Ein vergessener Gipfel im Hüfigebiet

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Traversierung des „ Heimstocks " ( cirka 3100 m ).

Wir saßen oben auf den Klariden und aus einem merkwürdigen Grund waren wir da hinaufgekommen. Blaute einst ein herrlicher Sommertag über Zürich, und scheint 's auch über Luzern, denn um Mittag reizte mich ein Telegramm meines Bruders, der wissen wollte, ob nichts los sei. Was konnte ich anders thun als antworten: Morgen zehn Uhr Rendezvous auf den Klariden, ihr von West, wir von Ost. Und so war 's gekommen. Ihrer drei gingen sie am Abend von Luzern über Amsteg und durchs Maderanerthal zur Hüfihütte, und unser drei fuhren von Zürich nach Linthal und stiegen noch zu den Hütten von Altenoren hinauf. Tags darauf, in einen herrlichen Sonntagsmorgen hinein, wanderten die drüben von der Hüfihütte auf üblichem Wege den GletscherKletterfreunden möchte ich eine Besteigung über den Nordostgrat anempfehlen, sowie eine Besteigung der stolzen Pyramide ( 2947 m ), des schönsten Gipfels im Ravetschpaß.

Hans JBrtm* hinan und standen auf der Kuppe der Klariden, als wir, über den Klaridenfirn, wo der weiche Schnee uns etwas zurückgehalten, kommend, eben im Begriff waren, die Gipfeigwächte durchzuschlagen. Wie herzlich grüßt man sich auf BergeshöhWar mir der Gipfel auch nicht neu, so lag doch heute über der ganzen uns umgebenden Gebirgswelt eine eigenartige Stimmung. In unabsehbarem Zug wallten die Heerscharen des West und Süd über den Gipfeln dahin, ein großes stilles Heer, es war kein Stürmen, kein Jagen; lange Schatten krochen mit ihnen den blendenden Hüfi heran, ein leiser Hauch nur zog über uns hin und ob den geschwellten Wolkensegeln lachten heiteres Blau und die Sonne. Da im Süden schien sie wieder gleißend auf einen schönen weißen Gipfelschon früher hatte mich diese Form beschäftigt, die so vorteilhaft von dem dunkeln Doppelhaupt des Cambriales abstach, und heute brauchte es wenig hinweisende Worte, um mir für einen Besuch in jene Gegend Kameraden zu schaffen. .'Es sollte bald dazu kommen. Freund Schultz ( Sektion Uto ) konnte wieder einen freien Sonntag herausklauben und Herr Direktor Veitl ( Sektion Uto ) versprach mir seine längst erwünschte Mitwirkung zu einer kleineren Fahrt. Die Sache war wieder einmal Knall und Fall ausgemacht worden und der Effekt war, daß ich, trotzdem ich mich in der Verzweiflung über den langsamen Tram in eine Kutsche geworfen, gerade noch den Schwanz des Zuges sah, mit dem meine beiden Clubgenossen am Morgen des 21. Juli 1895 gotthardwärts fahren. Wie ein begossener Pudel zog ich mich in den Wartesaal zurück und folgte am Nachmittag. Neben einem Telegramm von Rothkreuz hatten sie noch in Amsteg Bericht zurückgelassen, daß sie mich in der Hüfihütte erwarteten, und so machte ich mich denn schwer bepackt mit meinen und zum Teil ihren Sachen um 7 Uhr auf den Weg ins Maderanerthal. Die Nacht brach herein, ich beschleunigte meine Schritte. Beim Lungenstutz konnte ich nicht vorbei, ohne ein Glas Milch zu trinken, und mit dem allerdings nicht zu hoch anzuschlagenden Segenswunsch der zungenfertigen Wirtin ging 's weiter. Nebel sank allmählich ins Thal, da hieß es aufpassen ohne Laterne dort am untern Hüfialpeli, wo die drei Kreuze von Lawinenopfern sind, denn der schmale Pfad ist oft versteckt unter langem Gras, Erlengebüsch und Alpenrosen, und hier und dort führt er hart .am Abgrund, wo der Hüfi-bach heraufrauscht. Jetzt erblicke ich hoch oben ein fernes Licht, es ist Freund Schultz* Signallaterne; sofort gebe ich Antwort und im Bogen schwinge ich an meinem Pickel ein angezündetes aufflammendes Papier. Ob sie mich beobachtet? Doch weiter, « fort, hinauf die steile Geröllhalde und über Schneeflecken und Bachrunsen; fern höre ich längst das monotone „ Hohoo " von Schultz, jetzt näher und endlich drücke ich ihm die Hand, ich bin am Ziel und gut bin ich ausgeschritten, denn nur drei Stunden sind verflossen, seit ich von Amsteg aufgebrochen. Bald war 's wieder still in der Hütte. Der Morgen brach etwas spät und trüb herein, doch hofften wir von der aufgehenden Sonne Besserung und begannen um 5 Uhr 30 Min unser Tagewerk. Gemütlich ging 's den Weg hinan über das obere Hüfi- alpeli, über den für die Jahreszeit schon merkwürdig ausgeaberten Gletscher und Firn, hin und wieder zwischen Schrunden durch lavierend.

