Ein Land am Abgrund Nepal nach einem Horrorjahr

Erst das Erdbeben, dann eine Grenzblockade und verheerende Benzinknappheit: Das letzte Jahr hat Nepal an den Rand des Zusammenbruchs geführt.

Es war ein «Annus horribilis» für Nepal, und die Folgen sind für das Königreich noch lange nicht vorbei. Doch von vorne: Am 25. April 2015 erschüttert ein Erdbeben mit einer Stärke von 7,8 auf der Richterskala das Land. Nach knapp über zwei Wochen, die von kräftigen Nachbeben geprägt sind, sucht ein zweiter heftiger Erdstoss den Himalaya-Staat heim. Insgesamt sterben fast 9000 Menschen. 700 000 Gebäude werden zerstört, und fast zwei Millionen Menschen werden obdachlos. Drei Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe. Die Nachbeben gehen weiter.

Am 20. September kommt die lang ersehnte Verfassung. Eigent­lich hätte dieser Tag ein Freudentag werden sollen, jedoch erweist er sich als ein weiterer schwarzer Fleck in der Geschichte Nepals. Die Verfassung wird aufgrund des Erdbebens und des Drucks der internationalen Gemeinschaft aus der Not geboren. «Man hat eine Verfassung vorgelegt, die noch unvollständig ist. Der Föderalismus ist noch nicht richtig definiert, die Grenzen der neuen Staaten sind noch nicht einmal festgelegt, und die Öffentlichkeit hat gar nicht darüber diskutieren können», schreibt der Chefredaktor der nepalesischen Tageszeitung «Annapurna Post» kurz nach dem Verabschieden der Verfassung. Sie ist bereits seit 2009 in Bearbeitung. Eine der ethnischen Minderheiten, die sich in der neuen Verfassung nicht berücksichtigt fühlen, sind die Madhesi, die im Westen nahe der indischen Grenze leben und von Indien unterstützt werden. Aus Protest legen sie den Grenzverkehr lahm.

Nachschub aus Indien gekappt

Was folgt, ist eine fast fünf Monate lange Blockade, die eine Versorgungskrise für die 28 Millionen Bewohner des Hi­ma­laya-Staates auslöst. Die Blockade lähmt Nepal. Der Wiederaufbau nach den Erdbeben, der noch gar nicht richtig begonnen hat, kommt mehr oder weniger zum Erliegen. Brenn- und Treibstoff, Baumaterialien, lebensnotwendige Medikamente und Lebensmittel werden knapp, weil aus Indien kein Nachschub kommt. Die Opfer des Erdbebens werden vor eine zweite Härteprüfung gestellt. Die nepalesische Regierung schiebt Indien die Schuld in die Schuhe. Ob für die Blockade ausschliesslich die protestierenden Madhesi verantwortlich sind oder Indien seinerseits die Lieferung von Treibstoff und anderen wichtigen Gütern unterbindet, bleibt für viele Nepalesen unklar. «Nur die ganz Naiven glauben immer noch, dass die Blockade das Resultat der verärgerten Bewohner an der indischen Grenze ist», schreibt der Chefredaktor der Wochenzeitung «Nepali Times», Kunda Dixit, am 2. Dezember 2015 in seinem Blog. «Es ist inzwischen offensichtlich, wer an den Fäden zieht, und Neu-Delhi versucht das nicht einmal mehr zu verheimlichen.»

Wälder regelrecht abgeholzt

Tatsache ist, dass der bereits schwer angeschlagene Staat mit einer weiteren humanitären Krise konfrontiert ist und seine Bewohner täglich dafür kämpfen, ihre Grundbedürfnisse zu decken. «In der Hauptstadt Kathmandu verbrannten manche Leute sogar ihre Fensterrahmen, um kochen zu können», erzählt Dawa Sherpa, Eigentümer der Trekkingagentur Climbalaya. «Vor der Blockade kostete eine Gasflasche 1000 nepalesische Rupien, also circa neun Franken, aber während der Blockade mussten wir 16 Mal so viel hinlegen.» Und das bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von umgerechnet 650 Franken. «Die humanitäre Krise, die durch die Blockade ausgelöst wurde, war schlimmer als die nach dem Erdbeben. Damals hatten wir wenigstens noch genügend Nahrungsmittel und Treibstoff – aber in den letzten fünf Monaten mangelte es an fast allem», fährt Dawa Sherpa fort.

