Ein photographischer Streifzug im Clubgebiet

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S. Simon ( Section Uto ).

Ein photographischer Streifzug im Clubgebiet ( Topographenleben im Hochgebirge.Von Wer kennt sie nicht, die majestätische Jungfrau,, deren schimmerndes Eisgewand so wundersam in 's herrliche Interlakener Bödeli hinausleuchtet, daß es jeden Clubisten von ächtem Schrot und Korn nur so juckt, den Fuß auf ihr stolzes Haupt zu setzen!

In wilden Hängen stürzt sie nordwärts zu Thal, so vielfach beschrieben und besungen, daß der Leser gerne die Details missen wird.

Nicht so schroff, aber in anderem Sinne ebenso imposant, dacht sie sich nach Süden ab, entsendet sie doch auf dieser Seite ihre Firnlager in die Mulde des großen Aletschgletschers, des weitaus größten der Alpen, von dessen gewaltigen Eismassen der Leser eine annähernde Vorstellung erhält, wenn er bedenkt, daß dieser einzige Gletscher, in Blöcke von der Größe des Hotels Jungfraublick in Interlaken zer- legt, genügen würde, um den Aequator mit einen continuirlichen Eisgürtel zu umspannen. Infolge dessen tritt auch der Gletscherbach, die Massa, als gehöriger Fluß zu Tage, und schlägt sich wildschäumend durch tausend Felsengebilde in enggesägter Erosionsschlucht, umrahmt von prächtigen, tannbewehrten Gletscherschliffen, bis hinaus zur jungen Rhone, mit dieser zum Thalstieg sich einend.

Doch wozu der vielen Worte — sagt doch ein einziger Blick auf die Karte tausend Mal mehr! Nehmen wir diese, die Excursionskarte dieses Jahrbuches, zur Hand und steigen wir im Geiste hinauf in die Eisgefilde des großen Aletschgletschers, bis zur Concordiahütte, dem Ausgangspunkte für alle größeren Excursionen in diesem Gebiete.

Es ist der 14. Juli 1885 und kein glanzvoller Tag. Lautlose Stille herrscht ringsumher, nur dann und wann fegt frostkalt ein Windstoß über die endlosen Eisflächen mit jenem eigenthümlichen, stimmungsvollen Rauschen, das nur der kennt, der selbst im Hochgebirge gewandert.

Lustig wirbelt der Schnee umher, doch ist das Schneegestöber nicht so dicht, daß es die Aussicht gänzlich hemmte; nein, wir ahnen noch die eisumlagerten Formen der Jungfrau, des Dreieckhorns, der ebenen Fluh und wie sie alle heißen, durch den wechselnd dichten Schleier des Schneegestöbers.

Da! Horch! War das nicht ein ferner „ Juchz " Ihr haltet schützend die Hand vor die Augen und spähet scharf in der Richtung des Märjelensee's hinaus, da seht Ihr langsam, ameisenartig drei Punkte sich gegen 64S. Simm.

Euch bewegen. Es sind drei Männer, die der Clubhütte zustreben. Näher und näher kommen sie, schon seht Ihr sie hurtigen Laufes die klaffenden Spalten überspringen. Kastlos streben sie weiter, schon schlagen sie sich mit zischender Eisaxt durch das Spaltenwirrwarr unter der Hütte, schon haben sie die Schrunde hinter sich und steigen wetteifernd die steile Halde vor der Clubhütte hinan.

Ei der Kukuk! Da der Eine ist Euch ja vielleicht schon vorgestellt worden als Säger, Muller, Schreiner, Meßgehülfe, Portier, Führer, Vater von 11 Kindern etc., ja, ja, er ist 's, es ist TischhauserGestattet nach herzlicher Begrüßung dem wackeren Mann, Euch auch die Anderen vorzustellen. Und Tischhauser beginnt ohne Umschweife:

„ Der Andere hier ist auch ein vielseitiger Mensch, ein Basler, dabei ein hübscher, junger Bursche, wie ihr seht. Er arbeitet an den topographischen Vorarbeiten zu einem Präzisionsrelief des Berner Oberlandes, ist jedoch sonst seines Zeichens — Hafner! Dies hindert ihn aber nicht, auf den Basler Brettern, die die Welt bedeuten, als Volksverführer, und in mehr oder weniger stummen Speziairollen, die ein hübsches Aeußeres erfordern, entscheidend in den Lauf der Zeiten einzugreifen. Und damit der Basler ganz vollendet sei, heißt der junge Mann zum Ueberfluß noch Merian, Emil Merian.

In seinem ganzen Leben war Merian noch nie in den Bergen und verdankt diese erstmalige Gelegenheit dort dem trotz Schneegestöber hemdärmeligen, nackt-wadigen, verwahrlosten Subjecte, das im Dienste des « eidg. topographischen Bureau's hier oben für mehrere Wochen sein Unwesen treiben wird, dem Schreiber dieser Zeilen. "

Aber was ist das! Dort hinten kommt ja noch eine ganze Colonne den Gletscher empor: Zwei, vier, sechs! Richtig! Es sind unsere Träger, sechs Mann, die uns Holz, Proviant, Decken und das Plattenmaterial vom Hotel Jungfrau am Eggishorn herauf bringen. Sie haben gut geladen, die armen Bursche, jeder bedeutend über einen halben Zentner. Wir selbst kommen heute mit unseren auch nicht allzu leichten Tornistern von Viesch herauf. Langsam, doch stetig, kommt die Trägerkaravane zur Clubhütte emporgestiegen. Erschöpft stellen die Leute ihre Last ab. Die Clubhütten-"thüre wird geschlossen, es dunkelt bereits, unstet pfeift stoßweise der Wind um die Hütte. Die Eis-lauinen donnern vom Dreieckhorn krachend hernieder, da sitzen wir Alle ganz urgemüthlich hinter dampfendem Mokka und freuen uns des Daseins und plaudern und lachen, bis mälig Alle das Lager beziehen.

