Ein unbeachteter Versuch einer Titlisbesteigung

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um das Jahr 1760.

In einer jener zahlreichen schweizerischen Zeitschriften aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, denen ein aufmerksamer Leser manche auch heute noch wertvolle Notiz über die ältere Geschichte des Bergsteigens entnehmen kann, fand ich folgende Notiz, die ich zur Ergänzung und teilweisen Verbesserung meiner früheren Mitteilungen über ältere Titlisbesteigungen ( siehe Jahrbuch S.A.C. XXXII, pag. 322 bis 323; XLV, pag. 422—423; Hochgebirgsführer durch die Berner Alpen IV, pag. 130 ) hier zum Abdruck bringen will.

Ich entnehme sie einem Auszug aus: „ Schweitzerische Nachrichten verschiedener in der Schweyz sich ereigneter Merkwürdigkeiten A. 1780, in Zürich gesammelt. Zürich, zu finden bey Joh. Kaspar Ziegler, zum Goldstein. 1780. "

Hier finden wir auf Seite 161, unter dem Datum „ Augustmonat 1780 ", Nachrichten aus Luzern, die wahrscheinlich von dem mit dem Kloster Engelberg in Beziehung stehenden Dr. Lang herrühren und sich auf meteorologische Vorkommnisse in der Gegend des Vierwaldstättersees beziehen. Er notiert als solche: Feuerkugel 10. August abends 7 ½ Uhr; Gewitter in Entlebuch und Unterwaiden 10. August morgens 4 Uhr; Gewitter am Pilatus, Kriens, Horw, Hergiswil, 18. August abends 6—7 Uhr. Dann fährt der Korrespondent fort wie folgt: ( S. 162 ) „ Annoch lege einen Auszug einer Berg-Reise auf den Titlis-Berg in dem Löbl. Canton Unterwaiden, hinter der Herrschaft Engelberg gelegen, so wie selbe annoch in meinem Gedächtnis geblieben ist, bei.

„ Einige Liebhaber der Bergen waren vor einiger Zeit zu Engelberg, und weil es schönes Wetter ware, so wurden sie räthig, den Titlis-Berg zu besteigen, welcher einer der höchsten Bergen des Schweizerlandes ist; in aller Frühe machte man sich auf selben, so weit, als man ohne Fußeisen auf dessen Gletscher-Firn oder Eis gehen konnte; ein hohes Thal ware von unten auf mit Eis angefüllt. Da die Sonne an selbes schiene, konnte man sich nicht genug verwundern über die glänzenden schönsten blau, gelb, roth und grün scheinenden Farben, die wie Strahlen in die Augen leuchteten. Man sah verschiedene dunkle und fast schwarze Striche in dem Eis, aus welchem die Aelpler dessen Jahre abzählten; dann in dem Sommer durch die Sonnenhize, warme Winde und Regen vergeht dann und wann das Eis, so in der Oberfläche des Gletschers ist, starke Winde tragen auf selbe Staub und leichtes Sand, dieses wird wiederum überschneyt, und im Winter wird dieser Schnee wieder zu Eis, da dann diese Striche also formiert werden. Es müssen ungemein heisses Wetter, Wind und Regen einfallen, wenn in einem Sommer das Eis über einen solchen Strich hinunter schmelzen muß. Bey heissen Tägen wirft der Gletscher vielmal Spälte von unten hinauf, die beym kalten Wetter vielmal durch neugefallnen Schnee zu grösster Gefahr der Reisenden etc. bedeckt werden. Man hatte kleinere Steine mit sich genommen, welche man in diese Spälte warf. Sehr lang stuhnd es an, ehe selbige in das unter dem Gletscher liegende Wasser fielen, und man derselben Fall hören konnte.

„ Da die Gesellschaft sich mit dieser Untersuchung belustigte, hörte man Donnern, man sahe zurück, und siehe, es kame ein Donnerwetter von dem untersten Theil des Engelberger Thals gegen den Graffen- Ort, einem schönen Lusthaus des Gotts-hauses her; dieses Wetter stiege nach und nach höher, die Wolken waren wie Wasserwellen anzusehen, überdeckten nach und nach das ganze unter uns, das sehr öftere Blitzen — machte uns sehr aufmerksam usw. ( 8. 163. ) „ Man machte sich ab dem Gletscher eilig hinab, damit man, ehe das Wetter uns gleich wurde, oder wir mit selbem einbegriffen wurden, die erste Sennhütten erreichen möchte, allda erwarteten wir das Wetter, so nach und nach uns umgabe. Wir stuhnden vor der Hütten, um desto besser die aufsteigende, und sich über die ganze weitschichtige Alp ausdähnende Wolken zu betrachten. Man zählte deren neune, die, wiewohl nicht ganz abgesondert, doch wol wegen der Farb, Dicke etc. zu unterscheiden waren usw.

„ Die siebende Wolke war nicht mehr so dick, finster und schwarz, aber wie ein mit Wasser angefüllter Schwamm. Wir liefen geschwind in die Hütten, dann das Regenwetter aus selber Gußweis herausfiel, die ( S. 164 ) achte war viel dünner und schien ein Sieb zu seyn, dardurch der vorgedachte Regenguß in etwas zertheilt wurde. Da hörten wir mit allen Glocken in dem Gottshaus Engelberg leuthen, man versicherte uns es müsse dorten Hagel gefallen seyn, so hernach also befunden wurde; man sahe wiederum wetterleuchten, man hörte, wie vor dem Wetter donnern. Die neunte und lezte Wolke ware dünn und netzender Nebel. Da dieses Wetter endlich die Berge überstiegen, und die Sonne sich wieder eingestellt hatte, giengen wir wieder dem Gottshaus Engelberg zu, in dem hinuntersteigen mußten wir an vielen Orten fast bis an die Knie hinauf in dem Hagel von mittlerer Grösse hindurch watten.

