Dr. A. Dreyer : Der Alpinismus und der Deutsch-Österreichische Alpenverein

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Ich habe das Buch des verdienten Vorstehers der Zentralbibliothek des D. & Ö.A.V. mit großer Spannung zur Hand genommen, weil ich in ihm aus dem mir weniger vertrauten Hauptarbeitsgebiet des D. & Ö.A.V., den Ostalpen, erschöpfende Belehrung erwartete, neben einer zusammenfassenden Darstellung der früheren Tätigkeit alpiner Pioniere und Vereine, namentlich in den Westalpen. Der ersteren Erwartung ist das Buch Dr. Dreyers einigermaßen gerecht geworden. Soweit ich es beurteilen kann — ich stehe diesen Gebieten eben ziemlich fremd gegenüber und kenne auch ihre Literatur nur ungenügend — ist der zweite Teil des Dreyerschen Buches, welcher das Wesen, Werden und Wirken des Alpinismus unter der Ägide des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins von 1862-1908 darstellen soll, eine dankenswerte Ergänzung des Monu-mentalwerkes von Prof. Richter und seinen Freunden über die Erschließung der Ostalpen, das bis 1894 reicht, und der mit dem nämlichen Jahre abschließenden, von dem Generalsekretär Johannes Emmer verfaßten Vereinsgeschichte dieses „ hervorragendsten " Bannerträgers des modernen Alpinismus. Die Kritik hat freilich auch hier hervorgehoben, daß in der Aufzählung und namentlich auch in der Bewertung der treibenden Kräfte, welche in den Ostalpen tätig gewesen sind, dem Verfasser manche Ungleichheit, manches Übersehen und mancher Irrtum vorzuwerfen sei. Aber diese Gefahr lag eben nahe. Sobald man es versucht, in einer Bewegung, die von Zehntausenden getragen, gefördert, gelegentlich auch gehemmt und in Sackgassen gedrängt wird, den Anteil einzelner besonders tätiger Koryphäen herauszuheben, sie mit Namen, Taten und Schriften zu markieren, so riskiert man immer, von der Skylla in die Charybdis zu fallen: entweder eine endlose und öde Nomenklatur zu bieten oder bei der Auslese solche zu vergessen, die nach ihrem eigenen oder ihrer Freunde Urteil hätten erwähnt werden müssen Immerhin halte ich diesen Teil des Buches für den besseren und zuverlässigeren und bin überzeugt, daß er der alpinen Sache und dem Deutsch-Österreichischen Alpenverein recht viele neue Freunde gewinnen wird. Schlimmer steht es mit demjenigen Teil des Buches, dem ersten, in welchem der Verfasser den Versuch macht, ausgehend von der Besteigungsgeschichte der Schweizer Hochgipfel von Gottlieb Studer und von der schon genannten „ Erschließung der Ostalpen ", die „ hunderterlei Fäden aufzudecken, die sich zwischen der Erschließungsgeschichte der beiden Hauptflügel unseres mächtigsten europäischen Gebirgswalls hüben und drüben wie mit der Entstehung und Entfaltung der alpinen Vereine anknüpften ". Der Versuch kann nicht als so gelungen bezeichnet werden, daß man nun künftig auf dieses Werk in deutscher Sprache abstellen und weiterbauen könnte.