Gar bald verräth das ruhige rhythmische Athmen, daß Alle Gott Morpheus umfangen, und Jeder opfert ihm: Der mit kaum hörbarem Hauche, Jener mit Kraft und Feuer und Nachdruck gleich Sägemühlengerassel.

Es ist noch dunkle Nacht, da erhebt sich 's in der Führerabtheilung der Hütte: sie spähen nach dem Wetter aus.

„ Wie gseht 's dri !" ertönt 's schläfrig von der Pritsche der Clubistenseite! „ Schlecht, es regnet !"

„ So! do schlofe mer witer !"

Im Halbschlummer vernehmen wir noch vielstimmig'die Worte: „ Adie, mer danke denn !" und munkeln schlaftrunken selbst etwas Aehnliches, da hören wir die äußere Thüre aufgehen, es sind unsere sechs Träger, die nach dem Hotel Jungfrau heimziehen.

Es beginnt zu tagen. Mißmuthig schleichen trübe-Nebel den Gehängen entlang, indeß wir unsern photographischen Apparat in Kriegsbereitschaft setzen, die Chassis laden und die Clubhütte in Stand setzen. Um allen Eventualitäten gerecht zu werden, treffen wir zugleich Vorbereitungen für den kommenden Tag ;. doch ohne große Hoffnungen sehen wir ihm entgegen.

Wider Erwarten hellt es aber gegen Abend so-entschieden auf, daß ich meine beiden Gehülfen avisire, sich für morgen auf eine allfällige Besteigung der Jungfrau gefaßt zu machen und die entsprechenden Dispositionen zu treffen.

Es ist etwas nach Mitternacht, da erhebe ich mich, schlage Lärm und beharre darauf, sofort die Vorbereitungen zum Abmärsche zu treffen. Nach etwelchem passiven Widerstände und dem Ausstoßen einiger un-qualifizirbarer aber vielsagender Laute, die noch nicht bleibend in den deutschen Sprachschatz übergegangen sind, erheben sich nach und nach auch meine beiden Genossen, und um 1 Uhr 30 Min. treten wir zum Abmarsch aus der Hütte.

Kein Wölklein am tiefblauen Himmel! Verheißungs-voll blinken die Sterne funkelnd hernieder. Ein langgedehnter Juchz dringt grüßend zur Jungfrau hinüber!

Das Laternchen wird entzündet. Wir binden una an 's Seil, und Freund Tischhauser mit seinen Katzen-augen übernimmt die Führung über die Felsen hinunter auf den ebenen Firn. Ihm folgt Merian, ich bilde den Schluß. Jeder trägt seinen währschaften Tornister. Rüstig geht es hinüber zur Grüneckmoräne und über diese hinaus auf den Jungfraufirn.

Gleich einem Irrlicht strebt Tischhauser mit dem unsichere, huschende Streiflichter werfenden Laternchen jungfrauwärts, direct dem Ostausläufer des Roththal-hornes zu. Der Firn zeigt keine Spalten, und aus der ganzen Configuration der Mulde schließen wir, daß noch auf geraume Zeit keine solchen sich finden werden.

Hei! ist das ein prächtiges Wandern über den knarrenden Schnee in belebender Morgenfrische. Und immer näher rückt die Jungfrau heran, und höher und höher wächst sie dämonisch empor, und Kranzberg und Trugberg bleiben mälig zurück.

Prophetisch erscheinen die Vorboten des nahen Tages. Im Osten dämmert es mehr und mehr, immer lichter und lichter wird 's. Es waltet jenes ahnungs-volle Wehen und Weben, jenes Ringen nach Licht, nach Klarheit, das uns stets mächtig die Seele erfaßt.

Doch siehe da! es wächst die Steilheit des Firns, riesige, weiche Firnspalten klaffen weitspannend uns an, da übernehme ich selbst die Führung.

Keiner von uns hat je die Jungfrau von dieser Seite gesehen. Tischhauser möchte über das Roththalhorn die Besteigung versuchen. Merian hat noch gar kein Urtheil; er war überhaupt noch nie in den Bergen, als im Theater, und kennt die Alpen bis dato blos von dort und vom Hörensagen.

Ich selbst ziehe vor, das Eoththalhom zu umgehen und dem Koththalsattel zuzustreben, von dort führt ohne große Wahl eine Eiskante direct zum Gipfel.

Die Steigeisen werden angeschnallt, und schneidig geht es, durch riesige Spalten lavirend, um 's Eoth-thalhorn herum und den grandiosen Circus hinan, der von den Eishängen der Jungfrau und des Roththalhorns umschlossen wird. Wildgethürmte, phantastische Eisgebilde hängen sturzdrohend an den jähen Flanken, dem Fels nur in den Wänden der Jungfrau Durchblick gewährend. Ueber riesige, eisharte Lauinen-trümmer geht es stetig empor, da wird die Böschung so steil, daß das Eisbeil von Nöthen.

Mit Macht zieht der junge Tag heran. Schon ahnen wir die Sonne an der duftigen Glorie, die sich drüben hinter dem Mönchjoche verheißungsvoll über das Firmament ergießt. Da zuckt es jählings auf am Gipfel der Jungfrau, weißglühend, lichtfluthend; die Sonne schlägt an.

Und tiefer und tiefer steigt das Lichtmeer hernieder, schon werden auch wir von ihm umfluthet. Die ganze, wunderbare Pracht der frostglitzernden Hochwelt entfaltet sich in überwältigender Majestät.

Kein Lüftlein haucht, kein Laut der Lebewelt dringt zu uns empor. Nur unsere Eisaxt zischt rhythmisch im stiebenden Eise; sonst herrscht jene hoch-weltliche Stille, die zu bewundernder Andacht hinreißt.

