Dossenhütte und Dossenhorn

Wie drei Räuber strichen wir, die Clubgenossen Bachmann und Liniger ( Sektion Pilatus ) und ich, am 10. Juni 1894, nachts 1 Uhr, an den Heugaden zu „ Hasle im Grund " umher und spähten nach Heu. Da — alles ist ruhig, nur der stille Nachthimmel und die von den zerstreuten Häusern herleuchtenden späten Lichter schauten uns zuwar 's gefunden. Abei — die Thür'ist vernagelt. Einmütig werden die Pickel eingesetzt, krachdurch das ganze Thal hin tönt 's verräterisch — ein Brett ist weg, kein Licht bewegt sich; behaglich schlüpfen wir hinein und strecken uns wonnevoll in das Bergheu. Erst um 4 Uhr wurde der Gaden wieder vernagelt und wir drückten uns am Ende der Häuserreihe von „ Brügg " abseits gegen das Urbachthal hinein. Über der tosenden Schlucht des ihm entströmenden Wassers stiegen wir zur hüttenbesäeten Sandei hinauf. Hier gab 's „ Z'morgen ". Doch fern sei der Verdacht, wir hätten nur für das Sinn gehabt; kommt und schaut die Felsenwunder der Hochjägiburg, des Engelhorns, die Kanzel des Gstellihorns, die lotrecht aus dem ebenen Thalboden aufgebaut erscheint, das Hangendgletscherhorn, noch im schimmernden Schneekleid, und folgt uns nach kurzer Rast weiter!

Bei Rohrmatten ( 1033 m ) verlassen wir den Weg zur Gaulialp, überschreiten auf schwankem Steg das Urbachwasser und beginnen den steilen Aufstieg nach Alp Laucherli, erst auf deutlichem Pfad südlich durch knorrigen Ahornwald ansteigend, dann umbiegend und auf das linke Ufer des direkt von Laucherli herunter kommenden Baches übersetzend, über jähe Planken und zuletzt über Schnee und Felssätze hinauf zu den armseligen Hütten ( 1807 m ). Zugewehter Schnee verschließt noch Thüren und innere Gemächer.

Wo steht aber die Dossenhütte? Wer aus der alpinen Literatur sich den Standpunkt derselben herauskonstruieren wollte, stieß auf die verschiedensten Angaben, selbst auf der Überdruckkarte ( 1888 ) Berner Oberland II ( S. A. ) ist sie ganz falsch eingezeichnet. Dem arithmetischen Mittel zufolge mußte sie auf dem Grate stehen zwischen Dossenhorn und Urbachsattel. Wir gingen zuerst in der Richtung des obenerwähnten Laucherlibaches westlich aufwärts gegen das Riff unmittelbar östlich neben Punkt 2882. Dort drehten wir schwach nordwestlich und gewannen endlich einen orientierenden Blick über den Grat; aber erst als wir eine schneeglänzende Egg südlich von Punkt 2550 erstiegen, sahen wir plötzlich die Hütte nahe vor uns. Sie liegt wenige Meter südlich von diesem Punkt, an der Ostseite der Grathöhe angelehnt, doch nicht ganz auf dieser selbst und deswegen von Rosenlaui nicht sichtbar. Die Hütte selbst stand frei, nur an der dem Grate zugekehrten Seite war Schnee angeweht. Beim Betreten fanden wir am Boden kleine See- lein, die durch lebhafte Tropfen von der Decke her gespeist wurden. Das Stroh, besonders auf der Pritsche im Küchenraum, war naß und etwas faulig. Ob sich nicht das von oben durchsickernde Wasser abhalten ließe?

