Flußgeröll, Molasseproblem und Alpenfaltung

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Von

A. Ludwig ( Sektion St. Gallen ).

I. Auf den Kiesbänken des Rheines.

In munteren Sprüngen enteilt der Bach dem Jugendlande der Alpen und bringt, durch Zuflüsse verstärkt und zum stattlichen Fluß oder Strom geworden, der Ebene den Gruß des Hochgebirges. Seine Wassermassen erinnern uns an Gletscher und Wildbäche, die ihn einst nährten, sein Gerölle aber gibt uns mehr oder weniger sichere Kunde von den Felsen, die einst sein Bett bildeten oder hoch ihn überragten. Die Blöcke, welche die nimmer ruhenden Kräfte der Verwitterung und Erosion dem Flusse zum Transport überließen, sind im Laufe der Zeit tüchtig gerüttelt und geschüttelt worden — auch sie haben ihre Schicksale. Manche sind schon früh in hartem Kampfe im wahrsten Sinne des Wortes aufgerieben worden, nur Sand und Schlamm geben noch Kunde von ihnen. Andere waren zäher, behaupteten sich, gelangten hinab in die Ebene, vielleicht sogar in das Becken des blauschimmernden großen Sees und ruhen nun dort, bis einst durch die Zufüllung des Sees wie durch die Tieferlegung des Ausflusses der Sonntagsfrieden gestört wird und unsere Gerölle, ohnehin nur noch ein Schatten ihrer ehemaligen Größe, in erneuter Wanderung das Schicksal ihrer früher zugrunde gegangenen Genossen erleiden. Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen, und so soll es denn die Aufgabe dieses Abschnittes sein, ein wenig dem zu lauschen, was die Reisenden, d.h. die Gerölle der Alpenflüsse, uns kundzutun vermögen.

Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 45. Jabrg.

15 Wählen wir für unsere bescheidenen Untersuchungen den vielbesungenen Rhein und seine Zuflüsse bis zum Bodensee. Es ist hier keineswegs beabsichtigt, alle Gesteinsarten aufzuzählen, welche aus dem weiten, geologisch so mannigfaltigen Sammelgebiet als größere oder kleinere Gerolle auf die Kiesbänke des Rheines gelangen. Die Berücksichtigung einiger charakteristischer Hauptgesteine soll genügen. Aus einem bestimmten, später noch zu erörternden Grunde beschränkte ich mich darauf, die größte Dimension der in Frage kommenden Geschiebe zu ermitteln und zu notieren. Nur die Länge wurde gemessen, Breite und Dicke blieben, wenigstens für diese Publikation, unberücksichtigt. Es ist darum zu betonen, daß die Geschiebe mit der größten Längs-dimension nicht notwendigerweise zugleich auch die schwersten sind, daß im Gegenteil die länglichen Gerolle öfters an Gewicht hinter denjenigen zurückstehen, welche neben verhältnismäßig bescheidener Länge ansehnliche Breite und Dicke zeigen. Die Ausdrücke „ Gerolle " und „ Geschiebe " sind hier als durchaus gleichbedeutend gebraucht. Selbstverständlich habe ich jeweilen auf jeder Kiesbank mehrere Vertreter der gleichen Gesteinsart gemessen, gebe aber hier meistens nur das Maß für das größte gefundene Exemplar an, da zwischen diesem und dem Sandkorn oder Schlammteilchen die Gerolle in allen möglichen Zwischendimensionen schwanken, und es mir ohnehin nur daran lag, die Maximalwerte zu bestimmen.

Daß dies überall einwandfrei gelungen sei, will ich keineswegs behaupten. Namentlich taucht das Bedenken auf, ob in der jetzigen Hauptwasserrinne sich jeweilen nicht noch größere, der Messung nicht zugängliche Blöcke finden, als auf den Kiesbänken nebenan. In dieser Beziehung kann man jedoch wenigstens da beruhigt sein, wo man auf frühere, momentan vom Wasser verlassene Rinnen stößt. Fast überall sind die Gewässer korrigiert, die natürlichen Bedingungen zur Bildung von Kiesbänken mehr oder weniger aufgehoben. Gießt dann noch unendlicher Regen herab, wie es im Sommer 1909 oft der Fall war, und die Bäche, die Ströme schwellen, und man kommt ans Ufer mit wanderndem Stab, bezw. Metermaß, so ist oft herzlich wenig auszurichten. Und da es sich meistens nur um einen kurzen, einmaligen Besuch handelt, so sind die gefundenen Maßzahlen mit einiger Vorsicht aufzunehmen. Andere Besucher könnten vielleicht zu Resultaten gelangen, die um mehrere Centimeter verschieden sind, in einzelnen Fällen sogar um Dezimeter differieren. Immerhin hoffe ich, die in der vorstehenden Arbeit gezogenen Schlüsse entbehren nicht einer möglichst gewissenhaften Begründung, wenn auch in der Folge da und dort das Beobachtungsmaterial Korrekturen erleiden dürfte.

Beginnen wir nun mit den einzelnen Lokalitäten, wobei wir uns flußaufwärts bewegen.

Altenrhein am Bodensee. Wir treffen hier die alte, jetzt nur noch mit totem Wasser erfüllte Mündung des Rheines in den Bodensee. Das Bett selbst war bei meinem Besuche nicht zugänglich, doch ermöglichte die hier in bedeutendem Maße betriebene Kiesgewinnung einige Beobachtungen.

Alpine Silikatgesteine sind sehr zahlreich und fallen auf den ersten Blick in die Augen. Dennoch machen sie bei weitem nicht etwa die Hälfte der Gerolle aus, sondern vielleicht nur y ». Bei einer Zählung würde man vermutlich nicht einmal dieses Verhältnis erreichen, aber man darf nicht vergessen, daß ein Teil der sehr zahlreichen gewöhnlichen weißen Kieselsteine aus Quarzitadern des Urgebirges stammen kann.

Die größten Urgebirgsgerölle erreichen bei Altenrhein ( Eheinmündung ) durchschnittlich eine größte Dimension von 9-10 cm. Das größte dort gefundene Silikatgestein, ein zäher Biotitgneis, erreichte eine Länge von 16 cm. Grünliche Hornblendegesteine ( Hornblendeschiefer nach Studers Index der Pétrographie ) sind sehr zahlreich. Man darf aus dem Namen „ Hornblendeschiefer " nicht etwa den Schluß auf ein ziemlich weiches, leicht verwitterndes Gestein ziehen; es sind im Gegenteil sehr zähe, widerstandsfähige Gerolle, bei welchen — gewiß ein Beweis für außergewöhnliche Festigkeit — die Schieferung sehr oft in starkem Winkel die Längsrichtung schneidet, ähnlich wie bei Holz, welches nicht der Faser nach gearbeitet ist.

„ Ich sehe einige, die nicht da sind ", ist man auszurufen versucht, wenn man das Rheingeröll bei Altenrhein eine Zeitlang gemustert hat. Wir vermissen die schönen Granite von Punteglias und Julier-Albula; es fehlt auch der grünglimmerige Adulagneis. Vorwiegend sind Hornblendeschiefer und Gneise aus der Silvrettagruppe; auch der gneisartige Verrucano aus dem Vorderrheintal scheint den Transport ziemlich gut zu vertragen.

Ein für allemal sei hier bemerkt, daß für den Zweck unserer Untersuchung vornehmlich die Maßzahlen der Urgebirgsgerölle ins Gewicht fallen. Die Sedimentgesteine sind weniger maßgebend, weil sie aus der Nähe stammen können und nach ganz kurzem Transport eine das übrige Geröll übertreffende Größe haben beibehalten können. So fallen bei Altenrhein die aus der Nähe kommenden miocänen Sandsteine durch verhältnismäßig ansehnliche Größe sofort auf.

Freilich kann auch für die inneralpinen Silikatgesteine die Messung nicht unter allen Umständen wegleitend sein, nämlich dann nicht, wenn sie aus benachbarten Moränen stammen und also nach langem Gletschertransport und nur kurzem Flußlauf in die betreffende Kiesbank gelangt sind. Solche Zufälle lassen sich eben nicht vermeiden, sind jedoch verhältnismäßig ziemlich selten ( lokal jedoch mitunter häufig ) und lassen sich nach gebührender Würdigung aller Verhältnisse meistens ausschalten.

Statt der langatmigen Bezeichnungen „ kristallinische Gesteine, Feld-spatgesteine, alpine Silikatgesteine, zentralmassivische Gesteine etc. " soll hier meistens der in neuerer Zeit wieder in Aufnahme gekommene Ausdruck „ Urgebirge " ( resp. Urgebirgsgerölle ) angewendet werden. Der gneisartige Verrucano, obwohl vermutlich sedimentären Ursprungs, soll darin inbegriffen sein.

Rheineck-Gossau. Durchschnittliche Größe der größten Gerolle 11 bis 12 cm.

Bei den folgenden Lokalitäten sollen zunächst allgemein die Maximalzahlen für Urgebirgs- und Sedimentgerölle und hierauf diejenigen für bestimmte Gesteine angegeben werden.

