plötzlich und unvermittelt die scharfen zackigen Hochgebirgsformen mit ihren Kar- und Hängegletschern ein.

Ganz ähnliche Verhältnisse finden sich im Saastal. Oberhalb der Stufe von Stalden folgt zunächst von Eisten an ein 5 km langes Talstück mit V-förmigem Querprofil und 75 ‰ Gefälle; in 1470 m Höhe beginnt der Taltrog von Saas im Grund, der mit 15 — 20 ‰ bis Moos ansteigt und hier über eine Stufe zum Trog von Almagell und Mattmark hinaufführt 1 ). Alle Seitenbäche münden in Stufen aus 1 ) Vgl. die Bilder in Dr. Dübis Führer von Saas-Fee und Umgebung, pag. 26, 77 und 110.

typischen Hängetälern, von denen einige große Ähnlichkeit mit dem Täschtal haben, vor allem das Furggtal, dann das Almagelltal, Trift- und Mattwaldtal. Auch das Tal von Fee mündet mit 150 m hoher Stufe.Von den Gletschern ist der Allalingletscher von ganz besonderm Interesse: Aus einem hoch gelegenen, seitlichen Firn- kessel streckt er be- kanntlich seine Zunge bis in den breiten Talgrund hinunter, und seine mächtigen Moränen stauen den Fluß zum See von Mattmark auf ] ).

3. Der Talhintergrund. Wenn der Wanderer endlich im „ Kessel von Zermatt " angelangt ist und nun von dort aus das sich im Süden darbietende Landschaftsbild betrachtet, so fallen ihm zwei besonders markante Gebirgsformen in die Augen: im Vordergrund hebt sich ein dunkelgrün bewachsener Abhang zu einer breiten, ausgedehnten, mit Firnflecken besetzten Hochfläche hinauf, und über diese ragt im Hintergrunde rechts das kühn geschnittene Matterhorn empor.

Bei genauerer Betrachtung vermögen wir zu erkennen, daß nicht nur der bewaldete, gegen Zermatt gekehrte Abhang der Hochfläche von kleinern Bachrunsen zerschnitten ist, sondern daß die letztere in noch bedeutenderm Mafie von breiten und tiefen Talfurchen zerteilt wird, in welchen die Zungen der bekannten großen Talgletscher liegen. Auf dem Bilde: „ Die Hochfläche vor dem Matterhorn " können wir links, hinter dem Wäldchen, das von hellem Moränenschutt umrahmte Bett des Gornergletschers wahrnehmen.

Einen ausgezeichneten Überblick über diese Erscheinungen erhalten wir, wenn wir auf das Mettelhorn nördlich Zermatt steigen und von dort aus das Landschaftsbild betrachten, das Herr F. Rohr mit großem Geschick und viel Verständnis aufgenommen und in der Platte festgehalten hat. Von hier aus gesehen, tritt das trogförmig in die sanftwellige Hochfläche eingetiefte Tal des Gornergletschers ganz besonders deutlich hervor. Wir vermögen noch ein zweites, wenn auch kleineres Trogtal zu erkennen, welches stufenförmig und mit engem V-förmigem Querschnitt in das Tal des Gornergletschers an dessen unterm Ende einmündet. Es ist das Furggbachtälchen, in das sich oben die schmale Zunge des Furggletschers hineinlegt, dessen Firnfeld sich, außerordentlich breit und sanft ansteigend, auf der Hochfläche ausdehnt. Dieselbe wird im Horizont zwischen den beiden Matterhörnern von einem 7 km langen, 3360—3480 m hohen, verfirnten Rücken oder Grat umzogen, während 1 ) Vergleiche das Bild in Dr. Dübis Führer von Saas-Fee und Umgebung, pag. 35.

sie, sich langsam nordwärts senkend, bei den „ Leichenbrettern " in 2700 m und unterhalb des Schwarzsees in ungefähr 2400 m Höhe abbricht. Sie erscheint in dieser Höhe als breite Terrasse bei „ Galen " auf dem südlichen Abhang des Z'Mutt-tales, während am Nordhang eine ebenso deutliche Terrasse, aber in höherm Niveau auftritt. Sie liegt bei Arben in 2609 m, bei Schwarzenläger in 2793 m und bei Hohlicht in 2620 m.

Als eine breite, durch zwei flach eingetiefte Tälchen gegliederte Hochfläche muß ferner der „ Riffelberg ", der Nordabhang des Gornergrates, betrachtet werden: sie bricht jedoch am Riffelbord und bei der Riffelalp unregelmäßig ab, in 2550 m und 2350—2400 m. Mit großer Stufe fallen die beiden, flach eingetieften Tälchen nordwärts ab.

Aber auch die großen, eiserfüllten Täler fallen stufenförmig gegen den Kessel von Zermatt hinunter. Die oben aus sehr breiten, sanft sich senkenden Firnmulden hervorgehenden Gletschertröge des Findelen-, Gorner- und Z'Muttgletschers werden mit zunehmender Tiefe immer schmäler, und unterhalb des Gletscherendes hat sich der Bach ein schmales, oben V-förmiges Tal eingeschnitten, das nach unten, gegen Zermatt zu, immer mehr den Charakter einer engen Schlucht annimmt, in welcher der Gletscherbach mit zunehmendem Gefälle herunterstürzt; letzteres beträgt am Findelenbach zwischen Winkelmatten und Findelen 180‰.