In dieser Stimmung dringen wir stetig empor; schon naht der gewaltige Bergschrund des Roththalsattels, schon stehen wir unter ihm und bestaunen stumm die jenseitige, sturzdrohende, von tausend fun- kelnden phantastischen Eiszapfen umfranste Eiswand. Schon traversire ich eidechsenartig kriechend, sorgsam die luftige Schneebrücke, die über den Schrund direct auf den Sattel führt, indeß Tischhauser und Merian diesseits Posto fassen, um zu halten, falls die Brücke unter mir brechen sollte.

Sie hält! Meine Gefährten folgen nach, und überwältigt schauen wir vom Sattel in die grandiosen Scenerien des schwindelnd tiefen Roththals hernieder. Ein langgezogener Juchz dringt lebensfreudig in dieses hinaus, mälig verklingend.

Nicht weit über dem Sattel ragt Fels aus dem Firn der Jungfrau hervor; stufenhauend steigen wir zu diesem empor, bis sich ein geeigneter Rastplatz bietet. Es ist ein herrlicher Punkt, ein Plätzlein zum Gesunden, und mancher in sich selbst zerfallenen, brachliegenden Existenz, könnte sie sich einmal zu frischfröhlichem Wagen entflammen, würde an solcher Stelle neue Kraft, neue Lebenslust, neue Schaffensfreude erblühen.

Die Aussicht ist überwältigend grandios. Die Karte, etwas Vertrautheit mit dem Hochgebirge und etwas disciplinirte Phantasie gewähren uns eine bessere Vorstellung als die weitläufigste Beschreibung. Klar liegt der Anstieg vor uns, und um mich nicht allzu sehr zu ermüden, übergebe ich Tischhauser die Führung, habe ich doch bis hieher gegen tausend Stufen gehauen. Flott haut nun Tischhauser seinerseits die Stufen, die Merian und ich für den Niederstieg erweitern.

Nach langer Hackerei stehen wir auf den höchsten Felsen. Ein schwindelnder Eisgrat zieht sich zur letzten Schneide empor, die sich schlank und luftig in den blauen Aether emporschwingt. Links schießt die Eiswand kirchdaehjäh zur Silberhornmulde, rechts zum Jungfraufirn des Aletschgletschers hernieder.

„ Dort cha me nit photographiere !" schallt 's einstimmig aus dem Munde meiner Begleiter. „ Aber do seht me jo nit !" ist meine Antwort, und ohne lange Kedensarten trete ich an die Spitze unserer Colonne und haue direct auf schwindelnder Eiskante balancirend rüstig Stufen in diese.

Für Tischhauser und mich kann ich garantiren, daß wir nicht ausgleiten oder schwindlig werden, und sollte Merian auf die eine Seite ausgleiten, so hätte Tischhauser sogleich zur Balance auf die andere Seite zu plumpsen; das sind unsere knappen Dispositionen.

Merian hat sich bis dato sehr brav gehalten, ist es doch nicht gerade Jedermann's Sache, als erste Bergtour die Jungfrau mit einem Tornister von der Schwere eines Militärtornisters zu bewältigen. Tischhauser und ich haben analoge Rückenwärmer, denn unser Instrument fällt in 's Gewicht.

Das Seil zwischen mir und Merian, 15 m, ist gespannt, und Sache Merian's ist es nun, sein alpines Meisterstück zu liefern und mir von den Felsen auf die Firnkante zu folgen. Nicht ohne einiges Bangen schaut er in die beidseitigen Tiefen; es zieht ihm die Beine zusammen, als ob er Krämpfe bekomme und auf die Schneide absitzen wolle.

Ich habe mich umgedreht, um auf Alles scharf aufpassen zu können: „ Nur ufrecht, nit absitze, s'goht viel besserist mein Trost. „ Nur d'Füeß guet igsetzt und immer in d'Stuefe gluegt !"

Die Beine Merian's strecken sich wieder, und aufrecht folgt er mir nach. Es geht ganz ordentlich. „ Brav e so !" ist Tischhauser's Bemerkung, und dieser vertrauend haue ich, ohne mich weiter umzusehen, rüstig die Stufen bis zum Gipfel. Merian und Tischhauser folgen ruhig und sicher nach.

Der höchste Punkt liegt unter mir, doch hier ist keines Bleibens, kaum gewährt er mir Raum zum Aufrechtstehen! Aber wollen wir hier photographiren, so bleibt keine Wahl, als den Gipfel um so viel* abzunehmen, bis die Schnittfläche genügt, um das Instrument aufzustellen.

Wir hauen für Merian und jeden Tornister eine große Stufe in 's Eis, dann beginnen Tischhauser und ich die Enthauptung der Jungfrau.

Volle anderthalb Stunden haben wir aus Leibeskräften drauflosgehauen. Die Jungfrau ist etwa 1 Va m niedriger geworden — da scheint der Raum zu genügen. Das Instrument wird aufgestellt, die Fuße werden in das großblasige, brüchige Firneis gestemmt, dann geht es an 's Photographiren. Tischhauser und ich operiren mit dem Instrumente, indeß Merian von seinem Platze aus die Chassis übermittelt und wieder deponirt. Jeder hat vollauf zu thun und nicht ohne seiltänzerische Evolutionen wird glücklich in einer weiteren halben Stunde die Hochgebirgsrundsicht in 6 Platten aufgenommen. An's Trianguliren ist des knappen Raumes und hauptsächlich des schon seit einigen Stunden sich immer kräftiger entwickelnden Windes wegen nicht zu denken, und so treten wir, nachdem uns der eisige Luftstrom durch und durch ausgekühlt, um 1 Uhr 10 Min. den Rückweg an.

