Ein Bergler mit den Augen eines Kindes

«Es gibt Abendfotos, und es gibt Morgenfotos», versichert Christophe Racat. Und wenn das Licht bei schönem Wetter nicht ideal ist, kommt er wieder, wenn es Bindfäden regnet. Der Berg stellt sich immer in Pose; es ist am Fotografen, den passenden Ausschnitt und den richtigen Augenblick zu finden. Das ist die tägliche Herausforderung für den Autodidakten Racat, der Berufsfotograf wurde, «weil es einfach so sein musste», wie er sagt.

Die Karriere von Christophe Racat begann im Alter von sechs Jahren. Seinerzeit streifte er verbotenerweise in den Bergen über Champex herum, wo er mit der Familie in einem Chalet die Ferien verbrachte. Schon damals hatte er das Bedürfnis, «Momente» auf Film zu bannen. «Ich stibitzte die Kodak Instamatic meiner Mutter und schlich mich heimlich davon, hinauf zur Cabane d’Orny.» An den Fuss des Petit Clocher du Portalet, von wo er zehn Jahre später schwindelerregende Bilder der Gebrüder Remy (siehe S. 42) zurückbrachte. Diesmal mit einer Nikon aufgenommen und ohne befürchten zu müssen, bei der Rückkehr gescholten zu werden. Aber es sind die Waadtländer Alpen, in denen Racat, der Ormont als Wohnsitz ausgewählt hat, am meisten Inspiration findet. So wie den Bartgeier, den er an der Quille du Diable «eingefangen» hat, die an Patagonien erinnernde Landschaft unweit des Col du Pillon, der neugierige Blick des Kälbchens Victoire im Vallée des Ormonts oder den Käser, der sein riesiges Kessi im Chalet d’Isenau sauber macht. Und wenn ihm die Realität nicht genügt, erfindet sie der Mann mit den Augen eines Kindes einfach neu. Indem er Schlösser in den Bergen baut, in die er sich so gern zurückzieht.

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