Drei Touren im Clubgebiet

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Drei Touren im Clubgebiet

Von

. Stokar ( Sektion Banden ).

ïm Sommer 1894 hatte ich begonnen, von Bergün aus die umliegenden - Berge zu begehen, in der Hoffnung, dadurch einen kleinen Beitrag zur Erforschung des Clubgebiets zu leisten. In einem einzigen kurzen Ferienaufenthalt wird man mit einer Gegend nicht fertig, und wäre sie noch so'beschränkt, besonders in einem so wenig günstigen Sommer wie feitet es war. So fehlte es denn im Sommer 1895 nicht an Arbeit, um nochmals einige Wochen in Bergtin auszufallen.

Das letzte Mal hatte ich den Fehler begangen, gleich zum Beginn ohne jede vorangehende Trainierung mit einer so anstrengenden Tour wie dem Piz d' Aela direkt von Bergün aus zu beginnen. Ich'hatte dabei so schlechte Erfahrungen gemacht, mich dermaßen überanstrengen müssen, ► daß ich diesmal klüger sein und mich erst durch einige vorangehende leichtere Besteigungen vorbereiten wollte, bevor ich mich an die eigentliche Arbeit machte. Es bot sich mir Gelegenheit, einige Tage lang in Gesellschaft eines kräftigen und unternehmungslustigen 16jährigen Gymnasiasten C. L. zu reisen. Mit diesem führte ich zunächst drei Touren aus, die geeignet waren, ihn in aufsteigender Stufenfolge in die Bergwelt und die edle Bergsteigern einzuführen und mir zugleich aufs beste dienten, um mich auf Schwierigeres zu trainierenf So bestiegen wir am 25. Juli zusammen ohne Führer von &erg^ Dörfli aus über die Bergüner Furka den Hoch-Ducan, übernachteten in der Keschhütte und nahmen am folgenden Tag den Piz Kesch. Der junge Mann hatte sich so vortrefflich gehalten, daß ich ihn zur Belohnung am 28. auch noch aufs Tinzenhorn mitnahm, diesmal natürlich unter Mettiers Führung. Alle drei Touren waren vom Wetter aufs schönste begünstigt sie sind aber schon so häufig beschrieben worden, daß sie nicht mehr % ins Jahrbuch gehören. Am 30. Juli entließ ich meinen jungen Reisegefährten mit dem befrjedigejid^n Bewußtsieiii, iKin in kurzer Zeit eineä lebendige Vorstellung Von den Genüssen und der Arbeit des Bergsteigers beigebracht und eine vielversprechende junge Kraft für unsere schöne Sache gewonnen zu haben.

So war ich denn wieder allein und konnte nun mit der ernsten Arbeit beginnen. Nach eingehender Beratung mit meinem vielerprobten Leibführer Mettier wurden wir einig, zunächst nochmals den Piz d' Aela in Angriff zu nehmen. Mettier kannte zwei Stellen, welche einige Aussicht zur Aufc findung neuer Zugangswege zti bieten schienen: einmal könnte man durch das Murtèl d' Uglix aufsteige« oder aber es über den Stidostgrat versuchen. Beicje Routèn wären neu gewesen, die erstere voraussichtlich die leichtere, die zweite wahrscheinlich recht schwierig, aber sehr interessant; sie hätte vor der ersten Überdies noch clen Vorzug gehabt, daß sie über ganz un-betretenes Terrain geführthätte, während die erstere im obera Teil mit der von Mettier im Sommer 1893 mit den Herren Neher und Heinzelmann ausgeführten Besteigung von der Aelahtitte aus zusammenfallen würde. Wir wählten darum die erstere. Schon vor vielen Jahren, ganz inrAnfang seiner Führerthätigkeit, hatte Mettier hier einmal einen Versuch gemacht, der allerdings, hauptsächlich wegen eines heftigen kalten Windes, nicht> zum Ziele geführt hatte. Immerhin hatte er die Erinnerung behalten, daß die Sache tinter günstigen Umständen vielleicht doch möglich sein könnte.

Mittwoch den 31. Juli holte mich Mettier kurz nach Mitternacht aus dem Bett in sein Haus, wo uns seine treffliche Frau den Kaffee bereitgestellt hatte. Schlags 1 Uhr brachen wir auf, in die finstere, von den flimmernden Sternen kaum erhellte Nachf hinaus. Der Weg bis in die Hocbfflulde von Tranter Aela hinein unter den äußern westlichen Gletscher Mit mit demjenigen zusammen, den man beim gewöhnlichen Aufstieg über den letztern einschlägt. In finsterer Nacht beim unsicheren Schein der Laterne bildet er eine höchst unerfreuliche und anstrengende Einleitung. Selten einmal in meinem Leben habe ich das Tagesgrauen so aufrichtig begrüßt, das tins endlich von der Laterne erlöste. Die Beleuchtung beim Sonneoaufgang schien wenn nicht einen glänzenden, so doch einen ordentlichen Tag in Aussicht zu stellen.

Am äußeren Aelagletscher konnte man so recht die Verheerungen wahrnehmen, welche der heiße Sommer nach dem in den Btindner Bergen auffallenderweise schneearmen Winter an Eis und Schnee angerichtet hatte. Der untere flachere Teil waif ganz bedenklich zusammengeschmolzen und hing mit dem Mittelstück, dem großartigen Gletschersturz, nur noch ganz lose zusammen. Auch der Gletschersturz selbst war seit vorigem Jahr merklich schmaler gèwordetì, und Mettier meinte, jetzt wäre es bei weitem nicht mehr so schwierig, da hinauf zu kommen.

Der innere, östliche Gletscher, zu dem wir uns unter der k0cken~ Felsnase des Piz d' il Barba Peder durch hinüberzogen, hatte die Sommerhitze besser überstanden. Man sah ihm keine namhafte Verkürzung an;

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vielmehr zog er öich weit; mehr in die liäiige* als i$h nach dem Ansehen und der Karte erwartet hätte. In seinem oberen Teil .zeigte er tüchtige Spalten, welche einige Aufmerksamkeit nötig machten » Es galt nun, in einev breite Lücke aufzusteigen, welche sich da öffnet^ wo sich der eigentliche Aelagrat von dem vom Rugnüx dadains her streichenden Grat mit \ deinem energiisichen Satz aufschwingt. Diese Lücke war gar nicht so leicht zu erreichen. Wir'mußten abwechselnd stufenhauend über steile Schneerinnen, dann wieder über Felsrippen emporsteigen, so daß wir erst um 6 ühr 20 Min., naeh fast 5 */2 stündigem Marsch, die Lücke erreichten. Der Gletscher hatte uns rait seinen steilen obersten Firnhängen fast zwei Stunden gekostet.

Hier wurde eine Viertelstunde Rast gehalten und hier mußte es sich nun bald entscheiden, ob die Arbeit überhaupt in Angriff genommen werden konnte oder qb wir ôéhon hier umkehren mußten. Der Aelagrat steigt direkt über derLücke in jähem, absolut unzugänglichem Satz in die Höhe; hier war an ein Vorankommen nicht zu denken. Auch auf der Nordoßtwsfod konnten wir kaum eine Möglichkeit erkennen, den Absturz zu umgehen, um auf die Grathöhe zu gelangen. Es blieb nur die hintere, Südwestseite, und hier zog sich von der Lücke aus in der That ein breites Band eben in die Wand hinein. Vielleicht war es von diesena aus möglich, durch ein Couloir zur Höhe emporzudringen. Pas mußte nun versucht werden; erwies es sich als unthunlich, so war der Sturm abgeschlagen und es blieb nichts anderes übrig als umzukehren.