Vorsichtig geht es in den Stufen hinunter zum Roththalsattel, und ohne Halt weiter über httftentief erweichte Schneebrücken und bodenlose Firnfelder nach dem Jungfraufirn. Erdrückend heiß, fast unausstehlich umbrütet uns die allseitig reflectirte Sonnengluth. Die Gesichtshaut ist total geröstet, trotzdem werden noch 2 Platten exponirt.

Nun folgt der spaltenlose Gletscher. Das Seil wird aufgerollt, dann traben wir etwas abgespannt der*Hütte zu, die wir etwa um 8 Uhr erreichen.

Das Nachtessen, Kaffee mit condensirter Milch und „ Tätsch ", schmeckte vortrefflich und nicht minder auch die Nachtruhe.

Etwas abgespannt vom gestrigen Tagewerke, treten; wir am 17. erst 91k Uhr Morgens an. Die nassen Kleider und Effecten werden getrocknet, und schließlich wird von der Hütte aus triangulirt.

Während der Arbeit sehen wir eine Karawane von 6 Mann der Hütte zustreben, und zu meiner Freude entpuppt sich diese, meine Ahnung bestätigend, als die photographische Expedition Sella's. Gar bald haben wir gute Bekanntschaft geschlossen und entschließen uns dazu, in Zukunft so viel als möglich gemeinsam zu handejn. Es wird denn auch für de » folgenden Tag gemeinsame Fahrt auf das Finsteraarhorn in Aussicht genommen. Nach -einem urgemttth-lichen Abend wird das Lager bezogen und Alle schlafen herrlich und in Freuden.

Gegen Mitternacht erhebt sich Freund Tischhauserr um nach dem Wetter „ auszulugen ". Es sieht nicht vielverheißend drein! Wild wogt der Nebelsschleier um die Jungfrau und dröhnend gehen die Eislauinen vom Dreieckhorn zu Thal. Kleinlaut kriecht unser Späher nach kurzem Berichte wieder auf seine Matraze. Nun erhebt sich Vittorio Sella, füllt seine Chassis; auch ich erhebe mich, um mir ein eigenes Urtheil über die Witterung zu bilden. Wie freue ich mich, das gethan zu haben!

Fern drunten in Italien tobt ein grandioses Gewitter. Riesige Haufenwolken ballen sich um die Walliser Alpen, glühende Blitze blendend entsendend, daß sich die Berge gleich schwarzen Dämonen vom Goldgrund der aufleuchtenden Wetterwolke abheben. Alles umrahmt vom Becken des Aletschgletschers, über das hinaus wir wie auf einer Bühne den Riesen-kampf der entfesselten Naturkräfte sich abspielen sehen. Wohl eine Stunde lang schauen wir dem herrlichen Schauspiel zu, und da wir sehen, daß die Gewitterzone stationär bleibt, so entschließen wir uns, in Anbetracht der vorgerückten Zeit, zu etwas Kleinerem — zum Faulberg.

2 Uhr 40 Min. erfolgt der Abmarsch, und da es bloß eine Stunde bis zum Faulberggipfel ist, so nimmt unsere Expedition keinen Proviant mit, um so mehr, als wir schon Vormittags zurückzukehren gedenken, um Nachmittags dem Ausläufer des Dreieckhorns einen Besuch abzustatten.

Ich lasse Sella mit seiner Expedition den Vortritt, und es führt mit meinem Laternchen Moritz Salzmann, ein sympathischer Mann und wackerer Führer, die erste Partie, indeß ich selbst die Führung unserer Expedition übernehme.

Haarscharf, wie ich den Weg zum Trugberg dem « inen Träger Sella's als wahrscheinlich beschrieb, s führte uns Moritz trugbergwärts. Schon nach den ersten Schritten erkannte ich, daß es nicht dem Faulberg, sondern dem Trugberg gelte — sagte das auch sofort Vittorio Sella, mit dem Bemerken, daß wir ohne jeden Proviant seien, jedoch nichtsdestoweniger die Partie ausfechten würden.

Lustig geht es aufwärts. Erst durch den sehr interessanten Gletscherbruch des Ewigschneefirns über kuhngebaute Eisthürme hinüber zur Moräne des Trug-bergflrnes, dann dieser entlang zu einem auffallenden Schneeflecke und über diesen empor zu steilgethürmten Felsen, die eine allerliebste, gefahrlose Kletterei verursachen. Bald stehen wir oben auf dem Schneeplateau des Trugberges und eilen stetigen Schrittes, mächtige Spalten auf luftigen Brücken traversirend, dem Gipfel zu. Lustig schlägt Moritz diesen empor die Stufen, und schon 6 Uhr 35 Min. haben wir den Südgipfel unter den Füßen Da Alles einig ist, es sei dies der beste Punkt, bleiben beide Parteien hier: Sella exponirt 6 Platten, indeß ich mit 8 Platten die Rund-isicht aufnehme und hernach triangulire.

Bis 9 Uhr 30 Min bleiben wir oben und steigen dann ohne jede Gefahr hinunter zu den Gletscherbrüchen, wo Sella und ich je 2 Platten exponiren. Um 111/« Uhr erfolgt der Abmarsch nach der Concordiahütte und 1 Uhr 20 Min. treffen wir hier wohlbehalten ein, nachdem uns das zurückgelassene Laternchen zu einigem Suchen veranlaßt, das durch Freund Tischhauser's scharfes Auge beendigt wurde.

Wir legen uns zeitig zu Bette, nachdem wir noch gründlich abgekocht und die Cässetten frisch geladen, denn morgen soll es dem Finsteraarhorn gelten.

