Dr. J. Jegerlehner : Was die Sennen erzählen

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Dr. J. Jegerlehner: Was die Sennen erzählen. Märchen und Sagen aus dem Wallis. A. Francke, Bern. 1906. Preis gebunden Fr. 3. 50.

Der den Lesern dieses Jahrbuches als Verfasser eines gut geschriebenen Führers durch das Val d' Anniviers ( siehe S.A.C. XXXIX, pag. 390 ) und durch seine Dissertation: Die Schneegrenze in den Gletschergebieten der Schweiz ( siehe S.A.C. XXXVIII, pag. 405 ) wohlbekannte Clubgenosse hat seine auf Natur und Volkstum der Alpen bezüglichen Studien seit 1902 und 1903 mit großem Eifer und gutem Erfolg fortgesetzt und bietet uns nun in einem von dem Verlag sehr hübsch ausgestatteten Bändchen einen Auszug ( 48 Sagen und Märchen ) aus einer Sammlung von über 500 Erzählungen, die er im Laufe der Jahre in verschiedenen Wallisertälern aus dem Volksmunde gesammelt haben will. Über die Art, wie er sammelte und wie er das Gesammelte verwendet, gibt das Vorwort Aufschluß; außerdem hat Dr. Jegerlehner gelegentlich darüber im Sonntagsblatt des „ Bund ", in den „ Blättern für Bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde " u.a. a. O. berichtet. Da die Wallisersagen literarisch schon eine ziemliche Verbreitung gefunden haben ( ich verweise außer auf Tscheinen und Ruppen auch auf Th. Vernalekens Alpensagen, Wien 1858 ), so kann es nicht fehlen, daß wir wiederum ( vgl. S.A.C. XXXIX, pag. 393/394 ) beim Lesen der Jegerlehnerschen Legenden an gedruckt Bekanntes gemahnt und erinnert werden und uns fragen müssen, ob wirklich alles hier Gebotene direkt aus dem Volksmund geschöpft und so, wie dieser es bot, wiedergegeben sei. Daß er für seinen belletristischen Zweck an den Erzählungen gemodelt habe, gibt der Verfasser selbst zu; er meinte es gut, wenn er, „ ohne den Charakter der Märchen und Sagen zu verändern, sie nur reicher und ausführlicher erzählte, wobei er die dicksten Goldfäden oft mit größtem Behagen aus-spann ". Das ist nun aber für die Sage selbst eine recht gefährliche Methode und verringert wenigstens den wissenschaftlichen Wert einer solchen Sammlung in den Augen des Kenners entschieden. Das große Publikum freilich zieht heutzutage diese „ ausgesponnene " Form vor und hat den schlichten Geschmack, dem die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm zugleich entsprangen und entgegenkamen, verloren. Darum tut es not, auch bei dieser Gelegenheit an die Warnung Jakob Grimms zu erinnern: „ Wer aus der Volkssage Romanzen dichtet, bindet Blumen in einen üppigen Kranz, der nur den kleinsten Teil ihres Wachstums, zerknittert und unter fremdes Laub gedrückt, sehen läßt. " Ich will mit diesen Einwendungen gegen die Behandlung des Stoffes nur meinen grundsätzlichen Standpunkt markieren und mein kritisches Gewissen erleichtern. Ich stehe daneben nicht an, zu erklären, daß mir die Lektüre von Dr. Jegerlehners Sammlung Freude bereitet und an mehr als einer Stelle Belehrung geboten hat. Die Varianten zu bekannten Erzählungen, z.B. von dem Armen und den 11 Reichen ( Seite 173 ) oder von der Spinnerin am Aletschgletscher ( Seite 65 ) oder vom baumstarken Ried-bub ( Seite 49 ), sind sehr instruktiv auch für den Sagenforscher, und darum ist ihre Publikation sehr zu begrüßen. Wir möchten Herrn Jeger-iehner auffordern, der Sammlung, die schon in zweiter Auflage erschienen ist, bald ein weiteres Stück anzufügen, denn selbst in unserer prosaischen Zeit gibt es viele, wie der Rezensent, die „ trotz ihrer Jahre immer wieder in den Bann der Märchen- und Sagenpoesie gezogen werden ".