Kaum hatten wir das Band einige hundert Schritte weit verfolgt, so zeigte sich richtig ein Couloir, das direkt in die Höhe führte und durch das wir auch ohne namhafte Schwierigkeit auf den Grat hinauf klettern konnten. Auch auf diesem ging es eine Strecke weit ganz ordentlich weiter, so daß wir schon annahmen, wir würden auf keine ernsthaften Hindernisse stoßen. Allein bald; kam es anders; der anfangs noch leidlich breite Grat verengerte sich bedenklich und stieg in unaufhörlichem Wechsel bald in einem Gratzacken auf, um sich sofort wieder zu einer Einsattelung abzusenken. Hier mußte natürlich das Seil in Funktion treten und es begann nun eine endlos scheinende Gratkletterei, bei der es verzweifelt langsam voran gin und von der mir nur wenige Einzelheiten im Gedächtnis geblieben sind. Der Haupteindruck ist der, daß wir uns Schritt für Schritt unter beständiger Anspannung aller kletterischen Fertigkeit eigentlich erkämpfen mußten. Jeweils wenn wieder ein Grat-zàéken nahezu erstiegen war, harrte ich ängstlich auf Mettiers Zuruf von oben, ob er lauten würde: „ es geht gut ", „ man kann 's probieren " oder „ es sieht ganz zweifelhaft aus ". Nur ausnahmsweise konnten wir ohne Aufenthalt weiter klettern; meist mußten aufwärts, hie und da auch abwärts, zuerst Piekel und Rucksack und dann ,der Tourist auf- oder abgeseilt werden. Die ganze, etwa einen halben Kilometer lange Gratstrecke SSI ' ".; /s-W'ist durch zwei breite Gratlücken in drei markante Teile geschieden; in der ersten Lücke steht ein hoher turmartiger Felszahn, in der oberen deren zwei, die von ferne gesehen freilich nur wie ein einziger aussehen. Zwischen der ersten und zweiten Gratlücke kam eine entscheidende Stelle.Von der Höhe eines Zackens herab senkte sich eine steile glatte Platte abwärts; dann kam ein gut mannshoher überhängender Pelssatz und unten setzte bis zu einer Einsattelung wieder eine abschüssige Platte an. Nachdem diese sehr schwierige Stelle mit aller Sorgfalt glücklich passiert war, erklärte Mettier, jetzt sitzen wir in der Mäusefalle; diese Partie sei rückwärts kaum wieder zu passieren; jetzt müssen wir um jeden Preis oVen hinauskommen, sonst seien wir höehet wahrscheinlich festgerannt.

Von jetzt an galt es also einen förmlichen Kampf ums Leben. Ich bin zwar überzeugt, daß Mettier mit äußerster Aufbietung aller seiner Fähigkeiten und einigem Glück auch die böse Stelle rückwärts forciert hätte, wenn wir zum Rückzug genötigt worden wären; immerhin hätte man 's nur im wirklichen Notfall versuchen mögen. Eine gute Strecke weit war der Grat wirklich geradezu unerhört schmal, oben flach, aber nicht meterbreit, und zwar verbreiterte er sich nicht etwa nach unten zu rasch, sondern blieb bis weit hinunter gleich schmal wie eine Mauer und stieg dabei steil an und ab. Oben ganz dünne, fast messerscharf zulaufende Gräte findet man ja häufig; die verbreitern sich dann aber nach unten rasch; solche bis weit hinunter gleich bleibende eigentliche Gratmauern waren mir bisher noch nirgends vorgekommen.. Da hörte auch für Mettier das Aufrechtgehen auf; man mußte auf allen vieren darüber wegkriechen und that wohl daran, den Blick nach den beiderseits sich öffnenden grausigen Abgründen zu vermeiden. Es giebt am Tinzenhorn gewiß schwindlige Abstürze; gegen das, was wir hier sahen, waren sie Kinderspiel. An einer besonders pikanten Stelle war die vielleicht kaum drei Fuß breite Gratmauer in der Mitte gespalten; es sah aus, als müßte das ganze Gebilde auseinander brechen, wenn es durch das Gewicht eines Menschen belastet würde. Trotzdem mußte es gewagt werden, und indem wir uns kriechend möglichst sachte darüber weg schoben, hielt die Mauer auch glücklich stand.

Eine weitere entscheidende Stelle war die zweite der erwähnten Gratlücken. Diese war uns schon vom vergangenen Sommer her bekannt. Bei unserem Abstieg vom Àelaüber die Ostwand hatten wir ganz oben eine Strecke weit denselben Grat verfolgt, auf dem wir jetzt viel weiter unten klebten. Wir wußten damals vom Rekognoscieren mit dem Fernrohr her, daß der Grat von dieser Lücke aus absolut unzugänglich aufsteigt, und daß wir daher schon vorher links in die Wand hinein abbiegen mußten, was uns denn auch damals glücklich gelang und zwar noch ziemlièh weit oben vor d^r Lücke,

prei toufek im Üluibgebiel Schon bevor wir zu der letztern kamen, hatten wir auf der dunkeln Südwand einen unregelmäßig geformten Flecken Sonnenschein wâhfgéiiotûmén, Der mußte von dem bekannten Aelaloch herrühren, « ifiar durchgehenden Öffnung im Berg ähnlich wie das berühmtere Martinsloch bei Elm; durch diese Öffnung seheint die Sonne einmal im Jahr, am 14. März, ganz vorübergehend nach Bergün/hinunter. Von der Lücke aus hätten wir das Afela1/ loch über ein Band mit wenigen hundert Schritten ganz leicht erreichen können. Wir hatten uns aber unserer Haut zu wehren, und da stand uns das Interesse an dergleichen Kuriositäten nicht in erster Linie; Hätten wir freilich gewußt, daß wir, wie sich nachher zeigte, ohne irgend namhaften Umweg das Loch hätten -durchschreiten können, so hätten wir e$ doch nicht unterlassen. Bis jetzt war, soweit bekannt, noch niemand dort gestanden ;; auch yoöieinem Gemsja^er war es je behauptet worden. Die Öffnung hat vielleicht gutdoppelte Mannshöhe und doppelte Breite wie Höhe und ist unregelmäßig geformt*Bechi kennzeichnend für die ruinenhafte, mauerartige Schmalheit des Gr£te& mag ( 1erümstand sein, daß das Loch eine Tiefe von wenigen, höchstens aeh^ gleich sich der Grat darüber gewiß kaum viel weüiger aid.h.unäert Meter hoch erhebt.

Unsere Voraussetzung, daß es von der Lücke aus zunächst nicht mehr über den Grat weitergehen werde, erwies sich als d^chäus richtig. In jähem, wo nicht tiberhängendem Aufschwung steigt der Grat empor;: da war jeder Versuch von vornherein ausgeschlossen und es mußte ein Portkommen auf einer der beiden Seitenwände gesucht werden. Wir dachten zuerst daran, es links in*der Südwand zu probieren. Dort zog sich ein vorderhand gangbares Band in die Wand hinein; möglicherweise Öffnete sich von diesem aus ein Couioir nach oben oder das Band setzte sich um die ganze Südwand herum fort bis zu der Eisrinne, durch welche wir vergangenes Jahr von der Aelahütte aus aufgestiegen waren. Beides ^schien aber der Formation der Wände öach wenig wahrscheinlich, weshalb wir zunächst rechts unser Glück versuchen und nujr lin Äußersten Notfall in die Südwand hinein steigen wollten.

