Freier Gedankenflug über die Waldungen der Schweizer Alpen

über die

Waldungen der Schweizer Alpen

Von J. Coaz.

Heben wir uns von einem beliebigen Punkte, vom Fusse oder aus dem Innern der Alpen empor und umkreisen wir dieselben in mittlerer Höhe, so zeigen sich uns die Waldungen wie ein weites, grünes Gewand, dessen Schleppe weit hinauf mit reicher Stickerei menschlicher Kultur und menschlicher Kunst verziert ist. Die saftgrünen, blüthenreichen Wie-

sen- und Weidgründe der Berg-

Wettertanne.

dörfer und Maisässe bilden die Bouquets einer zweiten Garnitur und um den schwellenden Busen wellt sich das Kleid in vielfachen Ein- und Ausbiegungen, mit breitem Spitzensaum von dunkel-buschigen Alpenkieferwaldungen, tiefgeneigten Alpenerlen und niedern Zwergweiden.

Alpenrosen- und Azalea-gesträuch, Primeln, Gentianen und andere färben- und diiftvolle Blüthen drängen sich herbei, das feine Spitzengewebe zu durchwirken. Im schönsten Faltenwurf wallt das weite Gewand um den wohlgebauten, reichgegliederten Körper, bläuliche und grünliche Seen heften dasselbe, als geschliffene, kostbare Steine, in Mulden und Thalgrunde, und zu Tage tretende Felsen bilden die festen Spangen und Bänder, welche das Gewand zusammenhalten.

Frei, kühn und stolz ragt die erhabene Büste der Alpen aus diesem Riesengewande empor, das Haupt mit brillantenem Diadem geschmückt, das bald in dichten Strahlenbüscheln der Sonne funkelt, bald im Abend-oder Morgenroth leuchtet oder in den mildweissen Schein des Mondes sich hüllt.

Fragen wir, was diesen unseren Waldungen ihren

besonderen Charakter verleiht, so ist es die geographische

Lage der Alpen, ihre Erhebung über Meer, ihre Obcr-

flächengestalt und ihre geognostisch - petrographische

Beschaffenheit. Wie die Pflanzen überhaupt, so sind

auch die Waldungen ein Produkt dieser verschiedenen

Faktoren, ohne dass damit gesagt sein soll, dass die

Alpen alle Waldbäume hervorgebracht haben, welche

unter solchen Bedingungen bestehen können; denn

manche ausländische Holzart wird, hieher versäet- oder

verpflanzt, eben so freudig gedeihen, wie in ihrer Heimat.

Indessen bestehen die Waldungen unserer Alpen

nicht zufällig gerade aus gewissen Holzarten, vielmehr

stehen dieselben in innigstem Zusammenhange mit der

Bildungsgeschichte der Alpen. Zur Ansiedelung von Baumarten anderer Schöpfungsherde mochten die Meere, besonders die Binnenmeere, welche die Alpen zu verschiedenen Zeiten bespült, beigetragen haben.

Es ist dies ein noch zu schwach beleuchtetes Feld, um dasselbe weiter mit einiger Sicherheit betreten zu können, gewiss aber ist, dass unsere Alpen, nachdem die gegenwärtige, mehr im Stillen schaffende und umgestaltende Erdperiode bereits begonnen hatte, immer noch einen langen, Tausende von Jahren umfassenden Zeitraum bedurften, um die Bedingungen zum Bestehen der heutigen Waldvegetation herbeizuführen. Tag und Nacht, ohn'Ruh'und Rast mussten die Naturkräfte thätig sein, um den Waldungen, diesen grössten massenhaftesten Pflanzenbildungen, ein angemessenes Wurzelbett Klima passende Nahrung zu verschaffen.