«Die Auswirkungen, die diese Blockade auf die Umwelt hat, sind nicht zu ignorieren», warnt Bhuwan Sharma, Generalmanager des Abenteuerresorts The Last Resort, das sich 16 Kilometer vor der tibetischen Grenze befindet. «Für ihre warmen Mahlzeiten blieb den Menschen oft nichts anderes übrig, als die Wälder regelrecht abzuholzen.»

Wieder Benzin für den Schulbus

Am 9. Februar dieses Jahres – zeitgleich mit Losar, dem tibetischen Neujahrsfest – endete die Blockade, die insgesamt 135 Tage angedauert hatte. Die Madhesi ziehen ab, denn die Regierung – angeführt von Premierminister Khadga Prasad Sharma Oli – hat ihnen mehr politische Mitsprache zugesichert. Ein Grund, nicht nur das buddhistische Neujahr zu feiern. Auch für Dawa Sherpa, der sich während der Blockade Sorgen um die Bildung seiner Kinder gemacht hat: «Ich bin froh, dass meine Tochter und mein Sohn wieder zur Schule gehen können. Nach dem Erdbeben waren die Schulen bereits zwei Monate geschlossen, und während der Blockade gab es oft nicht genügend Benzin für den Schulbus», erklärt er. «Aber es wird wohl noch geraume Zeit dauern, bis sich die Situation normalisiert – soweit man in Nepal überhaupt von normal sprechen kann.»

Während der Blockade waren die Warteschlangen an den Tankstellen kilometerlang. Autofahrer bekamen nach einer durchschnittlichen Wartezeit von 24 Stunden oft nur eine Sparration von fünf Litern. Dawa Sherpa bekam seinen Sprit vom Schwarzmarkt, allerdings musste er dafür umgerechnet fünf Franken pro Liter blechen. «Ich bin sehr selten mit dem Auto gefahren, aber manchmal ging es nicht anders. Ich konnte mir das ab und zu leisten. Anders war es für viele Menschen, die das Geld einfach nicht haben.»

Tourismus hat Priorität

Regelmässige Stromausfälle, die als «Load Shedding» bekannt sind, werden von der nepalesischen Bevölkerung bereits seit Jahren hingenommen. Derzeit müssen die Bewohner der Hauptstadt Kathmandu täglich 13 Stunden ohne Strom auskommen. «Traditionell sind die Nepalesen einfach ein sehr widerstandsfähiges Volk, und genau wie sie seit Jahren die nicht existierende Infrastruktur akzeptieren, so haben sie auch die Blockade sowie die langsame Hilfe für die vom Erdbeben betroffenen Menschen akzeptiert», so Sharma vom Last Resort. «Das einzig Positive an der verheerenden Situation ist, dass sich in den letzten Monaten ein stärkeres Bewusstsein unter den Jugendlichen mit Schulbildung breitgemacht hat. Es haben sich Foren gebildet, die progressive Veränderungen antreiben und die ein Teil von Nepals Fortschritt sein wollen.»

Dennoch: Die Wirtschaft, die schon seit Jahren stagniert, hat einen schweren Schlag erlitten. Aus diesem Grund ist es eine Priorität, den Tourismus wieder anzukurbeln – denn der blieb in der letzten Herbstsaison aus. «Ich habe mit vielen Reiseveranstaltern gesprochen, und sie erwarten, dass die Frühjahrssaison auch nicht viel besser sein wird», so Dawa Sherpa. «Ich denke, dass viele Trekkingtouristen lieber in ein Land fahren wollen, in dem sie einen stressfreien Urlaub verbringen können.»

