«Fortschritte macht man im Fels» Halle oder Fels: zwei Welten, ein Sport

Klettern in der Halle oder im Freien sind nicht dasselbe. Cédric Lachat kennt beides. Zwar ist er ein überzeugter Felskletterer, vieles spricht dennoch für die Halle.

«Die Alpen»: Klettern in der Natur oder in der Halle. Bist du eher der Indoor- oder der Outdoortyp?

Cédric Lachat: Zweifellos der Freiluftkletterer, der sich gerne mit dem Fels misst. Für mich ist dieses Klettern ein echtes Vergnügen. Ohne besondere Begeisterung gehe ich auch in die Halle, aber nur, um ein spezifisches Training zu absolvieren, in bestimmten Routen und mit ausgewählten technischen Schwierigkeiten. In der Halle kann eine auf mich zugeschnittene Route nach meinen Bedürfnissen zusammengestellt werden. Dort trainiere ich ohne Pause. Bestimmte Züge, meinen Atem und die Geschwindigkeit. Es ist ein Krafttraining. Das Hallentraining ermöglicht mir die physische Vorbereitung auf eine lange Route im Freien.

Was unterscheidet die beiden Welten?

Die Unterschiede sind gross. Zuallererst kommt mir die leichte Zugänglichkeit in den Sinn: Für die Kletterer, die in der Stadt wohnen, ist es einfacher und weniger aufwendig, in die Halle zu gehen.

Wer eine Route im Freien klettern will, muss eine Reise unternehmen, zu Fuss dorthin wandern, das Topo studieren, selber absichern, auf Komfort verzichten. Ich bin ein wenig wie die Leute beim Zirkus. Ich lebe den Grossteil des Jahres in meinem Wohnmobil, damit ich möglichst oft nah beim Fels sein kann.

Konkret: Was unterscheidet den Kunststoff vom Fels?

Es ist die Vielfalt. In der Halle hast du eine Vielzahl von Routen in allen Schwierigkeitsgraden zur Verfügung. Aber du musst, weil alle Griffe sichtbar und abgesetzt sind, keinen Griff mit den Händen suchen.

In einer Felswand kletterst du oft onsight, du passt dich der Natur an, du suchst eine Stellung für deinen Körper je nachdem, wie du vorankommst. Du spielst, du änderst deinen Stil, du improvisierst. Schliesslich musst du dir oftmals den Kopf zerbrechen, um herauszufinden, wie du weiterkommst. Du stürzt, fängst zehnmal von vorne an, wenn es nötig ist. In einer Route am eigenen Limit zwingt dich der Fels auch, bestimmte Züge zu machen, damit du durchkommst. Es gibt nur eine einzige Lösung, dich richtig zu platzieren, anders geht es nicht. Es ist die Natur, die das Problem geformt hat, und nicht irgendein Typ, der Griffe setzt.

Dann kommen die Eigenschaften des Fels dazu, seine Oberfläche, wie fühlt er sich an, die Unendlichkeit der Formen. Wer an den künstlichen Griffen klettert, kann sich die Vielfalt und das Gefühl, das die Felsoberfläche auslöst, nicht vorstellen. Ganz zu schweigen von den grossartigen Landschaften und Orten: Ich glaube, das ist die Belohnung, die Kletternde im Freien bekommen.

Ist der Kletterstil in der Halle gleich wie im Freien?

Kletternde in der Halle sind «Zugmaschinen». Sie sehen die Griffe und brauchen die Arme zu stark, statt sich auf die Beine zu verlassen. Sie brauchen oft viel Kraft und klettern ohne Finesse. Sie sind oft auf die reine Leistung aus und denken zu wenig an die verschiedenen Möglichkeiten, die sie haben, um voranzukommen. Das liegt daran, dass die Route vorgegeben ist.