Im Gegensatze zu der Einheitlichkeit der eben besprochenen Formelemente von Tälern und Hochflächen zeigt sich in bezug auf die Gipfelformen unseres Gebietes große Mannigfaltigkeit. Am leichtesten vermögen wir nach Profil und Grundriß das schlanke Matterhorn zu charakterisieren. Es ist ein typischer Vierkanter 1 ), der auf vier, genau den Ilauptrichtungen der Windrose entsprechenden Seiten durch breite Firnnischen schwach eingebuchtet erscheint. Demzufolge steigen die vier Kanten fast regelmäßig diagonal zueinander abwärts.

1 ) Dr. H. Walser spricht vom „ dreikantig-felsigen " Matterhorn. Landeskunde der Schweiz. Sammlung Göschen, pag. 103.

Die übrigen Erhebungen „ entziehen sich überhaupt der Klassifizierung. Sie sind sehr kompliziert gebaute, umfangreiche Massive, die sich nicht mit einfachen Formeln beschreiben lassen. In mehrfachen Stockwerken mit allerlei Kippen und Graten und ohne einfache und deutliche Beziehungen zu bestimmten Karen, Tälern oder Graten bauen sie sich auf. Beispiele sind: der Monte Rosa etc. " ( Richter. 1 ) Damit haben wir unsern topographischen Überblick über die Tal- und Bergformen des Gebietes der Saaser- und der Mattervisp beendet und wollen nun etwas näher auf die Fragen nach der Entstehung derselben eintreten.

II. Die Entstehung der Tal- und Bergformen.

Während noch bis vor 50 Jahren die Ansicht vorherrschend war, daß die Gebirgsformen in erster Linie durch tektonische Vorgänge geschaffen worden seien, die Täler z.B. auf Spalten zurückgeführt wurden, hat sich seither die Überzeugung Bahn gebrochen, daß die Modellierung der alpinen Tal- und Bergformen zum großen Teil der Wirkung der abtragenden Kräfte zugeschrieben werden müsse: Erosion und Denudation. In der Tat läßt sich im Vispgebiet gar kein Anhaltspunkt gewinnen, der für die ehemalige Auffassung sprechen würde. Die Tal- und Bergformen des Vispgebietes sind reine Erosionsformen, die nur in untergeordnetem Maße von dem geologischen Bau beeinflußt sind, wie wir oben schon angedeutet haben.

1. Geologischer Bau. Nach den Untersuchungen von C. Schmidt2 ) ist hier die geologische Struktur eine ganz eigenartige; sie zeigt keine Übereinstimmung mit dem regelmüßigen Faltenbau des Jura, sondern hier handelt es sich um viel intensivere Krustenbewegungen, indem die Erdrinde in der ungeheuerlichsten Weise verzerrt und mehrfach weit nach Norden übergelegt und überschoben worden ist; die verschiedenen Schichtenkomplexe sind wie Decken übereinander geworfen worden, so daß ältere Schichten, wie Gneise, weithin über jüngern Bildungen, wie Trias- und Jurakalke und -schiefer liegend beobachtet werden können, namentlich in der Weißhorngruppe 3 ). Als solche jüngere Schiefer treten die sogenannten Bündnerschiefer auf. „ Bei Zinal und bei Evolène erreichen diese Schiefer, die in breitem Zuge über Barrhorn, Diablons und Mont Pleureur hinziehen, den Talgrund, um südwärts unterzutauchen unter die Aroilagneise der Dent Blanche Masse. Die Bündnerschiefer von Zinal verfolgen wir als kontinuierliches Band von den Diablons über Barrhorn, Zermatt, Theodulpaß nach St. Marcel im Aostatal, von dort über Cogne nach Aosta zum Grand Combin und Mont Pleureur und zurück bis Evolène und Zinal. Dieses elliptische Band von Kalkschiefern und Grünschiefern umschließt eine kompakte Masse kristalliner Gesteine, die nicht wie die des Mont Blanc- und Gotthardmassivs fächerförmig steil aufgerichtet sind, sondern in ihrer Gesamtmasse flach liegen. Wir kommen zu der Anschauung, daß die gneisartigen Gesteine der Dent Blanche-Masse, die im Mont Blanc de Seillon, im Mont Collon, in der Dent Blanche und Dent d' Hérens, im Matterhorn und Weißhorn hoch aufragen, schüsseiförmig auflagern den sie umschließenden und unter-teufenden Kalkschiefern der Zinalmulde... Am Gornergrat, am Weißtor tauchen unter 1 ) Geomorphologische Untersuchungen in den Hochalpen, pag. 63.

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den Kalkschiefern die domförmig aufgewölbten Gneise des Monte Rosa empor, die gegen Osten durch das Val d' Anzasca sich verbinden mit den Gneisen des Tessin. " ( Schmidt. ) Es ergibt sich aus dieser Darstellung, daß die Anordnung und Gestaltung der Täler des Vispgebietes nicht mit dem geologischen Bau in Beziehung gebracht werden können. Es sind reine Erosionst'ormen, und da die Modellierung der Gipfel in erster Linie von der Anordnung und Gestaltung der Talfurchen abhängt, so haben wir zunächst darzulegen, welche Faktoren hierbei von den Forschern in Betracht gezogen worden sind, unter diesen Faktoren sind zwei anzuführen: das fließende Wasser und die Gletscher der Eiszeit. Es kann hier nicht auf die Einzelheiten der Meinungen eingegangen werden; wir wollen nur das Wesentlichste und das unser Gebiet Betreffende hervorheben. Tn den Forscherkreisen stehen sich heute zwei Ansichten gegenüber.

2. Verschiedene Ansichten. Die Schule Alb. Heim schreibt die Modellierung der Täler ausschließlich der Wirkung des fließenden Wassers zu, während W. 31. Davis, A. Penck und ihre Schüler auch den alten Gletschern einen bedeutenden Anteil an der Talbildung zuerkennen.