St. Margrethen. Altes Eheinbett unmittelbar beim Beginn des Fußacher Durchstiches:

Urgebirge 19, Sedimente 20 — 23, Rofnagestein7, grüner Schiefer 13, Gabbro 4, Serpentin 5.5, Ophicalcit 7.5, Silvrettagneis 15 —16 ( in dieser Größe nicht selten, 19 ein einziges Exemplar ), roter Verrucano 15, roter Hornstein 13, Rauchwacke 9, Molassesandstein ( aus der Nähe ) 23 cm.

Was mir schon bei Altenrhein aufgefallen war und was ich anfänglich einem Beobachtungsfehler zuzuschreiben geneigt war, bestätigte sich bei St. Margrethen: en fehlen Punteglias- und Albulagranü, sowie der Adiilaçineis.

Ende des Fussacher Durchstiches. Die neue Rheinmündung, von welcher man einen ungemein malerischen Blick auf die Gegend von Hard genießt, ist für die Beobachtung des Gerölles leider sehr ungünstig.

Urgebirge 17, Sedimente 19.

Roter Verrucano 11, Roter Hornstein 10, Kieselkalk ( Neocom ) 10, Rauchwacke 6, 5, Gneis 17, Serpentin 7.

Bei etwas niedrigerem Wasserstande läßt sich hier vielleicht mehr beobachten, doch wahrscheinlich niemals so bequem wie im alten Rheinlauf zwischen der Holzbrücke St. Margrethen-Höchst und der Eisenbahnbrücke St. Margrethen-Bregenz.

Bei Hard tritt am Seestrande plötzlich sehr grobes Geröll auf, herrührend von der Dornbirner- und Bregenzerach.

Oberriet-Meiningen, Illmündung. Im Illbett selbst findet man bei dem Steg nicht weit oberhalb der Mündung:

Urgebirge 31, Sedimente 34.

Gneis 19 — 31, Hornblendeschiefer 16 —19, Serpentin 7, roter Sandstein 19, roter Verrucano 18, roter Liaskalk 15, Sulzfluhkalk 8 cm., Breccie ( Lias oder Eocän ?) 18, Nummulitenkalk 13, Rauchwacke 9, 11, 15 cm.

Hauptdolomit ist sehr häufig, wie zu erwarten. Hornblendegesteine aus dem Silvrettagebiet sehr zahlreich. Diese grünen Gesteine fallen namentlich an den von seichtem Wasser überflossenen Stellen sehr ins Auge. Überhaupt ist das Illgeröll sehr reich an Urgebirgsgeschieben.

Oberriet, Rheinbett unterhalb der Illmündung.

Auf der rechten Seite findet man zunächst noch auffallend viel grobes Gerolle, und es scheinen sich Illkies und Rheinkies erst nach geraumer Zeit zu vermengen. Das grobe Geröll der rechten Seite hält an bis zur Holzbrücke Oberriet-Meiningen.

Urgebirge 25, Sedimente 50.

Serpentin 12, Gneis 25, Glimmerschiefer mit Granaten 13, Kalk 36-50 cm ., roter Liaskalk 20, Korallenkalk 15.

Oberriet, Rheinbett oberhalb der Illmündung.

Dafi an der Vereinigungsstelle der Nebenfluß das gröbere Gerolle mit sich bringe, als der Hauptfluß, war theoretisch zu erwarten, und es zeigt sich denn auch in der Tat im Rheinbett oberhalb des Zusammenflusses das Geschiebe viel feiner, als dasjenige der Ill. Der Unterschied tritt nicht sowohl in den Maximalzahlen der Gerolle, als in der im Rheinkies viel kleineren Anzahl grober Gerolle hervor.

Urgebirge 27, Sedimente 29.

Granit 27, Gneis 20, gneisartiger Verrucano 16, Diorit 11, grüne Schiefer 13, Serpentin 10, Ophicalcit 10, Gabbro 9, Rofnagestein 7, Gault ( mit Versteinerungen ) 25, Verrucano-Konglomerat 15, roter Sandstein 12, roter Hornstein 12, Kalke ( aus der Nähe ) bis 29.

Die Sedimente wiegen sehr stark vor; die Urgebirgsgerölle dürften kaum J/io der Gesamtzahl betragen. Da auch hier die Granite von Punteglias und Julier-Albula ( von einem sehr zweifelhaften Stück Albulagranit sehe ich hier ab ), sowie der Adulagneis fehlen, so wurde die Frage, wo denn eigentlich diese Gesteine auftauchen werden, nachgerade sehr interessant. Die nächste untersuchte Lokalität löste endlich diese Spannung.

Buchs. Oberhalb der Holzbrücke Buchs-Schaan fand ich folgende Zahlen:

Urgebirge 24, Sedimente 37 cm.

Puntegliasgranit IG —18-24, andere Granite ( weißlich ) aus dem Vorderrheintal 22, Syenit-Diorit llYä, Albulagranit 6-13 cm ., schwarzgrüner Serpentin 12-15-18, Gabbro 11, Gneise 20-24, Kalke 35-37, roter Hornstein 17 cm.

Da also hier die vermißten Granite endlich auftreten, und zwar in verhältnismäßig ansehnlichen Größen, während sie noch bei Oberriet gänzlich zu fehlen scheinen, so dürfen wir wohl annehmen, daß die letzten Stücke von Punteylias- und Albulagranit etwa in der Gegend von Sales bis Rüti sich finden. Zugleich ergibt sich daraus, wenigstens für den Puntegliasgranit, der Schluß, daß dieses Gestein, nachdem es einmal auf eine gewisse Größe hinabgesunken, beim weiteren Flußtransport sehr rasch zerfällt. Damit stimmt die Beobachtung, daß der Puntegliasgranit in den fluvioglazialen Ablagerungen der Nordschweiz so ungemein selten ist, während er doch in Form von größeren erratischen Blöcken ziemlich häufig auftritt und als Leitfündling des eiszeitlichen Rheingletschers allbekannt ist.

Landquart. Unterhalb der Landquartmündung in den Rhein: Hornblendeschiefer 75, Serpentin 40, Gabbro 16, Puntegliasgranit 24, Albulagranit 23, Hornstein 20.

Regen, Hochwasser und der Verlust einiger Notizen verschulden die Dürftigkeit dieser Angaben. Mit Sicherheit läßt sich immerhin sagen, daß die Landquart ein weitaus gröberes Gerolle bringt als der Rhein, ähnlich wie es für die 111 bei Meiningen zu konstatieren war.

Zizers. Auf den Kiesbänken in der Nähe der Station:

ürgebirge 58, Sedimente 50.

Diorit 34—58, grünlicher Granit ( Vorderrheintal ?) 45, Puntegliasgranit 34, Albulagranit 26, Taspinit 23, schwarzgrüner Serpentin 31, Ophicalcit 27, Kalke 45—50, roter Verrucano 31 — 34—43, grüner Verrucano 31, roter Hornstein 29 — 35.

Während die Landquart dem Rhein bis 75 cm. lange Gerolle aus der Silvrettagruppe zufuhrt, bleiben die Zahlen bei Zizers beträchtlich hinter diesem Maß zurück, und schon der erste oberflächliche Blick zeigt uns die feinere Beschaffenheit des Rheinkieses bei Zizers verglichen mit demjenigen unter der Landquartmündung. Die Gerolle des Punteglias-granites sind mitunter von ausgezeichneter Schönheit, wahre Kabinettstücke.

Chur, Rhein bei der Plessurmiindung.

Ürgebirge 60, Sedimente noch größer.

Puntegliasgranit 30—42, Albulagranit 30, roter quarzreicher Verrucano 56, Ophicalcit 30 cm.

Die Plessur ist sowohl im kanalisierten Bett, wie an der Mündung zur Beobachtung ungünstig. ( Ahnliches gilt von der Landquart. ) Die Plessur transportiert Blöcke bis 1 m. Länge; Serpentin ( schwarz ) findet man sofort in ihrem Gerolle, roten Verrucano bis auf 58 cm ., sodann auch Albulagranit bis 40 cm. ( aus Moränen über Lenzerheide ?).

Reichenau. Höchst effektvoll vollzieht sich beim Schloß Reichenau die Vereinigung der beiden Rheine, die infolge einer letzten Krümmung des Vorderrheines wie feindlich direkt gegeneinander fließen, um sich gleich darauf in brüderlicher Umarmung zu verbinden.

Im Bett des Vorderrheines:

Urgebirge 70, Sedimente 80 cm.

Gneis 70, Diorit 51-54-58, Puntegliasgranit 27-32-56, grüner Verrucano 56, Kalk und Kalksandstein ( aus der Nähe ) SO, Kalkbreccie 48 cm.

Im Bett des Hinterrheines:

Urgebirge 63, Sedimente ( aus der Nähe ) noch größer.

Kofnaporphyr 51-63, Albulagranit 38-48, Granit56, Ta-spinit 33, Gneis 37, Ophicalcit 25, Porphyr von Bellaluna 17, roter Verrucano 30, Marmor 33.