Zu diesem Zwecke schlössen die Alpen, um mich eines zeitgemässen Ausdrucks zu bedienen, grossartige Verträge mit verschiedenen Gesellschaften ab, welche sich verpflichteten, die Felsen zu sprengen, die Blöcke und Steine zu zerkleinern, zu Sand und Erde umzugestalten und theilweise aufzulösen. Zu einer dieser Gesellschaften vereinigten sich die Winde als Lieferanten verschiedener nothwendiger Materialien ( Luft und Wasser ) in verschiedenen Zuständen; eine andere Gesellschaft nennt sich Tag und Nacht, eine dritte Jahreszeiten etc. Die Techniker, welche mit der Ausführung der Arbeit betraut wurden, sind hauptsächlich Kälte und Wärme, Feuchtigkeit und Trockenheit, ferner eine Menge che .; misch-physikalischer und mechanischer Kräfte.

Die Lieferimgsgesellschaften fassten für ihre Zwecke die Lage, Richtung und Höhe der Alpen genau in'a Auge und, richteten danach ihre Bestellungen und Zu »

fuhren ein. Da die Alpen sich im Allgemeinen von SW nach NO erstrecken, so führten die Transportwege von Süden und Norden am leichtesten und kürzesten in die verschiedenen Gegenden derselben.

Die Hauptbezugsquelle für Wärme und Trockenheit war daher auch seit Langem, und insbesondere seit die Wüste Sahara aus dem Meere emporgetreten, das heisse Afrika. Dort werden heisse, trockene Luftmassen hoch hinauf in die Atmosphäre verladen, und nördliche Windzüge führen die leichte Fracht über das Mittelländische Meer den Alpen zu, oder auch hoch über dieselben hinweg nach Norden. Feuchtigkeit, mit Wärme vereint, bringen Südwestwinde aus entfernten Aequa-torialgegenden hauptsächlich Amerika's. Dass hie und da ein aeronautischer Schiffbruch sich ereignet, oder die Waare auf der Reise an Qualität und Quantität verliert, das ist Gottes Gewalt, und schwerlich wird sich eine Versicherungsgesellschaft auf so schwierig zu berechnende Eventualitäten einlassen wollen.

Am Südabhange der Alpen angelangt, wird die Richtung der nicht zu hoch streichenden Windzüge durch die südlich auslaufenden Thäler vielfach geändert, die Fahrgeschwindigkeit ermässigt, um dann um so rascher vom hohen Riesendamme in die nördlichen Thalschaften der Alpen hinunterzufahren, sofern die Fracht nicht etwa für die Südseite bestimmt war. Zuerst wird Wärme und Trockenheit allmälig abgeladen, dann erst das Wasser, wobei sich hauptsächlich der Nordwind behülflich zeigt, indem er den Südwind abkühlt und ihn zwingt, einen Theil seiner Feuchtigkeit auszuscheiden, welcher als Niederschläge zur Erde fällt ( Nebel, Thau, Regen, Schnee, Graupeln ). Gletscher, kalte Bergeshöhen und wohl auch die Waldungen unter- stützen den Nordwind darin nach Kräften und legen häufig allein Hand an.

Der Nordwind holt aus dem Norden eine schwere Menge Kälte mit Trockenheit oder statt derselben etwas Feuchtigkeit, welche er im Vorüberstreichen aus der Nord- und Ostsee aufnimmt.

Der Westwind liefert gewaltige Wassermassen aus dem Atlantisehen Ocean und zwar meist tropfbarflüssig, und der Ostwind endlich hohe Grade von Trockenheit aus den östlich von den Alpen gelegenen Länderstrecken.

Dass diese Gesellschaft von Winden noch verschiedene Unterakkorde abgeschlossen, bringt ein so grossartiges Geschäft von selbst mit sich.

Ein sehr wichtiges Material zur Bodenbildung in den Alpen liefert die Luft in ihrem Sauerstoff, welcher durch die innige und allseitige Berührung der Luft mit den Alpen und durch sein energisches Einschreiten, wo Eisen, Mangan und andere ihm zugängliche Stoffe vorhanden sind, einen grossen Einfluss auf die chemische Zersetzung des Gesteins ausübt, wenn er in hinreichendem Masse von Wärme und Feuchtigkeit unterstützt wird.

