Dr. Friedr. Pieth, Dr. P. Karl Hager und P. Maurus Carnot: Pater Placidus a Spescha

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Bei diesem langatmigen Titel erlebt mein Kollege von der Ö.A.Z. die Genugtuung, daß wenigstens eine Sektion des S.A.C. zu der Wortform mit K und dem Genitiv auf s übergegangen erscheint, ich aber den Ärger, daß das knorrige Adjektiv „ Schweizer ", welches nach anfänglichem Schwanken sich im S.A.C. siegreich durchgesetzt hatte, nun in einer quasi offiziellen Publikation desselben wieder dem langgeschwänzten „ schweizerisch " hat weichen müssen. Aber abgesehen von dieser Kleinigkeit, die immerhin symptomatische Bedeutung hat im Jubeljahr 1913, habe ich an dem mit 2 Porträten Speschas, 22 Einschaltbildern und 15 Textbildern illustrierten Prachtwerk von CXIII und 515 Seiten ein aufrichtiges Wohlgefallen. Die drei Herausgeber hatten eine nicht leichte und jedenfalls weitläufige Aufgabe zu lösen, aber mit echtem Benediktinerfleiß haben sie jahrelang darüber gesessen, bis sie zu einem guten Ende geführt war. Es kann keine Rede davon sein, in einer notwendig kurzen Besprechung den Inhalt dieses Bandes, welcher noch der nächsten Generation zu denken geben wird, ausschöpfen zu wollen. Nur wenige Streiflichter kann ich über diesen Reichtum werfen. Nach Angaben im Vorwort wurde die Arbeit unter die drei Verfasser oder Redaktoren so geteilt, daß, nachdem gemeinsam die Manuskripte Speschas gesammelt, gesichtet und die gewählten zur Publikation durchgesehen waren, Prof. Hager den naturwissenschaftlichen, geographischen, alpinistischen und volkswirtschaftlichen, Prof. Pieth den historischen, P. Maurus Carnot den literarhistorischen Teil des Nachlasses für den Druck bearbeiteten. Das Vorwort, in welchem über frühere Biographien Speschas und ähnliche Publikationen — ich vermisse darin nur einen Hinweis auf den frühen ( 1881 ) und wertvollen Artikel von D. W. Freshfield im A.J. X 289: Placidus a Spescha, and early mountaineering in the Bündner Oberland — Auskunft gegeben und über den Bestand der Handschriften, Umfang und Zweck des Unternehmens ihrer Herausgabe etc. das Nötige gesagt wird, zeichnen F. Pieth und K. Hager gemeinsam. Das Kapitel: Das Leben Speschas ( 1752 —1832 ) stammt von F. Pieth. Wir ersehen daraus und besonders aus den Abschnitten über die Revolutionszeit und Speschas Exil ( 1798—1801 ) und über die „ Wanderjahre " Speschas ( 1804—-1816 ) mit einer gewissen Genugtuung, daß Pater Placidus mit nichten das „ Opferlamm " gewesen ist, wie man es bisweilen hingestellt hat, das sich geduldig zur Schlachtbank schleppen läßt und alle Widerwärtigkeiten feindlicher Brüder mit christlicher Ergebung vergilt und verzeiht. Er scheint, in allen Ehren, ein dickköpfiger Oberländer gewesen zu sein, der sich seiner Haut wehrte und auf seinem Rechte auch da bestand, wo es nicht über allen Zweifel erhaben war. Wir begreifen nach dem, was Prof. Pieth davon sagt und P. Placidus mit köstlicher Offenheit in seinen Manuskripten und in Eingaben an Behörden schreibt, daß dieses „ enfant terrible ", in dessen Kopf die Aufklärung und die revolutionären Ideen des ausgehenden 18. Jahrhunderts noch spukten, als sie im Stift Disentis und bei den Gemeinden des Bündner Oberlandes schon vorbeigerauscht und „ brenzlich " geworden waren, weder mit seinem Abt noch mit der Mehrzahl seiner Konventualbrüder und Volksgenossen in rechtem Frieden leben konnte. Aber Un-ehrenhaftes oder Unsittliches war nichts an diesem nicht immer gehorsamen „ Sohn der Kirche ", und ein tapferer Streiter für freie Wissenschaft, Recht und Humanität ist er geblieben, bis am 14. August 1833 im Klosterhof zu Truns, wo der 81jährige als Kaplan unter der Aufsicht eines ihm mißgünstigen Paters lebte, die „ Baracke zusammenfiel ", wie nach einer unverbürgten Anekdote P. Placidus seinen Abgang aus dieser schnöden Welt tituliert haben soll. Und ich denke, unsern Lesern wird es den Mann eher sympathisch machen, wenn wir hören, daß ein großer Teil der Klagen über seine mangelhafte Amtsdisziplin davon kam, daß ihn jeder schöne Tag verlockte, auf die Berge zu steigen, und daß er, um diesem unwiderstehlichen Drange zu frönen, gelegentlich die Schule und - leider - wohl auch die Messe schwänzte. Seinem Abte wollen wir es aber auch nicht übelnehmen, wenn er ihn dafür „ rüffelte ". Eigentlich schroff vorgegangen ist er gegen Spescha nicht; kleine Kränkungen freilich hat er ihm absichtlich nicht erspart. In einem zweiten Artikel weist Prof. Pieth Spescha seine Stellung als „ Historiograph " seiner engeren und weiteren Heimat und des Stiftes Disentis an. Für die ältere Zeit ist Speschas Forschung über das vor ihm Geleistete nicht wesentlich hinausgekommen; sehr wertvoll sind dagegen seine Berichte für die eigene Zeitgeschichte. Interessant ist hier seine Auffassung Napoleons, dem er eine Art Kultus widmet. Über „ Spescha als Naturforscher und Geograph " handelt eingehend P. Karl Hager. Es ist dies für uns das interessanteste Kapitel des Buches, und wir empfehlen es jedem, der sich mit der Besteigungsgeschichte der westlichen Urner-, Bündner- und der Glarneralpen, deren Nomenklatur, Geologie und Mineralogie, Gletscherkunde etc. zu befassen hat, zum Studium. Hier ist noch viel zu lernen und zu lehren. Auf Einzelheiten können wir nicht eintreten; unstreitig aber ist durch diese Einleitung und die Publikation der bezüglichen Arbeiten Speschas selber das Bild seiner Tätigkeit als Bergsteiger, Geograph, Kartenzeichner und Naturforscher nun scharf umrissen. Zugleich erkennen wir, daß, entgegen früheren Angaben bei Herold u.a., von Speschas Manuskripten, trotz des Kloster-brandes von 1799, das Wesentlichste erhalten blieb oder von ihm selber später wieder ersetzt wurde. Das Verzeichnis des handschriftlichen Nachlasses geht von 1782-1828, umfaßt 79 datierte und 3 undatierte Codices und füllt mit Titeln und kurzer bibliographischer Beschreibung 13 Großoktavseiten des Buches. Über „ die äußere Form der Handschriften und die Grundsätze, nach welchen die Auswahl und Drucklegung der Texte erfolgte ", gibt F. Pieth kurze und sachgemäße Auskunft. Durch diese Einleitung wohl vorbereitet, kann der Leser nun an die im Korpus des Buches abgedruckten Texte Speschas herantreten. Sie sind in 4 Gruppen geteilt. Die erste umfaßt die „ Geschichte der Abtei und der Landschaft Disentis von der Gründung des Klosters bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts ", bearbeitet von F. Pieth. Die zweite „ erdkundlich-volkswirtschaftliche und kulturgeschichtliche Bilder aus dem Bündner Oberland ", bearbeitet von K. Hager; hierin besonders, bemerkenswert ein Abschnitt über den Berg- und Hüttenbau von Truns-Ponteglias, 1817-1826. Die dritte „ erdkundlich-alpinistische Arbeiten ", bearbeitet von K. Hager. Hier sind alle Abschnitte Fleisch von unserem Fleische, und ich setze daher wenigstens die Untertitel her: 1. Beschreibung der mir bekannten Bergpässe im Grauen Bund; 2. Bergtouren und Streifzüge am Lukmanier und am St. Gotthard: 3. Bergtouren und Streifzüge in der Adula; 4. Bergtouren und Streifzüge an der Oberalp und am Tödimassiv ( hierin der Plan zum Bau einer Hütte am Pontegliasgletscher von 17935. Reise über die Oberalp-Grimsel-Susten-Göscheneralp ( 18116. Reise vom Tavetschertal über den Krüzlipaß nach Uri, Schwyz und Einsiedeln, im Jahre 1812; 7. Anleitung zur Unternehmung von Bergreisen ( geschrieben 1800 ); 8. das Klima der Alpen, am Ende des vorigen und im Anfang des jetzigen Jahrhunderts ( geschrieben 1818 ); Lawinenkatastrophen und Naturchroniken; 10. erd-und naturkundlicher Briefwechsel zwischen P. Plac. a Spescha und Jakob Samuel Wyttenbach; 11. Versuch einer Zusammenstellung der Gipfelbesteigungen des Paters Plac. a Spescha; 12. Legende zur Karte oder „ Handriß " in Beschreibung des Kär-schelentals ( Maderan ). Die vierte Gruppe, ebenfalls von K. Hager bearbeitet, enthält Reiseerinnerungen aus Tirol. Ein Anhang aus der Feder von P. Maurus Carnot bespricht die Arbeiten und Bestrebungen Speschas für seine rätoromanische Muttersprache und bringt Auszüge, darunter auch ein launiges Gedicht, aus seinen linguistischen Manuskripten. Von den vielen und guten Illustrationen dieses Prachtwerkes interessieren uns in erster Linie die zwei Porträte, das Titelbild: Kupferstich nach einem alten Ölgemälde, mit Motto: Etsi pereat mundus Tarnen fiet justitia und Legende: Bever. P. Placidus ex Specijs ab Arideste natus ano 1757 und der Faksimil-unterschrift des Dargestellten: P. Placidus Spescha, des Stifts Disentis Capitular; dann die Handzeichnung-, P. Placidus als Bergsteiger darstellend, aus dem Jahrbuch S.A.C. V, womit man die Abbildung der „ beiden Hinterschuh-Fußeisen " des Paters im Geiste vereinigen möge. Ferner die Reproduktionen der „ Carte spécielle et pétrographique du mont St. Gothard et de ses environs ", Zeichnung von Spescha, Stich von Mechel; die Bleistiftskizzen des Paters von der Baduskette mit Tomasee, aus dem Jahre 1812; die schon erwähnte „ Karte oder Handriß " aus dem Maderanertal, von 1812. Sehr instruktiv sind die Reproduktionen ( alle nach Photographien P. Karl Hagers ) alter Gemälde und Zeichnungen Louis Bleulers, aus dem Jahre 1818 ungefähr: Tomasee, Vorderrheinquelle, alt Disentis, Talboden von Truns, Lukmanier-Paßhöhe, Quelle des Hinterrheins am Rlieinwaldgletscher, Ersteigung des Rheinwaldgletschers. Aber nicht minder die ebenfalls aus der.Camera Pater Karls stammenden Aufnahmen interessanter Gebäude, Örtlichkeiten und Landschaften, die auf das Leben des Pater Placidus Bezug haben und dem Buch, das von dem Verlag auch typographisch gut ausgestattet wurde, einen besonderen Schmuck verleihen.

Redaktion.

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