Die Granite sind oft kugelig. Da der schwarze Serpentin bei Reichenau nahezu fehlt, während er von Chur an abwärts nicht selten ist, so ist klar, daß die Hauptmasse des Serpentins aus dem Plessurgebirge stammt. Dieser Schluß wird auch bestätigt durch die Seltenheit und geringe Größe des Serpentins in der Landquart ( beobachtet bei Schiers ).

llanz. Auf den Kiesbänken der linken Rheinseite war zu beobachten:

Urgebirge 150 ( einzige Ausnahme, sonst nicht wesentlich über 100 ).

Glimmerquarzit ( ?, woher ?) 150, Verrucano 65-100, Puntegliasgranit 84, kleinkörniger Diorit 65, andere Silikatgesteine ( Granite, Gneis-granite, Hornblendeschiefer etc. ) bis gut 100 cm., Nummulitenkalk ( mit sehr großen Nummuliten ) 37 cm.

Das Rheingeröll bei Ilanz ist der vielen verschiedenartigen Ur-gebirgsgesteine wegen von ausgezeichneter Schönheit. Glennerbett und Glennermttndung waren bei meinem Besuch für die Beobachtung nicht günstig.

Sardasca. Von einer Streiftour ins Prätigau sei hier nur der Befund von der Alp Sardasca hinter Klosters mitgeteilt.

Der junge Fluß durchfließt die kleine Ebene unter den Alphütten. Größte Gerolle 57-62 cm.

Dieses Resultat ist auffallend und interessant. Könnten wir a priori zu der Vorstellung geneigt sein, daß das Flußgeröll mit der Annäherung an das Hochgebirge immer gröber werde, so werden wir, nun mitten im Gebirge angelangt, durch die Tatsache überrascht, daß die jugendliche, aber immerhin ziemlich starke Landquart nur Blöcke von 62 cm. Maximalgröße über die Ebene von Sardasca hinauszutransportieren vermag.

Die weit größeren Blöcke zwischen Sardasca und Novai haben also nicht etwa schon einen längern Transport hinter sich, sondern stammen aus den Trümmerhalden, Bergstürzen und Wildbachschuttkegeln der beiden Talseiten, möglicherweise auch aus eiszeitlichen Moränen.

In erweiterter und verallgemeinerter Form würde der aus dem Befund bei Sardasca gezogenen Schluß etwa lauten:

Aus dem innersten Hochgebirge gelangt sehr wenig Gerolle von nennenswerter Größe in den Unterlauf des Flusses. Brächten nicht die seitlichen Bäche, Nebenflüsse und die Abspülung eiszeitlicher Moränen immer wieder gröberes Material in den Hauptfluß, so würde letzterer schon nach verhältnismäßig kurzem Laufe nur noch feines Gerolle und schließlich nur noch Sand und Schlamm führen.

Abdämmung durch seitliche Schuttkegel, wie wir sie unterhalb Sardasca beobachten, mag oft die Bildung kleiner Alluvialebenen veranlassen, indem der Fluß für längere Zeit im Tiefereinschneiden gehindert und dann zur Seitenerosion gezwungen wird, wobei auch Aufschüttung erfolgt. Sobald das Gefälle kleiner wird, nimmt die Stoßkraft des Flusses sehr rasch ab.

Beim trockenen Schuttkegel liegen die größten Blöcke unten, beim Wildbachschuttkegel mehr im obern Teil, wobei allerdings nicht ausgeschlossen ist, daß auch recht stattliche Exemplare noch ziemlich weit abwärts geführt werden, solange das Gefälle noch erheblich ist.

Genügt die Stoßkraft eines Flusses nicht mehr, um das durch seitliche Wildbäche, Schutthalden, Lawinen etc. herbeigebrachte grobe Geschiebe wegzuschaffen, so beginnt eine langsame Schuttaufstauung, eine allmähliche Erhöhung der lokalen Erosionsbasis und damit wieder eine Schwächung der Stoßkraft. Es ist dieser Vorgang vielleicht der Anfang zu der Einhüllung des Gebirges in einen Mantel seines eigenen Schuttes, von welchem es nur durch die Tätigkeit eiszeitlicher Gletscher oder durch neubelebte Erosion wieder befreit werden kann.

Thusis. Einige Beobachtungen bei Davos, Filisur und Tiefencastel übergehend, begeben wir uns gleich nach Thusis, zum Zusammenfluß von Albula und Hinterrhein.

Der Hinterrhein führt größere Blöcke als die Albula und erscheint überhaupt, mit der letztern verglichen, nur als Nebenfluß, namentlich auch bei der Vereinigung.

Durch die Flußkorrektion scheint sich die Geröllführung wesentlich geändert zu haben. Während der Hinterrhein bis zur Vereinigung mit der Albula heute gegen 2 m. lange Blöcke transportiert, zeigt das frühere Inundationsgebiet wesentlich kleineres Material, nur bis 1 m.

Im Albulabett sind Albulagranit und Verrucano ziemlich selten; es überwiegen weitaus kalkige und kieselige Gesteine aus den festeren Bänken des im allgemeinen wenig widerstandsfähigen Bündnerschiefers. Größter gemessener Albulagranitblock 80 cm. ( Ausnahme, meistens sind die Granitblöcke viel kleiner ). Der bei Filisur noch so überaus häufige Verrucano hat erstaunlich abgenommen.

Bei der Silser Eisenbahnbrücke liegt im Bett des Hinterrheins ein 3 m. langer Rofnagneisporphyr, dazu viele Kalkschieferblöcke von ebenfalls ansehnlicher Größe. Das Rofnagestein ist in kleineren Stücken gewissen Abarten des Albulagranites nicht unähnlich, ist aber meist etwas schieferig oder gequetscht. Breccien und namentlich Taspinite sind im Hinterrhein recht häufig, dagegen schien mir der Adulagneis zu fehlen. Ist es möglich, daß das Gestein eines so nahen mächtigen Massives in den Schluchten der Rofna und Viamala schon ganz zerrieben worden, oder liegt hier meinerseits ein recht grober Beobachtungsfehler vor? Das Fehlen des Adulagneises schon bei Thusis wäre gewiß eine äußerst interessante, unerwartete Tatsache.

Die dachziegelartige Lage ist bei den zahlreichen größeren Blöcken in der Nähe der Eisenbahnbrücke besonders schön zu beobachten. Sind diese Blöcke wirklich durch die Viamala gewandert, oder stammen sie aus alten Moränenmassen?

Gegen Reichenau hin wird das Material der Kiesbänke im Hinterrhein bedeutend feiner, was sich schon von der Bahnlinie aus konstatieren läßt. Man vergleiche die Messungen bei Reichenau.

Zusammenfassung. So dürftig und unvollständig die vorliegenden Beobachtungen sind, so ergeben sich doch aus ihnen folgende Schlüsse über die Geröllführung der Alpenflüsse:

1. Aus dem innersten Hochgebirge gelangt das durch den Fluß transportierte Gesteinsmaterial größtenteils in Form von Sand und Schlamm und nur zu einem kleinen Teil als gröberes und feineres Gerolle hinab in den Unterlauf, bezw. in die großen alpinen Randseen.

2. Die Stoßkraft ( Transportkraft ) des Flusses hängt in erster Linie vom Gefälle, in viel schwächerem Maße von der Wassermenge ab.

3. Bei der Vereinigung führt der Nebenfluß in der Regel das gröbere Gerolle als der Hauptfluß, und es erhält letzterer dadurch jedesmal gleichsam eine „ Geröllauffrischung ".

4. Die Widerstandsfähigkeit der Gesteine beim Flußtransport ist sehr verschieden. Weichere Gesteine verschwinden schon nach sehr kurzem Transport, der nur auf wenige Kilometer oder gar nur auf Bruchteile eines Kilometers sich erstreckt. Für harte, widerstandsfähige Gesteine ( z.B. Hornblendeschiefer, Gneis, Diorit, die verschiedenen Granite, Ophicalcit, Serpentin, Quarzit, Kieselkalk etc. ) ergibt sich eine Größenabnahme, die je nach dem Gefälle für den Kilometer Flußlänge von O.ö—I .» cm. schwankt, für die zähesten ( die vielleicht nicht notwendig die härtesten zu sein brauchen ) noch unter O.s cm. zurückbleibt.

5. Genügt die Stoßkraft eines Flusses zur Wegschaffung der gröberen Geschiebe nicht mehr, so bildet die dadurch bedingte, rückwärts sich geltend machende Schuttaufstauung den Anfang zur Einhüllung des Gebirges in einen Mantel seiner eigenen Trümmer.

Untersuchungen des Flußgerölles sind an und für sich nicht ohne Interesse, können uns aber auch zur Entscheidung anderer Fragen wichtige Dienste leisten.

