Erste Besteigung des Piz Frisai und Piz Ner

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Piz Ner.

3295 m = 10143 Par.F. und 3070 m = 9450 Par.F.

C. Häuser.

Von

Ich hatte es mir seit Jahren zur Aufgabe gemacht, das Exkursionsgebiet von 1863, dessen damalige offizielle Begehung noch so viele Lücken zurückgelassen, indem jetzt noch eine ziemliche Anzahl von Berggipfeln der ersten Besteigung harrt, zum vorzugsweisen Schauplatze meiner montanistischen Thätigkeit zu machen. So geschah es auch bei Formation meines Reiseplanes pro 1868, wo ich wieder mehrere, so viel bekannt unerstiegene Gipfel auf 's Korn nahm. Zuerst galt es dem Piz Frisai, dessen interessante Gestalt schon bei Besteigung des Stockgron und Piz Urlaun in den Jahren 1865 und 1866 meine besondere Aufmerksamkeit angezogen und den Wunsch, seine Jungfräulichkeit zu überwinden, in mir rege gemacht hatte.

Samstag, den 11. Juli, Morgens halb 6 Uhr, brach ich

mit meinen gewohnten Führern, Heinrich und dessen Sohn

Rudolph Eimer, von Elm auf. Um halb 10 Uhr gelangten

wir an den Hexensee, woselbst gerastet wurde. Ich

erwähne dieser, sonst allgemein bekannten Passage nur,

um einige Thatsachen zu konstatiren, welche von dem

ausserordentlichen Schneereichthum des vorangegangenen

Winters Zeugniss geben. Am obern Staffel der Alp Jaetz,

welche noch nicht bezogen war, trafen wir die Hütte und

Schweizer Alpenclub.2

den Stall Yon der Last des Schnee's eingedrückt; beim Hexensee selbst, wo bei gewöhnlichen Jahrgängen um Mitte Juli der Schnee weggeschmolzen zu sein pflegt, fühlten wir uns plötzlich in die arktischen Eegionen versetzt, ähnlich wie voriges Jahr bei Besteigung des Ruchi am Muttensee. Rings um das Wasser des Seeleins starrten Schneemauern bis zu 20'Höhe empor und ihre kompakte, kantige Struktur gab ihnen den täuschenden Anschein von schwimmenden Eisblöcken. Meinen Ausdruck der Verwunderung über diese Erscheinungen benützte der alte Eimer, um zu erwähnen, dass der Schnee des letzten Winters das Leben einer Menge von Gemsen zum Opfer gefordert habe; so seien 3 Stück todt beisammen beim Rappenbach, am Wege nach Alp Nova ( Kanton St. Gallen ) gefunden worden, ebenso eines auf der Wichlenmatt und eines beim Mauerbrückli ( Kanton Glarus ) u.a. m ., sämmtliche von Lawinen begraben. Nachdem wir uns gehörig restaurirt und dazu noch ein Mittagsschläfchen genossen, wurde um halb 12 Uhr wieder abmarschirt. Um 12 Uhr gelangten wir auf die Uebergangshöhe des Panixerpasses, wo in Folge Vereinbarung der Regierungen von Graubünden und Glarus eine interkantonale Schirmhütte für die Wanderer erstellt werden soll. Um 3V4 Uhr kamen wir in Waltenburg an und Abends wurde Quartier in Brigels bezogen, Alles ohne bemerkenswerthe Zwischenfälle.