Anlaß zu diesen Meinungsverschiedenheiten bieten die eigenartigen Talformen, deren Typen wir eben im Visptal kennen gelernt haben; das sind die auch in allen andern größern Alpentälern vorkommenden Stufen, Becken, Engen, Weitungen und Terrassen.

a. Die Schule Heim geht von folgenden Tatsachen aus: Die Talbildung durch das fließende Wasser vollzieht sich unter verschiedenen Vorgängen. Zunächst schneidet der Fluß, solange das Gefälle stark ist, in die Tiefe; er sägt sich eine schmale Schlucht ein; dieselbe erhält durch die Abspülung der Gehänge in weicherm Gestein das typische V-Profil. „ In dem Momente aber, wo die Tiefenerosion nicht mehr so stark wirken kann, also bei flacherm Gefälle, serpentinisiert der Fludas V-Profil verschwindet, und an seine Stelle tritt dasProfil oder, wie man sagt, das U-Profil durch Seitenerosion. DasProfil des Flusses ist das stabile, nicht das V-Profil. In keinem V-Profil eines Flusses haben wir Terrassen. Sie können auch nicht vorhanden sein, denn das Gefälle ist zu stark; dagegen haben wir sofort beimProfil Terrassen 1 ). " Solche Erosionsterrassen ergeben sich jedesmal dann, wenn der Fluß von neuem in den ebenen Talboden einschneidet; diesem Talboden entsprechen die durch Ebenfläehigkeit und Gleichsinnigkeit ausgezeichneten, aus ihm herausgeschnittenen Terrassen. Der Anlaß dieses Neueinschneidens wird mit einer Hebung des Gebirges in Zusammenhang gebracht. Es müssen hierzu zwei Bemerkungen eingeschaltet werden, erstens: bevor der Fluß durch laterale Erosion einen weithin zu verfolgenden, ebenen Talboden geschaffen hat, vergeht eine lange Zeit; zweitens: bis der Hauptfluß dieses Ziel erreicht hat, haben auch die größern und kleinern Seitenflüsse ihren Lauf demjenigen des Hauptflusses angepaßt 2 ). Solche Verhältnisse lassen sich im Napfgebiet beobachten 3die Napftäler zeigen alle Merkmale der Flußtäler in gesetzmäßiger, typischer Ausbildung.

1 ) Gogarten, Über alpine Randseen und Erosionsterrassen. Ergänzungsheft Nr. 165 zu Petermanns Mitteilungen, 1910, pag. 53.

2 ) Ein Gesetz, ibis schon 1802 von J. Playfair erkannt worden ist. Vergleiche Penck, Morphologie der Erdoberfläche, 1894, II. Band, pag. 136.

Dagegen suchen wir in den Alpentälern vergebens nach zusammenhängenden, ebenen Erosionsterrassen, obwohl jüngst von neuem wieder die Existenz derselben behauptet worden ist, nämlich von Gogarten 1 ). Auf alle Fälle kann diese Auffassung der Heimschen Schule hinsichtlich der Bildung der Visptäler nicht zutreffen; denn dagegen sprechen einmal die Abwesenheit von solch ebenen Terrassen, zweitens die Existenz von Stufentälern, deren Mündungen sehr verschieden hoch liegen, und drittens die Tatsache, daß das Nikolaital einen breiten Talhintergrund ( vgl. Profile 13 und 14 ), talabwärts aber ein engeres Profil aufweist: alles dies Merkmale, die auch andern Alpentälern eigen sind, und zwar teilweise — mit Bezug auf den Wechsel von Engen und Weitungen, Becken und Stufen — in verstärktem Maße, wie uns das Haslital lehrt.

b. Alle diese Formen lassen sich allein nur durch die Annahme normaler, fluviatiler Erosion nicht erklären. Vielmehr sind die modernen Geomorphologen zur Ansicht gekommen, daß außer dem fließenden Wasser auch die mächtigen Eisströme der Diluvialzeit an der Modellierung der Talformen mitgewirkt haben müssen 2 ). Im allgemeinen geht man heute von der Voraussetzung aus, daß die alpinen Täler schon vor der Eiszeit durch Flüsse in erheblichem Maße eingetieft worden, und daß letztere auch während der Interglacialzeiten noch tätig gewesen seien. Der Wirkung der großen Gletscher werden in erster Linie die Übertiefung der Haupttäler und die Trog- und Beckenbildung zugeschrieben; die schneller fließenden und mächtigern Hauptgletscher haben die Haupttäler gegenüber den Nebentälern stärker eingetieft. Ferner sind beim Zusammenfluss größerer Eisströme im Haupttal die bekannten Stufen entstanden. Bis zur obern Grenze der Gletscher sind alle Vorsprünge rundlich abgeschliffen worden, und darauf beruht in den Alpen der Gegensatz von Mittelgebirgsformen und Gratformen.

Allein selbst unter den., Glacialisten " sind verschiedene Meinungen geäußert worden.

Penck und Brückner3 ) kommen nach ihren Untersuchungen der Gefällsverhältnisse von hoch gelegenen Terrassen und Stufenmündungen zur Ansicht, die präglacialen Täler seien vollständig ausgereift, d.h. mit breiten Talsohlen und ausgeglichenem Gefalle ausgestattet gewesen. Die Gletscher der ersten und zweiten Eiszeit hätten glaciale Formen, wie Tröge und Becken, geschaffen, dieselben seien aber durch die interglacialen Flüsse zerstört worden; auch während der langen gletscherlosen Epoche zwischen der zweiten und dritten Eiszeit ( Mindel-Riß ) sollen die Flüsse wieder ein ausgeglichenes Talprofil und einen breiten Talboden geschaffen haben, der in Terrassen zu erkennen sei.