Am Fuß des Cambriales verließen wir die übliche Klaridenroute, die im Bogen über den Hüfifirn geht, und schwach rechts haltend, gewannen wir an den südlichen Firnhängen allmählich an Höhe. Wir waren noch nicht recht schlüssig, welchem es gelten sollte, dem schwarzen Cambriales, dem gefurchten Piz Val Pintga oder seinem weißen östlichen Nachbarn, der auf der Karte keinen Namen trägt. Für den ersten sprach schöne Form und Höhe, aber die Zeit langte nicht mehr für eine Traversierung, wie wir sie hier längst geplant, der mittlere war zu klein und nichtssagend, „ though no ascent seems to be known " ( Coolidge Climbers Guides: The Range of the Tödi pag. 31 ) und verdient kaum den Namen eines Gipfels, indem er eine bloße Graterhebung ist in der Verbindung nach dem dritten zu, der schönen namenlosen Spitze, die uns schon auf den Klariden „ mochte ".

Wie die Siegfried-Karte ( Blatt Tödi ) richtig zeigt, erhebt sich der Catscharauls ( 3062 m ) als Schneespitze, auf dem Westabfall von einigen Felsen gebändert, zwei untergeordnete Zacken, die zwei vom Hüfifirn heraufkommende Riffe bilden, reihen sich südwestlich an, dann folgt in gleicher Flucht ein Firnbuckel mit der Quote 3063 m, von dem ein längerer Grat schwach südwestwärts abbiegend und noch cirka 40 Meter ansteigend in eine ausgesprochene Felsenspitze sich auszieht.

Obschon vielleicht schon bestiegen, „ mochte " sie uns doch auch heute wieder, der schönen und speciell instruktiven Aussicht halber, die sie versprach; auch war die Form recht herausfordernd so von vorn, obschon sie nicht mehr so strahlend weiß war wie damals; der Westgrat, der vom Punkt 2856 aufsteigt, war größtenteils ausgeabert.