Sonntag, den 12. Juli, Morgens 23/4 Uhr, ward bei sehr zweifelhaften Witterungsaussichten aufgebrochen. Unser Marsch ging über den Weg nach dem Kistenpass zuerst auf dem rechten, dann auf dem linken Ufer des Baches bis da, wo die beiden Bergpfade sich trennen, rechts nach der Alp Robi und dem Kisten zu, links nach der Alp Nova und dem Frisalthal. Letztere Richtung schlugen wir ein und ohne in den Alphütten Einkehr zu

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halten, erreichten wir um halb 6 Uhr die Höhe, von der man fast senkrecht zu den Fussen, tief unten das versandete Frisalthal vor sich hat, dessen Gestalt und Beschaffenheit von auffallender Aehnlichkeit mit dem nur durch die Scheidemauer des Kisten getrennten Limmernboden ist. " Während unserer halbstündigen Rast daselbst hörten wir den ersten „ Munk " pfeifen. Auch sahen wir zwei Gemsen, eine Mutter und ihr Junges, gemächlich dem Tumbif zu marschiren; später hatten wir wiederholt einzelne Repräsentanten dieser uns lieb gewordenen Hochgebirgsbewohner in Sicht.

In der Richtung zur Zahl 2414 der Exkursionskarte für 1863 und 1864 überschritten wir das Thal und gelangten um halb 8 Uhr an den Fuss des Frisalgletschers, woselbst 3/4 Stunden gerastet und restaurirt wurde. Um halb 9 Uhr betraten wir den Gletscher und banden uns an 's Seil. Der Marsch über das Eis dauerte 2 Stunden. Nach Verlassen desselben wurde das Seil abgebunden, und es begann jetzt eine etwas schwierige Partie über die sehr steilen, mit frischem, weichem, keinen Halt gewährenden Schnee bedeckten, daher schlüpfrigen Felsplatten. Unter Schneegraupeln hielten wir den Einzug auf die schmale Zinne des, so viel bekannt, noch von keines Menschen Fuss betretenen Gipfels. Es war 11 Uhr. Sofort erbauten wir zum Zeichen der Okkupation das übliche Baudenkmal. Als das Schneien nachliess, und der Nebelvorhang zerriss, stand plötzlich wie ein deus ex machina die Riesengestalt des Tödi vor unsern Augen; diese ungeahnte Verwandlung der Scene mit so grossartigem Bilde versetzte uns momentan in einen beinahe ekstatischen Zustand. Ich habe den Tödigipfel schon von so vielen Standpunkten aus gesehen, aber noch nirgends so imposant wie hier. Unser zweitnächster Nachbar, der Bifertenstock, über-

2* ragte den Frisalgipfel noch um ein Bedeutendes, zwerghaft dagegen, tief unter uns lag der Bündentödi.

Auch der Piz Urlaun ragte Respekt gebietend über uns hinaus; fast im Niveau dagegen reichte uns der alte Bekannte, Piz Tumbif, von jenseits die Hand. Das Thermometer zeigte um 12 Uhr -f- 5,4° C. Nach Norden gekehrt, senkte es sich auf 4 " 5°. " Während unseres Aufenthaltes auf dem Gipfel akkompagnirte unsere Betrachtungen intermittirendes Schneegraupeln. Um 12 V4 Uhr stieg das Thermometer wieder auf 6°, theils in Folge Aufhörens des Schnee-graupelns, theils in Folge Insolation der Umgebung; auf dem Gipfel selbst beschien uns die Sonne nie.

Unsere Absicht war, den Rückzug direkt auf den Puntaiglasgletscher, also südwestlich zu nehmen; allein bei vorgenommener Untersuchung zeigte sich der Absturz der Felswand so schroff, dass die Ausführung unsers Tor-habens sich als absolut unmöglich herausstellte. " Wir waren daher gezwungen, vorerst und für so lange, bis wir wieder auf den Frisalgletscher kamen, die ganz gleiche Linie wie im Aufsteig über die schlüpfrigen Felsplatten von dolomitartigem Kalkstein zu beschreiben. Auf dem Eise angelangt, steuerten wir direkt nach Norden, bogen um den Gipfel, derin der Exkursionskarte mit 3182 bezeichnet ist, um, veränderten also die nördliche Richtung in eine direkt westliche und sodann jenseits des Gipfels in eine südwestliche, dem Puntaiglasgletscher zu geneigte. Der Uebergang von Nord nach " West geht durch eine Furkel ( Vertiefung ), welche den unbenannten Gipfel ( 3182 ) von dem Bifertenstock ( 3425 ) trennt und ganz leicht passirt werden kann. Diese Furkel ist in der Karte nicht angedeutet, was insofern erklärlich ist, da sie wohl von keinem Standpunkte der trigonometrischen Aufnahme aus ersichtlich ist, wesshalb die ganze Koulisse vom Tumbif bis zum Bifertenstock als geschlossene Felsmasse dargestellt ist, als welche sie sich von überall her präsentirt, bis man in unmittelbare Nähe des verdeckten Couloir kommt.