So, das sind einige Tage unserer Campagne! Und wochenlang geht es so im gleichen Style fort. Eine Menge Hochgipfel, Vorder-Rinderturren, nördliches Walliser-Viescherhorn, Mittaghorn, werden mit dem Apparat besucht, auch das stolze Finsteraarhorn mit seinem Vorposten, dem Finsteraar-Rothhorn, nicht verschont. Da die Besteigung des letzteren in unseren Jahrbüchern noch nicht geschildert worden ist, mögen einige Angaben über dieselbe hier als Tagebuehauszug folgen:

27. Juli, Rothhornsattel und Finsteraar-Rothhorn.

„ Ein wolkenloser Morgen und kein Wind! Das unser Jubelruf, als wir 2 Uhr Morgens vor die Hütte treten. Ein originelles Frühstück, bestehend aus einer guten Dosis Käse und einer Flasche Champagner, mit der uns Papa Cathrein ( vom Hotel Jungfrau ) überraschte, bildete die heutige Operationsbasis.

Erst 3 Uhr 15 Min. wurde abmarschirt. Zum fünften und letzten Male traversirten wir die Grünhornlücke ( 4 Uhr 45 Min. ), dann den spaltenreichen Walliser-Viescherfirn, und machen am Fuße des Rothhorns eine kurze Rast. Um 6 Uhr steigen wir gegen den Rothhornsattel ( Gemslücke ) und deponiren hier angekommen unser Gepäck. 7 Uhr 20 Min. beginnen wir mit dem Anstieg gegen das Rothhorn, blos den Phototheodolit mitführend, und langen nach flotter Kletterei ( unmittelbar dem Grate entlang, der die Fort- setzung des Finsteraarhorn bildet, also direct von Nord nach Süd ansteigend ) Punkt 8 Uhr auf dem Gipfel an. Die Kletterei ist vielleicht ein Bischen schwieriger als jene vom Hugisattel zum Finsteraarhorn, immerhin nicht schwer.

Den Gipfel bildet ein genau von West nach Ost laufender, fast horizontaler Schneegrat, auf dessen Ostecke wir operirten. Die Aussicht ist wunderschön, gewissermaßen mit dem Trugberg verwandt, denn man steht mitten in einer Gletscherwildniß drinnen, kaum ahnend, daß weiter draußen noch cultivirtes Land seine Früchte reife. Ein Steinmannli als Wahrzeichen früherer Besteigungen fanden wir nicht. Auch jetzt noch ziert den Gipfel keines, denn wir hatten keine Zeit, uns mit der Errichtung eines solchen abzuplagen. Aber eine sehr gut geglückte photographische Kundsicht vom Gipfel aus kann wohl einem Steinmannli als ebenbürtig zur Seite gestellt werden.

Nachdem 8 Platten exponirt und triangulirt worden, wird der Rückweg angetreten. Das deponirte Gepäck wird aufgenommen ( Niederstieg 11 Uhr 15 bis 12 Uhr ), dann geht es im Eilmarsche in tief erweichtem Firnschnee hinüber zur Oberaarhütte, einem trefflichen Hüttchen, das der Section Biel alle Ehre macht. "

Gar gemüthlich hatte sich das Clubhüttenleben in Concordia- und Oberaarhütte entwickelt, als wir endlich unsere Standorte erschöpft sahen und hinaus ziehen mußten in 's Land, wo Englisch und Muscat fließt, nach dem Hotel Jungfrau am Eggishorn. Offen gestanden: mir graute vor dem Hotelleben; wie herrlich war es doch in der ungebundenen, wenn auch ent- behrungsvollen und strapazenreichen Clubhütte! Aber item, es muß sein, denn es wäre unsinnig, den unten Theil des Aletschgletschers, von der Clubhütte ausgehend, zu studiren. Mit ungleich andern Gefühlen ziehen aber meine Gehülfen hotelwärts. Sie schwimmen in Wonne und Seligkeit ob des zukünftigen Hotel-lebens, das ihnen nach.den Strapazen der Clubhütte in phantasieverklärter Glorie wie ein Land der Verheißung entgegenwinkt. Schwer bepackt, schweißtriefend kommen wir nach mancherlei photographischen Abenteuern von der Oberaarhütte über den Vieschergletscher und dem Märjelensee entlang zum Hotel Jungfrau.

Papa Cathrein, der klassische Wirth, empfängt uns als vollendeter gentleman und sorgt des Umsich-tigsten für unsere Bedürfnisse. Bald sehen wir uns gleich sehr getäuscht, meine Gehülfen und ich, denn es gefällt mir im Hotel vorzüglich. Ich knüpfe eine Reihe der angenehmsten Bekanntschaften mit englischen Familien an, bin ich doch gewöhnlich des Abends zur table d' hôte im Hotel zurück, und meine Gehülfen, die auf Erlahmen der Energie in den Bequemlichkeiten des Hotellebens als selbstverständlich gerechnet, sehen sich nicht minder getäuscht, denn wenn es das Wetter nur irgendwie erlaubt, sieht man bei stockdunkler Nacht oder bei Mondenschein drei Männer zu schwerem Tagewerke dem Hotel enthuschen und eilenden Schrittes der Hochwelt zustreben.

Wir bestiegen u. A. in der Kette des Eggishorns außer diesem selbst das Fiescherhorn ( 2900 m ) und das Bettmerhorn ( 2865 m ), ferner das Sattelhorn oder Geißhorn ( 3746 m ) und das Setzenhorn ( 3065 m ).

Bald ist auch dieses Gebiet erschöpft, und nun geht es hinüber über die Riederfurka zur Belalp. Auch hier sind wir vorzüglich aufgehoben und leisten so ziemlich das Schneidigste unseres Arbeitsprogrammes. Das Wetter ist aber auch klassisch schön, kaum einen Tag kommen wir zum Rasten, und meine Gehülfen, die schmerzen früh Morgens beim Abmärsche schon alle möglichen Glieder und Körpertheile.