Wir wandten uns also rechte und mußten zunächst ein, gutes Stück abwärts steigen. Es; waren nun zwei Auswege denkbar; entweder wir konnten linke aufwärts bald wieder die Höhe unseres Grates gewinnen oder wir mußten .* uns ganz in die Ost wand hinein ziehen und in den Weg einmünden, den wir voriges Jahr abgestiegen waren. Letzteres hätten wir nur sehr ungern gethan; einmal hätten wir damit auf die Durchführung unseres Planes, den Gipfel über den Grat zu erreichen, verzichten müssen, und dann wäre die Umkletterung einer plattigen Felsecke, welche unausweichlich im Wege stand, augenscheinlich sehr schwierig gewesen. War beides unthunlich, so mußten wir wieder in die Lücke zurück und unser Glück in der Südwand versuchen. Führte auch diese nicht zujn Ziel, TJ fg^pp a* v. r « i^rjs D. Stökar.

j&q blieb nichts anderes als der Rückzug über den Grat, und fö|* dîésëii i schlug Mettier die Wahrscheinlichkeit des Gelingens recht gering an » Glücklicherweise trat die günstigste Eventualität ein. Wir konnten uns die Wand links hinauf im Zickzack wieder zur Grathöhe empör arbeiten, nichts weniger als leicht allerdings "; eine plattige Stelle war « ogar recht heikel. Aber es ging doch, und als wir wieder auf der Grathöhe standen, war der jetzt emilich sichtbare Gipfel doch um eia namhaftes näher gereckt. Nurnoch eine verhältnismäßig kurze Strecke unbekannten Terrains hätten wir v$r uns; dann mußten wir auf Bodea kommen,den wir voriges Jahr bereits unter den Füßen gehabt hatten, und. dann war der Erfolg gesichert.

Auf dem Grat ging es nun wieder in der alten Weise weiter, mit gleicher Langsamkeit und wohl auch ziemlich gleicher Schwierigkeit. Auch hier gab es immer wieder die neue Unsicherheit, ob wir von einem Zacken 2um andern weiter kommen werden. Besondere einzelne Stellen sind mir aber nicht im Gedächtnis haften geblieben. Mit aufrichtig ge-iftthlter Erleichterung begrüßten wir endlich das Schnefeband, über das wiy 1894 in die Ostwand abgestiegen waren. Jetzt konnte es nicht mehr, fehlen. Da wuràe es mir so recht deutlich, welch gewaltigen unterschied ^s ausmacht, ob man sich einen Weg bahnen muß, wo noch kein menschlicher Fuß hingedrungen ist, oder ob man sich auf bekanntem Boden bewegt. Die Gratkletterei vom Gipfel bis hierher war uns letztes Jahr schwierig genug vörgekominen; auch heute war es aufwärts in der Thai nicht so, daß von dieser Stelle an plötzlich eine wesentliche Veränderung « ingetreten wäre. Gar so schwierige Stellen wie weiter unten gab es allerdings nicht; aHein leicht und einfach ging es auch da noch nicht. Trotzdem kamen wir jetzt mit einem Mal so glatt und sicher voran, daß. % wir plötzlich, wir wußten kaum wie, auf dem Gipfel standen.

Uni 10 Uhr 10 Min. war das Ziel erreicht. 9 Stunden 10 Minuten batten wir von Bergtin aus gebraucht und volle 3 Stunden 25 Minuten; zur Überschreitung des einen halben Kilometer langen, um cirka 400 Meter ansteigenden Grates. Davon hatten wir gewiß 2}li} sicher mindestens 2 Stunden la.ng sozusagen Schritt für Schritt mit Aufbietung aller Willens-: kraft und Fertigkeit zu erkämpfen gehabt. Wenn ich ehrlich sein will, so war meine Stimmung auf dem Gipfel eine recht gedrückte; der Triumph übet den glücklich errungenen Sieg wollte nicht aufkommen. Ieh machte mir Vorwürfe, mich in das Abenteuer gestürzt zu haben und hätte dea Erfolg gerne drangegeben, wenn ich das Ganze hätte ungeschehen machen können. Wohl mag ein plötzlicher unvorhergesehener Sturz einen schönen Tod bereiten. Ein anderes ist es aber, den Tod stundenlang vor sich zu sehen,, sich fragen zu müssen: bist du gerüstet zu dem ernsten Schritt ) und mit welchem Gewissen kannst du deinen Führer, einen Familienvater mit dir nehmen, der nun vielleicht deiner Abenteuerlust zum Opfer fallend wird? Sterben ist eine: e*B8te Sache und nöehyfe} ernster die Verantwortung für das Leben anderer. Ich wünsche mir keine Abenteuer dieser Art mehr. Ich stehe eben nicht auf der Höhe der „ zielbewußten spörtlioben Menschen^ in der A*t G. Lammers, die nach seiner eigenen Erklärung mit vollem Bewttôteèïnin den Bergen nichts anderes suchen, als sieh chit dem Ent-setzlichen zu messen* Idiwill damitnicht sagen, unsere Aelaroute sei ein unverantwortliche » Unternehmen, von dessen Wiederholung ich abraten möchte. Nach-deni jetzt durch den praktischen Erfolg erwiesen ist, daß sie ausgeführt werden kann, hat sie ihren Schrecken verloren. Derselbe bestand für mich nur ni der tibermäßig lange andauernden Ungewißheit, ob wir überhaupt einen Ausweg finden würden und uns nicht rettungslos verklettert hätten. An sich gab es keine einzige Stelle, die ein erfahrener Kletterer mit Hülfe eines Klettervirtuosen wie Mettier nicht hätte unternehmen dürfen. Wohl erklärte Mettier, da gehe er um keinen Preis mehr hinauf. Ieh bin aber fest überzeugt^ wenn er wieder einmal einen Touristen findet, der das Abenteuer unternehmen will, so ist er Feuer und Flamme dafür. Denn prachtvoll interessant und großartig wild ist die Tour. Der peinliche Eindruck dauerte auch »richtig nur wenige Tage; bald nahm das Erlebte in der Erinnerung mehr und mehr die Farbe eines interessanten Abenteuers an und jetzt hätte ich große Lust, die gleiche Route noch? mais einzuschlagen, und zwar diesmal mit einer Handcamera ausgerüstet, um die vielen wild zerrissenen Gratpartien und pikanten Klettersitüationen im Bild festzuhalten.

In meiner gedrückten Stimmung hatte ich wenig Genuß an der Aussicht, die auch nicht eben lohnend war. Der Himmel überzog sich langsam und versprach auf den Abend Regen. Wir hielten uns daher nicht einmal eine volle Stunde auf, um so mehr, als Mettier auf den Abend nach Mühlen bestellt war, um von dort aus den Piz Piatta und einiges andere auszuführen. Um 11 Uhr brachen wir auf und schlugen den Weg nach der Aelahütte ein, da das für meinen Führer die nächste ßöute nach seinem Bestimmungsort war. Für mich wäre der Abstieg vorn den Gletscher hinunter der nächste und bequemste gewesen, auch bei den augenblicklichen Schneeverhältnissen rasch und gut ausführbar, weit leichter als voriges Jahr, wo er mühsam und nicht ganz ohne Abenteuer verlaufen war.