Redaktion.

W. A. B. Coolidge: Les Colonies valaisannes de l' Oberland Bernois. Separatabdruck aus den „ Blättern für Bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde"\ Bern 1906.

Idem: Charles the Great's Passage of the Alps in 773,

reprinted from the English Historical Review, July 1906.

L. E. Iselin: Terminen und Termen. Separatabzug aus dem „ Anzeiger für schweizer. Geschichte ". 1906, Nr. 2.

Prof. Dr. St. Schindele: Reste deutschen Volkstums südlich der Alpen. Beilage zur „ Allgemeinen Zeitung ". München, 31. März 1906.

Dr.R. Hoppeler: Zur Walliserfrage. „ Neue Züricher Zeitung."-20. Februar 1907.

P. Ein deutscher Rechtshistoriker über schweizerische Rechtsgeschichte. „ Der Freie Rhätier. " Nr. 44, 1907.

Ich stelle unter den vorgenannten Titeln eine Anzahl von Zeitschrift -und Zeitungsartikeln zusammen, welche das Gemeinsame haben, daß sie sich alle mit der Geschichte der Begehung und Besiedelung der Alpen in frühhistorischer Zeit und speziell mit der sogenannten Walserfrage befassen. Ich würde es für die letztere vorgezogen haben, das Erscheinen der von Dr. Hoppeler angekündigten zusammenfassenden Arbeit abzuwarten, aber ich weiß nicht, ob es mir noch vergönnt sein wird, in diesem Jahrbuch meine Meinung hierüber zu äußern, und so will ich vorläufig zusammenstellen, wie der gegenwärtige Stand dieser Kardinal-frage der alpinen Historie ist.