Ja ja, es ist eine strenge Zeit, und wenn ich in meinem Eifer vielleicht einmal zu weit ging und zu große Anforderungen an die Leistungsfähigkeit und den guten Willen meiner Begleiter stellte, so mögen sie mir dies nicht allzu herb anrechnen, schonte ich. doch auch meine Person ganz eben so wenig.

Die Rückerinnerung, die stets das Schöne bewahrt und die Strapazen vertuscht, wird meinen beiden Gefährten einen idealen Ersatz bieten für diese männlich durchkämpfte Sturm- und Drangperiode, in welche einige Tagebuchblätter einen directen Einblick gewähren mögen:

( Copie des Tagebuches vom 15. bis 18. August. ) 15. August ( Samstag/, Ausläufer des Weißhorns.

Es ist eine wunderschöne Nacht, als wir uns 2 Uhr Morgens nach dem Wetter umsehen. Es wird daher das Schienhorn in 's Auge gefaßt, und 3 Uhr Morgens frischfröhlich bei Laternenschein diesem zugestrebt. Es geht Alles vorzüglich!

Schon haben wir den Oberaletschgletscher seiner ganzen Länge nach bewältigt, schon liegt die ganze Anstiegsrichtung zum Schienhorn vor uns klar und offen, da gewahren wir zu unserer unangenehmen Ueberraschung, daß blankes Eis fast ausschließlich die oberste Anstiegspartie bildet. Bei der heillosen Steilheit der Hänge hätten wir bis Abends 4 Uhr Stufen hauen können, und dann wäre es wohl zum Photographiren zu spät geworden. Wir abstrahiren daher vom Schienhorn und wenden uns dem Weißhorn zu. Doch auch dieses scheint nicht verführerisch.

Wir wollen den Stier bei den Hörnern packen und direct den Anstieg forciren. Doch gerathen wir bald in ein so heilloses Spaltenwirrwarr, daß an ein weiteres Vordringen kaum mehr zu denken. Eine zeitraubende Umgehung hätte uns vielleicht an eine übereiste Felswand von circa 60 bis 65 ° Neigung gebracht, aus der sturzdrohende Felsblöcke dämonisch herniederstarren. Unter großer Lebensgefahr hätte sich dort vielleicht mit heillosem Zeitaufwand der Anstieg erzwingen lassen. Die Klugheit gebot aber Halt. Ich erklärte uns für heute vom Weißhorn geschlagen, aber morgen soll der Angriff erneuert werden.

Wir treten daher den Rückweg an und steigen am Südausläufer des Weißhorns neuerdings empor, gleichzeitig einen einigermaßen praktikabeln Zugang zum Weißhorn erspähend.

Nach vielem Hin- und Herklettern wird endlich ein guter Standpunkt für photographische Aufnahmen gefunden, und es werden von dort unter gleichzeitigem Trianguliren 5 Platten exponirt. Schließlich wird der Rückweg angetreten, und oberhalb der Aletschhütten kommen weitere 3 Platten zur Belichtung und zum.

SoS. Simon.

Eintrianguliren. Gegen Dunkelwerden treffen wir im Hotel wieder ein, ganz zufrieden mit unserem Tagewerke.

i6. August /Sonntag/, Weißhorn.

Wieder um 2 Uhr Tagwache! Um 3 Uhr wird dem Weißhorn zugesteuert, fest entschlossen, dies Mal den Anstieg zu erzwingen. Ist es doch im Becken des Oberaletschgletschers so central gelegen, daß kein Punkt für meine Zwecke so geeignet ist. Schneidig geht es denn auch bergan. Bald sind wir am Sttdost-ausläufer des Weißhorns, wo wir gestern photographirten, angelangt, und traversiren über das Schuttband zwischen Moränenpunkt ( 2807 m ) und Gipfel ( 3131 m ) des topographischen Atlas hinüber auf den vom Weißhorn in wilden Brüchen sich ergießenden Gletscher. In flottem Aufstieg wird dieser zum Theil auf riesigen Schneebrücken bewältigt.

Den obersten Gipfel bildet ein wild ausgesägter Felszahn. Wir lösen uns vom Seil los, lassen dieses, da es nur hinderlich scheint, am Fuße der Felsen zurück und klettern lustig empor. Ich hielt den Berg für jungfräulich, aber wenige Meter unter dem thurmartigen Gipfel finden wir eine Flasche mit dem Namen Mr. Coplidge's, des unerschrockenen Bezwingers des Schreckhorns zur Winterszeit. Aber die allerhöchste Spitze, obgleich nur wenige Meter über uns emporragend, sieht nicht gerade verführerisch aus.

Wie drohende Finger starren zwei Felsnadeln schief überhängend in die Luft hinaus. Kaum begreift man, daß sie nicht in Folge der eigenen Schwere niederdonnern über die heillosen Felshänge, die fast senkrecht zum Beichfirn und Aletschhorn niederstürzen.

Unmöglich scheinen sie noch einen Menschen zu tragen vermögen, und doch müssen wir da droben operiren, denn sie verdecken uns den besten Theil der Aussicht.

Wir bereuen nun sehr, das Seil zurückgelassen zu haben, doch es ist zu spät, um es zurückzuholen, denn die Zeit drängt, werden doch die Eisbrücken drunten je länger desto weicher. Vorsichtig klettere ioh daher den letzten Felsthurm hinan, unmittelbar gefolgt von Freund Tischhauser. Der oberste Block ist total geborsten und hängt bedenklich überEhe ich ihn zu erklimmen versuche, rüttle ich noch aus Leibeskräften daran, vielleicht purzelt er hinunter, aber nein, er hält leider fest. Es bleibt daher keine Wahl, als hinaufzukriechen.