Wie aus dem großen Werke von Pencil und Brückner, „ Die Alpen im Eiszeitalter ", zu ersehen ist, finden sich namentlich am Ausgange der östlichen und südlichen Alpentäler Schottermassen, welche von den einen Forschern für fluvioglaziale Ablagerungen, von den andern für ober-pliocänes, resp. präglaziales Flußgeröll gehalten werden. Das Studium des heutigen Flußkieses jener Gegenden und Vergleichung mit den in Frage stehenden Schottern muß mit Sicherheit eine Entscheidung ermöglichen. In der gleichen Gegend wird das nämliche Gestein in fluvioglazialen Ablagerungen stets in größeren Gerollen auftreten, als im Flußkies.

So finden wir z.B. in den festverkitteten Schottern bei Bischofszell oder im Deckenschotter des Stammheimerberges Hornblendeschiefergerölle, welche die im Rheinkies bei Altenrhein und Fußach gefundenen Gerolle des nämlichen Gesteins an Größe bedeutend übertreffen, und sind darum sicher, daß es sich um Ablagerungen aus dem Eiszeitalter handeln muß.

Allerdings nimmt auch in der Grundmoräne die Größe der Geschiebe mit der Entfernung bedeutend ab, aber doch nicht so rasch wie beim Flußtransport.

Aber noch viel bedeutungsvoller sind die Schlüsse, welche uns die Untersuchungen des Flußkieses über die Herkunft der tertiären Nagelfluh gestatten. Die vorliegenden Beobachtungen treten dadurch indirekt in Beziehung zu den tiefsten und schwierigsten Problemen der Geologie, denjenigen der Gebirgs- und Talbildung.

II. Molasseproblem und Alpenfaltung.

1. Die Herkunft der Tfagelfluh.

So nahe den Alpen und doch in ihrem petrographischen Charakter nicht mit diesen übereinstimmend, stellenweise in ungeheurer Mächtigkeit ( über 4000 m .) auftretend und nicht weit davon gleich wieder fast oder ganz aussetzend, mit überraschenden, fast unerklärlich scheinenden Übergängen von kalkiger zu bunter Zusammensetzung, ist die subalpine miocäne Nagelfluh ein wunderbares Gebilde. Fremdartig, „ exotisch " sind nicht nur ihre mehr an den Schwarzwald oder an die Zone Baveno-Lugano erinnernden Granite, Porphyre etc., sondern auch zum großen Teil die Sedimentgerölle mit ihrer austroalpinen Fazies, die mit den nordschweizerischen Kalkalpen helvetischer Fazies so stark kontrastiert.

Die Herkunft des rätselhaften Konglomerates wurde auf verschiedene Weise erklärt. Die einen Forscher ließen die Gerolle aus der Nähe kommen ( Studer, Bachmann, Heer, Baltzer, Frey, Quereau u.a. ), und die von Bernhard Studer aufgestellte Theorie von dem teils abgetragenen, teils versunkenen und bei der letzten Alpenfaltung von den Kalk- und Flyschketten überdeckten Randgebirge ist bekannt und berühmt geworden.

Die andere Richtung ( Escher, Gutzwiller, Früh, Heim u.a. ) ließ die Nagelfluh aus weiter Ferne durch Flußtransport an ihre heutige Stätte gelangen und stützte sich dabei auf die Übereinstimmung vieler Nagelfluhgerölle mit dem Trias-Liasgebirge Vorarlbergs, des östlichen Graubündens und mit dem Eruptivgebiet von Westtirol bis zum Langensee. Früh, dem wir besonders eingehende petrographische Untersuchungen der Nagelfluh verdanken, hat in seiner gekrönten Preisschrift I ) die weite Herkunft aus Süden und Südosten einläßlich zu begründen versucht; im übrigen betont er jedoch, daß auch Gerolle helvetischer Fazies häufiger vorkommen, als man gewöhnlich annimmt.

Die Anhänger der modernen Deckentheorie huldigen verschiedenen Ansichten. Während die einen ( Schardt, Steinmann und Schmidt ) die Nagelfluh aus den fast fertigen, nahezu an ihren heutigen Ort gelangten Klippendecken sich bilden lassen, betont Arnold Heim, daß die Bildung der Nagelfluh älter sei als die Klippenüberschiebungen, und daß die Mehrzahl der Nagelfluhgerölle gar nicht von Klippengestein herrühre. Er scheint eher für eine direkte Herkunft vom Südrande der Alpen einzustehen.

Seltsamerweise haben die Forscher, welche für ein weit entlegenes südliches und südöstliches Stammgebiet eintraten, niemals die Frage aufgeworfen, ob es überhaupt möglich war, daß rote Granite, Porphyre und andere massige Gesteine jemals von Baveno-Lugano oder aus dem Etschgebiet als Gerolle nach der Nordostschweiz ( Gäbris, Kronberg, Hörnli etc. ) gelangen konnten oder ob sie nicht schon lange vorher zu Sand und Schlamm zerrieben werden mußten. Unsere Untersuchungen der Geröllgröße im Rheinkies geben genügende Anhaltspunkte, um diese Frage zu entscheiden.

Die Größe der Nagelfluhgerölle ist nicht nur im Speergebiet, sondern selbst noch auf dem nördlichen Flügel der großen nördlichen Mo-lasse-Antiklinale eine recht ansehnliche. Der Bau der Bodensee-Toggen-burgbahn hat da und dort schöne Entblößungen der übrigens auch sonst mancherorts leicht zu beobachtenden bunten Nagelfluh der Zone St. Gallen-Hörnli geschaffen, z.B. bei den neuen Bahnhöfen Bruggen-Haggen und Herisau. Bei Bruggen zeigte der größte rote Nagelfluhgranit, den ich auffinden konnte, eine Länge von 30 cm ., das größte Kalkgerölle 34 cm ., bei Herisau der größte Granit 34, das größte Kalkgerölle 35 cm. Das sind Maximalgrößen, aber Gerolle von 20—30 cm. sind schon recht häufig und wurden für die Steinbetten der beiden genannten neuen Bahnhöfe benützt.

Bedenken wir nun, daß im heutigen Rheingeröll bei Zizers der größte Puntegliasgranit 34 cm. erreicht [ca. 50 km. vom Stammorte Val Punteglias-Val Frisai entfernt1)] und daß der Albulagranit bei Zizers ( ebenfalls zirka 50 km. von seinem Stammgebiet Albula-Julier-paß entfernt ) nur noch in Stücken von höchstens 26 cm. Länge vorkommt, und daß beide Granite schon zwischen Buchs und Oberriet als Gerolle verschwinden, so gelangen wir, ungefähr gleiche Festigkeit der Nagelfluhgranite vorausgesetzt, zu folgendem Resultate:

Der Stammort der roten Granite bei Herisau und Bruggen kann nicht weiter als höchstens 50 km. von diesen Orten entfernt gewesen sein.

In Wirklichkeit mußte die Entfernung noch weit geringer sein, denn die Gerolle sind jedenfalls auch durch die Brandung bearbeitet worden, waren also größer, als sie schon an ihrer heutigen Lagerstätte angelangt waren, und zudem stimmen die kristallinischen Gesteine der Tödikette ( bezw. des Aaremassives ) und der Silvrettagruppe, auf welche die angegebene Entfernung annähernd passen würde, durchaus nicht mit denen der miocänen Nagelfluh überein. Das Stammgebirge der letztern mußte also nördlich von den beiden genannten heutigen Alpengruppen liegen. In erweiterter und verallgemeinerter Form lautet darum der oben gezogene Schluß:

Die roten Granite, Porphyre etc. der miocänen Nagelfluh Können unmöglich durch Flusse aus der Zone EtscMal-Engadin-Lugano-Baveno hergebracht worden sein. Sie hätten bei dieser enormen Entfernung niemals in Gerollen von mehr als 30 cm. Länge in die Nordostschweiz gelangen können, sondern wären schon längst vorher eu Sand und Schlamm zerrieben worden. Das Stammgebirge der Nagelfluh mußte in der Nähe des heutigen nördlichen Alpenrandes liegen.

In ähnlichem Sinne sprechen außer dem oben geführten Beweis ncch zahlreiche andere Tatsachen, welche dartun, daß die Herkunft der Nagelfluh sogar noch lokalisierter gedacht werden muß, als es die obigen Ausführungen schließen lassen.

Warum treffen wir beim Aufstieg über die Petersalp urplötzlich einen scharfen Wechsel von kleinkörniger Kalknagelfluh zu grober bunter Nagelfluh? Warum enthält die Speernagelfluh fast nur Kalkgerölle? Warum ist in der Gegend von Krummenau die Nagelfluh östlich der Thur bunt, westlich dagegen fast reine Kalknagelfluh? Warum enthält die bunte Nagelfluh der Zone Kronberg-Hochalp teilweise andere kristallinische Gerolle, als die ebenfalls bunte Zone St. Gallen-Hörnli? Warum finden sich in der Nagelfluh des Sommersberges Nummuliten-kalkgerölle in ganz ungewohnter Häufigkeit? Warum läßt sich von Abtwil bei St. Gallen bis nach Feldbach am Zürichsee die eigentümliche klein-körnige Degersheimer Kalknagelfluh ( auch Appenzellergranit genannt ) ununterbrochen verfolgen, während sie sonst nirgends auftritt? Und warum schiebt sich zwischen den Nagelfluhgebieten St. Gallen-Hörnli und Gäbris-Hundwilerhöhe-Hochham eine Sandsteinzone ein?