Brückner glaubt, im Visptal sowohl den präglacialen, als auch den interglacialen Talboden rekonstruieren zu können, indem er ( 1. c. pag. 610 ) zunächst ausführt, daß 1Nach den neuesten Untersuchungen von Gogarten sollen nämlich im Linthtal an den Gehängen überall solche ebene Terrassen auftreten, die als ehemalige Flußtalböden bezeichnet werden, und zwar sollen es nicht weniger als 17 Talböden sein. 17 mal sollen also die Alpen durch Hebungen den Fluß an seiner Arbeit gestört haben; aber der fleißige Fluß soll trotz dieser häutigen Störungen Zeit gefunden haben, jedesmal einen bis 5 km breiten Talboden in den ältern herauszuarbeiten; während allerdings die Seitenflüsse weniger tätig gewesen sein sollen und heute noch in Stufen zum Haupttale hinunterstürzen.

die breite Hochfläche oberhalb Zermatt sich als die präglaciale „ alte Taloberfläche zeige. „ Ihr gehört die nach Südosten von 2450 auf 3000 m mit zirka 200—300 ‰ ansteigende Fläche des Riffelberges an, ebenso die etwas steiler sich nach Süden emporhebende Fläche der Leichenbretter. Mit dieser hängt gegen Nordwesten die Terrasse von Galen zusammen; nördlich vom Z'Muttbach folgt die Terrasse von Hohlicht und Höhbalm, weiter nordwärts diejenige des Kühberges. Nördlich des Riffelberges dehnt sich zwischen 2200 und 2600 m die Terrasse von Findelen. Die Kongruenz dieser Terrassen ihrer Höhenlage nach ist so augenfällig, daß ihr einstiger Zusammenhang keinem Zweifel unterliegen kann. Sie senken sich von Westen, Süden und Osten gegen Zermatt und stellen so den halbtrichterförmigen Schluß eines großen Tales dar. Aus den Gefällsverhältnissen ergibt sich, daß der alte Talboden über Zermatt in etwa 2100 m Meereshöhe zu suchen ist. Die Terrassen begleiten das Tal auswärts. Die Seitentäler links und rechts münden als Hängetäler; das Haupttal selbst ist mit Trogform in die Terrassen eingesenkt. Zwischen Täsch und Randa ergibt sich für die alte Talsohle 1700—1800 m Meereshöhe, bei St. Nikiaus, durch die breite Terrasse von Grächen angedeutet, 1500 m, bei Stalden, wo wir die Terrasse von Törbel und die von Visperterminen treffen, 13 —1400 m, endlich am Ausgang des Tales ins Rhonetal bei Visp 12 —1300 m. In entsprechender Höhe finden sich Spuren der alten Taloberfläche im Tal der Saaser-Visp; Terrassen an den Gehängen, wie die Stufe des Ofentales, ergeben für die Gegend von Mattmark zirka 2300—2350 m für die Talsohle, bei Almagell ( Stufen des Furggentales und des Almagelltales; 1900—2000 m. Die schöne geschliffene Stufe des Tales von Saas-Fee weist für Saas im Grund auf 1800 m; in ihrem Niveau ziehen Talleisten über Bärenfalle und im Seng bis Wald fort ( 1750 m ). Das Gefälle des durch diese Terrassen markierten Tales beträgt von Zermatt bis Randa 30 — 40 ‰, von da bis Stalden 25 ‰, ebenso von Mattmark bis Saas 50 ‰, von Saas bis Stalden 30 ‰. Das alte Talsystem schließt bei Visp an den höhern, ältern Talboden des Rhonetales an. Aber auch das tiefere Talniveau läßt sich in das Tal der Visp verfolgen. Doch sind die Talleisten schwächer entwickelt als die des ältern Talniveaus. Ihm gehört die Terrasse von Ober- und Hinterstalden bei Visperterminen ( 1000 m ) an, wie die von Staldenried an der Vereinigung der Täler der Matter- und der Saaser-Visp. Beide Täler besitzen oberhalb der Vereinigungsstelle Stufen, die die Flüsse in wilden Erosionsschluchten durchmessen. Die oberhalb gelegenen Talsohlen bei St. Nikiaus ( 1120 m ), sowie bei „ im Boden " ( 1300 m ) gehören schon selbst nahezu dem tiefern Talniveau an " ( pag. 611 ). Zu den Ausführungen Brückners erlaube ich mir, folgende Bemerkungen zu machen: So überraschend im allgemeinen die Einheitlichkeit der Hochfläche über Zermatt erscheint, so auffällig sind doch die Größenverhältnisse derselben. Es kommt mir nicht sehr wahrscheinlich vor, daß eine so ausgedehnte Fläche durch allgemeine normale Denudation, d.h. Abspülung, entstanden sei, während daneben so unvermittelt jäh ansteigende Formen auftreten. Dagegen glaube ich, daß wir hier ein großartiges Beispiel glacialer Denudation vor uns haben, wie unten näher ausgeführt werden soll. Ferner scheint Brückner die Höhe der Stufenmündungen der Hängetäler zur Rekonstruktion des alten Nikolai-Talbodens zu wenig berücksichtigt zu haben. Betrachtet man die Längenprofile dieser Täler, so können wir feststellen, daß in der Regel eine doppelte Stufe auftritt, so im Hohlicht-, Emdbach-, Ried-, Jung- und Trifttal. Überall ist die höhere Stufe von Gletscher oder Firn bedeckt. Die Fort- setzung derselben würde hoch über die von Brückner angenommene alte Haupttalsohle zu stehen kommen. Fassen wir die untere Stufe ins Auge, so erhalten wir sehr verschiedene Werte; doch zeigen sich in vier Tälern übereinstimmende Beträge mit Bezug auf die Höhe über der heutigen Talsohle, nämlich im Trift-, Täsch-, Ried-und Hohlichttal. Danach erhielten wir, vorausgesetzt, daß während des ganzen Eiszeitalters die Sohle der Seitentäler nicht vertieft worden sei, eine ehemalige Talsohle bei Zermatt in 2250 m, bei Täsch und Randa in 2050—2100 m und bei St. Nikiaus in 1700—1800 m. Das sind wesentlich höhere Werte, als sie Brückner erhalten hat, da er sich auf die Existenz von Terrassen stützte, von denen nur diejenige von Grächen typisch ist. Denn die Terrassen bei Randa und Täsch, nach denen er auf eine Höhe von 1700—1800 m geschlossen hat, sind nichts anderes als die untern Stufen der besprochenen Bergsporne, wie Kühbodmen und Tschuggen. Ein Blick auf die Profile 10, 11 und 12 zeigt aber, daß diese Vorspränge schon selbst einem trogförmigen Tale angehören, welches in einen höhern Talboden eingesenkt zu sein scheint. Die höhern Terrassen und Vorsprünge, auch z.B. die des Bonigersees, hat Brückner nicht berücksichtigt. Dagegen sind sie in systematischer Weise von H. Heß dargestellt und gedeutet worden 1 ).