Die ganze grossartige Arbeit, diese erste und ur-eigentliche Urbarisirung der Alpen, wird von dem grossen Sonnenauge belebt und in streng gesetzlich geregeltem Gange erhalten. Die Sonne gibt den Alpen auf der rotirenden Erde Tag und Nacht und ruft durch die schiefe Achsenstellung derselben die Jahreszeiten hervor, durch welchen täglichen und jährlichen Wechsel von Kälte und Wärme nicht nur unmittelbar durch Ausdehnung und Zusammenziehung die physikalische Verbindung des Gesteins gelockert, sondern auch den Winden die erforderliche Zugkraft gegeben wird.

Die Kälte im Winter legt auch grosse Vorräthe von Wassermassen in Form von Schnee und Eis an, welche viel dazu beitragen, die Arbeit während der warmen, oft zu trockenen Jahreszeit zu fördern.

Die wichtigsten mechanischen Arbeiten zur Urbarisirung der Alpen führen die Techniker vermittelst des Wassers und der Centripetalkraft der Erde aus, wobei indess Kälte und Wärme immer mehr oder weniger mit Hand im Spiele behalten.

So giessen die Mechaniker das tropfbarflüssige Wasser in Risse und Spalten des Gesteins, lassen es dort zu Eis gefrieren und führen auf diese Weise eigentliche Sprengarbeiten aus. Ferner häufen sie in den weiten Mulden ( Circus ) der Alpen grosse Schneemassen an, lassen sie von den Physikern durch abwechselnde Einwirkung von Kälte und Wärme zu den sogenannten Gletschern zusammenbacken, welche sie allmälig in die Thaltiefen hinunterschieben, wodurch die Felsen abgeschliffen und Steine zu Sand und Schlamm gerieben werden. Sie setzen ferner grosse Schnee-, Erd- und Felsmassen in Bewegung, welche als Lawinen, Erdschlipfe, Rufen und Felsstürze sichtbar werden, das Gestein zertrümmern und zerreiben. Diese nämlichen Techniker sammeln die Gletscherwasser, Quellen und atmosphärischen Niederschläge zu Bächen und Flüssen, führen dieselben, oft in weiten Um- und Schlangenwegen^ und stellenweis über hohe Felswände, durch Trümmergestein und Schluchten nach der Tiefe, wodurch die Felsen ausgerieben und die mitgeführten Felstrümmer und Steine abgeschliffen werden. Die Bäche und Flüsse, zeitweis überfüllt oder örtlich in ihrem Lauf gehemmt, schütten ihre Wasser über Bord und legen das Geschiebe in Ebenen als Sand- und Lettflächen nieder ( angeschwemmtes Land ).

Aber nicht nur der Mechaniker bedient sich des Wassers und der Schwere zu seinen Arbeiten, sondern auch der Chemiker zur Auflösung des Gesteins. Er gibt dem Wasser noch ein gewisses Quantum Sauerstoff und Kohlenstoff bei, führt es dann innerlich und äusserlich durch und über Felsen und Steine hin, wodurch nicht nur das leichtlösliche Gestein von seinen Bestandtheilen, sondern sogar der harte Kiesel von seiner Kieselerde an das Wasser abgeben muss, das sie weiter führt und früher oder später an sehr verschiedene Abonnenten wieder abgibt.

Je weiter aber die Arbeit der Alpenurbarisirung vorschritt, desto schwieriger wurde dieselbe, indem der mit Sand und Erde bedeckte Felsenuntergrund dem Einfluss der Techniker immer mehr entzogen wurde. Das Resultat ihrer Bemühungen ist bei weitem nicht mehr so gross, wie vor Zeiten, aber ihre Hauptaufgabe ist auch bereits befriedigend gelöst und fast nur noch in den Hochalpen liegen bedeutende Felspartien und massenhaftes Trümmergestein nackt zu Tage oder ist die vorhandene Bodenschicht noch zu dünn oder zu wenig zusammenhängend. In diesen Höhen mangelt es hauptsächlich an Wärme und während des langen Winters an tropfbarflüssigem und dunstförmigem Wasser zur Verwitterung. Auch wird das Verwitterungsmaterial von den steilen Felsflächen theilweise oder gänzlich weggeschwemmt.