Antwort: Weil die Nagelfluh durchaus lokaler Herkunft ist und ihr Stammgebirge ungefähr da lag, wo heute die Nagelfluh selbst liegt. In den Nagelfluhzonen schimmert die Gebirgskonfiguration der Miocänzeit heute noch durch. An langgestreckte Gebirgsinseln, ganz ähnlich den heutigen Dalmatischen Inseln, hat man zu denken.

Wäre die Nagelfluh durch lange, weitverzweigte Flüsse aus dem entfernten Süden und Südosten hertransportiert worden, so müßte sie weit gleichmäßigere Ausbildung zeigen. Die soeben angeführten Tatsachen, die scharfen Wechsel in der petrographischen Beschaffenheit wären alsdann unerklärlich.

Die Nagelfluh ist eben zum größern Teile gar kein Flußgerölle, sondern das Resultat der Küstenbearbeitung durch die Brandung.

Damit sind wir wieder beim Studerschen Randgebirge angelangt, das keineswegs ein Phantasiegebilde ist, sondern wirklich existiert hat, jedoch archipelartig gebaut und merklich breiter war, als Studer es sich vorstellte. Reste dieses Gebirges liegen uns vor in den Ungeheuern Nagelfluhmassen, in den exotischen Blöcken im Flysch, in den Klippen, in den Freiburger- und Chablaisalpen 1 ). Der kristalline Sockel des Studerschen Randgebirges ( des vindelizischen Gebirges Gümbels ) liegt unter der subalpinen Molasse begraben. Die gewaltige Zahl der bunten Nagelfluhgerölle kann nicht etwa nur aus den exotischen Blöcken im Flysch hergeleitet werden, sondern ist nur durch die Abtragung eines ganzen Gebirges zu erklären.

Daß die fremdartigen Granite, Porphyre etc. der Nagelfluh nicht etwa aus dem Schwarzwald stammen können, zeigte mir die BetrachtungÜber die besondere Stellung der Freiburger- und Chablaisalpen siehe „ Bild und Bau ", Seite 36.

des Wutachgerölles zwischen Schleitheim und Stühlingen. Nicht nur sind die Gesteine trotz der für die roten Granite großen Ähnlichkeit doch von verschiedenem Typus, sondern auch die maximale Geröllgröße bei Stühlingen ( 40 cm. für die Granite ) ist zu gering, als daß von hier aus einst Flußgeschiebe in annähernd derselben Größe nach St. Gallen und Appenzell hätten gelangen können.

2. Die exotischen Blöcke im Flysch.

In den folgenden Abschnitten wird öfters auf „ Bild und Bau der Schweizeralpenu von Prof. C. Schmidt verwiesen, hie und da in kritisie-rendem Sinne. Ich beziehe mich auf diese Schrift, weil sie in den Händen der Clubgenossen sich befindet, nicht etwa, um sie besonders aufs Korn zu nehmen. Im Gegenteil, wir haben allen Grund, sowohl dem Verfasser als auch dem Redaktor unseres Jahrbuches dafür dankbar zu sein, daß sie die geistvoll geschriebene und mit trefflich ausgewählten Bildern, Karten und Profilen reich ausgestattete Broschüre dem 42. Bande als wertvolle Beilage mitgaben.

Über die Nagelfluh siehe „ Bild und Bau ", Seite 14, 16, 50, 85, über die exotischen Blöcke im Flysch Seite 32.

Schon Bernhard Studer kannte die auffallende Erscheinung der exotischen Blöcke, die von den Chablais- und Freiburgeralpen bis zum Böigen im Allgäu in einer bestimmten Flyschzone sich finden. Besonders bekannt ist die Gegend von Habkern. In seiner 1825 erschienenen „ Monographie der Molasse " wies Studer darauf hin, daß manche von diesen Blöcken petrographisch mit den Gesteinen der Nagelfluh übereinstimmen. Spätere Forscher haben diese Übereinstimmung bestätigt, die nicht nur für die kristallinen Blöcke gilt, sondern teilweise auch für die Sedimentblöcke, die vielfach ostalpine Fazies aufweisen.

Anderseits zeigen, wie Ch. Sarasin dargetan, die exotischen Blöcke Ähnlichkeit, ja Übereinstimmung mit Gesteinen von der Südseite der Alpen ( Lugano-Langensee ). Man dachte darum an Herkunft aus dem Süden, ähnlich wie für die Nagelfluh. In neuester Zeit hat sich Arnold Heim in einer sehr interessanten Studie ( Eclogae 1907 ) einläßlich mit dem Problem beschäftigt. Er konstatiert, daß die exotischen Blöcke sich besonders häufig im Flysch der höchsten helvetischen Decken finden, also nach der modernen Deckentheorie ( „ Bild und Bau ", Seite 62 bis 70 ) in einem mehr als 40 km. südlich gelegenen Gebiete, südlich des Aarmassivs, ungefähr parallel dem jetzigen Alpenrand abgelagert wurden, denkt an eine Herkunft aus dem Gebiet Baveno-Lugano-Predazzo durch Treibeis und bekämpft die von Schardt geäußerte Ansicht, nach welcher die exotischen Blöcke von der Stirn der nach Norden vordringenden Klippendecke in das Flyschmeer abgestürzt wären und die Flyschsedi-mentation mit Trümmern aller Art genährt hätten. Überhaupt sucht Heim die stratigraphische Erscheinung der exotischen Blöcke von der tektonischen Frage der Klippen ( „ Bild und Bau ", Seite 32/33 ) scharf zu trennen und betont die Möglichkeit, daß die exotischen Felsblöcke mit den entsprechenden Nagelfluhgeröllen den gleichen Ursprungsort haben, eine Ansicht, die schon Bernhard Studer angedeutet hatte.

Die Heimsche Hypothese vom Transport durch Treibeis, wie auch die Schardtsche Erklärungsweise haben etwas Gezwungenes an sich. Die exotischen Blöcke finden sich sowohl im helvetischen Flysch, als auch im Klippenflysch und sind daher doppelt rätselhaft für alle diejenigen Vertreter der Deckentheorie, welche das Wurzelgebiet der Klippendecke nicht an die helvetische Fazies direkt angrenzen lassen, sondern zwischen die beiden hinein noch die Bündnerschieferzone versetzen.

Eine weit einfachere, natürlichere Erklärung drängt sich förmlich auf. Nachdem wir mit Sicherheit erkannt haben, daß die Nagelfluh eine durchaus lokale Bildung ist, liegt kein Grund mehr vor, für die exotischen Blöcke an der Herkunft aus dem Süden festzuhalten. Wir leiten sie unbedenklich vom gleichen Stammgebirge ab, welches die Nagelfluh geliefert hat, vom Studerschen Randgebirge oder dem vinde-lizischen Gebirge, eine Ansicht, die schon Quereau in seiner schönen Arbeit über die Yberger Klippen geäußert hat ( 33. Lieferung der Beiträge zur geologischen Karte der Schweiz ).

Unter allen Umständen sind die exotischen Blöcke ein Beweis dafür, daß die gebirgsbildenden Bewegungen schon zur Eocänzeit begonnen haben. Während und nach der Flyschsedimentation erlitt das Stammgebirge durch Abtragung, erneute Faltung und Überschiebung nach Süden eine wesentliche Umgestaltung zu jenem Gebirge, das zur Miocänzeit die Nagelfluh lieferte.

3. Die Wurzellosigkeit der Klippen und der helvetischen Kalkalpen.

Die Klippen ( Grabserbergklippe, Yberger Klippen, Mythen, Buochser-und Stanserhorn, Giswilerstöcke etc. ) wurzeln nicht in der Tiefe, sondern liegen auf Flysch, ebenso die Freiburger- und Chablaisalpen. ( Vergleiche „ Bild und Bau ", Seite 32/33, 36, 62-70, 77, sowie Profile und Karte. ) Die Schardtsche Überschiebungstheorie ( Deckentheorie ) lehrt uns auch die Wurzellosigkeit der helvetischen Kalkalpen ( „ Bild und Bau”, Seite 34 ).

Seit dem Erscheinen des großen Säntiswerkes von Prof. Heim gehört der Säntis wohl zu den besterforschten Gebirgen der Erde, und bei der Prüfung der neueren Theorien wird man stets auch auf dieses Gebiet Rücksieht zu nehmen haben.

Sehr interessant ist das von Blumer in dem genannten Werke beschriebene Hinübersetzen der helvetischen Säntiskreide über den Rhein nach dem Vorarlberg. Die Hohenkastenfalte ist hier, wie die vorhandenen Brüche beweisen, in eine schon zur Pliocänzeit bestehende tiefe Depression abgesunken. Oberberg, Montlingerberg und Kummenberg sind solche abgesunkene Gebirgsteile. Im Vorarlberg steigt die helvetische Kreide in einem neuen Faltenbüschel wieder an.