Die Arbeiten von Mr. Coolidge kommen leider dem Jahrbuch nur noch indirekt zu gute. Um so mehr halte ich es für meine Pflicht, wenigstens durch Rezensionen auf ihre Bedeutung und ihren wissenschaftlichen Wert hinzuweisen. In seinem Artikel über die Walliserkolonien im Berner Oberland weist Mr. Coolidge nach, wie durch die Heirat des Walliser Freiherrn Jean de la Tour Châtillon mit Elisabeth von Wädenswil um 1311 die beiden Abhänge der Berner Alpen in der Gegend der Gemmi und des Lötschenpasses und die bezüglichen Täler der Lonza, Dala und Kander in eine Hand kamen, was den Austausch von Kolonen über den Gebirgskamm ermöglichte und selbst wirtschaftlich notwendig machte. Es ist nun seit längerer Zeit bekannt, daß solche Verschiebungen von Lötschern in das Lauterbrunnental und in die Gegend von Brienz stattgefunden haben. In den zwei ersten Abschnitten seines Artikels werden die auf diese Kolonien bezüglichen urkundlichen und andern Nachrichten sorgfältig zusammengestellt und verglichen, so daß wir an deren Hand eine zusammenhängende Geschichte der Kolonie Brienz ( vor 1331-1409 ) und der Kolonie Lauterbrunnen ( vor 1331-1409 ) gewinnen. Neu oder wenigstens vorher kaum beachtet sind die Nachweise, welche Mr. Coolidge im dritten Abschnitt über eine Kolonie von Lötschern in der Gegend von Thun, besonders um Blumenstein herum ( 1305—1356 ) gibt. Die Namen „ Lotzcher ", „ Lötscher ", „ Löscher ", „ Löttsch " und die bekannten Beziehungen der Herren von Blumenstein zu den Earon ( in Brienz und Ringgenberg ) und den de la Tour Châtillon ( in Frutigen ) machen diesen Zusammenhang leicht verständlich und durchaus glaubhaft. Daß aber der „ Loss " einer Urkunde von 1356 Abkürzung für „ Lötscher " sei, glaube ich bis auf weiteres noch nicht, obschon der Betreffende auf einem vorher von einem Lötscher bebauten Lehen sitzt. Der Name kann auch anders abgeleitet werden. Ebenfalls verwerfen möchte ich die von Coolidge versuchte Herbeiziehung der Namen „ Losi " und „ Lörtscher " in diesen Namenkreis. Die übrigen genügen aber vollständig, um seine These zu beweisen, daß Walliser Hörige und Bauern aus dein Lötschental im 14. und 15. Jahrhundert im Berner Oberland und bis nach Köniz und Münchenbuchsee hinunter verbreitet saßen. In einem Abschnitt: Berichtigungen und Ergänzungen weist Mr. Coolidge nach, daß die erste Erwähnung des Lötschenpasses und des Kreuzes auf seiner Höhe von 1352 datiere, daß 1366 und 1380 die Leute von Leuk mit denen von Lötschental einen Vertrag über die Sicherung des Weges von Champiz ( Gampel ) bis an das Balenhorn ( Balmhorn ) schlössen, daß 1367 die Leute von Leuk einen Vertrag schlössen mit denen von Lötschen, aber auch mit denen von Lagastrona ( Gasterntal ). An .einer andern Stelle der nämlichen Zeitschrift weist Mr. Coolidge darauf hin, daß auf mehreren Karten des 18. Jahrhunderts an die Stelle der h. Petronella, deren Kapelle in der Nellenbalm bei Grindelwald in der Sage von dem einstigen Walliserpaß über den Fieschergrat eine gewisse Rolle spielt, ein St. Sempronius trete, der nicht weiter zu deuten sei. Jedenfalls beziehe sich der Name schwerlich auf den Simplon, der in drei von den vier Karten an seiner richtigen Stelle ( neben dem St. Sempronius bei Grindelwald ) gezeichnet sei. Wer kann dieses kleine Problem alpiner historischer Nomenklatur lösen?

In seiner Studie über Karls des Großen Alpenübergang von 773 hat der nämliche Gelehrte mit einer Sicherheit, wie sie nur ein ausgebreitetes und eindringliches Literaturstudium, der Besitz einer reichen alpinen und historischen Bibliothek und eine auf wiederholten Wanderungen in diesen Gegenden gewonnene genaue Lokalkenntnis bieten kann, die Wege festgestellt, welche Karl der Große und sein Onkel Bernhard bei dem denkwürdigen Feldzug, der zur Eroberung Italiens führte, über die Alpen eingeschlagen haben. Ausgangspunkt für beide Armeen war Genf, Vereinigungspunkt Susa, in dessen Klause der Langobardenkönig Desiderius eine Verteidigungsstellung eingenommen hatte, die eben durch jene Routen Karls und Bernhards umgangen oder unhaltbar gemacht werden sollte.

Zu diesem Zwecke trennten sich die beiden Heerführer in Genf; Karl schlug den auch zum Mont Cenis führenden Weg über Culoz und Aix-les-Bains nach Montmélian ein, verließ dort den Mont Cenis-Paßweg, der durch das Tal des Arc führt, und ging durch das Isèretal nach Grenoble und von hier entweder über den Col du Lautaret oder auf dem Umweg durch das Tal des Drac und über Gap ins Durancetal und in diesem über Embrun hinauf nach Briançon. Von hier gelangte er über den Mont Genèvre an das Westende der Klause von Susa, während Bernhard den Großen St. Bernhard überstieg ( dies ist notorisch ) und, durch das Aostatal ins Piémont gelangt, von Osten her vor der nämlichen Verteidigungsstellung der Langobarden erschien. So war Desiderius zwischen zwei Feinden und von vornherein verloren. Ich kann auf die nähern Details hier nicht eintreten; Mr. Coolidge hat unter anderm auch den nähern Weg nachgewiesen, auf welchem Bernhard, wenn er wollte, von Aosta direkt nach Susa gelangen konnte, nämlich über den Kleinen St. Bernhard, den Col du Mont Iséran und den Mont Cenis, doch ist es nach Coolidge nicht wahrscheinlich, daß dieser Weg, der beide Heerführer am Westende der Klause von Susa zusammengeführt hätte, eingeschlagen worden sei. Es galt ja, Desiderius zu täuschen, der eines Angriffs über den Mont Cenis, den schon Pippin 754 und 756 zum Einfall nach Italien benutzt hatte, gewärtig sein mußte.