Es fragte sich nun, ob wir die Eisrinne benutzen konnten, durch welche wir 1894 aufgestiegen waren, oder ob wir über den Südwestgrat abklettern mußten. Ersteres wäre kürzer und auch leichter gewesen, war aber nur möglich, wenn das Eis in gutem Zustand, d.h. mit einer Schicht gut haftenden Schnees bedeckt war. Hätte man ganz hinunter Stufen hacken müssen, so hätte das Stunden harter Arbeit gekostet. Der Augenschein zeigte sofort, daß ah Benutzung der Eisrinne nicht zu denken war;

es stand von oben bis unten überall das harte schwarze Eis zu Tage und in der Mitte floß in einer Rinne ein förmlicher kleiner Bach. Von oben herab gesehen machte die Rinne einen geradezu abschreckend steilen Eindruck, so daß ich kaum begriff, wie wir da so leicht und gemächlich'ohne Seil und fast Stufenhauen hatten emporsteigen ÌSS^- Wir mußten also über den Grat abklettern, was mir an sich gar wicht unwillkommen war, da ich so auch diese interessante Variante des Wege von der Aelahütte aus kennen lernte. Zunächst hatten wir in einen Gratabschnitt hinab und auf den nordwestlichen wenig niedrigeren Vorgipfel hinaufzusteigen, von dem aus unser Grat nach links abzweigt. Anfangs ging es ganz leicht; dann mehrten sich aber rasch die Schwierigkeiten, so daß wir bald das Seil _zu Hülfe nahmen. Meine Erwartung, jetzt nicht mehr viel anderes als ein ganz harmloses Nachspiel zu finden, erwahrte sich durchaus nicht Es gab eine ganz ernsthafte Kletterei, zu der wir unsere durch die Abenteuer des Aufstiegs etwas erlahmte volle Aufmerksamkeit und Willenskraft wieder wachrufen mußten. Eine Stelle noch ziemlich weit oben war entschieden gar nicht leicht und die letzte Partie, der Übergang zu der Stelle, wo man von unten herkommend vom Grat aus über ein schmales Band in die Eisrinne einbiegt, war sogar recht schwierig* Mettier weicht hier sonst nach rechts ( von oben gesehen ) aus, und dort soll es ganz ordentlich gehen. Jetzt wollte -er es aber einmal links versuchen und da wurden wir an mehreren Stellen abgeschlagen und mußten nach längerem Suchen in wirklich recht unangenehmer Kletterei doch noch einen Augenblick in die Eisrinne hinabsteigen und uns dort mit sehr geringem Halt um eine Ecke herumdrücken. Jeder Fehltritt hätte uns in die bodenlose Tiefe hinab befördert.

Damit waren nun aber die Abenteuer endgültig Überstanden. Die? weitere Kletterei bis an den Fuß der Felsen war nach dem Vorangegangenen kinderleicht. Es geht einfach in einer breiten Einbuchtung bergab, meist über Schutt, nur zuweilen über ganz leicht zu überkletternde Felsstufen. Mein vorjähriger Eindruck, daß dieser Aelaweg gar keine ernstlichen Schwierigkeiten bietet, wenn die Eisrinne in gutem Zustand ist, bestätigte sich mir jetzt noch in verstärktem Maß. Man kann eigentlich kaum von einer rechten Kletterei sprechen. Auf die unterste Wand stufe, welche voriges Jahr mit « glatten wasserüberströmten Platten etwelche Schwierigkeit bereitet hatte, stießen wir heute gar nicht mehr* Vermutlich haben wir damals den Berg etwas weiter unten, d.h. nördlich angepackt, während wir jetzt weiter oben auf den Schuttkegel ausmündeten. Um 1 Uhr 25 Mk betraten wir letzteren und hier trennten sich unsere Wege. Während Mettier von einer Gratlticke aus durch ein* steiles Schneecouloir zum großen Lajet und von dort weiter in die Val d' Err abstieg, wandte ich mich thalabwärts gegen die Aelahütte zu.

Sofà Es war noch früh am Tag, und so hsfâtiChte ich mich nicht zu beeilen, was mir lieb war, da ich die Strapazen des Tages âôèh allmählich etwas in den Gliedern spürte. Der endlos lange Schuttkegel war noch eine tüchtige Geduldsprobe. Da er vorwiegend aus festsitzenden größeren Blöcken besteht, so ist er aufwärts ganz ordentlich gangbar; abwärts ist es ein rauher ermüdender Gang, so daß ich mit wahrer Erleichterung endlich den weichern Basen betrat. In der Aelahütte hatte ich nichts zu suchen; darum kürzte ich den Weg ab, indem ich mich ein gutes Stock oberhalb der Hütte langsam ansteigend zur Höhe des Cbaval hinaufzog. Es gab so viel weniger scharfe Steigung als von der Hütte aus, wenn man auch beim Traversieren àn der steilen glatten Grashalde Obaçht geben * und sorgfältig auftreten mußte.

Abends ziemlich froh kam ich in Bergün an. Mein erster Gang war zu Frau Mettier, um sie über den glücfcÜchen Ausgang des Abenteuers zu beruhigen. Glücklicherweise hätte sie gar keine Angöt gehabt, da ich ihr versprochen tette, wir wjttrden umkehren, sobald die Sache zu gefährlich werden sollte.

Es folgte nun eine achttägige Periode unbeständigen^ stellenweise auch geradezu schlechten Wjetters. Wiederholt schneite es bis ziemlich weit in die Alpen herunter. Außerdem war mein Führer drei Tage lang abwesend. Im übrigen war es in dem trefflich geführten Hotel „ zum; weißen Kreuztó bei der angenehmen Gesellschaft, die sich dort zusammengefunden hatte, recht wohl auszuhalten. Arbeit gab es genug mit der Ausarbeitung der auf den verschiedenen Touren aufgenommenen Fhoto-graphien, so daß von Langeweile wenig zu spüren war. Einmal führte ich in größerer Gesellschaft bei wechselndem, vorwiegend gutem Wetter die außerordentlich lohnende Tour rund um den Aela über die Ftiorcla da Tschitta und den Aelapaß aus, welche Herr Prof. Schieß im letzten Jahrbuch S.A.C., pag. 100, beschreibt. Erwähnt sei nur, daß wir dabei einmal 20—30, ein zweites Mal sogar 60—70 Stück Gemsen beisammen sahen. Die Tiere scheinen hier im Bannbezirk recht guf zu gedeihen und von Wilddieben wenig belästigt zu werden.

Inzwischen war Mettier wieder heimgekehrt und das Wetter schien sich wieder zum Bessern « u wenden. Es könnte also an die zweite Hauptaufgabe gegangen werden und die war am Pjz Kesçh zu suchen. Mein Führer hatte im vergangenen Herbst ausgekundschaftet und mir berichtet, es sei wahrscheinlich möglich, diesem Berg über den kurzen nordwestlichen Gratansatz und dann direkt die Nordwand hinauf beizukommen. Die Idee hatte mir sehr eingeleuchtet und ich wollte nun zur Ausführung des Planes schreiten, obschon Mettier nicht mehr so recht zuversichtlich schien. Immerhin war er mit mir einverstanden, die Sache sei zum mindesten einen Versuch wert. Es mag inkonsequent erscheinen, daß ich mich jetzt schön wieder an etwas voraussichtlich recht Schwieriges machen 0 - Tf I... .;, gppjjrç, ..r.^. D.

jiachctem das Abenteuer am Aela mir einen so abschreckende^: Eindruck gemacht hatte. Ich glaube mich aber doch rechtfertigen zu können. Am Kesch war ein Erlebnis wie am Aela, ein stundenlanger Kampf ums Leben nicht zu erwarten. Während die Aufgabe am Aela eine außerordentlich komplizierte gewesen war, war sie am Kesch augenscheinlich ebenso einfach. Erst ging 's über den flachen Gletscher. DaHB war der kurze Grataflsa.tfc zu verfolgen, der vom Rand des ( Erletschers aus von Nordwesten an die Nord wand hinführt. Bis hierher war eine ernstliche Schwierigkeit nicht denkbar. Dann galt es über die steile Eie-wand direkt emporzudringen und zu oberst noch den felsigen Gipfélkopf^ zu erklettern. Beides ging entweder oder es ging nicht. Ging es nickty so konnte man den Rückzug antreten und hatte kein Verklettern zu be-ftirehtenv Meine Unternehmungslust war durch das Aela-Abenteuer keines- " wegs gedämpft^ und so glaubte ich den Versuch getrost unternehmen zu dürfen, nahm mir aber bestimmt vor, sofort umzukehren, sobald die Sache eine gewisse Grenze der Schwierigkeit oder Gefährlichkeit überschreiten würde.