Bringen wir unsere Alp Waldungen, von denen wir ausgegangen und zu denen wir nun wieder zurückkehren wollen, mit diesem aus dem Gestein hervorgegangenen rauhen, s. g. wilden Boden in nähere Beziehung, so war derselbe zur Entstehung und zum Fortbestand der Bäume noch nicht hinreichend vorbereitet, es fehlten ihm noch die organischen Bestandtheile.

Auch dafür war Vorsorge getroffen; denn kaum war ein winziges Häufchen Erde aus dem Felsen verwittert, so bildeten sich auch schon im Wasser die ersten Algen, an feuchten und nassen Stellen die ersten Moose und an trockeneren Orten die ersten Flechten. Gestützt auf diese Erstlinge des Pflanzenreichs, traten auch die Erstlinge des Thierreichs in die Welt hinaus. Diese Urwesen lieferten das erste Material zur Bildung des Humus im Boden, durch dessen Mehrung, gemeinschaftlich mit der Mehrung der mineralischen Bestandtheile, zugleich die atmosphärischen Zustände der Alpen beständiger und das Klima für die organischen Wesen immer günstiger wurde. Immer zahlreichere und vollkommenere Pflanzenspecies fanden die Bedingungen zu ihrem Auftreten und Fortbestand, und unter diesen auch die Bäume, welche unsere Waldungen zusammensetzen.

Wir würden uns aber sehr irren, wenn wir annehmen wollten, die jetzigen Baumarten unserer Waldungen seien die erstgebildeten auf dem Erdraum gewesen, den die Alpen gegenwärtig einnehmen. Werfen wir einen geologischen Blick in das Innere des Alpenkörpers, so finden Mar in die verschiedenen Schichtungen desselben eingebettet mehr oder weniger deutliche Ueberreste von Waldungen, welche verschiedenen Bildungs-perioden der Alpen angehören und von denen nur diejenigen der letzten Periode den unserigen nahe verwandte Arten erkennen lassen. Ebenso liegen in den Alpen ganze Thierschöpfungen begraben. Die Alpen sind somit ein Riesengrab verschiedener, dem Klima und der Bodenbeschaffenheit der einzelnen Perioden entsprechenden Pflanzen- und Thierwelten und die jetzt lebenden Pflanzen der Alpen bilden das Grün des Grabhügels.

Freund der Alpen! Du wirst durch das Bewusstwerden, auf einer der zahlreichen Pyramiden dieses grossartigen Grabes zu weilen, dich nicht beängstigt fühlen, vielmehr wird dir dieser Gedanke ein neuer Anknüpfungspunkt zu tiefen Reflexionen sein, denen man sich auf Bergeszinnen so gerne hingibt. Sollte diese Erkenntniss aber deinen Sinn verdüstern, so bleibe oberflächlich, lass deinen Blick nicht tiefer dringen, als auf den Blüthenteppich zu deinen Fussen und auf das Grün der Waldungen, welche heute die Alpen umgürten. Steige hinab in dieses Leben und erheitere deinen Sinn. Und je tiefer du hinunter kommst, desto regeres Leben verwischt dir das unwillkommen gewählte Bild.

Düster noch blicken dich zwar die vereinzelten, uralten Arven an, die äussersten Vorposten über der eigentlichen Waldgrenze, 7—8000'über Meer * ). Einst kräftige Aeste, strecken sie dir jetzt dürr, rindenlos und verwittertgrau ihre Arme entgegen. Höchstens dass noch einige Flechten auf ihnen vegetiren. Nur noch in der tieferen Beastung einzelner Stämme ist kümmerliche Saftbewegung, welche dem dunkelgrünen Nadelbüschel Leben zuführt. Blüthen und Früchte suchst du auf diesen Greisen nicht, und doch findest du in günstigen Jahren an diesen letzten grünenden Trieben weibliche und männliche Blüthenkätzchen und bis im Herbst des folgenden Jahres haben sich aus den erstem die breit-

* ) Die Gründe auseinanderansetzen, warum die Waldvege-tationsgienze in den Alpen so hoch hinaufsteigt, würde hier zu weit führen.

eirunden Zapfen mit den essbaren Nüsschen entwickelt.