Ruhe an den hohen Bergen

Was jedoch Expeditionen zu den hohen Bergen betrifft, ist zu erwarten, dass die Bergsteiger – wenn auch in geringeren Zahlen – wieder nach Nepal zurückkehren werden. Ende Februar gab das Tourismusministerium bekannt, dass die Besteigungsgenehmigungen für Expeditionen, die letztes Jahr ihr Vorhaben aufgrund des Erdbebens abbrechen mussten, noch für die nächsten zwei Jahre gültig sein werden. «Nepal ist gut darauf vorbereitet, die Bergsteiger in der kommenden Saison willkommen zu heissen», sagt Nima Nuru Sherpa, Eigentümer der Trekkingagentur Cho Oyu Trekking. Jedoch sind bei den grossen Expeditionsanbietern geringere Buchungen zu verzeichnen, wie auch beim Schweizer Unternehmen Kobler und Partner. «Ein Erdbeben hat Einfluss auf uns Menschen, jedoch gibt es da auch grosse kulturelle Unterschiede. Ein Gast aus Russland ist weniger empfindlich als einer aus dem Westen», sagt Eigentümer Kari Kobler. «2016 wird mit grösster Wahrscheinlichkeit seit vielen Jahren das ruhigste Jahr an den hohen Bergen sein, jedoch haben sich für 2017 schon wieder viele Aspiranten für den Everest bei mir angemeldet.»

Was Nepal im Jahr 2016 erwarten wird, steht noch in den Sternen, jedoch gibt Dawa Sherpa die Hoffnung für sein Heimatland nicht auf: «Die Regierung hat viele Versprechungen geäussert, die sie jetzt einfach halten muss», sagt er. «Wenn sie uns beweist, dass sie unser Volk unterstützt und ihre Versprechen hält, wird das Nepal der Zukunft sicherlich ein Besseres sein.»

{f:if(condition: label, then: label, else: header} Zähes Ringen um Hilfe für Nepal

Anfang 2016 gingen die Wiederaufbauarbeiten immer noch schleppend voran, was laut Zeitungsberichten auf die Blockade sowie auf die Trägheit der nepalesischen Regierung zurückzuführen ist. Ende Februar rief die National Reconstruction Agency (NRA) die betroffene Bevölkerung und Hilfsorganisationen dazu auf, den Wiederaufbau ihrer Häuser nicht ohne Unterstützung der Regierung zu beginnen. «Wir fürchten, dass die Häuser ohne technische Unterstützung nicht erdbebenresistent aufgebaut werden», schrieb sie am 28. Februar 2016 in einer Pressemitteilung. Die Regelung erschwert den Wiederaufbau zusätzlich. Betroffen ist auch die Schweizer Nichtregierungsorganisation Helvetas, die bereits seit 60 Jahren in Nepal tätig ist. «Aufgrund meiner Erfahrung mit Wiederaufbauprojekten denke ich, dass die Umsetzung der neuen Regelung wegen der unendlichen Bürokratie sehr schwierig werden wird», sagt die technische Expertin von Helvetas, Marianne Pecnik, «ausserdem kann sich eine Institution wie die NRA nur halten, wenn ausländische Geldgeber bereit sind, sie auch langfristig zu finanzieren.»

Laut Pecnik steht die versprochene Entschädigung von 200 000 Rupien, die die Regierung den Eigentümern von zerstörten Häusern zugesagt hatte, immer noch aus. «Das kann noch Monate dauern, und wir befürchten, dass diejenigen, die schon mit dem Aufbau begonnen haben, gar nichts bekommen.» Jedoch lassen sich Pecnik und ihr Team nicht abschrecken: «Was uns motiviert, sind die Menschen in den Dörfern. Sie sind extrem fleissig und sehr dankbar. Das gibt unserer Arbeit wieder Sinn.»

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