Er versetzt Berge Winfried Kettler, Panoramamaler

Der Schweizer Winfried Kettler gehört in Europa zu den Stars der Panoramakarten­gestalter. ­Eine Begegnung mit dem jungen Rentner in seinem Atelier in Zofingen.

Seinen Namen kennt man nicht unbedingt. Aber wenn man nicht gerade systematisch einen grossen Bogen um die Ferienorte in den Alpen macht, hat man mit grösster Wahrscheinlichkeit schon einmal eines seiner Werke vor den Augen, unter dem Teller oder in der Tasche gehabt: Seit über 40 Jahren gestaltet Winfried Kettler Panoramakarten, die anschliessend in Form von grossen Orientierungstafeln, Tischsets oder Faltprospekten für Wanderer und Skifahrer reproduziert werden.

Der Eindruck, mitten drin zu sein

Obschon er die Bezeichnung Künstler bescheiden ablehnt und sich lieber Grafiker nennt, ist er einer der Stars der Szene in Europa. Zu seinen Kunden zählen nicht nur Dutzende von Ferienorten in der Schweiz (darunter Engelberg, Kandersteg, Zermatt, Davos, das Val d’Anniviers und der Vierwaldstättersee), sondern auch zahlreiche im Ausland, Vancouver etwa, die Provence, Gran Canaria oder Korsika.

Daraus zu schliessen, Winfried Kettler sei ein Fliessbandmaler, wäre dann aber doch falsch: Jedes Panorama ist ein eigenständiges Werk, das über Monate entsteht, und zwar mit einer beeindruckenden Detailversessenheit. Auf der Karte des Muotatals – das Original davon bedeckt fast den ganzen Arbeitstisch in seinem Atelier in Zofingen – ist jedes einzelne Haus eingezeichnet. Das Wasser der Seen und Flüsse scheint durch das Zusammenspiel der Texturen zu glitzern. Auch wenn er den Pinsel mit der Feinheit eines Florentiner Meisters einsetzt, verliert der Achtzigjährige nie das Ziel seiner Arbeit aus den Augen: den Touristen «einen Gesamtüberblick über ein bestimmtes Gebiet geben und ihnen dabei den Eindruck vermitteln, mitten drin zu sein».

Das Unsichtbare sichtbar machen

Ein gemaltes Panorama ermöglicht das Spiel zwischen innen und aussen, indem der Blick des Betrachters von oben nach unten geführt wird. Das ist einer seiner Vorteile gegenüber einer topografischen Karte. Aber der grösste Trumpf des Panoramas ist zweifellos seine Fähigkeit, Elemente sichtbar zu machen, die eigentlich unsichtbar sind: den Talboden eines abgelegenen Tals, eine Skipiste, die hinter einer Felspartie verläuft, usw. «Man kann nicht einfach draufloszeichnen, man muss interpretieren!», hält Winfried Kettler fest. Diktiert wird die Interpretation von den Bedürfnissen der Kunden, «aber man darf gewisse Grenzen nicht überschreiten, vor allem dann nicht, wenn das Panorama als Wanderkarte verkauft wird.» Im Übrigen kommt es gar nicht so selten vor, dass der Künstler Berge versetzen muss, vor allem wenn es um die Darstellung eines Skigebiets geht.

Ausnahmslos von Hand

Eines sollte man nicht haben, wenn man den Beruf von Winfried Kettler ausübt: Helikopterflugangst. «Ich habe viele Stunden in der Luft verbracht, um die darzustellenden Bereiche aus allen Winkeln zu fotografieren.» Seit rund 20 Jahren hat der in Oftringen Wohnhafte nun aber die Füsse wieder mehr auf dem Boden. «Der breite Zugang zu geografischen Informationen und das Aufkommen von Google Earth haben unsere vorgängige Recherchearbeit enorm erleichtert.»

Faszination für das Panorama

Geblieben ist, dass der Grafiker seine Panoramen ausnahmslos von Hand zeichnet. Zunächst in Form einer Bleistiftskizze, die es dem Kunden ermöglicht, sich ein Bild vom Endergebnis zu machen. «Dann male ich die endgültige Version auf Karton, mit Wasser­farben.» Erst danach wird das Werk digitalisiert, «was das jederzeitige Einsetzen von Elementen wie Schneeschuhrouten, Skiliften oder Verpflegungsstätten ermöglicht».

Der junge Deutsche war 22 Jahre alt, als er sich 1958 entschied auszuwandern. «Die Schweiz war damals in Typografie und Grafik führend, und ich bin mit dem Ziel hierhergekommen, mich ständig weiterzubilden.» Er verliebte sich in Meiringen, seine Wahlgemeinde, und ist nie wieder nach Deutschland zurückgekehrt. 1963, als er als Grafiker in einer Druckerei angestellt war, lernte Winfried Kettler das Alpinpanorama kennen und war «fasziniert».

Das goldene Zeitalter

Die Begegnung mit dem unbestrittenen Meister dieses Fachs, dem Österreicher Heinrich C. Berann, gab schliesslich den Ausschlag: «Ab 1978 arbeitete ich 100% als selbstständig erwerbender Kartenmaler.»Die Kunden – Tourismusdirektoren von Ferienorten, aber auch Hersteller von Wanderkarten sowie Bahnbetreiber – liessen nicht lange auf sich warten. Es war das goldene Zeitalter der Panoramen, und paradoxerweise besetzten nur wenige Grafiker diese Nische. Im Lauf der Jahre und nach zahllosen Aufträgen entwickelte Winfried Kettler ein besonderes Gespür für bestimmte Regionen, allen voran für das Wallis, und für bestimmte Reliefs. «­Eiger, Mönch und Jungfrau könnte ich wohl mit verbundenen Augen zeichnen!» Er kann nicht sagen, wie viele Karten er schon angefertigt hat, und verweist verschmitzt lächelnd auf die Zentral­biblio­thek in Zürich, die alle seine Originalzeichnungen auf­be­wahre.

Die Quelle versiegt

Heute nimmt Winfried Kettler nur noch gelegentlich einen Auftrag an. «Vor zwei Jahren habe ich aufgehört, als die Nationalbank den Euromindestkurs aufhob. Dieser Entscheid hat viele Kunden dazu veranlasst, ihr Budget zu kürzen.» Denn ein qualitativ hochstehendes Panorama kann leicht mehrere Zehntausend kosten.

Generell stellt Kettler fest, dass in seiner Branche eine Anpassung nach unten erfolgt. «Man merkt, dass die Leute, die Panoramen herstellen, nicht mehr genügend Zeit zur Verfügung haben.» Der Spezialist glaubt allerdings nicht, dass beim gegenwärtigen Stand der Dinge Maschinen den jungen Kolleginnen und Kollegen Konkurrenz machen. Gewiss, es gibt Computerprogramme, mit denen digitale Modelle der Landschaft hergestellt werden können, «aber das Resultat ist noch nicht befriedigend».

Winfried Kettler ist seinen Pinseln treu geblieben und hat sich für sein Rentnerdasein auf ein neues Gebiet verlegt: «Ich versuchte, Landschaften im traditionellen Stil zu malen, aber sie kamen immer als Panoramen heraus. Jetzt male ich Portraits.»

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