Der in diesem Jahrbuch schon öfter als tüchtiger Kenner des Wallis, seiner Geschichte und seiner Bergnamen erwähnte Pfarrer L. E. Iselin führt in seiner Studie über den Ortsnamen Terminen und Termen den Beweis, daß die Ortschaft Visperterminen, die unsern Lesern aus Dr. Steblers schöner Monographie ( Beilage zum Jahrbuch XXXVI ) bekannt ist, ihren Namen von einem uralten Grenzstein erhalten hat, der, als Schalenstein von archäologischem Interesse, in zwei Urkunden als Grenzmarche figuriert zwischen den Pfarreien Visp und Naters, wohin Visperterminen mit dem Nansertal merkwürdigerweise eingepfarrt war. Vielleicht aber war der „ Große Stein " schon in vorrömischer Zeit Grenzmarche der Uberei- und wurde als solche von den Römern übernommen, welche daher dem Ort den Namen Terminum gaben. Auf eine Reihe ähnlicher Grenzbezeich-nungen durch Steine mit oder ohne Schalen, oder mit eingehauenen Kreuzen, an welche sich immer Volkssagen von vorwiegend düsterer Färbung anknüpfen, weist Herr Iselin an der Hand von Urkunden, alten Ortsnamen und dgl. hin und gibt überall die nötigen Belege. Desgleichen über die mit lat. finis zusammenhangenden Örtlichkeiten, wie Pfyn etc. Wir gewinnen so eine zuverlässige Übersicht über manche Frage alpiner Topographie und Onomastik. Kreuze oder Grenzsteine werden auf den Höhen des Lötschpasses, der Gemmi, des Sanetsch ( pierre bénite ), Lukmanier u. s. w als uralt nachgewiesen. Der ganze Artikel ist sehr verdankenswert und regt zu weiteren Forschungen an.

In einem im nämlichen „ Anzeiger ", 1907, Nr. 1, erschienenen Artikel „ Über die Namen einiger Pässe und Berge des Wallis " gibt Herr Iselin willkommene Auskunft über die Namen Gemmi, Gurnigel, Engstligen, Gitzifurgge, Furka, Antrona. Die beiden ersten Namen gehören insofern zusammen, als Gurnigel ( in alten Urkunden zu Curmitz oder Curmyz entstellt ) der alte Name für die durch den Altelsgletschersturz teilweise zerstörte Alp Wintereggen am Gemmipaßweg, unweit der alten Grenze zwischen Leuk und Frutigen, ist. Gumigel, ein auch sonst vorkommender Alpname, ist offenbar lat. corniculum. Gemmi, in alter Deutschschreibung „ gemmini ", geht, wie Iselin aus den französischen Wortformen ( im Leukerbadarchiv ) „ chyming " und „ chemin " ( 1407 und 1402 ) nachweist, ebenfalls auf ein ml. Wort „ camini " im Sinn von Weg, Durchgang, zurück. Interessant ist auch der Hinweis, daß die Engstligenalp ( alte Namensformen Henscigulam, Enchiglin, Enchiglun, vgl. das Enzi im Entlibuch ) bis 1379 dem Bischof von Sitten gehörte, was für das Alter des Paßwegs über die Kote Kumme ( siehe Jahrbuch S.A.C. XXX, pag. 162, XL, pag. 325 ) von Bedeutung ist. Furka endlich ist der Walliser-name für die Paßhöhe, die erst spät von Italien aus nach Antrona benannt wurde. Die Gitzifurgge Siegfr. ist, wie der Duf. richtiger angibt, eine Regizifurgge und verdankt ihren Namen der Leuker Familie Kegiz.