Nachdem wir die Furkel passirt hatten, begrüsste uns wieder der alte Tanz von Schneegraupeln, nur dass er immer heftiger ward, so dass sich förmliche Runsen von dieser unfreundlichen Masse bildeten und über die Felswände dem Gletscherplateau zuflössen. Wie wir auf letzteres kamen, nahm der frisch gefallene Sommerschnee an Tiefe mehr und mehr zu, von 2—4 Fuss, so dass wir ordentlich Mühe hatten, uns durchzuarbeiten. Es war 3 Uhr, als wir vom Puntaiglasgletscher auf die Frontmoräne traten, gerade im Moment, als oben an den Wänden des Frisai ein Eudel Gemsen von 16 Stück defilirte. Wir marschirten noch eine Viertelstunde bis zum nächsten Zufluss des Gletscherbaches, wo wir bis 4 Uhr rasteten und die Reste unsers Proviants verzehrten. Es wehte ein schneidend kalter Wind; das Thermometer zeigte + 9, 5°. Um 6 Uhr, rückten wir in Trons ein.

So hatten wir wieder einen der unerstiegenen Gipfel der, aus der Ferne betrachtet, nicht so leicht einnehmbar scheint, dem alpinen Yerkehr übergeben, und auch bei dieser, durch die Ungunst der Witterung mehrfach erschwerten Tour hat Heinrich Eimer seinen schon oft bewährten, bewunderungswürdigen Orts- und Orientirungssinn auf 's Glänzendste bekundet.

Am Schlüsse will ich noch folgende topographische Notizen beifügen, welche für künftige Unternehmungen nicht ganz werthlos sein dürften. Ich konstatire nämlich als Resultat der von der Anhöhe auf der rechten Seite des Frisalthales am Fusse des Tumbifgletschers vorgenommenen Rekognoszirung, dass der Piz Tumbif von dieser Seite aus bestiegen werden kann, wie ich schon anno 1865 vermuthete, wo ich ihn von der Alp Tscheng aus in Angriff nahm.

Bezüglich der Kartographie ist zu erwähnen, dass die Ortsbezeichnung des Frisai in der Dufourkarte ( Blatt XIV ) vollkommen mit der Wirklichkeit üb er einstimmt. Dagegen wäre die Bezeichnung in der Exkursionskarte sehr geeignet, im Auffinden des Gipfels irre zu führen. " Während dort „ Piz Frisai " ganz richtig über der Zahl 3295 angebracht ist, findet sich hier die Namensangabe fälschlich ob der Zahl 3182. Dass sich nördlich von dem von mir bestiegenen Frisai, d.h. zwischen diesem und dem Bifertenstock, noch ein Gipfel befindet, welcher in der Exkursionskarte mit 3182 angegeben ward, stellt sich durch die örtliche Beobachtung als ganz richtig heraus, und insofern enthält also die letztere Karte gegenüber der allgemeinen Ausgabe eine Bereicherung.

