Er schläft 20-mal ­weniger als der Mensch Der Alpensegler

Haben Sie beim Überqueren eines schmalen Grates oberhalb der Baumgrenze schon einmal bemerkt, dass der Alpensegler trotz seinen senseförmigen Flügeln die Luft mehr zerreisst als spaltet? Tatsächlich gleicht der Anflug einer Formation dieser kegelförmigen Torpedos mit weissem Bauch einem Riss im stahlblauen Himmel. Dazu kommt das schrille Pfeifen.

Wer den Luftakrobaten Tag und Nacht aufmerksam beobachten würde, käme ausserdem zum unglaublichen und beunruhigenden Schluss, dass er nie ruht. Stellen Sie sich das vor! Abge­sehen vom Eierlegen und -ausbrüten macht der Alpensegler absolut alles in der Luft: essen, trinken, sich erleichtern, Federn, Blätter, Zweige und Haare für sein Nest sammeln, sich fortpflanzen und sogar schlafen! Ich bin sicher, würde die Vogeldame eines Tages auf eine einladende Wolke treffen, würde sie dort ein gemütliches Nest errichten, um ihre Eier zu legen. Damit wäre sie dem Boden endgültig ent­flogen!

Ein Ammenmärchen? Nicht ganz. Eher ist es eine Geschichte über das Schlafen mit einem Auge beim Fliegen … Nachdem das Junge aus seinem Nest ausgeflogen ist, kehrt es nicht mehr dorthin zurück und bleibt über 200 Tage lang in der Luft. Grundsätzlich gilt: Je mehr der Alpensegler fliegt, desto hungriger ist er. Und je hungriger er ist, desto mehr fliegt er. Er ernährt sich ausschliesslich von fliegenden Insekten und manchmal von Spinnen, die vom Wind weggetragen werden. An unglücklichen Tagen, an denen der Regen nicht aufhören will und die Beute am Boden bleibt, durchsegelt der Vogel Hunderte von Kilometern auf der Suche nach Futter. Wenn dann der Winter und seine unwirtlichen Temperaturen bevorstehen, überqueren unsere Segler die Alpen, den Süden Europas, das Mittelmeer und mehr als 1500 Kilometer Sahara. Ohne Zwischenstopp fliegen sie nach Äquatorialafrika oder noch weiter südlich. Im Frühling kehren sie mit den Schwalben, die ihnen so ähnlich, aber im Stammbaum weit entfernt sind, zurück, um uns den Frühling anzukünden und sich um ihre Nachkommenschaft zu sorgen.

Der Alpensegler lebt mehr als 20 Jahre, in denen er während 4000 Tagen den Boden überhaupt nicht berührt. Er schläft mit einem wachen Auge wie Delfine oder Jolly Jumper, das Pferd von Lucky Luke. In seinem Leben reist der Alpensegler vielleicht zehnmal die Distanz Erde–Mond und verschlingt, um sich diesen üppigen Energieverschleiss zu leisten, mehrere Millionen Insekten. Wie beim Albatros und bei der Schwalbe – Baudelaire hat es in einem berühmten Gedicht aufgegriffen – sind die Beine des Alpenseglers so kurz, dass es ihm schier unmöglich ist, vom Boden wieder wegzufliegen, wenn er einmal gelandet ist. Ob es sich dabei um eine Anpassung an ein Leben im Flug handelt? Oder ist es der Grund für diese Lebensweise?