Um 8 Uhr 30 Min. setzten wir uns auf einem Felsenriff, das vom Piz Val Pintga in den Hüfifirn hinunterreicht, zum Frühstück nieder. Ein idealer Frühstücksplatz da oben! Uns zu Füßen das gewaltige Gletscherbecken, ringsherum mit schönen Spitzen besteckt; da standen sie breit, die bläulichen Windgellen, der Rüchen, die Scheerhörner, jeder mit seinen Eigenheiten, in Front vor der wackern Gneisgestalt des Düssi. Um 9 Uhr 15 Min. war meine Kamera wieder eingepackt, die auch mitsehen wollte und in einer halben Stunde gewannen wir über Fels und Schnee leicht die Lücke ( 2856 m ) zwischen unsrer Spitze und dem Piz Val Pintga. Frei sahen wir jetzt nach Süden, rechts hinüber an den düstern Cambriales, an dem Nebel herumstrichen. Leicht steigt man hinunter über Felsen in die Val Pintga und hinaus nach Dissentis. Ein anderer Übergang vom Hüfigletscher ins Bündnerland liegt zwischen Düssistock und Cambriales und führt durch Val Cavrein hinunter, mit Recht Cavreinlücke genannt, und sonderbar, die Paßhöhe tragt genau die gleiche Quote ( 2856 m ), wie die unsre.Von der Hüfihütte aus liegt die erstere näher, ist aber wegen Séracs und häufigem Eisschlag am Fuße des Düssi schwieriger zu gewinnen als die letztere, die wir „ Pintgalücke " tauften. Den Taufschein versorgte ich unter einer schnell errichteten Steinpyramide* tJm 10 Ühr machten wir uns wieder auf und näherten uns erst auf der Südseite von phantastisch geformten Gneisfelsen, später über diese selbst hin dem eigentlichen Fuß unseres Ziels. Auch von hier könnte man durch ein Couloir ziemlich leicht in die Val Pintga absteigen. Der Grat, der sich von hier zum Gipfel aufschwingt, ist ziemlich steil, doch sind die Felsen gut und ordentlich fest. Nach leichter, schöner Kletterei standen wir um 10 ühr 45 Min. auf der Spitze. Ein kleiner Steinmann mit einer Flasche ohne Karte war unsere erste Überraschung. Also ist doch schon jemand hier oben gewesen1 ). Dann rund umgeblickt! Wirklich, wir sind nicht enttäuscht, denn das Panorama, ist nach übereinstimmender Ansicht unbedingt eines der schönsten, das im Hüfigebiet zu haben ist. Blick'auf die Karte, lieber Leser! Mathematisch genau bestreicht der gleiche Radius die herrliche; Pyramide des Düssi, der über die Felsenzwillinge dès Cambriales hereinschaut, das doppelgipflige Scheerhorn in einer dem Aug'und der Erinnerung ungewohnten Form, den langgezogenen Kammli, die Kuppe der Klariden, wo über die weite Gletscherhalle durchs Couloir hinauf bis zum Gipfel du jedeç Tritt des gewöhnlichen Aufstiegs tiberschauen magst, den TÖdi; noch einmal blick'auf die Karte! Wo kann man den Westabsturz des gewaltigen Massivs imponierender und instruktiver sehen als hier oben auf unserer Warte, von der du über ein tiefes Thal unmittelbar hintiberblickst an den Rusein, Dor, Meilen, Stockgron und die verschiedenen Porten, die als steile Eisrinnen zu eng eingeschnittenen Scharten hinaufreichen — und ziehst du den Kreis enger, so wandert er über das matt grünende Thal Rusein, die trümmergraue Val Pintga, den schimmernden Firnpalast des Hüfi, und ziehst du den Bogen weiter, so streicht er durch wild wogende Wolken und dunkles Blau, steigt über die Mauern der Windgellen und kehrt nordwärts über ein in der Weite versehwimmendes Nebelmeer in sich selbst zurück.

Wir beschlossen, den schönen Gipfel zu benennen, und nach Vor

Im Spätnachmittag, 5 Uhr, verzogen wir uns mählich über die Röti hinüber gegen die Fridolinshütte, 6 Uhr 30 Min.; ein unvergeßlicher Abend hielt uns noch lang vor der Hütte vereint, schwarz hing vom Himmel eine düstre Wetterwolke, oft zuckt es fahl in ihr auf, in gespenstigen Umrissen springt das Vrenelisgärtli draußen am Glärnisch in die Helle empor und dem Auge erlöschen auf einen Moment die stillen fernen Lichter von Linthal.Hans Brun ( Sektion Uto ).

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