Es traf sich günstig, daß gleichzeitig mit uns vier weitere Bewohner unseres Hotels den Kesch auf dem gewöhnlichen Wege besteigen wollten. Wir hatten also auf ein gemütliches Hüttenleben und einen fröhlichen! Aufenthalt auf dem Gipfel zu rechnen. In Bergtin brauchten wir kehr Geheimnis aus unserem Plan zu machen; es war niemand da, der unst denselben hätte vor der Nase wegschnappen mögen.

Freitag den 9. August herrschte in dem geräumigen Vestibule des Hotels ein bewegtes Leben. Fünf bergmäßig gekleidete Touristen, zwei Führer; ein Träger, Wirtin, Kellner und Kellnerin, alles lief aufgeregt mit Geschrei durcheinander, suchte Ausrüstungsgegenstände und Proviant; zusammen und packte die zahlreichen Rucksäcke voll. Ganze Lasten von Brot, Fleisch, Käse, Eiern und ganze Batterien von Flaschen verschwanden in denselben. Dabei stand der zurückbleibende, meist weibliche Teil der Kurgesellschaft, belustigt dem bunten Treiben zusehend und mit kritischem; Auge die mehr oder weniger kühn und bçrggerecht aussehenden Bergsteiger musternd oder auch mit banger Sorge einen lieben Apgehörieen vor aller Frechheit auf dem schrecklichen Berg warnend. Während Mettier « n4 ich eine Partie für uns bildeten, nahmen die andern den Hüttenwart der Keschhütte, Rauch, als Führer mit.

Endlich ungefähr um 3 Uhr waren alle die Siebensachen glüeklicbl beisammen und die stattliche, mit allem bergsteigerischem Apparat, SeilenPickeln, Kniehosen sportsgemäß ausgerüstete Kolonne setzte sich in der brütenden Hitze eines schönen Nachmittags in Bewegung. Irgend welche Abenteuer gab es auf dem trefflich angelegten und ordentlich unterhaltenen Wege nicht und mit anbrechender Dunkelheit war auch dei letzte Nach»:';-, >:

zügler in der Hütte eingerückt. Glücklicherweise fänden wir das Nest leer; weitere Gesellschaft wäre nicht sehr willkommen gewesen; wil: waren eben zahlreich genug, um die Hütte ohne gegenseitigeünbequèmliclikeit zu füllen.

Da wir den Hüttenwart bei uns hatten, so war uns die hintere, verschlossene Abteilung selbstverständlich zugänglich. Als ich mit rieinem jugendlichen Begleiter etwa vierzehn Tage vorher da oben übernachtete, hatten wir als Führerlose den Schlüssel nicht bei uns und standen bedauernd vor der geschlossenen Thüre, hinter der sich sämtliche Deckes und laut einem Anschlag auch das Holz befanden. 1894 war das Holz im offenen Vorraum unter 4er Lagerpritsche versteckt gewesen. Dieöes Versteck ist aber vermuflich nachgerade zu Vielen bekannt geworden, weshalb der Hüttenwart es besser gefunden haben wird, seinen Vorrat hinter Schloß und Riegel zu bergen. Wir fanden darum nur zwei Scheiter vor, konnten uns aber anderweitig helfen, indem wir zahlreiche Holz-abfalle sammelten, welche vom Bau her noch draußen herumlagen. Die Bedienung der Hütte war überhaupt im Sommer 1B95 eine etwa« Bfiangel-hafte, indem sich der Hüttenwart mit der Sektion Davo« nicht über eine Entschädigung hatte einigen können und daher keine feste Ordnung herrschte. Da ein Hüttenwart bestellt war, mußte natürlich der Führerlose annehmen, es sei für Holz gesorgt, um dann gelegentlich ein recht ungemütliches feuerloses Lager zu finden. Unter diesen Umständen ist es nur zu begrüßen, wenn die Hütte in Zukunft ständig bewirtschaftet'wird, wie es neulich in den Zeitungen gemeldet wurde. Wird erst einmal ein ordentlicher Pfad über den Sertigpaß erstellt sein, so wird auch der Besuch der Hütte voraussichtlich ein so zahlreicher werden, daß die Bewirtschaftung sich wohl lohnen dürfte. Beim bisherigen Zustand dieses an sich so schönen und interessanten Passes ist es wohl zu begreifen, wenn der Besuch von Davos aus kein zahlreicher war.

Während bei meinem vorigen Besuch infolge der anhaltenden Trockenheit die Quelle versiegt un

Das abendliche Hüttenleben entwickelte sich bei so zahlreicher Gesellschaft recht fröhlich und auch die Nacht verging auf dem glücklicherweise noch immer flohfreien Lager in ruhigem Schlaf. Um 4 Uhr 15 Min. brachen Mettier und ich auf, während die andere Partie, welche den kürzein Weg hatte, eine Stunde später nachfolge » wollte. Das Wetter sah nicht eben Zutrauen erweckend aus; die Temperatur war verdächtig lau und der Sonnenaufgang zeigte, die charakteristischen Regenanzeiehen: tiefdunkles Morgenrot und schwarze Wolkenstreifen am Horizont. Im besten Fall war auf einen ordentlichen Vormittag zu rechnen; auf den gegen Abend fast sicher Regen folgen mußte.

Nachdem einmal die unterste Wölbung des Gletschers erstiegen war, wandten wir uns über das fast flache Gletscherfeld nach rechts und erreichten mühelos um 5 Uhr 40 Min. den Sattel, von dem aus der kurze Nordwestgrat gegen den Berg ansteigt. Hier hielten wir einige Minuten Rast und tauschten mit der andern Partie, die noch weit unten sich den Gletscher aufwärts bewegte, einige Jauchzer aus. Dann nahmen wir den Grat in Angriff. Zuerst ging es ganz leicht und mühelos über die Grat-hj5h aufwärts. Weiter oben aber wurde dieselbe felsig und zerrissen und fing an, schwieriger zu werden. Mettier meinte, wir sollten hier nach rechts ausweichen und tief nach Westen hinuntersteigen, uni die Grathöhe erst da wieder zu gewinnen, wo der Grat die Wand des Kesch erreicht. Ich habe eine ausgesprochene Abneigung gegen unnötige Gegensteigungen und verlangte, wir sollten es dem Grat entlang versuchen. Ich drang damit durch und es ging auch ganz ordentlich mit einer kleinen, nicht übermäßig schwierigen Kletterei etwas unterhalb der Höhe auf der hintern, westlichen Seite.