Warum aber soll nur die Hohenkastenfalte abgesunken sein, deren Reste vielleicht lange nicht so tief reichen, als wir glauben? Ist es da nicht denkbar, daß einst auch die anderen Säntisfalten über den Rhein setzten? Ihre Fußpunkte mußten bei der nachherigen Aufrichtung der Molasse-Antiklinalen höher zu liegen kommen als diejenigen der Hohenkastenfalte, und so wäre es erklärlich, daß die abgesunkenen nördlichen Falten durch die Erosion vollständig weggeschafft wurden, während die Hohenkastenfalte in den genannten, so auffällig aus dem Tale sich erhebenden Hügeln erhalten blieb.

Warum tritt bei Blättli ( unter Bommenalp ), südlich von Weißbad-Schwendi, ganz unerwartet zwischen Seewerkalkmassen Eocän auf? Antwort: Weil die Kreide der Säntisketten hier gar nicht in die Tiefe geht. Prof. Heim ist, obwohl von der Wurzellosigkeit des Gebirges überzeugt, hier zwar nicht dieser Ansicht, führt sie aber als Möglichkeit immerhin an.

Der Seewerkalk des Klammeneggzuges geht ebenfalls nicht in die Tiefe, sondern liegt auf Flysch und ist nur der letzte Rest der nördlichen Säntisfalte. Aus dem gleichen Grunde vermissen wir eine Fortsetzung der mittleren Säntisfalten über die Gegend von Brülisau hinaus. Sie mußten, weil nicht in die Tiefe reichend, schon frühe durch Abtragung verschwinden.

Auf den ganzen schweizerischen nördlichen Alpensaum angewendet, heißt der kurze Sinn dieser Ausführungen: Es ist keineswegs erwiesen, daß die frontalen Kreideketten ( Säntis, Mattstock, Aubrig, Rigihochfluh, Pilatus, Schrattenfluh, Ralligstöcke ) überall in der Tiefe sich mit den rückwärtigen Kreideketten verbinden.

Das würde weiter heißen: Es ist fraglich, ob die Klippen wirklich den helvetischen Kalkalpen auflagern, oder ob nicht vielmehr beide „ koordiniert " wurzellos auf Flysch ruhen. Jedoch soll damit die Auflagerung der Klippen auf helvetischer Fazies nicht für alle Fälle bestritten sein. Es bildet diese Frage nicht den Kardinalpunkt der folgenden Betrachtungen.

Flußgeröll, Molasseproblem und Alpenfaltung.

4. Die Herkunft der Klippen.

„ Heinrich, mir graut vor dir ", sagte einer meiner Freunde, als ein Geologe ihm gegenüber behauptete, der Mythen sei aus Italien zu uns gekommen.

Die Gesteine der Klippen zeigen ostalpine Fazies ( über den Fazies-begriff vergleiche „ Bild und Bau ", Seite 75-77 ). Gleiche Fazies zeigen auch sehr viele Sedimentgerölle der Nagelfluh. Das ist schon von Arnold Escher von der Linth erkannt und von Früh durch detaillierte Untersuchungen bestätigt worden. Das Stammgebirge, das einst dem nördlichen Alpensaume entlang sich zog und das zuerst die exotischen Blöcke und später die Nagelfluh lieferte, mußte also ebenfalls von ostalpiner Fazies sein.

Die Klippen werden darum viel natürlicher von dem nahen Norden, als von dem weit entfernten Süden abgeleitet. Das Haupthindernis gegen die Annahme der Abstammung aus der Nähe, das vermeintliche Fehlen der ostalpinen Fazies auf der Nordseite der Schweizeralpen, ist durch die Erkenntnis der lokalen Herkunft der Nagelfluh beseitigt. Quereau hat, hinweisend auf Freys Untersuchungen der Nagelfluh, über die Herkunft der Klippen den gleichen Gedanken geäußert ( 33. Lieferung der Beiträge ).

In der Tiefe unter den frontalen Kreide- und Flyschketten und unter der Molasse würden wir schwerlich nochmals die helvetische Fazies treffen, wie die Profile von Schardt und Schmidt andeuten, sondern vielmehr den Sockel des großenteils abgetragenen Stammgebirges.

5. Zur Schardtschen Überschiebungstheorie.

Die hauptsächlich von Schardtbegründete und verfochtene und von den meisten Alpengeologen angenommene Theorie von den weit aus dem Süden gekommenen Überschiebungs- oder Überfaltungsdecken wird hier als bekannt vorausgesetzt ( „ Bild und Bau”, Seite 62 — 70, 77, 84-85, ferner Bilder und namentlich die farbigen Profile, sowie die Karte ).

Diese Theorie, kurz Deckentheorie, lehrt die Wurzellosigkeit, d.h. die Auflagerung älterer Gebirgsteile auf jüngeren, für viele und große Alpengebiete. In dieser Hinsicht steht die neue Lehre wohl fest — die Wurzellosigkeit kann für ausgedehnte Zonen als gesicherte Tatsache gelten.

Weit fraglicher ist die Herkunft der Decken aus weit ( über 100 km .) entfernten südlichen Gegenden. Nicht Voreingenommenheit veranlaßt den hier ausgesprochenen Zweifel. Im Gegenteil, ich habe vor zwei Jahren an anderer Stelle in zustimmendem Sinne einen kurzen Überblick überSchardt, Eclogae 1897. Bulletin 1898 de la Soc. vaudoise des Sciences nat. Verhandlungen der Schweiz. Naturf. Ges. 1906.

die neue Theorie zu geben versucht. Aber riesengroß sind die Bedenken seither gestiegen.

Wohl sagt man, alles werde durch die neue Lehre viel leichter und einfacher erklärt. Gewiß, manches Rätsel wird durch die Deckentheorie spielend gelöst, dafür aber wird ein anderes, noch viel größeres, an seine Stelle gesetzt, nämlich ein ganz unbegreiflicher und unvorstellbarer Mechanismus der Gebirgsbildung.

Welch ungeheurer Apparat muß in Szene gesetzt werden, um die Klippen, überhaupt die höheren Decken auf die Nordseite der Alpen zu bringen! Da präsentieren sich die wandernden Decken im Querschnitt wie eine Anzahl übereinander hinkriechender Regenwürmer oder Schlangen ( „ Bild und Bau ", farbige Profile ). Was bei diesen Lebewesen schließlich denkbar wäre, wird zu einer unserem Gefühl und den physikalischen Gesetzen und Erfahrungstatsachen widersprechenden Zumutung, sobald es sich um mehrere einander überlagernde Gebirgsmassen ( Decken ) handelt.

Geradezu aussichtslos ist das Bemühen, die Wurzelgebiete der Decken aufzufinden ( „ Bild und Bau ", Seite 74, unten ). Schon hier gehen die Aussichten weit auseinander. Der eine Forscher läßt die Klippendecke ( voider Faltung ) an die helvetischen Decken grenzen ( „ Bild und Bau ", Seite 83 ), der andere leitet die Klippen aus dem Gebiet südlich der Bündnerschieferzone her. Ebensowenig herrscht Übereinstimmung in der Frage nach der Zeit, in welcher die Decken „ wanderten ".

Bei Vättis, im Calanda, soll das helvetische Autochthon vor uns liegen, im benachbarten Rhätikon dagegen sollen alle unterschiedenen Decken erhalten geblieben sein. Unbekümmert um diesen Ungeheuern „ Zwiespalt der Natur " setzt die Kreide der höchsten helvetischen Decke ( Säntis ) über den Rhein fort nach dem Vorarlberg. Wer diese drei Dinge befriedigend zusammenzureimen vermöchte, der hätte eine schwierige Frage gelöst.

Die Deckentheorie bringt den Horizontalschub in der übertriebensten Form. Zwar berühren die Extreme sich auch hier. Während auf der einen Seite von einem Zusammenschub von 600 auf 150 km. Breite geredet wird ( „ Bild und Bau ", Seite 61 ), bringt Scharät eine Erklärung, die den Horizontalschub für die Bewegung der Decken ausschaltet und ihn nur noch für das anfängliche Aufstauen zu senkrecht stehenden Falten in Anspruch nimmt ( 1. Bildung steilstehender Falten, 2. Abknicken, 3. Abgleiten ). Aber keine von den verschiedenen Ansichten über den gebirgsbildenden Prozeß vermag die Deckenbildung befriedigend zu erklären. Die Schardtsche Anschauungerscheint derzeit wohl als die plausibelste, und von da bis zur völligen Ablehnung des Horizontalschubes wäre der Schritt nicht mehr allzu groß. Nur wiederholte Erhebung auf zentralmassivischen Linien, jeweilen mit Gleitfaltung als Folgeerscheinung, wäre imstande, mehrere Deckschollen übereinander von Süden nach Norden zu bringen. Aber das Wandern von 300 km. langen und enorm breiten Decken kann auch auf diese Weise nicht erklärt werden, denn so lange Zentralmassive gibt es überhaupt nicht. Bei der Deckentheorie versagt jeder Versuch, sich den Mechanismus der Gebirgsbildung vorzustellen.