In einem sorgfältig geschriebenen und wissenschaftlich brauchbaren Zeitungsartikel berichtet Prof. Dr. St. Schindele über Beste deutschen Volkstums sudlich der Alpen. Gemeint ist die deutsche Sprachinsel Lusern, und der Verfasser berichtet darüber nach einem 1905 über diese Gegend erschienenen Buch von J. Bacher. Das Referat ist ein sehr eingehendes, die Aufzählung der deutschen Sprachinseln in Südtirol und Oberitalien eine vollständige; weniger genügend ist der Literaturnachweis über die Reste des deutschen Volkstums am Südabhang der Alpen. Ich vermisse u.a. Schott und Engelmann für die Monte Rosa-Täler. Vortrefflich ist dagegen der Nachweis über die einstige Verbreitung der deutschen Sprache im östlichen Oberitalien und in Südtirol, wonach man „ einstmals von Deutschtirol aus unter lauter Deutschsprechenden bis an die Tore von Verona, Vicenza und sogar Padua gelangen konnte ". Aus dem lusernischen und dem ihm örtlich und lautlich nahe stehenden cimbrischen Dialekt wird geschlossen, daß die Einwanderung dieser deutschen Elemente in romanisches Sprachgebiet zwischen Etsch und Brenta nicht nach dem 12. Jahrhundert erfolgt sei, in welcher Zeit sich im Bajuwarischen die Verdumpfung des „ a"-Lautes zu o vollzog. Wann aber vor diesem terminus ad quem die Besiedelung erfolgte, bleibt unklar, vermutlich schon vor dem 10. Jahrhundert. Was die Nationalität dieser Ansiedler betrifft, so sucht Schindele, darin von Bacher etwas abweichend, es wahrscheinlich zu machen, daß hier germanische Kerne aus dem frühen Mittelalter ( Goten, Alemannen, Langobarden u. s. w. ) sich erhielten, die durch spätere deutsche, besonders bayrische, Zuwanderung verstärkt und in ihrer Sprache dauernd beeinflußt wurden. Das Resultat der Untersuchung ist, wie man sieht, kein abgeschlossenes, aber wir kommen doch durch solche Arbeiten dem angestrebten Ziele, diese zum Teil rätselhaften Erscheinungen richtig zu deuten, immer näher. Lustig ist, daß einmal für das cimbrische die absurde Ableitung von den Cimbern des Marius durch eine moderne, von den „ Zimberleuten ", d.h. Holzfällern, ersetzt wird.