Ein Kletterer in der Felswand weiss oft besser, wie er seinen Körper kraftsparend positionieren muss, er setzt alle Extremitäten sinnvoll zum Weiterklettern ein, die Körpersprache ist besser. Ich muss zugeben, dass die Frauen in ihren «Kletterchoreografien» mehr Kreativität an den Tag legen als wir Männer.

Wer ist denn jetzt besser: die Felskletterer oder die, die in der Halle bleiben?

Keiner von beiden. Wer nur draussen klettert, ist in der Halle schlecht und umgekehrt. Auch der Umgang mit der Angst ist anders. Mehrseillängen-Kletterer sind vertrauter mit hohen Wänden, grossen Räumen, deshalb kommen sie mit der Angst besser zurecht, fürchten sich weniger vor dem Sturz und vor der Tiefe, weil sie daran gewöhnt sind. Die Hallenkletterer sind eher Klettertechniker. In meinen Augen muss ein perfekter Kletterer beides beherrschen.

Bist du ein perfekter Kletterer?

(Lacht) Sagen wir es so: Ich bemühe mich, möglichst vielseitig zu sein, ohne eine der Klettertechniken zu vernachlässigen. Ich denke, dass es diese Vielseitigkeit ist, die Hartnäckigkeit und das Vertrauen, das ich habe, die aus mir einen guten Kletterer machen.

In der Schweiz gibt es sehr gute Hallen und sehr schöne Felswände. Nützt dir das?

Natürlich, es gibt nirgends so viele und qualitativ gute Hallen wie hier. Das ist zweifellos der Grund, warum die Schweizer in der Halle so gut sind. Meine Freunde in Frankreich sind viel mehr in der Wand als in der Halle, einfach weil sie immer noch keine genügend gute Infrastruktur für das Training haben.

Noch drei Tipps von Cédric Lachat, um Fortschritte zu machen?

Atmen, nicht nur auf die Kraft setzen und nur diese trainieren. Anfänger sind oft so auf den Griff konzentriert, dass sie vergessen, richtig zu atmen. Das Resultat sind Krämpfe, man wird schnell müde. In meinen Augen ist es grundlegend, zu wissen, wie man sich entspannt, wie man sich in und nach der Route ausruht, damit man von Neuem anfangen kann. Und eben: während der ganzen Anstrengung richtig atmen.

In der Halle schaue ich oft anderen zu und gebe gerne einen Rat, wenn man mich fragt. Sehr oft ist der Fehler zu sehen, dass sich jemand in schwierigen und technischen Passagen zu stark auf die Kraft verlässt. Viele überfordern sich, bevor sie die Grundzüge beherrschen, versuchen zu schwierige Routen und versuchen um jeden Preis, komplizierte Züge zu machen. Aber wie in den meisten Sportarten erfordert auch das Klettern viel Training und ein progressives Lernen.

Um Klettern zu lernen und die Techniken zu beherrschen, muss man viel klettern und Route um Route verschlingen. Und vor allem: Man muss mehr im Fels klettern als in der Halle. Fortschritte in der Technik macht man im Fels.

Der Sommer wird heiss

Lachat war im Frühling in Spanien. Die Fingerkuppen brannten vom Onsightklettern der hoch bewerteten Routen von Margalef im Parque Natural Montsant in Katalonien. Im Sommer setzt Cédric Lachat sein Leben als nomadisierender Kletterer fort und parkiert sein Wohnmobil in Frankreich, unweit von Gap in den Hautes-Alpes. Im bläulichen Kalk von Céüse ist sein Ziel die legendäre Biographie, eine 9a+-Route von rund 40 Metern Länge mit einem 30°-Dach. «Sie wird mich verrückt machen, aber ich werde mein Ziel erreichen. Ich bleibe am Fuss dieser Wand, bis ich sie geschafft habe», sagt Lachat. Gleichzeitig bereitet er sich auf die Bouldersaison vor, nachdem er zwei Jahre nicht an Wettkämpfen war.

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