H. Heß beobachtete in zahlreichen Alpentälern an den quer zur Talrichtung verlaufenden Felsrippen oder Bergspornen je drei Paar Gefällsknicke, und aus den danach gezeichneten Profilen glaubt er annehmen zu dürfen, daß jedes dieser Täler vier ineinander geschaltete Tröge darstelle, die mit den vier von Penck und Brückner konstatierten Vergletscherungen, Günz-, Mindel-, Riß- und Würm-Eiszeit, in Beziehung stehen. Im Visptal hat Heß 12 Profile gezeichnet, die größtenteils den hier beigegebenen entsprechen. Er sagt ( pag. 325 ): „ Mit einer auffallend großen Böschungs-änderung setzt gerade an der Schliffgrenze die Talwandung ein.Sie tritt so regelmäßig ein, daß ich in einer meiner ersten Untersuchungen über den Taltrog als den obersten der vier ineinander liegenden Tröge den bezeichnete, welcher die Schliff-grenzzone als Sohle hat. " Nach Heß soll die Schliffgrenze zwischen Unter-Gabelhorn und Gornergrat in 3200 —3140 m liegen, über Randa in 2900 m, über Kipfen in 2700 m und beim Talausgang- in 2400 m. Diese Beträge scheinen mir überall zu hoch zu sein; denn die Grenze zwischen abgerundeten und zackigen Formen liegt nach unsern Beobachtungen tiefer, wie wir sahen. Auch hinsichtlich der Bildung der vier Tröge dürfte die Ansicht von H. Heß im Vispgebiet nicht ganz zutreffen.

Wenn man die hier gezeichneten Profile auf die verschiedenen Gehängeknicke prüft, so treten allerdings in jedem Profil mehrere, aber fast überall nur zwei Paar deutlich hervor. Die andern sind jeweilen sehr schwach entwickelt, überdies dürften hierbei nur die quer über den gut ausgebildeten Trog von Randa gezogenen Profile in Betracht kommen. Es sind dies die Fig. 7, 8, 9, 10, 11 und 12; danach lassen sich drei ineinander geschachtelte Tröge konstruieren, wie in Fig. 11 gezeigt ist. Die höhern Knicke erscheinen hier meistens als unbedeutende Einkerbungen, deren Entstehung auf die verschieden hohe Lage der Eisströme zurückgeführt werden kann, wie schon Brückner in seiner Kritik der Ansicht von Heß bemerkt hat, indem er sagt: „ Ich glaube nicht, daß man gerade die Profillinie von Bergrippen, die von 1 ) H. Hess.;, Alte Talböden im Rhonegebiet. Zeitschrift für Gletscherkunde, II. Band, 1908, pag. 321—361 der Seite ins Tal ragen, zur Verfolgung alter Taloberflächen heranziehen darf, wie das Heß ausschließlich in seinen Talprofilen tut. War an ihnen zwar die Wirkung des fließenden Wassers ausgeschlossen, so unterlagen sie doch der Eiswirkung in um so höherm Maße. Bei verschiedenem Eisstand konnten in derselben Eiszeit in ganz verschiedenen Höhen Schliffkehlen eingekerbt werden, die sich wegen der annähernd horizontalen Oberfläche des Eises an beiden Talseiten entsprechen 1 ). "

In jüngster Zeit ist von Em. de Martornne eine andere Ansicht hinsichtlich der Bildung der Alpentäler geäußert worden 2 ), auf die wir noch kurz eintreten müssen. De Martonne geht von der Voraussetzung aus, daß die Eiszeit in den Alpen verhältnismäßig jugendliche Täler mit unausgeglichenem Längsprofil und von wechselnder Breite vorgefunden habe: die Gletschererosion habe diese Ungleichheiten benutzt und in den Haupttälern Zungenbecken, Riegel und Übertiefungsbecken, in den Seitentälern Stufenmündungen und Kare geschaffen. Die Hängetäler sind, wie die Riegel, an die übertieften Becken geknüpft; jedoch bedürfe die Erklärung, welche größere Geschwindigkeit und Mächtigkeit des Hauptgletschers anruft, um der beträchtlichem Eintiefung des Haupttales Rechnung zu tragen, einer Ergänzung in der Annahme von Stufen der präglacialen Seitentäler. Die Kare sind die durch Gletschererosion veränderten Erosionstrichter der Wildbäche 3 ): die Verengung des Abflußkanals habe eine Eintiefung und Erweiterung des Bettes oberhalb derselben veranlaßt, und aus stark gestuften Bergbachtälchen sollen die sogenannten Kartreppen entstanden sein.