Im Exkursions-Eegulativ vom Jahr 1863 ist auch der Piz Ner als unerstiegen bezeichnet, und da ich von einer seitherigen Ersteigung weder Etwas gelesen noch gehört und auch die Leute in Trons Nichts wissen wollten, zudem wir am Morgen nach der Ersteigung des Piz Frisai nicht früh genug reisefertig waren, um einen der andern in meinem Plane notirten Gipfel in Angriff zu nehmen, entschloss ich mich, an diesem Tage ( 13. Juli 1868 ) dem Piz Ner einen Besuch abzustatten. Es war bereits 7 Uhr, als wir vom Hôtel Tödi in Trons abmarschirten. Unser Weg führte bei Campliun und Campiesch vorbei nach Tal Tscheps. Um 9 Uhr überschritten wir den Bach dieses Thales und nach einstündigem Steigen kamen wir zur Hütte der Alp da Lievras ( 2084 der Exkursionskarte von 1863 ), wo wir einige Zeit pausirten. Man war daselbst eben mit einer neuen Stall- und Hüttenbaute beschäftigt. Ein Viertel vor 11 Uhr wurde abmarschirt, und nach drei Viertelstunden gelangten wir auf den letzten Easenplatz am Fusse einer ungeheuerlich imponirenden Trümmerhalde, von welcher aus wir uns etwas umsahen, um sodann noch den letzten Choc zu thun.

Wie schon aus der Karte ersichtlich, wäre der Weg durch Val Rabius zu unserm Ziele direkter und näher gewesen, worauf ich auch den Eimer beim Aufsteigen aufmerksam gemacht hatte; allein, was er damals entgegnete, bestätigte nun auch der Ueberblick hier, dass, was an der Distanz gewonnen, durch die'grössere Anstrengung in Folge stärkerer Steigung und schlechterer Beschaffenheit des Weges verloren gegangen wäre. Einen schönen Ausblick von unserm Standpunkte aus genossen wir auf die Medels-Gallinari-gruppe. Ein Viertel nach 12 Uhr wurde aufgebrochen, und es ging nun über das Trümmerfeld, das ein Bild der Zerstörung darbot, wie ich in solcher Grossartigkeit noch keines je gesehen. Es ist, wie wenn ganze Berge auseinander gesprengt und hier abgelagert worden wären, ein unermessliches Grab von all' den zahlreichen Berggipfeln, welche aus der hufeisenförmigen Erhebung hervortreten, die durch das Val Puntaiglas, das Val Gliems und das Val Rusein abgegränzt ist und von welchen Gipfeln bis dahin nur 3 benannt sind, nämlich der Piz Gliems ( 2913 ), der Piz Ner ( 3070 ) und das Mythahorn ( 2861 ). Am Fusse der Trümmerhalde waren zahlreiche Gruben zu sehen, wo menschliche Habsucht und Engherzigkeit die schlafenden Murmelthiere meuchlerisch überfallen und gemordet, so dass in der ganzen Wildniss kein Lebenszeichen dieser Thierart mehr zu hören ist, und die Ruhe des Friedhofs das Ganze beherrscht, bis sie durch das Spiel der rohen Naturkraft unterbrochen wird. Das Trümmerfeld besteht aus Granitblöcken von allen Nuancen und hat eine Mächtigkeit von Hunderten von Fussen nach der Tiefe. Ist man weiter nach Norden vorgedrungen, so hört man in

ungemessenem Abstand zu Fussen ein dumpfes Rauschen des Wassers, welches den Abfluss des Gletschers bildet und vor Jahrtausenden in offenem Rinnsal dem Thale zufloss, dann aber durch die geborstenen Felsensplitter für immer zugedeckt wurde. Dieses unterirdische Getöse erhöht nicht wenig den Ton der Melancholie, der über der ganzen Wildniss ruht. Um 1 Uhr gelangten wir unten an 's Schneefeld, welches den Auslauf des Nergletschers bildet; hier wurden die Kamaschen angezogen und das Auge mit Brille und Schleier gegen den Lichtreflex geschützt. Der Gletscher selbst bildet eine schiefe Ebene, ohne irgend einen Schrund, ist daher leicht und sicher zu begehen. Auf dem Joch ob 2866 angelangt, konnte ich mir das Vergnügen nicht versagen, eine Diversion an den Rand desselben zu machen, um den Schauplatz der Aktion von gestern nochmals zu überblicken. Imposant stellte sich zu oberst der Frisai, aber Alles überragt an Grosse und Majestät das Tumbifhorn. Wir suchten nun dem Gipfel von Südosten beizukommen; es war eine Kletterpartie, die weniger schwierig als wegen der fort und fort sieh ablösenden Steine gefährlich zu unternehmen ist.