Näher dem Berg ging der bisher felsige Grat in eine schmale Schneeschneide über, welche auf dem felsigen Grund aufsaß und merkwürdigerweise nicht in Form einer Gwächte überhing, sondern hinten'noch einen schmalen Streifen trockenen Bodens freiließ, auf dem wir ganz bequem neben der 3-4 Meter hohen, dünnen Schneefirst hergehen konnten, durch die zu oberst die Sonne in prächtigem Farbenspiel durchschien. In einer kleinen Einsenkung des Schneegrates stiegen wir auf die Höhe desselben und balancierten oben, uns etwas links unterhalb der zum Auftreten gar zu dünnen Schneide haltend, ohne Schwierigkeit weiter, bis wir um 6 Uhr 35 Min. die Stelle erreichten, wo der bisher verfolgte Grat sich an die Nordwand des Kesch anschließt. Er thut das nicht direkt bei der felsigen Nordwestkante des Berges, sondern etwas mehr östlich, und zwar verliert er sich ohne weiteren Fortsatz an der Firnwand, die in jähem Hang ununterbrochen und gleichmäßig steil; 200—300 Meter hoch bis unter den obersten Gipfelkopf emporreicht. Vom Schneegrat aus zog sich links schief aufwärts ein eigentümliches Gebilde in die Fir'nhaide hinein, eine Art Schneewulst, offenbar durch den Schnee entstanden, den der Westwind über die Schneide des Firngrates weggepeitseht und an die Wand angeklebt hatte, Dieser Wulst bildete denn auch gleich zu Anfang die steilste Partie des Abhangs* In Graden kann ich die Neigung des Hanges nicht bestimmen; daß sie eine sehr bedeutende ist, mag daraus hervorgehen, daß sich in der -untersten Partie bei jedem Schritt das Knie bis zur Mitte des Unterschenkels in den Schnee eindrückte. Etwas weiter oben nahm die Steigung um ein weniges ab, blieb aber immer noch sehr steil.Glücklicherweise trafen wir die denkbar günstigsten Schneeverhältnisse. Über dem harten Eis oder Firn lag eine vielleicht fußdicke Schicht mittelharten Neuschnees/ der

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gut haftete und dem Fuß gerade so viel1 bei vorsichtigem Auftreten Stufen treten konnte, die nicht rutschten, wonflt man sich noch mit der Pickelspitze oben solid verankerte. Einmal machte die Schneestufe, die Mettier noch getragen hatte, Anstalt unter mir nachzugeben. Hier war es gut, daß wir am Seil waren| der bloße Halt am gespannten Seil genügte, um die noch nicht zum eigentlichen Kutschen gediehene Bewegung zum Stehen zu bringen. Ich bezweifle, ob Mettier ^vpn dem ganzen Vorgang nur etwas gemerkt hat. Das wa* so recht eiö ßelegfall dafür, daß diejenigen Unrecht haben, welche das Seil überall da verwerfen, wo der Obenstehende nicht genügend Halt hat, um einen eigentlichen Sturz aufzuhalten. In hundert Fällen kann er durch, eine ganz geringe Hülfegebung, durch ein leises Anziehen des Seiles den Fall des Untenstehenden verhüten, so lange er sich erst noch im Werden befindet. Dafür braucht der Obere gar keinen absolut festen Stand zu haben, und so wird der Unfall im Keim erstickt, ohne daß die Gefahr dçn Be: teiligten immer zum vollen Bewußtsein kommt.

Stufen mußten im ganzen kaum ein Dutzend gehauea werden » Wenn die ganze Halde aus aperem Eis besteht, kann der Aufstieg hier eine endlose Hackerei üötig machen, und wenn etwa nur ein loser, rutschiger Schnee aufliegt, so kann die Wand wohl so gefährlich werden, daß man am besten auf ihre Ersteigung verzichtet/Trifft man sie wie wir heute, dann bietet sie dem schwindelfreien Steiger nur eine schöne, durchaus berechtigte Aufgabe. An die Schwindelsicherheit stellt sie allerdings weitgehende Anforderungen. Sie reicht eben nicht nur bis zum Ansatz dea Schneegrates, sondern links von demselben noch tief hinunter bis auf den Gletscher, und unten klaffen weite Spalten, bereit, den Stürzenden in ihrem Rachen aufzunehmen. Ich fand es geraten, mich mit einem einmaligen flüchtigen Blick nach unten zu begnügen und im übrigen nur aufwärts und gradaus auf die Stufen zu schauen.

Um 7 Öhr 20 Min. ging der Firnhang zu Ende und wir standen auf einer weit ausladenden felsigen Schulter, von der aus sich der oberste; Felskopf aufschwingt. Die letzte Partie unterhalb hatten wir nicht mehr im Schnee gemacht, sondern uns nach rechts gezogen gegen die felsige Nord westkante hin. Der Gjpfelkopf mag etwa noch 6CM-8Ó Meter hpeb sein und besteht aus einem mannigfaltig gezackten Gestein^ auf dem man überall Halt zu finden hoffen durfte. Ungefähr entsprechend der Nordwestkante zog sich ein tief eingerissenes Couloir hinauf, durch das unser Weg offenbar gehen mußte und das mir Mettier schon am Abend zuvor beim Aufstieg zur Hütte als die Bresche bezeichnet hatte, durch weiche wir die Festung würden nehmen müssen. Schon wollte sich in unsere Siegesgewißheit fast ein klein Bischen Ärger mischen, daß die Sache nicht schwieriger sei.

Bevor wir ti^er einen kurzen Grat schreitend den Gipfelkopf erreichten, mußten wir in eine enge, 1 xk bis 2 Mannslängen tiefe Ein- D. Stokar.

schärtüng hinabklettern. Dann galt es, in das Couloir seitwärts steigen, und da zeigte sich gleich, daß unsere Siegeszuversicht verfrüht war und die schwerste Arbeit erst noch bevorstand. Die Seitenwand des Couloirs war plattig und bot nur wenige prekäre Griffe; mit einem weiten, gar nicht unschwierigen Schritt wurde schließlich die Sohle erreicht, die aber hart;vereist war; nun kam bald eine hohe überhängende Felsstufe, .die wohl das Schwierigste sein dürfte, was ich schon gesehen habe. Die bekannte Stelle am Tinzenhorn ist Kinderspiel daneben. Meine Kletterfertigkeit hätte hier schwerlich ausgereicht. Da konnte Mettier wieder eines seiner Kunststückchen zum besten geben, aber auch er erklärte, das sei die schwierigste Stelle, die er je passiert habe, schwieriger als alles, was wir neulich am Piz d' Aela gefunden hatten. Die Stufe war hoch und oben entschieden überhängend, der Fels glatt und fast ohne Vorsprünge und das Couloir so breit, daß man sich nicht etwa mit Ellenbogen und Knien aufstemmen konnte. Mettier mußte mit dem einen Fuß an der einen Wand, mit dem andern weit ausgrätschend an der entgegengesetzten anstemmen und sich so hinaufdrticken. Als er den entscheidenden Ruck ausführen wollte, ging es nicht mehr weiter, da das Seil sich unterhalb an einem Eiszacken gefangen hatte. Jetzt mußte er in -dieser höchst unsicheren und anstrengenden Stellung ausharren, bis ich ich vom Seil losgebunden und dasselbe unter dem Eiszacken durchgezogen hatte. So sehr ich mich auch beeilte, einige Zeit dauerte das doch, und Mettier zitterte schon sichtbar mit den Knien. Endlich War das Seil in Ordnung und nun führte er den Schwung aufwärts aus und gçwâniv oben glücklich Halt, um zuerst Rucksack und Pickel und dann mich nachzuziehen. Ich war offen gestanden recht froh, daß ich erjöot wurde; wohl hatte ich ganz ordentlichen Stand und Griff fi}r Fuß und Hand für eine vorübergehende Klettersituation ;. um aber längere Zeit unbeweglich zu verharren, mich noch da$u abzuseilen und mit dem Seil 2u- manipulieren, war die Lage doch etwas unbehaglich, und so begrüßte tóh denn das wieder herunterkommende Seil mit einer gewissen Gen ug-tlmung* Es hatte sich auch: biet wieder die schon oft gemachte Erfahrung bewährt, daß eine Kletterstelle von nahe unten gesehen weit leichter aussieht, als sie es in Wahrheit ist. Aus größerer Entfernung alierclingö sieht von unten aus alles viel steiler aus und da tiberschätzt man die Sehwieng-kfcit in der Regel. Es ist mir aber schon wiederholt vorgekommen, daß iéfe beim Abstieg eine schwierige Stellò am Seil mit aller Vorsicht und Langsamkeit passiert hatte und dann doch, unten angekommen, gar nicht begreifen konnte, warum der JPührer so langsam und sorgfältig nachfolge. Der*'erfahrene Bergotòg^er xnuß auch mit solchen Täuschungen rechnen, sie von vornherein^korrigieret können; dazu braucht es aber schon lange Erfahrung und sorgsame zielbewußte Beobachtung.