Da drüben in der Nähe der Alphütte stehen einige Wettertannen ( Fichten ). Jünger, als obige Arve, haben sie doch schon ein Alter von über 200 Jahren. Ein weicher, grauer Flechtenbart hängt im dunklen Astwerk, das, weit ausgreifend und beinahe den Boden berührend, ein ungemein kurzes, dichtes Gezweige und gedrängt stehende kurze Nadelreihen trägt, so dass weder Regen noch Sonnenschein durchdringt. Aber nicht

Anre und Lärche.

nur die Zweige und Blätter sind während der kurzen Vegetationszeit von circa vier rauhen Monaten kurz geblieben und geben dem ganzen Baume eine gedrungene, aber kräftige Gestalt, sondern auch das Holz ist aus dem gleichen Grunde kleinzellig und die Jahrringe schwach. Früh schon den Angriffen der Stürme ausgesetzt, haben sie ihre Wurzeln weit in Fels und Stein gewunden und zu dicken Strängen verdickt. So eine breitschultrige Wettertanne, das Bild eines ächten, wetterergrauten Aelplers, trägt bis in ihre äussersten Wipfel grünes Gezweig und nur im Innern des Baumes ist dasselbe aus Mangel an Licht abgestorben.

Ihr Ein-faulen erfolgt fast immer vom Stocke aus.

Treten wir zu jener Lärchengruppe. Sie trägt einen ganz andern Charakter, als Arve und Fichte. Sie ist unzweifelhaft denselben ebenbürtig, ein achtes Kind des Gebirges, und dennoch entspricht sie weder im Bau noch in ihrer Benadelung den beiden verwandten Nachbarn. Ihr Wuchs ist schlank, obwohl hier oben ebenfalls etwas verkürzt. Die Aeste sind leicht angesetzt und stark, die Triebe ziemlich kurz, während die Lärche in den geschlossenen tiefern Waldungen doch so hochschaftig wird und so üppig lange Triebe entwickelt. Was die Lärche aber in ihrem äussern Erscheinen von den Fichten und Arven hauptsächlich unterscheidet, das ist das feine Gezweige mit hellgelber Rinde, die lichte Benadelung hellgrüner, weicher Nadelbüschel, welche aus Seitentrieben hervortreten, ganz besonders aber das Welken und Abfallen derselben im Herbst, was bei keiner anderen unserer Nadelhol zarten vorkommt. Ungeachtet dieser letztern Eigenschaft, welche die Lärche nicht für die Hochalpen geschaffen erscheinen lässt, trotzt sie im Uebrigen dem Klima eben so hartnäckig, als ihre Mitbürger dieser hohen Heimat. Sie wird sehr alt und stirbt wie die Arve vom Gipfel herunter ab. Auch sie vegetirt mit wenigen Aesten noch sehr lange fort, und eingegangen, fault das Holz bei dem langen Winter und der kalten Atmosphäre in diesen Höhen ausserordentlich langsam ein.

Das sind die Greise der Baum weit der Hochalpen.

Jahrhunderte haben Lawinen an ihnen vorübefgerauscht, Steinblöcke ihnen Wunden geschlagen, Stürme sie zu brechen oder zu entwurzeln versucht. Allem dem haben sie bisher widerstanden; aber die Zeit hat ihre Lebenskräfte geschwächt und ihr Ende rückt heran. Und wo sind ihre Nachkommen, in denen das Alter so gerne sein eigenes Leben neuaufkeimend erblickt? Schwerlich wird es dir gelingen, ein junges Pflänzchen zu erspähen, denn dem Aelpler sind sie meist noch ein Dora im Auge, den er zu vertilgen trachtet, um seine Weiden auszudehnen, oder denen er im günstigeren Fall doch keinen Schutz gegen das Rindvieh angedeihen lässt.