Der höchste Block liegt unter mir. Es sieht nicht gemüthlich aus und von Photographire » hier oben ist keine Rede, da das Instrument unmöglich Platz finden würde.

Doch sieh da, unmittelbar über den heillosen Abgründen entragt ihm nur wenig tiefer ein Gesimse, ob er wohl noch hält, wenn man auf dieses tritt? Der Versuch muß gemacht werden!

Ich überkrieche den Block, indeß Tischhauser der Länge nach diesseits auf der Felsfläche ausgestreckt als Gegengewicht dient und mich zugleich am Kragen erfaßt, um mich zu halten, falls das faule Gesimschen ausbrechen sollte.

* Doch es geht gut, und so beschließe ich von hier 6 aus zu exponiren. Wie der Apparat aufgestellt wurde, zu welchen Stellungen ich mich zusammenlassen mußte, das läßt sich nicht beschreiben, da ist das Photographiren auf dem Eisgrätchen der Jungfrau eine pure Spielerei dagegen.

Nur das sei erwähnt, daß während der ganzen Operation Tischhauser als Gegengewicht diente. Zugleich hielt seine eine Hand eine Schnur, die um den Stativkopf gebunden war, um zu halten, wenn das Instrument sammt dem Gesimse und mir herunter-purzeln wollte. Mit der andern hielt er mich höchst liebreich kräftig am Kragen, um auch mich selbst vor dem Sturze zu sichern, wenn ich in Folge meiner Bewegungen, die in vorsichtigster Kniebeuge und Manipulationen mit den Armen bestanden, meinen Standpunkt zum Ausbrechen bringen sollte.

Unmöglich konnten die Cassetten mit den Platten noch irgendwo auf dem Felsthürme Platz finden. Wir deponirten daher die Cassetten am Fuße desselben, und Sache Merians war es nun, für jedes Chassis je ein Mal zu uns herauf und wieder zum Chassiskasten zurück zu klettern. Männiglich löste seine Aufgabe zu voller Zufriedenheit. Aber es war doch ein teuflischer Standpunkt, wie ich ihn mir nicht gerade jeden Tag wünschte.

Die Aussicht ist wunderbar schön, der Anblick der Breithorn-Nesthorn-Kette geradezu überwältigend.

Zehn Platten wurden hier exponirt, zum Theil von einem andern Standpunkt, und hierauf wurde von einem dritten Standpunkte aus triangulirt, denn,die beiden photographischen Standpunkte hätten aul* naheliegenden Gründen ein Triangulären nicht gestattet. Schließlich wurden die drei Standpunkte unter sich coordinirt.

Schon 8 Uhr 40 Min. war der Gipfel erreicht gewesen, doch erst 12 Uhr 30 Min. war unsere Arbeit vollendet.

Nicht ohne einige Besorgniß über den Zustand der Schneebrücken traten wir den Rückweg an und führten ihn zwar mit Aufwand aller Vorsicht, aber doch so rasch durch, daß wir schon 4 Uhr Nachmittags wieder im Hotel eintrafen. Sofort wurden die Chassis umgeladen und der Tagesbefehl für morgen erlassen. Es gilt dem Fußhornvorsprung.

il. August ( Montag !. Fußhornvorsprung.

Ein kalter, bissiger Nordost bläst 5 Uhr Morgens Tagwache.

6 Uhr 15 Min. marschiren wir dem Oberaletschgletscher zu und steigen diesem entlang bis zum nördlichsten Ausläufer der Fußhornkette. Erst über eine impertinente Moräne, dann steile Felsschliffe hinan geht es flott kletternd zu einem guten Standpunkt bietenden Rücken des Fußhorngrates.

9 Uhr Morgens ist ein solcher gefunden. In 10 Platten wird von zwei Punkten aus die Rundsicht aufgenommen, dann triangulirt bis 1 Uhr 45 Min. Ohne Weiteres wird nun der Rückweg angetreten, und schon 3 Uhr 45 Min. sind wir im Hotel zurück.

Unterwegs wurden noch Farbstudien über die Moränen und die Ufergesteine des Oberaletschgletschers an Hand einer Skizze ausgeführt und ent- sprechende Gesteinsproben gesammelt. Wohl selten finden sich solch'frappante Farbencontraste.

i8. August /Dienstag ). Breithorn.

Schon 1 Uhr 30 Min. ist Tagwache, und 2 Uhr 15 Min. wird der Abmarsch angetreten. Es gilt dem Lötschenthaler Breithorn. Bei Laternenschein wird munter dem Oberaletschgletscher zugestrebt. Flott geht es den Gletscher empor, und bald stehen wir unter dem Gletscherbruch,* der dicht neben dem Nesthorn herniederkommt und als Anstiegsrichtung zum Nesthorn dient. Diesen benutzen wir zum Aufstiege.

Gestern hat ein Amerikaner das große Nesthorn bestiegen, und von seiner Expedition sind noch famose Stufen vorhanden, die uns spielend empor gelangen lassen. Der Anstieg ist wunderschön und hat viele Aehnlichkeit mit dem Labyrinth der Berninapartie. Beidseitig thürmen sich hohe Eisgebilde empor, manche sturzdrohend, schief aufragend. Da ist Eile vonnöthen, deßhalb wird wacker ausgeschritten.

In auffallend kurzer Zeit sind wir oberhalb dieser grandiosen Eisbrüche und sehen uns auf einem verhältnißmäßig ebenen, von riesigen weichen Firnschründen durchzogenen Plateau, zwischen dessen Spalten wir ziemlich direct dem Lötschenthaler Breithorn zuhalten können.