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îkei Touren im ClübgebieLJ7 Nachdem auch ich über die schlimme Stelle aufgehißt war, waren die Schwierigkeiten zu Ende. Weiter oben ginges çanz leicht und genau um 8 Uhr -r-: nach S Stunden 45 Minuteri sçit dem Auf bruch von der Hütte — betraten wir über das oberste kurze Schneefeld den yorideren westlichen Gipfel, auf dem sich der Stein mann mit einein YörpaessurigS'-signal befindet. Er ist durch einen vielleicht hundert Schritte laugen Schneegrat mit dem felsigen Ostgipfel verbunden, auf dem man sich gewöhnlich aufhält und wo auch die Flaschen mit den Karten der Besteiger zwischen den Steinen stecken. Heute lag nun freilich ein fast fußtiefer Neuschnee, so daß man sich erst sorgfältig einen trockenen Sitz aussuchen pd^r herstellen mußte, wenn man behaglich ruhen wollte.

Obgleich unser Aufstieg reichlich gehalten hatte, was wir an Schwierigkeit von ihm erwartet hatten, so empfanden wir doch diesmal nichts als ungetrübte Siegesfreude. Die kurze schwierige Kletterstelle hatte keinerlei unangenehme Empfindung aufkommen lassen, nur das lebhafte Interesse und den Ehrgeiz des Kletterers wachgerufen.

Währejttd des Aufstieges waren wir so sehr mit uns selbst beschäftigt gewesen, daß wir nicht mehr ans Wetter gedacht hatten. Jetzt auf dem Gipfel sahen wir zu unserer freudigen Überraschung, daß es inzwischen tadellos schön geworden war und ganz so aussah^ als wolltç es dauernd so bleiben. Ich möchte fast bezweifeln, ob ich schon früher einmal eine so absolut klare und prachtvoll beleuchtete Aussicht genossen habe. In ganz unglaublicher Ferne, mehr als doppelt so weit entfernt als die Ortlergruppe, waren im Osten und Südosten noch deutlich mächtige Bergketten sichtbar utìd dabei erstrahlten die Gletscher, namentlich die gewaltige Berninagruppe, in unvergleichlichem Silberglanz. Es war einfach herrlich, so recht geeignet, unsere siegesfrohe Stimmung zu erhöhen.

Natürlich sahen wir uns auch sofort nach der andern Kolonne um, konnten sie aber nirgends entdecken. Den Gletscher mußten sie unbedingt schon hinter sich haben und in den Felsen stecken, die man vom Gipfel aus nicht übersieht. Der Zeit nach hätten sie nachgerade erscheinen dürfen. Der gute Rauch hatte offenbar schwere Arbeit mit seinen vier Passagieren, von denen nur zwei berggewohnt waren. Als wir schon eine volle halbe Stunde umsonst gewartet hatten, schickte ich Mettier zu Hülfe, und nach einer weitern starken Viertelstunde erschien endlich die Spitze der Kolonne und ihr gleich auf dem Fuß eine aus zwei Franzosen, mit zwei Pontresiner Führern bestehende weitere Partie, welche wir schon auf dem Gletscher beobachtet hatten und die iti auffallend kurzer Zeit nachgerückt war. Es war offenbar angezeigt, daß wir beim Abstieg behtilflich waren, und darum gajben wir unsern Plan auf, den ganzen Keschgrat bis zur Nadel zu begehen. Ich konnte mich dazu um so eher entschließen, als der tiefe Neuschnee 4iese wohl recht schwierige Gratwanderung ohnehin etwas bedenklich gemacht haben würde.

. Jahrbuch Äeö Schweizer Alpenclub. 31. Jahrg.2 lg Mtfü l%k Stunden verlebten wir in der warmen Sonne Im Genuß der wundervollen Aussicht, eine wahrhaft glückliche Zeit. Dann mußte der Abstieg angetreten werden, der zwar langsam, aber ohne alles Mißgeschick, tiattjrlich atif ( demgewöhnliehen Weg, von statteû ging. Auf dem Gletscher war der tiefe Neuschnee tüchtig erweicht, so daß es stellenweise eine recht mühsame Waterei gab. Wie viel Zeit wir bis zur Hütte brauchten, habe ich nicht notiert; lange gfenug mag es ge-- datiert haben. Da unten trafen wir einen Teil unserer Bergtiner Kur-geselisehaft, weiche den schönen Tag dazu benutzte^ in der wundervoll gelegenen Clubhütte ein paar fröhliche Stunden mit uns jsu verbringen.

Das schöne Wetter war bald wieder zu Ende, und jetzt nahte der ßchlttß meiner Ferien. Ich mußte mich daher mit dem Rest meinet Pläne beeilen. Ain meisten war mir an dem unbenannten Punkt 3064 der Clubkarte im Hintergrund der Val Mulix gelegen, von dem es nicht bekannt War, Ob er schön bestiegen sei, und der auch merkwürdigerweise noch keinen Namen trug, obsehon er der höchste und schönste jBipfel des ganzen Bergzugea zwischen der Puörcla da Mulix bis zur Crasta mora ist und als breite, oben abgestumpfte Pyramide von edeln Formen und imponierender Größe das Albulathal von BergÜn aufwärts eine Strecke weit beherrscht und âeii Passanten So in die Augen sticht, daß fast jeder nach dem Namen dea schönen Berges fragt. Herr A. Ludwig hat im letzten Jahrbuch S.A.Ö*, ßag* 5, auf den Berg aufmerksam gemacht und es als unbégfeîflkh bezeichnet, daß er bisher unbeachtet geblieben sei. Ich hatte ihn von Latsch aus init dem Fernrohr genau rekögnosciert und mir eine Route konstruiert, die augenscheinlieh keine namhaften Schwierigkeiten bieten konnte.Vor Abenteuern wären wir hier so gut wie sicher.