Die Wurzellosigkeit aber bleibt bestehen; nur stammen die Deckschollen nicht aus dem entfernten Süden, sondern aus der Nähe. Die Wurzellosigkeit für ungeahnt zahlreiche und ausgedehnte Gebiete erkannt und gelehrt zu haben, ist das wahre und bleibende Verdienst der schon von Bertrand und Heim vorbereiteten Schardtschen Theorie, die der gesamten Alpenforschung einen neuen Impuls verliehen hat.

6. Horizontalschub oder Vertikalerhebung mit Gleitfaltung?

„ Ich glaube an den Horizontalschub, den allmächtigen Schöpfer aller Ketten- und Faltengebirge. " So lautet heute das offizielle Glaubensbekenntnis der meisten Alpengeologen.

Der Laienverstand hat sich gegen die Lehre vom Horizontalschub stets gesträubt, und auch viele Naturforscher haben mehr oder weniger bewußt an der Vorstellung von vertikal wirkenden gebirgsbildenden Kräften festgehalten.

Ich glaube nicht mehr an den Horizontalschub, der bald nur die oberen, bald nur die unteren Schichten, bald beide zusammen erfaßt, der örtlich und zeitlich urplötzlich aussetzt und unvermutet wieder auftritt, der bald nur lokal, bald in weite Ferne wirkt, der einen ganzen größten Erdkreis umfassen und doch nur in einem bestimmten Gebiete sich äußern soll, der den Säntis intensiv gefaltet und hart daneben die Churfirsten und Alvier fast ungefaltet gelassen haben soll, der mit einem Worte aus lauter Widersprüchen zusammengesetzt ist.

Horizontalschub zwingt uns notwendig zu der Annahme, daß die Alpen nach beendeter Faltung einen massigen Rumpf bilden mußten und daß die Talbildung erst nach Aufhören des Schubes beginnen konnte, also im Pliocän. Der massige Rumpf, Tausende von Metern höher als die heutigen tiefen Talböden, nötigte uns weiter zu der Annahme, daß die ganze Gebirgsoberfläche infolge der Höhenlage vergletschert sein mußte und daß glaziale Erosion die Täler gebildet hätte.

Horizontalschub im Sinne eines wirklichen Zusammenschubes der Erdrinde von 600 auf 150 km. für das Alpengebiet ( „ Bild und Bau ", Seite 61 ) würde auf eine Verkürzung des Erdradius um 159 = 7i.6km.

schließen lassen. Nun stelle man sich einmal vor, was das heißen will! Man denke sich um die jetzige Erde herum eine Kugelschale von 71.6 km. Dicke und frage sich, ob mit einem solchen Größenverlust, zu welchem an Masse alle irdischen Gebirge zusammengenommen in einem verschwindend kleinen Verhältnis stehen würden, die Entstehung der Alpen irgendwie in einen kausalen Zusammenhang gebracht werden kann. Drastischer als durch dieses Beispiel kann die Unmöglichkeit eines über einen größten Erdkreis wirkenden Horizontalschubes gar nicht dargetan werden. Und diese Unmöglichkeit bleibt bestehen, auch wenn wir den wirklichen Zusammenschub viel kleiner annehmen.

Weit natürlicher und verständlicher erscheint die ältere Theorie von der vertikalen Hebung der Zentralmassive ' ), die von Leopold voti Buch und Elie de Beaumont gelehrt und von Bernhard Studer am längsten verteidigt wurde. Die Vertreter dieser Theorie begingen den Fehler, daß sie den alpinen Graniten, Protoginen etc., die viel älter sind als die Alpenfaltung, eine aktive Folie beim Hebungsprozeß zuschrieben. Die Idee als solche von der vertikalen Hebung auf gewissen Leitlinien ist aber entschieden zu frühe aufgegeben worden und verdient heute erneuerte Erwägung. Nur der Sitz der vertikal wirkenden Kräfte muß tiefer gedacht werden.

Wie schön wäre es, wenn wir irgendwo die Kettengebirgsbildung in beschleunigtem Tempo vor unseren Augen sich abspielen sähen! Das ist uns kurzlebigen Menschen versagt. Aber vielleicht finden wir irgendwo ein recht einfach gebautes Gebirge, das, uns nicht durch Komplikationen verwirrend, einige Andeutungen geben kann.

Wir denken dabei an die große nördliche Molasse-Antiklinale. Dachgiebelartig aufgerichtet, von ansehnlicher Breite, in gewaltiger Länge von Südbayern bis in die Westschweiz zu verfolgen, ist diese Antiklinale ein Gebilde von einfacher Majestät. In den großen Alpenprofilen gerät sie stets an den Rand und wird zu wenig beachtet, obwohl sie eine der wichtigsten tektonischen Leitlinien2 ) ist.

Diese gewaltige Antiklinale war einst eine Synklinale, ein Tal! Der Beweis für diese schwerwiegende Behauptung kann hier nur kurz angedeutet werden.

In der Mitte der Antiklinalzone ( Bregenzerwald—Trogen—Kappel— Uznach etc. ) treten Sandsteinschichten auf, nördlich und südlich eingefaßt von Nagelfluh. Bottier hält die Sandsteine für oligocän, die Nagelfluh für miocän. Die üblichen Molasseprofile, wie sie uns Bottier und Heim in der Vierteljahrsschrift 1904 der Naturforschenden Gesellschaft Zürich, Gutzwiller in der 14. Lieferung der Beiträge zur geologischen Karte der Schweiz mitteilen, sind sicherlich richtig in bezug auf das tatsächlich Beobachtete, aber die notwendige hypothetische Ergänzung kann auf verschiedene Art vollzogen werden.

Nimmt man mit Rollier den Sandstein als älter und verbindet durch Luftsättel den Nordflügel mit dem Südflügel, so kommt man zu dem erstaunlichen Resultate, daß hier seit der Beendigung der pliocänen Alpenfaltung ein 4000-6000 m. mächtiger Schichtenkomplex abgewittert sein müßte!

Das ist einfach unmöglich; so riesige, geradezu uferlose Denudationsbeträge verbieten sich für das Alpenvorland von selbst. Hier herrschen vielmehr nahezu ursprüngliche Verhältnisse vor, und daraus wäre zu schließen, daß die heutige Antiklinale zur Miocänzeit einen langgestreckten, beidseitig von ostnordöstlich streichenden Gebirgen eingefaßten, nach und nach ausgesüßten Meeresarm bildete. Die Gebirge wurden abgetragen und lieferten die Nagelfluh; das Schlammprodukt, der Sandstein, lagerte sich mehr in der Mitte des Meeresarmes ab. In der Pliocänzeit wurde die Synklinale zur heutigen Antiklinale gehoben. Diese Auffassung entspräche der Ansicht von der lokalen Herkunft der Nagelfluh.

Dürften wir das gewonnene Resultat verallgemeinern, so würde es lauten:

Aus Synklinalen ( tektonischen Tälern ) entstehen im Laufe geologischer Zeiten Antiklinalen ( Faltenzüge ). Oder noch verständlicher: Die großen alpinen Gebirgsketten waren einst Täler.

Auf das Aarmassiv mit der Tödikette angewendet, würde das nicht mehr und nicht weniger heißen, als daß Prof. Heim mit seiner jahrzehntelang gegen alle Angriffe verteidigten Theorie von der Glarner Doppelfalte doch recht gehabt hätte. Bekanntlich erklärte er diese so, daß sich in der Mittellinie Tödi—Kalfeusental eine komplizierte Einsenkung gebildet hätte, während von Norden und Süden die älteren Gesteine auf die jüngeren hinaufgeschoben wurden. Sagen wir anstatt „ hinaufgeschoben wurden " einfach „ hinabglitten ", so stimmt alles mit der Auffassung des heutigen Aarmasivs als einstiges Tal, als Synklinale.

Das ergänzende Gegenstück zu obigem Satz würde lauten:

Aus Antiklinalen entstanden Synklinalen, oder: Die großen tektonischen Alpentäler ( Rheintal, Rhonetal etc., jedenfalls auch die große Synklinale Wildhaus—Habkern ) waren einst Gebirgsketten ( Faltenzüge ).

Auch für diese Behauptung haben wir Anhaltspunkte. Bekanntlich wird mancherorts das auf Berggipfeln kappenartig aufsitzende ältere Gestein aus benachbarten Tälern hergeleitet. Aus diesen kann es aber nicht nach Art einer Wurstmaschine — man verzeihe den Ausdruck — heraus- gepreßt worden sein, sondern es kann sich nur um Abgleiten zu jener Zeit handeln, als das Tal ein Gebirge und der heutige Faltenzug ein Tal bildete.