Es war 4 Uhr, der Himmel hatte sich längst überzogen und es begann leise zu schneien. Mit dem Wetterhorn war 's also nichts. Am Morgen lag 20 cm Neuschnee vor der Thür und wir mußten abziehen. Über dem Rosenlauigletscher wogte der Nebel, in dem die wirbelnden Schneeflocken verschwammen. Da hinunter sollte es gehen. Wir folgten einer Rinne, die direkt von Punkt 2550 steil in die Dossenwand sich hinunterzieht, etwa 60 m waren dann aber wegen Eis und herunterstürzender Schneemassen gezwungen, uns auf der Kante zu halten, die sie nördlich begrenzt. Bald ging es trotz wildem Gestöber und pfeifendem Westwind wieder besser, schon erblickten wir hie und da die Schrunde des Gletschers. Cirka 100 m über demselben traversierten wir westlich an der Wand gegen eine Schneezunge des Gletschers, die weit hinauf reichte. Hier gab uns ein glatt geschliffener, etwa 8 m hoher Fels noch zu schaffen, dann war 's vorbei, und rutschend und watend rückten wir den Firn hinunter gegen das hohe Felsband, das vom Gstellihorn zu Punkt 2367 sich hinauszieht. Nach einigem Suchen im Nebel fanden wir einen „ Schlipf " ( direkt südlich vom „ G " von „ Gstellihorn " ), jetzt noch mit Schnee angefüllt; im Sommer ist er vereist und steinschlägig, weshalb man an der Ostseite ein Seil und weiter unten eine Leiter angebracht hat. Wir zogen es aber vor, lustig durch den Einschnitt hinunter zu fahren, folgten dann der Höhe der östlichen Randmoräne und unten dem östlichen Bachbette, ohne die Brücke bei der engen Schlucht östlich von Punkt 1792 zu überschreiten. Auf angetriebenem Weglein rückten wir binnen kurzem in Rosenlauibad ein, um uns zu trocknen und zu erquicken. Jetzt, wie allemal, wenn wir noch hier vorsprachen, waren wir ausgezeichnet und sehr billig aufgehoben, und ich erfülle eine angenehme Pflicht, wenn ich das jetzt von Familie Zurbuchen geführte Hotel allen Touristen empfehle. Rachegedanken im Herzen, kam Freund Liniger mit zwei Kameraden am 23. Juni wieder nach Rosenlaui hinauf und erreichte auf dem gleichen, umgekehrten Wege am folgenden Morgen in 5 Stunden die Dossenhütte, wo es jetzt wirtlicher ausgesehen haben soll. Der Tag war schön, aber am Abend hagelte es und in der Nacht soll ein Ungewitter gar unheimlich um die Flühe des Gstellihorns gekracht haben.

Um 7 Uhr morgens schlössen sie die Hütte und stiegen kurze Zeit auf dem Dossengrate hinan, bogen aber bald links auf den Dossengletscher und steuerten der Felsecke zu, die sich vom Gipfel ( 3140 m ) in denselben hinuntersenkt. Sie umgingen sie nach der Südostseite und stiegen den Firn hinan. Eine etwas heikle Kletterei brachte sie zu einem abschüssigen Schneeband und dieses schließlich in den Sattel zwischen Punkt 3114 und 3140, und über den Südgrat gewannen sie den Gipfel des Dossenhorns. Die Aussicht war durch Nebelmassen beschränkt. Vom Gipfel stiegen sie, den Nordgrat verfolgend, direkt zum Dossensattel ab, der südlich am Punkt 2882 liegt. Der weitere Abstieg erfolgte zwischen den beiden Felsenriffen im Dossengletscher nach Laucherli und über den Alpweg nach Enzen und Schrättern, wo man gut übernachten kann.