TJm 31/4 Uhr standen wir auf dem Gipfel, der aus ganz lose über einander liegenden Felsblöcken besteht. Diese Blöcke sind mit schwarzen Flechten überzogen, und daher kommt wohl der Name Piz Ner ( schwarzer Berg ). So haben wir hier wieder einen frappanten Gegensatz von Schaffen und Zerstören vor unsern Augen. Durch die zernagende Kraft der Atmosphärilien wird zunächst die kompakte Masse der Felsen gespalten und zertrümmert; nun versuchen sie ihre Kraft, wie früher am Ganzen, so jetzt an den einzelnen Theilen; durch Jahrtausende lange Verwitterung wird auch der Granit zur Aufnahme der Vegetation tauglich gemacht, und es siedeln sich auf den getrennten Blöcken die Repräsentanten der untersten Stufen des Pflanzenreiches, die Flechten und Moose, an, deren Samensporen auf den Flügeln des " Windes daher-getragen werden.

Unsere Ankunft auf dem Gipfel wurde Yon den Sennen in der Alphütte Yon da Lievras mit Jauchzen und Alphornblasen begrüsst, welchen Gruss wir durch einen gemeinsamen Jodler erwiederten. Bei diesem Anlasse entdeckte ich ein interessantes Echo: vom obern Mythahorn wird der Schall zuerst zurückgeworfen, in gewöhnlicher Starke; dann wird er zum zweiten Mal vom untern Hörn zurückgegeben, aber in geschwächter Intensität.

Die Aussicht vom Piz Ner ist nach Ost und Süd bis Südwest eine prachtvolle, dagegen von West bis Nord durch höhere Berge beschränkt, wofür indess der Standpunkt mitten in einer grossartigen Hochgebirgs- und Gletscherwildnis s entschädigt.

Der Glanzpunkt des Panoramas ist das Gebirgsrevier am Brunnigletscher, dann die Bergkette des Düssistock, Catscharauls, Stockgron, Porphyr, Urlaun, Bündnertödi, Bifertenstock, Frisai, Tumbif, dann die Gruppe Medels-Ga-linari. Den Tödigipfel konnten wir nicht sehen, weil er in Wolken gehüllt war. Von Tavetsch südwärts präsentirt sich eine ganze Reihe fast gleich hoher Berge genau wie die Form eines Zeltlagers. Dieser Wechsel der Perspektive ist es, der jeder Bergbesteigung,, wenn sie auch bloss den Genuss des Prospektes bezweckt, ihren eigenthümlichen Reiz gibt. Es ist frappant, wie oft von einem Gipfel zum andern, auch bei verhältnissmassig geringer Differenz in Höhe und Entfernung, die Gruppenge-staltung sowohl als die Erscheinungsform der Individualitäten wechselt. Ein solches Beispiel beobachtete ich gerade in diesem Fall zwischen Piz Frisai und Piz Ner.

Zwischen dem letztern und Piz Gliems sind noch mehrere Gipfel ohne Namens- und Höhenangabe.

Nachdem wir ein Steinmannli errichtet und unsere Anwesenheit durch die obligate Flasche und Wahrzeddel des Genauem dokumentirt hatten, rüsteten wir uns zur Abreise. Das Wetter hatte sich während unseres Aufenthaltes ungünstiger gestaltet, trotzdem dass zwei Alpendohlen über unsere Köpfe wegflogen, deren Erscheinen der alte Eimer sonst als günstiges Augurium deutete. Ueber dem Kanton Uri hingen schwarze Gewitterwolken, zweimal vernahmen wir das Rollen des Donners, über Obersaxen schwebte ein Regenbogen. Es war 43/4 Uhr, als wir abmarschirten. Die Temperatur der Luft stand auf + 6,5° C. Es fing an, einige leichte Regentropfen zu werfen, und bald war der Horizont in Wolken gänzlich verhüllt. Unser Abstieg bewegte sich zuerst in nordöstlicher, dann in westlicher Richtung dem Yal Gliems zu.