Das Wechselspielx ) zwischen Antiklinalen und Synklinalen, zwischen Bergketten und Tälern, verbunden mit intensiver Gleitfaltung, ist allein imstande, die von der Schardtschen Theorie behauptete und auch tatsächlich vorhandene Wurzellosigkeit in Einklang zu bringen mit einer Herkunft der Deckschollen aus der Nähe.

Die Wichtigkeit der Gleüfaüung kann nie genug betont werden. Die äußeren Kalkketten sind durch Gleitfaltung und nachherige Aufrichtung entstanden. Die heute steil nach Süden einfallenden Säntisfalten lagen einst annähernd horizontal und sind erst nachträglich bei der Entstehung der Molasse-Antiklinalen aufgerichtet worden. Das Seez-Wallenseetal ist nicht vorwiegend durch Erosion, sondern durch Abgleiten der Alvierkette und Churfirsten entstanden. Aber auch im Inneren der Alpen sind die komplizierten Lagerungsverhältnisse auf Gleitfaltung zurückzuführen.

Aus dieser Erklärung der Gebirgsbildung müßte man ferner schließen, daß nicht nur in der subalpinen Zone, sondern auch im Inneren der Alpen noch nahezu die ursprünglichen Verhältnisse durchschimmern, wie sie nach abgeschlossener Alpenfaltung vorlagen. Wir müßten die un-geheuern Erosionsbeträge, deren Schätzungen bei den verschiedenen Forschern, ja oft beim nämlichen Autor ( „ Bild und Bau ", Seite 776 ), 89 — 90 ) weit auseinandergehen, wesentlich reduzieren. Nicht um viele tausend Meter, sondern nur um einige hundert Meter sind die Alpen seit ihrer Aufstauung erniedrigt worden, denn sonst müßte das Adriatische Meer von den aus dem Gebirge kommenden Sedimenten schon längst ausgefüllt sein. Der Erosion bleibt auch so noch ein weiter Spielraum, namentlich für die nichttektonischen Täler.

7. Die alpinen Bandseen.

Die Becken der großen alpinen Randseen ( Bodensee, Zürichsee etc. ) werden von Prof. Heim durch Flußerosion und nachträgliches Rück- sinken des Alpenkörpers als Ganzes erklärt. Penck dagegen schreibt ihre Entstehung der auskolkenden Tätigkeit der eiszeitlichen Gletscher zu. Eine dritte Ansicht geht dahin, daß die Seen zur Zeit der pliocänen Alpenfaltung schon vorhanden waren.

Gegen ein Rücksinken der Alpen spricht entscheidend die beträchtliche Höhe ( 830-900 m .) des alpennahen Deckenschotters ( Ablagerung der ersten und zweiten Eiszeit ) auf Steinegg und Hohentannen in der Nähe von St. Gallen. Eine ganze Reihe von Beweisen für die „ ertrunkenen " Täler wird dadurch hinfällig.

Gegen die Lehre von der Seenbildung durch glaziale Erosion spricht ebenso gewichtig die durch die Inselberge bei Oberriet-Götzis bewiesene, zur Zeit der Alpenfaltung schon bestehende tiefe Depression, welche sehr für die dritte Ansicht, also für ein höheres Alter der Seen spricht ( „ Bild und Bau ", Seite 90 ).

Die alpinen Randseen sind die Reste des ausgesüßten Molassemeeres. Sie sind zu erklären einmal durch ungleich starke Sedimentation zur Miocänzeit ( Nähe oder Ferne der Nagelfluhregionen !), sodann durch das ungleiche Vordringen der frontalen Kreide- und Flyschketten bei dem Abgleiten ( Gleitfaltung ) in den großen Molassesee und in dritter Linie durch die Aufrichtung der Molasseantiklinalen, welche im Verein mit der kontinentalen Hebung von Mitteleuropa den Seen ihre heutige Form verlieh und z.B. den Genfersee von dem Neuenburger-, Bieler- und Murtensee trennte.

Diese Auffassung der alpinen Randseen steht in direktem Widerspruch zu der vom Penck-Brücknerschen Glazialsystem behaupteten Existenz einer präglazialen Rumpfebene. Die Berechtigung, wegen geringer Niveau-differenzen den Deckenschotter in einen älteren und jüngeren zu trennen und zwei verschiedenen Eiszeiten zuzuweisen, erscheint fraglich. Die Vierzahl der Eiszeiten kann noch nicht als gesicherte Tatsache gelten.

Zusammenfassung, 1. Die Vergleichung der Geröllgrößen des heutigen Rheinkieses mit denjenigen der miocänen Nagelfluh ergibt den sicheren Beweis für die lokale Herkunft der Nagelfluh.

2. Damit ist die Existenz eines dem Nordrand der Alpen entlang verlaufenden, als Archipel dem Meere entragenden Stammgebirges mit fremdartigen Graniten und mit ostalpiner Sedimentfazies bewiesen.

3. Von diesem Stammgebirge sind auch die Klippenund die exotischen Blöcke herzuleiten.

4. Damit wird die von der modernen Überschiebungstheorie behauptete Herkunft der höheren Decken aus dem oberitalienischen Gebiet abgelehnt.

5. Die Wurzellosigkeit zahlreicher und ausgedehnter Alpengebiete ist Tatsache, aber die Deckschollen stammen aus der Nähe und lagern heute oft beinahe da auf, wo sie einst in der Tiefe ruhten.

6. Die Alpen sind nicht durch Horizontalschub aufgestaut worden, sondern durch vertikale Erhebung auf tektonischen Leitlinien, mit intensiver Gleitfaltung als Folgeerscheinung.

7. Die großen antiklinalen Faltenzüge waren einst Synklinalen, die heutigen Synklinalen waren einst Antiklinalen. Oder: Die heutigen großen Alpenketten waren einst Täler, die heutigen großen tektonischen Alpentäler sind zurückgesunkene Gebirge.

8. Die ursprünglichen Verhältnisse, wie sie unmittelbar nach vollendeter Faltung vorlagen, sind im heutigen Alpengebäude noch deutlich erkennbar. Die übertrieben hoch angenommenen Denudationsbeträge sind stark zu reduzieren.

9. Die alpinen Kandseen sind weder durch Flußerosion, noch durch glaziale Erosion entstanden, sondern sie sind die letzten Reste des ausgesüßten Molassemeeres.

10. Pliocäne Sedimente waren einst auch auf der Nordseite der Alpen vorhanden, wurden aber von den eiszeitlichen Gletschern erfaßt, umgearbeitet und ausgeräumt, wie auch der pliocäne ( bezw. präglaziale ) Schuttmantel des Gebirges.

11. Die Existenz einer präglazialen Rumpf ebene und die Vierzahl der Eiszeiten sind nicht genügend bewiesen.

Es liegt in der Natur der Sache, daß die gezogenen Schlüsse teilweise hypothetischen Charakter haben, und da sie in einigen wesentlichen Punkten mit den heute geltenden Anschauungen nicht übereinstimmen, so mag der Laie sie mit Vorsicht aufnehmen. Für den Fach- Neumayr, Stäche und Ulüig im Jahrbuch 1871 und 1890 der geol. Reichsanstalt in Wien ) spricht ebenfalls nicht für Schub aus weiter Ferne, überhaupt nicht für Horizontalschub, wohl aber für Gebirgsbildung schon zur Kreidezeit und für die Entstehung yon Antiklinalen aus Synklinalen. Die interessante Tatsache, daß die Hauptstreichungslinie des karpathischen Klippengebirges zusammenfällt mit einer Hauptspaltenlinie des alten karpathischen Gneisfestlandes und daß die Klippen und die tertiären Eruptivgesteine ( Trachyte ) sich zwar gegenseitig ausschließen, aber ebenso entschieden sich gegenseitig vertreten, eröffnet bemerkenswerte Ausblicke auf die Art des Zusammenhanges zwischen Vulkanismus und Kettengebirgs-bildung.

mann, der meinen Ausführungen ohnehin mit dem erforderlichen Mißtrauen begegnen wird, ist diese Ermahnung nicht nötig.

Des Raumes wegen mußten meist kurze Andeutungen genügen, und mancher wichtige Punkt konnte gar nicht erwähnt werden. Etwas ausführlicher wurden nur die Messungen des Rheingerölles wiedergegeben, weil sie in ihrer Art und in ihrem Zweck vielleicht neu sind, und weil ich ihnen einen unumstößlichen Beweis für die lokale Herkunft der miocänen Nagelfluh gefunden zu haben glaubte, welche ihrerseits wieder die Basis bildete für alle weiteren Schlüsse. Ob diese aufrecht erhalten werden können, oder ob Trugschlüsse vorliegen, wird erst die Zukunft lehren. Flußgeröll, Nagelfluh und die große Molasse-Antiklinale liegen offen da und laden zur Nachprüfung ein, zur Entscheidung der Frage, ob auch von hier aus Licht auf die Entstehung des vielgestaltigen und herrlichen Alpengebäudes fallen kann, wie es schon Leopold von Buch und Bernhard Studer gehofft hatten.

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