Durch das genaue Studium der hoch gelegenen Felsterrassen verschiedener Täler wurde de Martonne zur Rekonstruktion von drei ineinander geschachtelten Gletschertälern mit ihren Riegeln, ihren Becken und ihren Hängetälern geführt. Es gehe daraus hervor, daß die Gefällsbrüche sich stets an der gleichen Stelle befunden haben, und daß sie mit der geologischen Beschaffenheit des Untergrundes in Beziehung stehen. Im allgemeinen lassen sich die Erscheinungen in Gletschertälern auf die Härteunterschiede des Felsgrundes und auf Konfluenz und Diffluenz der Gletscher zurückführen.

De Martonnes Ansichten sind sehr beachtenswert. Im Vispgebiet scheinen sich die beschriebenen Kare teilweise gut aus ehemaligen Wildbachtrichtern ableiten zu lassen; auch die Dreizahl der konstruierten Tröge ist übereinstimmend.

Allein die auf präglaciale Talbildung und Struktur bezüglichen Voraussetzungen und Erklärungen dürften für unser Gebiet nicht in jeder Beziehung zutreffend sein, und zwar aus folgenden Gründen: Es ergibt sich aus der geologischen Struktur der Alpen, daß ganz ungeheure Massen ehemals vorhanden gewesener Felsschichten entfernt worden sind, so daß die heutigen Erhebungen sich nur noch als Ruinen darstellen. Die fast bis ins einzelne gehende Talverästelung beweist, daß die Talbildung schon vor der Eiszeit gut ausgebildet war. Aus diesem Grunde ist anzunehmen, daß die größern Flüsse schon damals eine nahezu ausgeglichene Gefällskurve erreicht hatten, ihre Täler dagegen vielerorts, entsprechend dem Wechsel von harten und weichen Schichten, wechselnde Querprofile aufgewiesen haben dürften. In dieser Hinsicht aber finden wir im gesamten Vispgebiet ganz eigenartige Verhältnisse: zum weitaus größten Teile kristallinische, schieferige Gesteine in deckenförmiger, geneigter Lagerung. Die Struktur dürfte demnach in bezug auf die Talformen nur von untergeordneter Bedeutung gewesen sein. Wo die Gehänge der Denudation ausgesetzt waren, ist in weicherm Gestein eine sanftere, in härtem eine steilere Böschung entstanden, wie wir am Talausgang gesehen haben.

Dazu kommen andere Eigentümlichkeiten: die Tatsache, daß das Visptal mit V-förmigem Profil ins Rhonetal mündet, nachdem doch bei Stalden sich zwei gewaltige Eisströme vereinigt hatten, läßt sich nicht gut mit den bisher gehörten Ansichten in Einklang bringen, denn hier sollte eine breite Trogform existieren. Die Wirkung der Eismassen scheint sich nur in der Form der Konfluenzstufe bei Stalden geäußert zu haben. Eine solche Konfluenzstufe sollten wir aber auch unterhalb St. Nikiaus erwarten, wo der Riedgletscher mündete; statt derselben ist hier die Talenge von Kipfen mit ihrem V-Profil. Die Existenz dieses V-förmigen Talstückes ist ebenso rätselhaft, wie die des ähnlich gestalteten im Saastal bei Eisten, denn nach der schön entwickelten Trogform von Randa und Saasgrund hätte talabwärts eine breitere folgen sollen. Dies ist nicht der Fall. Die Ursache dieser Erscheinung kann aber nicht auf die Struktur zurückgeführt, sondern muß in den eiszeitlichen Eintiefungsvorgängen gesucht werden.

3. Probleme. Wir sehen demnach, daß im Vispgebiet Erscheinungen problematischer Art existieren, die bisher noch nicht ganz einwandfrei haben erklärt werden können: so das Problem der Gehängeknicke und Terrassen, die Frage der Entwicklung der Hochfläche im Talhintergrund, der Wechsel von V-Tal und U-Tal etc.

Ich erlaube mir daher, in den folgenden Zeilen einen kleinen Beitrag zu der Diskussion zu liefern, und glaube, zunächst von der mutmaßlichen, präglazialen Form der Alpentäler ausgehen zu sollen.

a. Wenn wir nach den zuverlässigsten Anhaltspunkten, nach den Stufen der Hängetäler, die alte Talsohle rekonstruieren, so erhalten wir verhältnismäßig hohe Gefällswerte, nämlich zwischen Zermatt und St. Nikiaus zirka 30 ‰, im Saastal 30—50 ‰. Bei solch starker Neigung ist es unwahrscheinlich, daß der Fluß mittelst lateraler Erosion einen breiten Talboden geschaffen habe; die Täler zeigten offenbar eine bald offenere, bald geschlossenere V-Form im Querprofil, denn in unserm Gebiet dürften sich bei den angedeuteten geologischen Verhältnissen Tiefenerosion und Abspülung die Wage gehalten haben — und die Seitenbäche mündeten mit größerm oder geringerm Gefälle nahezu gleichsohlig ins Haupttal ein. Diese Verhältnisse sind in schematisierter Weise auf Fig. 15 dargestellt.