Nid na la g'wilnnt! Am Abend des 24. Juli schlängelte sich das Räubertrio von „ Hasle im Grund ", durch Herrn J. Schiffmann ( Sektion Pilatus ) verstärkt, neben den Reichenbachfällen — 50 Cts.hinauf. Bald rückte auch ein Träger, der flotte, junge M. Huggler von Meiringen, nach, den wir uns in Rücksicht auf das Nettogewicht unserer Säcke zum erstenmal auf onsern Fahrten gestatten zu dürfen glaubten. Wir wollten auf einige Tage aus der Bildfläche der Thalsohle verschwinden. Am Morgen erreichten wir auf dem frühem Wege wieder die Höhe der Schneezunge an der Dossenwand. Wir traversierten diesmal weiter nordöstlich an derselben und kamen so nicht erst bei der Dossenhütte auf den Kamm, sondern nördlicher, unweit vom Urbachsattel, und stiegen über den Grat leicht zur Hütte hinauf. ( 43/4 Stunden von Rosenlaui. ) Heut'war es wunderschön. Gigantisch reckte das wilde Gstellihorn sein felsiges Haupt, ein weites, sonniges Band rollte die Bergwelt der Trift sich vor uns auf, und über dem blitzenden Eissturz am Fuße des Wellhorns schwang das Wetterhorn sich in den tiefblauen Himmel. Kein Wunder, wenn ich mir sofort mit meiner Camera zu thun machte, während die übrigen leiblichen Genüssen fröhnten, worin sie sich nicht einmal durch zwei Aufnahmen der Hütte stören ließen.

Von Huggler begleitet, der noch nie in diesen Gegenden war und mitzugehen wünschte, verfolgten wir von der Hütte den aussichtigen Dossengrat, bis zu einem Felssatz, der von südöstlich einfallendem Kalk gebildet wird. Teils darüber hin, teils darunter durch kamen wir auf den Dossengletscher hinaus und zogen uns an der Südseite der Felsen von Punkt 2882 hinauf zum stark eingekerbten Dossensattel. Ein scharf ausgesprochenes Couloir verbindet ihn mit dem Wetterkessel, genau westlich verlaufend mit 37Klin. ) Neigung; auf der Karte ist es in keiner Weise eingezeichnet. Wie eine Burg erhob sich südlich vom Sattel das schöne Dossenhorn. Wir stiegen bis dicht unter die steilen Felsen ( 4 Uhr 20 Min. ) und querten den Westabsturz leicht bis unter den Gipfel ( 3140 m ). Ein enger, steiler Felskamin mit guten Griffen wies von hier südöstlich auf den Grat, wenige Schritte, südlich vom Gipfel, den wir 4 Uhr 50 Min. betraten.

In unvergänglicher Reinheit strahlte das Diadem der Wetterhörner. Wohl schweifte der Blick auch hinüber zum düstern Gletscherhorn, zu den Felsrippen des Ritzli, zum weiten Rund der Urnerberge, wo der Abend duftig blaute, als wir endlich aufbrechen mußten. Die flammenden Fackeln des Tags erloschen an den obersten Spitzen und Kämmen, längst lüftete es kühl über unsere Hochwarte hin, doch dort drüben spielten noch die Strahlen der Sonne am rosigen Scheitel der Haslijungfrau. Vorsichtig stiegen wir durch den Kamin wieder hinunter; einige mächtige Blöcke stürzten donnernd zum Wetterkessel ab, der tief unter uns lag. Etwas höher als beim Aufstieg traversierten wir horizontal die Westflanke und kamen so unter dem Gipfel herum zum Nordkamm und über steile Felsen und einige Schneezungen zum Sattel ( 40 Minuten ) und von da leicht zur Clubhütte ( 40 Minuten ), wo der zurückgebliebene Freund Schiffmann schon Anstalten zum Abendessen getroffen hatte.

Der grauende Morgen fand uns auf dem Wege zum Wetterhorn, das wir in 4V2 Stunden über den Dossensattel erreichten. Die Zurückkehrenden überraschte schon in der „ Wetterdole " starkes Schneegestöber und mit dem guten Wetter war 's wiederum aus.

Wie am 11. Juni kletterten wir tags darauf wieder die Dossenwand hinunteraber wir hatten gesiegt.

Hans Brun ( Sektion Uto ).

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