Ich will von einigen Irrtümern und Verschreibungen nicht allzuviel Aufhebens machen; sie sind durch ein vom Verlag nachträglich nach-gesandtes Errataverzeichnis wenigstens in den schlimmsten Fällen markiert. Immerhin ist es ärgerlich, wenn man unter den Bildern alter guter Freunde oder im Text falsche Titel wie Prof. Gottlieb Studer, Sir oder gar Lord Douglas W. Freshfield liest, oder wenn der Valdostane! ' D. Maquignaz unter den „ Schweizer Bergführern " rangiert und wenn unter dem Titelbild, einer typischen Dolomitentour, steht: Eiskletterei. Dergleichen hätte sich leicht vermeiden lassen. Auch in dem Abschnitt, der betitelt ist: „ Zur Geschichte des Alpinismus " und in welchem der Verfasser zuerst die Anfänge der alpinen Touristik ( Kenntnis der Alpen und Alpenreisen vom Altertum bis Rousseau; der Alpinismus von Rousseaus Nouvelle Héloise bis zur Gründung der Alpenvereine ), dann die Eroberung der Alpen ( Bezwingung der wichtigsten Hauptgipfel 1857—1885; der Alpinismus der Gegenwart ) in großen Zügen und nach einem ziemlich detaillierten Schema schildert, scheinen mir Licht und Schatten nicht immer richtig verteilt. Hier ist es nicht die Nähe und Menge der mitlebenden und mithandelnden Personen, welche verwirrend eingewirkt haben, sondern ein vielleicht durch Zeitmangel entschuldbares Arbeiten nach reichlich vorhandenen, aber nicht immer kritisch durchgeprüften Materialien. So halte ich es für ein nicht bloß nicht beweisbares, sondern geradezu für ein irriges Axiom, Rousseau als Angelpunkt in die Mitte zwischen den älteren und den neueren Alpinismus zu stellen. Denn Rousseaus Buch von 1759 hat, wenn wir die Sache geschichtlich betrachten, weder in touristischer noch in wissenschaftlicher Hinsicht den Besuch der Hochalpen gefördert — die Rousseauschwärmer des XVIII. Jahrhunderts haben sich immer um das „ Bosquet de Julie " bei Ciarens und um den Felsen von La Meillerie entzückt herumgedreht und sind nicht weit über die Rhonemündung hinauf ins Wallis eingedrungen, so wenig als Rousseau selbst — geschweige denn, daß praktische Resultate, wirkliche Ersteigungen oder Paßübergänge im Gebirge durch die Lektüre dieses Romans angeregt worden wären. Hier wäre viel eher Haller zu nennen gewesen, dessen Einfluß man immer noch unterschätzt und der tatsächlich von dem Erscheinen seiner „ Alpen ", 1732, bis zu seinem Tode im Mittelpunkt aller auf die Eroberung der Schweizeralpen gerichteten Bestrebungen steht. Und wenn nicht Haller, dann doch gewiß Saussure, welcher 1760 ( ein Jahr nach dem Erscheinen der Nouvelle Héloise ) bei seinem ersten Besuch von Chamonix einen Preis für die Auffindung eines Weges auf den Mont Blanc aussetzte, nicht aus Begeisterung für Rousseau, den er verachtete, sondern aus Liebe zur Sache, die er mit dem von ihm verehrten Haller teilte. Eine gewisse Abhängigkeit von solchen literarhistorischen Vorurteilen finde ich auch in der Besprechung der ersten Besteigung des Mont Blanc, wo, auf pag. 28—29, die alten von Balmat und Alexander Dumas aufgebrachten Märchen von der schlechten Haltung des Dr. Paccard wieder aufgewärmt werden, obschon es — trotz Herrn Oskar Erich Meyer — seit 1903 feststeht, daß der Prozeß Balmat v.

Paccard revidiert werden muß und daß die Akten desselben — sie werden noch in diesem Jahr durch M. Montagnier in Genf veröffentlicht werden — in der Hauptsache für den Doktor und gegen den Führer sprechen. Auch daß dem P. Corbinian Steinberger nicht die erste Ersteigung der Königsspitze zugesprochen wird, die ihm gebührt, ist nach den Erörterungen dieser Streitfrage durch Herrn J. Luders in den Mitteilungen des D. & Ö.A.V. 1906 und in diesem Jahrburch Bd. XLIII recht sonderbar. Noch andere Aussetzungen an diesem Abschnitt wären zu machen; aber ich will darauf nicht eingehen, damit man nicht den Eindruck bekomme, ich finde mehr Tadelnswertes als Gutes an dem Buch von Dr. Dreyer. Es ist, denke ich, das Erstlingswerk dieses Autors, und es steckt so viel tüchtige Arbeit, Belesenheit und eigenes Urteil darin, daß ich überzeugt bin, eine Neubearbeitung des nämlichen Stoffs, ohne die Beschwerung durch den gewissermaßen offiziellen Teil und unter Berücksichtigung der von mir und anderen Kritikern gerügten Fehler, durch den nämlichen Autor, nach einiger Sammlung und Abklärung, könnte uns das Buch in deutscher Sprache bringen, dessen wir immer noch bedürfen und entbehren, eine Geschichte des Alpinismus von seinen Anfängen im grauesten Altertum bis auf unsere Tage. Diese Sammlung und Abklärung würde auch dem Abschnitt: Die Bedeutung des Alpinismus im Kulturleben unserer Zeit zu gute kommen, wo manches Urteil etwas vorschnell oder ungenügend motiviert erscheint. Diesem Ziele sollen alle meine Aussetzungen dienen. Ich habe sie um der Sache willen gemacht und ich weiß genau, daß es viel leichter ist, solche Bücher zu kritisieren als zu schreiben und durch alle Teufeleien des Setzerkastens hindurch zum Druck zu bringen. Die illustrative Ausstattung ist schön und zweck-mäßig.Redaktion.

Dr. Albrecht Penck und Dr. Eduard Brückner: Die

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