Fragen wir uns nun, auf welche Weise dieses V- förmige Tal in ein mit mehreren Gehängeknicken ausgestattetes U-förmiges, übertioftes Trogtal umgewandelt worden ist, so wäre folgendes zu bemerken: Der im Talhintergrund mächtig angeschwollene Hauptgletscher hat die schmale Talsohle verbreitert und trogförmig vertieft 1 ). Zu dem allmählich anwachsenden Hauptgletscher sind die kürzern Seitengletscher gestoßen und an der Flanke des erstem talwärts geflossen. In dem Maße, wie nun der Haupt- gletscher gestiegen ist, haben auch die Seitengletscher an Mächtigkeit zugenommen. Diese Zunahme bei der Vereinigung beider Eisströme hat sich in doppelter Hinsicht auf den Untergrund geltend gemacht. Einmal ist dadurch das Volumen und daher auch die Geschwindigkeit und infolgedessen das Erosionsvermögen des Hauptgletschers gewachsen, so daß in der Sohle des Haupttales eine verstärkte Eintiefung und oberhalb derselben eine Talstufe entstanden ist. Aber infolge der Strömung des Hauptgletschers ist der Seitengletscher an die Flanke des erstern gepreßt worden, und er hat hier das Gehänge unterschnitten und eine seiner Mündungshöhe angepaßte Einkerbung geschaffen, die über dem Trogtale sichtbar geworden ist ( vgl. Fig. 16 ). Solche Einkerbungen haben bei günstigen Verhältnissen den Charakter von auswärts geneigten Terrassen angenommen. Auf diese Weise scheinen die Terrassen an der talabwärts liegenden Seite der Mündungen unserer Seitentäler entstanden zu sein 1 ), so die Kühbergterrasse am Ausgang des Trifttales, die Terrassen am Ausgang des Findelen-, des Täsch-, Ried-, Jung- und Z'Mutt-, beziehungsweise Arbentales. Auch die Galenterrasse dürfte derart zu erklären sein, ebenso die Terrasse am Ausgang des Feetales ( Wildi-Bärenfalle-Im Seng ). Ganz besonders markant ist die Terrasse von Grächen, die ja am Ausgang des ehemals mächtigen, heute noch bedeutenden Riedgletschers liegt, und zwar gerade an einer Stelle, wo das Haupttal verhältnismäßig eng ist. In dieser Enge konnte der Riedgletscher neben dem Hauptgletscher in der Eiszeit unmöglich Platz gefunden haben: er hat sich mit seiner ganzen Breite einen eigenen Weg gebahnt und in das der Abtragung günstige Gehänge eine ebenso breite Terrasse eingekerbt. Diese Verhältnisse scheinen mir geradezu den Schlüssel für die Erscheinungen am Talausgang zu bilden. Hier hat in den Eiszeiten der Vispgletscher jeweilen beim Vorstoßen schon den quer vor dem Ausgang hinziehenden mächtigern Rhonegletscher angetroffen, der ihn talabwärts abgelenkt haben mußte, so daß der Vispgletscher sich ebenfalls am Talausgang terrassenförmige Einkerbungen hat schaffen müssen. Wir haben dieselben als die Terrassen von Zeneggen und Bonigersee kennen gelernt. Dabei ist der Vispgletscher verhindert gewesen, in der Talsohle unmittelbar oberhalb Visp zu erodieren, da der Rhonegletscher den Talausgang blockiert hatte. Nach dem Rückzug der Gletscher hat hier nur das fließende Wasser gearbeitet. Auf ähnliche Erscheinungen am Ausgang anderer Walliser Seitentäler hat schon J. Früh aufmerksam gemacht 2 ).