Die beiden noch zu besprechenden Schriften betreffen nun speziell die sog. Walser oder Walliser und beschäftigen sich mit deren Herkunft und Rechtsstellung auf fremdem Boden. In einem vor der antiquarischen Gesellschaft in Zürich gehaltenen Vortrag „ Zur Walserfrage " wies Dr. Hoppeler, wie ein Referent in der „ Neuen Züricher Zeitung " berichtet, nach, daß ursprünglich das ganze Walliser Rhonetal eine romanische Bevölkerung hatte, daß vermutlich in der karolingischen Zeit dahin eine deutsche Einwanderung aus dem Haslital erfolgte, daß deutsche Pfarreien im Oberwallis seit 1214 urkundlich belegt, aber lange vorher angelegt worden sind. Er gab Einzelheiten über die ziemlich verwickelten und nicht ganz aufgeklärten Rechts- und Eigentumsverhältnisse im deutschsprechenden Wallis. Neben dem Domstift Sitten, das sich durch Meyer oder Vidums vertreten ließ, spielen die Freiherren von Turn, die Mörel, die Jezzelin, die de Saxo eine Rolle als Grundbesitzer und Gerichts-herren. Die diesen zuständigen Leute ( freie Bauern gab es nur vereinzelt ) bildeten schon früh Alp- oder Allmendgenossenschaften mit eigenen Statuten. Schon früh entwickelten die deutschen Walliser eine starke kolonisatorische Kraft. Übervölkerung des Oberwallis ist aus dem 14. Jahrhundert bezeugt. Über diese Wanderungen der Walliser in die Täler südlich der penninischen Alpenkette ( Formazza-, Anzasca-, Sesia- und Lystal etc. ), die durch die Freiherren von Turn veranlaßt« Einwanderung der Lötscher ins Berner Oberland an der Wende des 13. auf das 14. Jahrhundert, gab Dr. Hoppeler eine, soviel aus dem Referat zu schließen ist, genügende Darstellung. Durch das Tal von Urseren, das schon früh den Verkehr von Graubünden nach dem Wallis und weiter ins Tosatal ( über den Griespaß ) vermittelte, ging ein anderer Strom von Kolonen aus dem Wallis. Wer diesen veranlaßte, ist wenigstens in dem Referat nicht angegeben. So erhielt Urseren, das ursprünglich romanisch war und zu Disentis gehörte, im 13. Jahrhundert eine deutsche Bevölkerung aus dem Wallis, zu welcher sich nach Eröffnung des Gotthardweges Urner gesellten ( siehe hierüber auch im „ Anzeiger für Schweiz. Geschichte " 1907, Nr. 1, pag. 149-151, den Artikel von R. H. ). Aus der Vereinigung der Alpgenossen und der Ruttner und Säumer erwuchs hier eine fast selbständige Talgemeinde. Dr. Hoppeler verfolgte dann weiter die Kolonenzüge der Walliser nach Graubünden ( die einzelnen Stationen werden sorgfältig aufgezählt ) und bis ins Vorarlberg und Tirol und besprach als ein typisches Beispiel die Rechtsverhältnisse von Safien. Es ist hier nicht der Ort, auf Einzelheiten einzutreten, und ich will nur folgende These von Dr. Hoppeler hervorheben: „ Die Auswanderer waren ursprünglich wohl keine freien Leute gewesen; sie hatten aber die Weg-zugsfreiheit besessen und wahrten sich dann die erworbene Freiheit. Ihre Freiheit ist in den Urkunden erwähnt. "

Diese These steht in einem gewissen Gegensatze zu der Ansicht, zu welcher sich Prof. Dr. Ulrich Stutz in Bonn in der Besprechung einer Arbeit des Bündner Rechtshistorikers Branger über das sogenannte Walserrecht bekennt ( siehe das Referat von P. im „ Freien Rhätier " 1907, Nr. 44 ). Danach hätte Branger den Nachweis geleistet, daß es sich bei den durch Graubünden hin zerstreuten Walserkolonien „ um Bauern handle, die nebenbei Säumer und Ruttner waren, und daß diese ( entgegen der Ansicht von Muoth ) nicht erst nachträglich in die Freiheit erhobene, ursprünglich hörige Bauern waren, die von den rhätischen Klöstern aus Suddeutschland bezogen wurden, sondern auf ihrem Grund und Boden kraft freier Erbleihe saßen ". Ich gestehe, daß ich von der Richtigkeit der Brangerschen Behauptung nicht in allen Punkten überzeugt bin. Der leider verstorbene Prof. Muoth hatte die ( für einen Historiker ) schlechte Gewohnheit, nicht alles zu sagen, was er wußte. Er hat die Beweise für manche seiner wohlerwogenen Ansichten mit ins Grab genommen, und so werden wir Überlebende „ an dieser zähen Speise wohl noch eine Weile kauen müssen".Sedaktion.

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