Als topographische Notiz diene die während dieses Ganges gemachte Beobachtung, dass der Uebergang vom Ilems- auf den Puntaiglasgletscher in drei verschiedenen Richtungen bewerkstelligt werden kann, nämlich: 1. vom Auslauf des erstem direkt nach Osten vordringend, den Gipfel des Piz Ner im Norden flankirend und am Auslauf des Puntaiglasgetschers mündend; 2. der mittlere bei Punkt 2817 der Exkursionskarte vorbei; 3. der nördlichste, von dem vorigen durch eine lang gezogene, schmale Felsrippe geschieden.

Um 5S/| Uhr gelangten wir zu einer zerfallenen Schäferhütte ( „ Figler " ) bei Punkt 2596 der Karte, südlich des Piz Arat auf der rechten Thalseite des Yal Gliems, ca. eine Viertelstunde von der Mündung des Gletschers entfernt. Da wir vor hatten, am folgenden Tage den Porphyr in Angriff zu nehmen, hatten wir Veranlassung,

die Wünschbarkeit der Errichtung einer Clubhütte an dieser Stelle in 's Auge zu fassen und schenkten dem Gegenstand in verschiedener Richtung unsere Aufmerksamkeit. Zum Ersätze jenes „ Figlers " war einige Minuten thalabwärts entfernt ein neuer erstellt, in welchem wir gegen den mittlerweile eingetretenen Regen nothdürftigen Schutz fanden und aus dem vorhandenen Holzvorrath ein Feuer anzündeten. Der Inhaber desselben, welcher hoch oben in den Flühen die Schafe hütete, durch den aufsteigenden Rauch aufmerksam gemacht, kam ebenfalls herbei und setzte dann mit uns die Reise nach der Alp Rusein fort, da seine Behausung von solcher Beschaffenheit ist, dass er es vorzieht, täglich eine Stunde hinab- und 2 Stunden hinaufzusteigen, um in der Ruseinhütte übernachten zu können! Wer den Zustand der letztern kennt, mag sich daraus einen Begriff machen von der Qualität jener Thierhöhle, die man dem armen Manne, neben einem erbärmlichen Hüterlohn, als Wohnstätte angewiesen hat. Die Gesellschaft des Schäfers bot uns Anlass, im Hinuntersteigen eine Beobachtung zu machen, die nicht wenig unser psychologisches Interesse anregte. In schwindelnder Höhe marschirte seine Heerde in geschlossener Kolonne, mehrere hundert Stücke, eines nach dem andern, einer unberechtigten Weide zu. Wie der Schäfer dies wahrnahm, avertirte er die Gesetzesübertreter mit einigen gellenden Pfiffen und brachte sie also zum Stehen. Nun rief er ihnen einige romanische Brocken zu und vermochte sie dadurch zur Umkehr auf den Pfad der Tugendgewiss ein interessantes Beispiel, wie sehr durch bloss moralischen Zwang ein Mensch den Instinkt von mehrern hundert Thieren, welche offenbar der Mangel an Nahrung zu ihrer Diversion verleitet hatte, zu beherrschen vermag! Um 7 Uhr langten wir in der Hütte am mittleren Staffel der Alp Eusein ( 1841 m ) an und bezogen daselbst an bekannter Stätte unser Nachtquartier, wohl befriedigt mit den Ergebnissen der heutigen " Wanderung.

Nachdem die Sennen ihre Arbeiten beendigt hatten, setzten sie sich In die Runde und rezitirten in frommem Sinne einen Rosenkranz in romanischer Sprache und sodann eine Litanei in lateinischer. Nachdem die letzten Töne aus der eigenthümlichen, uns oft zum Lachen reizenden Rhythmik verklungen waren, fanden wir trotz des wenig komfortabeln Lagers bald den sehnlich erwünschten, wohlthätigen Schlaf.

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