Ein Mann der Berge unter Tag Gérard Seingre gräbt Stollen

Linth-Limmern und Nant de Drance: Auf zwei Grossbaustellen im Gebirge arbeiten zurzeit Hunderte von Spezialisten unter Tag. Gérard Seingre ist einer von ihnen. Er leitet die Tunnelarbeiten in Nant de Drance. Wir treffen einen Freund der Berge, dessen Herz ebenso für die Stollen wie für die Gipfel des Val Ferret schlägt.

«Ich nenne 45 Kilometer Tunnel mein Eigen», sagt Gérard Seingre nicht ohne Stolz. Der Gesamtleiter der Arbeiten in Nant de Drance ist zwar bescheiden, aber er ist sich auch bewusst, wie selten sein Erfahrungsschatz ist. «Es gibt in der Schweiz vielleicht 20 Leute, die eine Aufgabe wie meine hier übernehmen können», ergänzt er. Eine keineswegs übertriebene Aussage, wie wir später auf dem Weg in die Stollen erfahren.

Ein Leben in Tunnels

«Ich nehme jeden Besucher als Gelegenheit, auf die Baustelle zu gehen», gesteht er, während er sich die Gummistiefel anzieht, «ich wäre gern mehr dort draus­sen.» Sagts und beginnt, seinen Lebenslauf zu erzählen, während wir einen Szenenwechsel in den Zugangs­stollen in Le Châtelard vornehmen: «Ich habe an der EPFL am Projekt Swiss­metro gearbeitet. Dann verbrachte ich zehn Jahre auf der Baustelle des Lötschbergbasistunnels, bevor ich bei der Sanierung der Leitungen von Cleuson-­Dixence mithalf. Danach war ich während zweier Jahre beim Technischen Dienst der Stadt Martigny angestellt.»Während wir in einem Dienstfahrzeug immer tiefer in die Eingeweide des Bergs eindringen, erklärt Gérard Seingre, wie er zu seinem jetzigen Job kam. 2008 begann das Unternehmen Nant de Drance die Arbeiten am gigantischen Projekt des neuen Pumpspeicherwerks Emosson. Fast logisch schon, dass Seingre angefragt wurde, die Leitung der Baustelle zu übernehmen. Er zögerte keinen Augenblick: «Ich habe das Glück, zwei Projekte im Weltformat in wenigen Kilometern Distanz zueinander zu haben. Ich habe auf beiden arbeiten können. Manche müssen das Land wechseln, während sich für mich alles vor der Haustür abspielt.» Mit fast 50 Jahren ist der Mann aus Monthey inzwischen eine wandelnde Tunnelenzyklopädie. Sein enormes Fachwissen gibt er nebenbei an der EPFL weiter, wo er Interessierte in die Kunst des Tunnelbohrens einweiht. Zudem leitet er die Arbeitsgruppe «Long Tunnels at Great Depths» der International Tunneling Association.

Am liebsten im Schnee

Gérard Seingre kennt die Berge und ihr Inneres à fond. Aber auch über Tag sind sie sein bevorzugtes Terrain, vor allem in der Freizeit. Seine athletische Erscheinung verrät, dass er ein sportlicher Mensch ist. «Ich liebe Skitouren und habe auch ein paar Viertausender bestiegen.» Er versucht im Übrigen, am Wochenende immer einen Tag für eine Skitour mit dem ältesten seiner drei Söhne freizuhalten. «Die beiden anderen sind noch zu klein. Am Sonntag geht dann die ganze Familie Skifahren.»

Auf die Frage, ob ihm seine berufliche Tätigkeit bei der Entdeckung der Alpen per Ski geholfen habe, lacht er: «Ich bin wie alle Walliser: Ich gehe da hin, wo ich mein Chalet habe, ins Val Ferret. Wenn man alles Nötige in unmittelbarer Nähe hat, ist man nicht unbedingt scharf darauf, anderswo zu suchen.»

Spuren legen ist berauschend

Er vergleicht seinen Beruf aber dennoch gern mit seinem Lieblingssport. «Ich stehe sehr früh auf, und so kommt es oft vor, dass ich auf einer Tour die Spur lege. Das Gefühl ähnelt demjenigen, das ich habe, wenn ich einen Tunnel in den Fels vortreibe. Man muss die Landschaft lesen können, die Geologie, antizipieren, voraussehen, voll konzentriert sein. Stimmt alles, ist es berauschend.»

Gérard Seingre bleibt stehen, um einen Riss in der Verkleidung eines Stollens zu untersuchen. «Das ist eines der Elemente, die uns die Spannungen zeigen, die im Fels vorkommen. Man muss solche Sachen lesen können, damit man das Verhalten des Bergs analysieren kann.» Seine Leidenschaft für die Berge hilft ihm auch sonst im Berufsalltag, vor allem beim Sicherheitsmanagement auf der Baustelle. Ein Teil der Arbeiten findet nämlich über Tag am Ufer des Lac d’Emosson statt – sommers wie winters.

Seingre führt uns an den Ausgang des oberen Stollens; unterwegs rüstet er uns aus mit LVS, Sonde und Schaufel: «Wir haben mehr als 200 LVS für die Arbeiter auf der Baustelle», bemerkt er.

Um die Sicherheit der Angestellten zu garantieren, greift das Unternehmen Nant de Drance auf Bergführer zurück. Samuel Lugon-Moulin, hauptverantwortlicher Bergführer, schätzt es, mit einem Chef zu arbeiten, der sich in seinem Bereich auskennt: «Bei drohender Gefahr haben unsere Entscheidungen Vorrang über die Baustellenplanung. Einen Gesprächspartner zu haben, der mit den Bergen vertraut ist, erleichtert den Dialog. Gérard versteht unsere Prämissen bestens», freut sich der Bergprofi.

Zurück unter Tag, unterwegs in den Stollen, die uns zum Ausgang führen sollen, spricht Gérard Seingre immer wieder Ingenieure und Arbeiter in entspanntem Ton an, sei es auf Französisch, sei es auf Deutsch, der offi­ziellen Sprache auf der Baustelle. Der Dirigent des pharaonischen Ameisenhaufens, der Schatzkammer der Technologie teilt freimütig seine Leidenschaft für die Berge. Berge, die er buchstäblich in- und auswendig kennt.

Nant de Drance in Zahlen

2008 begannen die Bauarbeiten für das zweitgrösste Pumpspeicherkraftwerk der Schweiz auf dem Territorium der Gemeinde Finhaut zwischen Martigny (CH) und Chamonix (F). Die Baustelle von Nant de Drance beschäftigt über 400 Arbeiter. 17 Kilometer Stollen sind bereits vorangetrieben, ebenso zwei senkrechte Schächte von 400 Metern Tiefe. Die «Maschinenhalle», die zwischen dem Lac d’Emosson und dem Lac du Vieux Emosson liegt, ist 194 Meter lang, 32 Meter breit und 52 Meter hoch. Das Projekt sieht ein Pumpspeicherwerk mit einer Leistung von 900 Megawatt vor, was eine Produktion von geschätzten 2,5 Mil­liar­den Kilowattstunden pro Jahr ergeben soll. Es wird ab 2018 etappenweise in Betrieb genommen, drei Jahre nach demjenigen von Linth-Limmern im Kanton Glarus. Dieses soll ab 2015 eine Leistung von 1000 Megawatt zur Verfügung stellen.

Mehr Infos:

Nant de Drance www.nant-de-drance.ch

Linth-Limmern www.argekwl.ch

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