Dr. H. Stickelberger: Der Volksdichter G. J. Kuhn

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Es ist auch vom alpinen Standpunkte aus durchaus zu begrüßen, daß in neuerer Zeit sich die Aufmerksamkeit der Germanisten auch den altern Volks- und Kunstdichtern zuwendet, denen wir die unsere Alpen betreffenden Gedichte, Erzählungen und Sagen zu verdanken haben, oder welche sich um Aufzeichnung, Sammlung und Bereicherung unserer Volkslieder und Kühreihen verdient gemacht haben. G. J. Kuhn, über welchen hier eine durchaus erschöpfende Monographie von Dr. Stickelberger vorliegt, ist neben J. K. Wyß, welchem wir eine ähnliche Bearbeitung wünschen möchten, der hervorragendste Vertreter dieser Literaturgattung in bernischen Landen. Aber seine Bedeutung, wie die von Wyß, geht weit über diese engen Grenzen hinaus, haben doch Wyß und Kuhn ihre Sammlung von Volksliedern und Kühreihen ausdrücklich als schweizerische bezeichnet, und sie ist, wie wir an einem Beispiel zeigen wollen, auch über diese Grenze hinausgedrungen. Es hat vielleicht neben Jeremias Gotthelf nie ein bernischer Dichter den Volkston so glücklich getroffen, ohne darum ins Triviale oder Kindische zu verfallen, wie J. G. Kuhn. Seine Lieder sind durchaus bodenständig, und man würde es den in Sigriswil am Thunersee, wo Kuhn 1799—1806 als Pfarr-vikar verweilte, entstandenen Poesien — ich nenne nur „ Bueb, mir wey uf ds Bergli trybe " und den „ Gemsjägernicht ansehen, daß ihr Verfasser kein gebomer Bergmann war, sondern ein Stadtberner. Eine Keihe von Liedern Kuhns sind namentlich durch die von Ferd. Huber ihnen zuteil gewordenen Melodien über die ganze Schweiz verbreitet worden, so namentlich: „ Der Ustig wott cho ", „ I de Flüehne ist mys Lebe ", „ Herz, wohi zieht es di ". Ein Kuhn bis in die neuere Zeit zugeschriebenes und allgemein gesungenes Lied: „ Lueget vo Berg und Tal " ist, wie Stickelberger betont, allerdings nicht von ihm, sondern von dem St. Galler J. A. Henne verfaßt. Auf zwei Gedichte Kuhns möchte ich hier näher eingehen, weil sie für uns von besonderem Interesse sind. Das eine ist die etwas rührselige Erzählung von der Entstehung der Alpenrose. Kuhn selber hat die Quelle seiner Ballade darin gefunden, daß der Dekan Stalder in seinen „ Fragmenten über das Entlebuch " erzähle, daß die jungen Burschen ihren Mädchen damit den Hof machen, daß sie ihnen Flühblumen von den gefährlichsten Fels-firsten herabholen und vor die Fenster stellen. Diese Sitte übertrug nun Kuhn in die ihm bekannte Umgebung des Thunersees und deutete sie mit den Worten: „ Dert steit ech, grad ob Oberhuse, e grusam höhji spitzi Flueh " usw. mit Geschick um auf die noch jetzt so benannte Spitze Fluh, einen Ausläufer des Sigriswiler Rothorns, dessen Ersteigung von der Seeseite, die bei Kuhn dem liebedürstenden Jüngling den Tod bringt, heutzutage sehr oft von jungen Leuten aus Stadt und Land ohne besondere Abenteuer durchgeführt wird. Weniger glücklich ist die Umdeutung der Flühblumen in die Alpenrose, die nach Kuhn aus dem Blute des verunglückten Jünglings erwächst. Wir müssen annehmen, daß die Sitte, Alpenrosen auf dem Hute als Zeichen einer gelungenen Bergfahrt zu tragen, damals eben im Aufkommen begriffen war, und vielleicht auch, daß die Wut, dieses Unkraut der Alpenweiden ganz unnützerweise an den vereinzelten gefährlichen Stellen zu pflücken, damals schon Unglücksfälle veranlaßt hatte. Eine viel ältere Sitte behandelt Kuhns Gedicht „ Der Chilter " oder nach seinen Eingangsworten das „ Hoscho, Eisi ". Ich verweise für die Geschichte dieses reizenden, in Dialog-form 1799 verfaßten und echt volkstümlichen Gedichtes und für die moralischen Anfechtungen, die Kuhn darüber von Zeloten oder Pedanten, aber leider auch in seinem eigenen pastorlichen Gemüt zu erfahren hatte, auf Dr. Stickelberger, pag. 57-59, und möchte hier nur zur Literaturgeschichte des Kilterliedes eine persönliche Berichtigung anbringen. Dr. Stickelberger sagt pag. 58 unten: „ Die weite Verbreitung des Liedes wird durch die auffallende Tatsache bewiesen, daß Dr. H. Dübi das Hoscho, Eisi zu Alagna im Sesiatal von den Deutschen am Monte Rosa singen hörte, wohin es wahrscheinlich durch fliegende Blätter oder durch mündliche Überlieferung gekommen war und als Eigengewächs des Tales betrachtet wurde ", und in der Anmerkung 60 auf pag. 89 bezeichnet er als seine Quelle „ mündliche Mitteilung ". Es liegt hier ein Mißverständnis vor, zu dem ich durch voreiliges Zitieren aus dem Gedächtnis während einer Sitzung der Literarischen Gesellschaft Bern, wo Dr. Stickelberger sein Neujahrsblatt aus den Druckbogen vorlas, beigetragen haben mag. In der Tat verhält sich die Sache folgendermaßen: In der hübschen Publikation von V. Sella und D. Vallino, Monte Rosa e Gressoney, Biella 1890, wird auf pag. 55 unter den Dialektproben der Mundart von Gressoney, die unstreitig aus dem Wallis stammt, ein Kiltgangdialog abgedruckt, der, wie schon A. Wäber in S.A.C.J.. XXVI, pag. 464, erkannt hat, „ in Form und Gedankengang ganz auffällig an Kuhns Hoscho, Eisi erinnert ". Nach den Ausweisen von Sella und Vallino stammt der Gressoneyer Dialog aus dem handschriftlichen Liederbuch von L. Zumstein ( 1805—1871 ). Die zum Teil wörtlichen Parallelen zwischen den Texten von Kuhn und Zumstein lassen es als außer Zweifel stehend erscheinen, daß der jüngere Dichter den älteren direkt nachahmt, und daß nicht etwa eine ältere, gemeinsame Fassung des Liedes beiden vorlag. Bei dem beständigen Zusammenhang zwischen den nach der Schweiz und Süddeutschland ausgewanderten Gressoneyer Familien und ihrer deutschsprechenden Heimat ist es leicht verständlich — und es läßt sich auch direkt nachweisen —, daß im 19. Jahrhundert deutsche literarische Produkte, namentlich Liedersammlungen, Kalender und dergleichen, ihren Weg in die Täler südlich des Monte Rosa fanden und dort als stammverwandtes Gut in Ehren gehalten wurden und fortwirkten. Jetzt ist dort das Deutsche im sichtlichen

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