Ein orkanartiger Wind, der während des ganzen Aufstiegs gewüthet hatte, begleitet uns mit wahrhaft infernalen Weisen bis zum Bergschrunde, der sich gleich einer Cravatte rings um den Gipfel legt. Das letzte Köpfchen ist sehr steil, doch wird es trotz des famosen Bergschrundes ohne Schwierigkeit überwunden, und sturmgepeitscht stehen wir auf dem nördlichen ( Fels-)Gipfel.

Das Steinmannli wird sofort gelyncht, da es uns am Aufstellen des Instrumentes hindert. Und nun wird aufgestellt und photographirt — aber wie!

Fast unmöglich ist es bei dem eisigen Winde auf dem Gipfel auszuhalten, der einem so intensiv durch die dünnen Kleider saust, daß es uns scheint, er blase direct auf die bloße Haut. Bald werden mir die Finger so starr, daß eine Bewegung derselben zur Unmöglichkeit wird. Ich steige daher in den Windschutz hinunter und lasse den einen Gehülfen das Instrument festhalten, damit es nicht herabgeschleudert würde, indeß ich mich durch rasche Kraft-anstrengungen insoweit erwärme, daß es mir wieder möglich wird, die Schieber zu ziehen und den Ob-jectivdeckel zu lüften. Leider thürmt der Wind Nebel empor, die uns zudem noch veranlassen, lichte Momente abzuwarten, und kaum habe ich die Rundsicht exponirt, so hüllt sich der Gipfel schneeumwirbelt in dicke Nebelballen ein. Es beginnt regelrecht zu schneien, und an 's Trianguliren ist nicht mehr zu denken.

8 Uhr 40 Min. hatten wir den Gipfel erreicht, 10 Uhr 10 Min. treten wir den Rückweg an, kaum einer Bewegung fähig vor Frosterstarrung. Mit stets zunehmender Heftigkeit umtobt uns der Wind, so daß wir uns beeilen, baldmöglichst den Gletscherbruch zu erreichen. Zum Glück ist dieser etwas im Windschutze, sonst wäre wohl der eine oder andere Eisthurm umgestürzt worden und herniedergewettert, ein Ereigniß, das uns in unserm schmalen Eiscouloir eine bedenkliche Üeberraschung bereitet haben würde.

Ruhig, kaltblütig wird aber niedergestiegen, denn bei dem heillos steilen Gehänge heißt es sicher in die Stufen des spiegelblanken Eises treten. Ein Fehltritt des Einen würde Alle die Bekanntschaft des nächsten der vielen Schrunde machen lassen, die weit klaffend unser Couloir durchziehen und auf schmalen, luftigen Eisbrttcken bewältigt sein wollen.

Schon um 11 Uhr 30 Min. sind wir am Fuße der Eisbrüche, und erleichtert athmen wir auf, sind wir nun doch außer Qefahr.

Gewiß kam es von Herzen, als ich hier, den ganzen Weg nochmals überschauend, einem kireh-thurmhohen Eiskoloß zurief: „ So, jetz ghei nummen abe, genier di nithätte doch der Bursche beim Zusammenbrechen das Couloir so total ausgefegt, daß an ein Entrinnen schwerlich zu denken gewesen wäre.

Nach kurzer Rast geht es weiter. Um 1 Uhr 7 Min. sind wir am Ende der Moränen, auf gebahntem Wege, und 2 Uhr 5 Min. schon wieder frisch und munter in Belalp zurück, nur bedauernd, daß uns das Wetter nicht gestattete, gleichzeitig auch das Nesthorn zu besteigen, von dem aus ich sehr gerne einige Platten exponirt hätte. "

( Ende der Tagebuchcopie. ) Und so geht es fort, Tag für Tag. Wir übersiedeln bald in 's Lötsehenthal und stürmen theils von Ried, theils von der Bietschhornhütte aus mehrere Punkte der Bietschhorn- und der Lötschenkette: Bietsch-horngrat, Grindelspitzen, Spahlihorn.

Im Ganzen führten wir in 48 sich folgenden Tagen 30 Besteigungen und 15 Paßübergänge aus.

Der Witterungsumschlag und die Divisionsmanöver erheischen unsere Rückkehr.

Es ist der 26. August, ein trostloser Tag. Trübe, melancholisch, bewegungslos hängt das Gewölke um die Bergeshäupter. Einzelne Tropfen fallen hernieder, die unzähligen Heuschrecken leiden entschieden an Husten und Zipperlein. Den Vöglein ist das Pfeifen vergangen. Kalt durchfeuchtet der Regen die Kleider; es könnte nicht trostloser sein.

Da eilen drei Bursche der Lonza entlang thalaus, Gampel zu, jauchzend und johlend wie die Wilden. Und freudig plaudern sie zusammen und finden das Thal so wunderschön: die Wälder, die Flußscenerie, die Wasserfälle, die malerischen Dörfchen, daß alle Schönheiten des Hochgebirges nur eitel Dunst dagegen. Sie können sich an der regnerischen Landschaft nicht satt sehen.

Ihr habt die Drei schon erkannt und seid erstaunt über die Macht des Stimmungsumschlags:

Lange ausschließlich bewohnt, übt eben doch die Hochwelt auf uns den Eindruck des wüsten, des öden Gebirges aus. Nur im Contraste wirkt sie bestrickend, und auch der Eindruck des Ueberwältigenden schwindet mehr und mehr, wenn wir uns wochenlang ausschließlich darin bewegen.

Es bedarf dann einer aufrichtigen Liebe zur Sache, soll im täglichen Ringen, Entbehren and Wagen die Energie und die Geistesfrische nicht erlahmen.

Aber dennoch sind es schöne Zeiten, an die wir trotz ihrer Entbehrungen und Strapazen stets mit warmem Herzen zurückdenken.

Und hiemit, lieber Leser, auf Wiedersehn! Und sollte etwa das Eine oder das Andere zum Selber-schauen angeregt haben, dann: „ von Herzen glückliche Reise !"

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