Die verschieden hohe Lage der Einkerbungen erklärt sich ungezwungen durch die verschieden hohe Oberfläche der Gletscher in den verschiedenen Eiszeiten und Phasen der Diluvialzeit, ferner durch die verschiedene Größe und Mächtigkeit der Seitengletscher. b. Es gibt aber auch Terrassen, die anderer Entstehung sein können; solche liegen über dem Trogrand am Ausgang typischer Kar-Nischen, wie die Terrasse von Schwarzenläger, Quote 2793, am nördlichen Abhang des Z'Muttales. In dem einen der beiden Kare liegt der Distelgletscher. Die Terrasse ist dadurch entstanden, daß die gegen Süden vorspringenden Bergrippen stark abgetragen worden sind 3 ) ein Vorgang, der mit der Karbildung durch Gletscher in Zusammenhang steht. Die steilen, firnlosen Wände verfallen der mechanischen Verwitterung, und der abgestürzte Schutt wird vom Kargletscher abwärts verfrachtet. „ Der von Firn bedeckte Fuß der Felswand wird aber erhalten; er ist durch die Firndecke vor den rapiden Temperatur-wechseln geschützt, die den freien Fels heimsuchen... Der Grat zersplittert und zerfällt, sein Fuß aber wird allmählich vom Firn verschlungen. Denn die schiefe Denudationsfläche, oberhalb derer der Fels abgetragen wird, gibt Raum zu Schneeauflagerung. Sowie der Rand zurückweicht, breitet sich der Firn aus, er nimmt den frei gewordenen Raum ein. Man kann sagen, die Firnfelder fressen ihren Rand. Aus steilen Felsrippen werden gerundete Firngrate 1 ). " Dieser Darstellung entsprechen einesteils die Bildung der Hochflächen vor dem Matterhorn, wo Furgg- und Ober-Theodulgletscher sich ausbreiten, und diejenige des Riffelberges — es sind schiefe, glaziale Denudationsflächen —, ferner die Bildung des gerundeten Firnrückens, der sich vom Matterhorn zum Breithorn hinzieht. Außer der Wandverwitterung, die bei der Karbildung die wesentlichste Rolle spielt, scheint mir die vertikal gerichtete Abtragung des Karbodens in nicht unbedeutendem Maße wirksam zu sein; vielerorts bleibt der Firn an Gehängen von 600 ‰ Gefälle ( ein Winkel von 30° ) haften, wie beim Zwillingsgletscher, während Furgg- und Ober-Theodulgletscher Firnflächen von nur 75 ‰ Neigung aufweisen. Die Abtragung unter dem Firn kann nicht nur in Abschleifung des Untergrundes bestehen; es findet ja auch Abtragung bei verfirntem Bergrücken statt, wie der Moränenschutt unter Firn beweist. Darauf hat schon Richter ( l. c. pag. 58 ) hingewiesen, indem er bemerkt, daß auf dem Felsboden an eisfreien Stellen in Firnfeldern „ meist scharfkantige Gesteinsscherben " vorhanden seien. Es müssen sich unter dem Firn Prozesse mechanischer Verwitterung abspielen, welche die Abtragung von Gesteinsmaterial durch den Firn vorbereiten. Solche Prozesse, beziehungsweise Temperaturschwankungen, Frostwirkungen, sind bei geringer Mächtigkeit des Firns denkbar: „ Dünne Firnschichten an steilen Felshängen sind sicher angefroren " ( Richter ). Dies kann bei mächtigen Lagen nicht der Fall sein; an ihrem Grunde wird die Temperatur stets beim Nullpunkt stehen. Denn während bei nacktem Fels die invariable Schichte, bis zu welcher sich jährliche Temperaturschwankungen geltend machen, in einem bestimmten Abstande unter der Oberfläche liegt 2 ), rückt die invariable Schichte, wenn eine gewisse Firnschicht den Felsboden bedeckt, demselben näher und bei zunehmender Firnmächtigkeit bis über denselben empor. „ Der invariabeln Schichte folgen die Geoisothermenflächen auf dem Fuße nach. Unterhalb der im Eise aufwärts-rückenden invariabeln Schichte erhöht sich somit alljährlich die Temperatur einer jeden Eisschichte um einen kleinen Betrag; jedoch so, daß in der Gesamtheit dieser Schichten das Temperaturgefälle nach oben stets bestehen bleibt. Die unterste, erste Eisschichte ist folglich immerwährend die relativ wärmste. Bei fortgesetztem Firnzuwachs erreicht sie endlich die Schmelztemperatur ( Crammer. ) In vielen Firnmulden findet ein regelmäßiger Wechsel in der Mächtigkeit statt; nach der winterlichen Anhäufung folgt im Sommer ein gewisses „ Zusammensacken ", der pulverige Schnee verharstet 3 ). In feuchten Klimaperioden fällt mehr Schnee; in trockenem ist die Amplitude der Temperaturschwankungen im Fels größer. Kleine Kargletscher 1 ) Ed. Kichter, Geomorphologische Untersuchungen, pag. 58.

mit dünner Firnlage vermögen aus diesem Grunde den bedeckten Fuß der Felswände zu verschlingen, weil jeweilen die oberste Gesteinsschicht aufgelockert ist. Von hier stammt offenbar das meiste Trümmermaterial, mit dem die tiefern Partien des Karbodens unter mächtigen Firnlagen abgeschliffen werden.

Zur Bildung ausgedehnter Firnflächen ist noch ein Faktor erforderlich: lange Dauer der glazialen Denudation, Ausschluß der Wassererosion. „ Man wird zur Vermutung gedrängt, daß etwa in den Interglazialzeiten eine Vergletscherung des Gebirges im beiläufigen Ausmaße der heutigen vorhanden gewesen sei " ( Richter, 1. c. pag. 61 ). Diese Annahme scheint mir, nach den Formen im Gletschergebiet zu schließen, für das Vispgebiet zwingend zu sein 1 ). Die Wassererosion kann für die Ausgestaltung der heutigen, von Firn bedeckten Formen nicht verantwortlich gemacht werden. Aber auch unterhalb vieler Gletscherenden finden sich bemerkenswerte Erscheinungen. Man sehe sich beispielsweise die Gestalt des eisfreien trogförmigen Hängetales des Biesgletschers an, so wird man die hier geringfügige Wirkung des fließenden Wassers abschätzen können.

c. Mit der Frage der interglazialen Vergletscherung ist aber auch das Problem des Wechsels von V-Tal und Trogtal in unserm Gebiete verbunden. Die Tatsache, daß wir im Nikolai- und Saastal je einen gut ausgebildeten Taltrog von bedeutender Länge wahrnehmen, der weiter talabwärts von einem V-förmigen, engern Talstück abgelöst wird, nötigt uns zur Annahme, daß das letztere länger der Flußerosion, das obere Talstück dagegen länger der Gletschererosion ausgesetzt gewesen war. Es haben offenbar zu Beginn und zu Ende jeder großen Epoche des Eiszeitalters die Gletscher während längerer Zeit die beiläufige Ausdehnung des Taltroges besessen. Während der Tnterglazialzeiten war hier die Wassererosion wohl nur in sehr geringem Ausmaße wirksam, sonst würden größere Hängetäler, wie das Täschtal, nicht so typische Stufenmündungen aufweisen, wie wir sahen. Im Gegensatz dazu finden wir unterhalb des Taltroges die Beweise energischer Flußerosion, namentlich im Haupttal: die Tiefenerosion hat hier die Talstufe durchsägt und Schluchten von grausiger Tiefe geschaffen.

Es zeigt sich also, daß die Tal- und Bergformen alpiner Gebiete von sehr komplizierter Entstehung sind; um sie zu erklären, müssen die geologische Struktur, die verschiedenen Abtragungsprozesse und die Dauer der Gestaltungsvorgänge berücksichtigt werden, wie W. M. Davis und E. de Martonne betont haben. Es harren noch viele Probleme der eindeutigen Lösung. Aber nichts Schöneres gibt es, als in der erhabenen Gebirgswelt zu streifen und den Gesetzen ihrer Entstehung nachzuforschen.

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