Dienstag den 13. August kam die Besteigung bei ordentlichem Wetter Bftit vollem Erfolg zur Ausführung, und zwar çenau in der zuvor ausgekundschafteten Weise. Irgend welche ernsthafte Schwierigkeiten gab es dabei nicht, weshalb ich auf eine eingehende Schilderung'der Tour an dieser Stelle verzieht^. Es sei nur kurz gesagt, daß wir, & h. Mettier und ich, vom Hintergrund der Väl Mulix aus durch eine recht éteile breite Rinne den Grât rèclits, westlich vom Gipfel, erreichten. Der Schnee, der die Rinne in der ob«rn Hälfte ausfüllt, war zu einer harten Eiskruste »ttsammengeschmolzen und mit einer dünnen Lage rutschigen Neuschnees bedeckt, weshalb wir tins, »m langwieriges Stufeühauen zu vermeiden, in àie rechtsseitigen Felsen schlügen, über die auch ohne alle Abenteuer hinauf zu kommen wat. Der Grat bis auf die Spitze war darin vollends ganz leicht 5 nur zur Erkletterung des obersten, aus großen Felsklötzen ïuinenhâft zusammengehäiiften Gipfels mußten die Hände wieder zu Hülfe genommen werdei ). Wenn der Schnee in der Rinne in gutem Zustand istr so wird die Besteigung gar nichts bieten, was einer ernstlichen Schwierig -lceit gleichsieht.

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Brei Touren im 19 Die Aussicht ist nicht sehr ausgedehnt, aber ^aalerisch und instruktiv, r/Öe ». Glanzpunkt Ibildët her Pi z d' A eia, der sich von hier aus in ganz ungewohnter Form, nicht in der sonst ihm eigenen breiten Mässigkeit, sondern als schlankes spitzes Felshorn präsentiert. Merkwürdig unscheinbar nimmt sich dagegen der ganz nahe Piz d' Err aus. Dieser Berg hatte mir noch von keinem Standpunkt aus besonders imponiert Vielleicht ist gerade die Seite gegen das Oberhalbstein, die ich nicht kenne, die vor-teilhafteste.Von unserem Berg aus macht er geradezu den Eindruck eines langweiligen9 form- und charakterlosen Schneehaufens mit schwächen^ halb -mißlungenenAnsätzen zur Gipfelbildung. Dieser Anblick nahm mir vollends rr.di.4»oli|i*cä|in. ' ' laicbt'oaiehr -.große. .Lnst, als letzte Tour noch den Piz d' Err vom Êrrthal aus überden Ërrgletsoher zu besteigen. Ein Berg muß mich .durch schöne Form anziehen und interessieren, wenn ich die Mühe der Besteigung auf ihn Vier wenden soll.

Den Abstieg nahmen wir über ein der Spitze westlich vorgelagertes'Gletscherfeld, das eine schmale steile Eiszünge gegen die Val Mulix herabsendet. Auch hier fand sich keinerlei Schwierigkeit. Bald nach 1 Uhr nachmittags waren wir wieder in Bergün zurück. Der Aufstieg hatte 4 Stunden 50 Minuten gedauert, der Abstieg 2 Stunden 30 Minuten* Auf dem Gipfel hatte sich keinerlei Spur früherer Besucher gefunden, so daß Wir uns wohl als die ersten Besteiger betrachten durften. Zum Zeichen unserer Anwesenheit errichteten wir einen tüchtigen Steinmann, der Von Bergün aus ganz wohl sichtbar ist.

Bestiegen war nun also der Berg, aber noch nicht getauft. Das geschah am Abend unter Mitwirkung eines Bergüners, der sich ganz besonders für den Berg interessierte, leider aber an der Besteigung nicht hatte Teil nehmen können, des Herrn alt^Präsidenten Schmid. Derselbe hatte schon voriges Jahr mit Herrn Imhof, der selbst nicht mehr zur Ausführung der Tour kam, über die Benennung des Berges beraten und ihm den Namen Piz Bial ( schöne Spitze ) vorgeschlagen. Nun brachte er mir Piz Murtelet in Vorschlag nach einer am Fuß des Berges gelegenen kleinen Hoçhmulde, Murtelét genannt. Als erster Besteiger glaubte ich nach alpinem Gewohnheitsrecht die Befugnis zu haben, eine Taufe wenigstens vorläufig vorzunehmen undimJahrbuch vorzuschlagen. lîach topographisch richtigen Grundsätzen wäre Piz Mulix das Zutreffendste gewesen, weil der Berg die Val Mulix vollständig beherrscht; leider trägt aber auf der Clubkarte bereits ein untergeordneter Ausläufer ( Punkt 2893 ) diesen Namen. .Piz Murtelet wäre auch richtig gewesen, ging aber nicht an, weil in der Gegend von Bergün, zu oberst in der Val Tuors bei den Kaveischseen, bereits ein Berg so benannt ist. So blieb nur Piz Bial, und dieser Name wurde denn auch gewählt, da er wohlklingend und auch durchaus zutreffend ist. Eine „ schöne Spitze " ist er in der That. Möge es ihm nun: in Zukunft nicht an Besuchern fehlen. Sie werden einen^ lehrreiçnen Ein- D. Stokar.

blick in sonst ganz versteckte schöne Gebiete und eine lohnende, abwechslungsreiche Tour finden, welche nur mäßige Anstrengung kostet und uns unter ungewöhnlich ungünstigen Verhältnissen nicht wesentlich mehr Schwierigkeit geboten hat als beispielsweise der Piz Kesch auf dem gewöhnlichen Weg. Ist der Schnee gangbar, so wird die Schwierigkeit noch nicht einfiaal diejenige amKesch erreichen.

Mit dem Piz Bial waren meine PlHne im wesentlichen zur Ausführung gelangt und i

Am io* August trat ich über den Sertigpaß die Heimreibe an. In dichtem Nebel und Schneegestöber verlor ich die Richtung und irrte einige Zeit ratlos umher, bis ich mich endlich an den* Raveischseen, die einen Augenblick durch den Nebel durchblickten, wieder orientieren " konnte. Nach Szigmondys Behauptung irrt man im Nebel in der Regel nach links ab; das hat sich bei mir nicht bewährt; ob schon ich nicht etwa nach der von ihm gegebenen Weisung mit dem linken Fuß weiter iüsgegriffen habe als mit dem rechten, bin ich doch zu weit rechts geraten* Es wäre wirklich zu wünschen, daß die Zeitungsnachricht, der Paß »olle demnächst wenigstens markiert »werden, sich erwahrte- Er ist schön und interessant genug, um bei einigermaßen leidlicher Gangbarkeit zahlreich besucht zu werden; Ein bescheidener Fußpfad wäre freilich noch besser als bloße Markierung, die zwar ein Verirren ausschließt, den Gang über die groben Blockfelder aber noch nicht bequemer gestaltet.

Zum Schluß mag noch erwähnt werden, daß ich diesen Sommer zum erstenmal beim Bergsteigen allem Alkohol abgesagt und das reine Cütronen-säure^Regime durchgeführt habe, und zwar mit dem allerbesten Erfolg. Ich habe mich vortrefflich dabei befunden und das Beispiel Mettiers, der sich den Wein jeweils gut schmecken ließ, war mir nicht die geringste Versuchung. Temperenzler bin ich deshalb nicht geworden; im Thal und auch in der Clubhütte vor dem Schlafengehen hat mir der Veltliner immer herrlich geschmeckt. Auf der Tour ist der Alkohol aber entschieden nicht vom guten. Schon die Gewichtsersparnis, die sich aus dem Wegfall der schweren Flaschen ergiebt, ist gar nicht gering zu schätzen, und dann ist die Annahme, daß der Alkohol wirkliche Kraft gebe, doch wohl nachgerade allgemein als irrig erkannt. Von dem Unsinn, etwa aus der Weinflasche Mut schöpfen zu wollen, braucht man wohl gar nicht mehr zu sprechen.

Meinem Führer Mettier abonnais ein langes Loblied au singen, ist wohl überflüssig. Seine Thaten sprechen für ihn. Er hat sich mir wieder als richtiger Pionier der Berge erprobt.

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