„ In diesem hochlöbl. Gottshaus ruhten wir aus, und wurden mit besondern gütigsten Verpflegungen wiederum erquickt.

„ Aus diesen Erzählungen machte man folgende Muthmassungen " etc.

Es folgen 1—8 meteorologische Bemerkungen, die uns nichts mehr über die „ Bergreise " sagen.

Offenbar sind es diese meteorologischen Bemerkungen, um deren willen Dr. Lang seine Erinnerungen an die „ Bergreise auf den Titlis-Berg " wieder auffrischte. Uns interessieren diese nicht mehr sonderlich, während wir von der „ Bergreise " gern mehr gehört hätten. Wahrscheinlich fällt sie um 1760, wie aus folgenden Erwägungen hervorgeht: Der Chirurgus Feyerabend schickte am 30. September 1780 an den alten Gastfreund des Klosters, Pfarrer Rudolf Schinz in Zürich, über die eben erwähnte „ Bergreise " folgenden Bericht ( siehe Jakob Werner: „ Zürcher Besuch im Kloster Engelberg ", Zürcher Taschenbuch 1910, pag. 163 ): „ Die Gesellschaft, die den Titlisberg bestiegen, habe ich kaum erfragen können, so lang ist es seyt här! Mein gnädiger Herr [der Abt Salzmann] erinnert sich noch einzig dessen. Vor ungefähr 20 Jahren, sagt er, ist Herr Dr. Lang, der glaublich dieses wird einberichtet haben, Herr Dr. Salzmann selig und ein hiesiger längst verstorbener Religiose P. Bernard Lang selig, alle von Luzern, hier gewesen und haben diesen Berg bestiegen, soweit sie konnten. Es verhielt sich alles ziemlich so, wie es beschrieben ist, nur der Hagel ware nit so stark. " Vielleicht gelingt es, an der Hand von Witterungs-chroniken aus jenen Jahren das Datum dieses Versuchs, bei welchem ( zum ersten Male ?) Schmutzbänder auf einem Gletscher beobachtet und ( irrig ) als Jahrringe gedeutet wurden, etwas genauer zu fixieren, als dies die Erinnerung des Abtes vermochte. Seltsam ist, daß man solche seltene und bedeutsame Expeditionen, die doch vom Kloster ausgingen, nicht sorgfältiger notierte. So steht das Datum der ersten Titli-besteigung durchaus nicht fest. Im Jahre 1767 meldete der Subprior Waser an Füßlin ( siehe Jahrbuch S.A.C. XXXII, pag. 322 ), sie habe „ vor 23 Jahren ", also 1744 stattgefunden; im Jahre 1785 berichtet Feyerabend an Schinz ( a. a. O., pag. 164 ) im Hinblick auf seine eigene eben ausgeführte Titlisbesteigung: „ izt wird doch dieser Berg gewiß vor 47 Jahr verfloßen sind, wieder bestiegen werden ", was auf 1738 deuten würde. Daneben war aber in den Kreisen der Klosterherren noch ein drittes Datum traditionell, nämlich 1739. William Coxe, welcher 24. 25. August 1785, einige Tage vor Feyerabends Besteigung, in Engelberg war, gibt als Resultat seiner Erkundigungen, die er, wie mir Dr. W. A. B. Coolidge schrieb, wohl hauptsächlich Feyerabend verdankte, ausdrücklich 1739 als das Jahr der ersten Titlisbesteigung an. Mir ist es immerhin am wahrscheinlichsten, daß der Subprior Waser, welcher 1767 noch zwei Teilnehmer der ersten Besteigung zum Zweck der Mitteilung an Füßlin verhörte, und der 1744, wie Dr. Coolidge hervorhebt, eben Profeß getan hatte, genauer orientiert war, als die übrigen Conventualen und Feyerabend 1780 und 1785 es waren. Dagegen sind wir nunmehr über das genaue Datum und die Einzelheiten der Feyerabendschen Titlisbesteigung aus primären Quellen orientiert. Feyerabend schreibt an Schinz ( a. a. O., S. 163 ) am 19. September 1785: „ Es bestiegen letzten Mittwoch unser elfe diesen abscheulich hohen Berg " usw. Der 19e September war 1785 ein Montag, also war der vorhergehende Mittwoch der 14e September. Im nämlichen Briefe verspricht Feyerabend Schinz „ eine kleine Reißbeschreibung auf den Titlis von mir, aber nur für Sie allein; denn Auctor will ich auch im Kleinen Keiner werden ". Aber schon am 7en Oktober muß er dem nämlichen schreiben ( a. a. O., S. 164 ): „ Soeben vernemme ich, das Junker Meyer von Luzern, dem ich auch gleich Ihnen von Samen die Titlisreiß zuschreiben mußte, mein Brief ins Wochenblatt habe setzen laßen " usw. Unter „ Junker Meyer " hat Dr. Werner den bekannten Luzerner Musiker Franz Joseph Meyer von Schauensee nachgewiesen und seine Einrückung im „ Luzer-nerischen Wochenblatt " V ( 1785 ) Stück 40 und 41 = S. 161 bis 163, 165 f. Ich werde diesen etwas langen Brief ein andermal publizieren und schließe mit der Bemerkung, daß der Bericht über diese ( 2e ) Titlisbesteigung bei Coxe ( Travels vol. I, pag. 302—305 ) davon nicht, wie ich früher meinte, ein Auszug, sondern die Übersetzung ist.Dr. Heinrich Dübi ( Sektion Bern ).

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