Steigen wir tiefer hinunter in den geschlosseneren Wald. Da sieht es lebendiger aus. Zwar überall zerstreut noch abstehende Stämme, manche bereits zusammengestürzt und unter feuchtem Moose modernd. Daneben aber auch jüngere, gesunde Bäume von kräftigem, aber immer noch gedrungenem Wüchse, und an der Seite dieser der junge, strecken weis allerdings spärliche Anflug bis zum einjährigen Sämling hinunter. Alles ohne Regel in schöner Mannigfaltigkeit der Gruppirung durcheinander. Seit der ersten Waldansiedelung hat sich hier ohne Unterbrechung Humus angesammelt. Kein Landwirth hat sich so weit verstiegen, dem Walde diesen reichen Nahrungsvorrath zu entfuhren.

Lärchen und Fichten stehen bald abgesondert, reine Bestände bildend, bald unter sich, streckenweise auch mit der selteneren Arve untermengt. Die Lärchen verlangen aber auch an diesem Standort freien Himmelsraum über sich, während die Arve, welche doch zu der sonst lichtbedürftigen Gattung der Kiefern ( Pinus ) gehört, in der Jugend ziemlich schattenertragend ist.

Auf trockenem, schwaehgründigem, steinigem Kalk-

Schweiier Alpenclub.32

boden breiten sich oft überweite Strecken Legfohren aus, diese interessante, aber schwierig zu charakterisirende und in Arten auszuscheidende Sippe. Einzelne Exemplare oder auch ganze Bestände strecken ihre Stämme dem Boden entlang hin und ragen nur mit dem Wipfel 6-8'empor, andere stehen kerzengerade da, 30—40* hoch und 6-8 ", seltener 10 " dick.

In frischem Boden, schattigen Vertiefungen, in grösseren Waldlücken und Lawinenzügen, ganz besonders auf Schiefergebirg, lagern die Alpenerlen in Gruppen oder auch ganzen Beständen. Auf ihren Wurzeln wächst manch'fein sammtnes reinfarbiges Pilzchen, während -die Stämme und Aeste mit meist düsteren Flechten dicht bewachsen sind.

Das sind die Baumarten, welche hauptsächlich die Waldungen unserer Hochalpen zusammensetzen \ denn die Birken, Bergahorne, Aspen kommen seltener und nur vereinzelt oder horstweise, am häufigsten noch der Vogelbeerbaum vor und die Traubenkirsche.

An offenen Stellen der Alpwaldungen, welche der Sturm in wenigen Minuten, der Mensch mühsam mit der Axt geschaffen, hat sich oft verschiedenartiges Gebüsch angesiedelt; die Johannisbeerenund die Loni-cerensind in verschiedenen Arten vertreten \ sehr häufig ist der Traubenhollunder, der Himbeer- und Heidelbeerstrauch, der Seidelbast ( D. mezereum ), die rostfarbene Alpenrose und die eigentliche Alpenrose ( Rosa alpina L. ). Auf trockenen Stellen steht der Al-

* ) Ribes petrseum. Wolf. „ alpin um L. „ rubrum L. Lonicera nigra L., alpigena L. und cœrulea L. penwachholder, die Preissei- und Rauschbeere und die Bärentraube.

Da ist das hauptsächliche Jagdrevier des Alpenjägers. Da findet er das Auer- und Birkwild und den Alpenhasen und als Touristen den Reinecke. Auch Gemsen, die s. g. Waldthiere, sind hier ständig, während die flüchtigeren Gratthiere sich nur im Winter hier aufhalten, wo sie unter Bäumen und Felsen trockenes Gras, Moos, Flechten und grüne Nadeln ätzen. Der plumpe, gefürchtete Bär findet hauptsächlich in den dichten Legfohrenwaldungen bequeme, sichere Verstecke, schmaust Gras und Beeren, erklettert auch Vogelbeerbäume, um sich die rothen doldenartigen Früchte gemächlich zum leckern Maule zu führen. Von diesen Waldungen macht er seine Ausfalle in die benachbarten Viehheerden und durch sie deckt er seine feinstra-tegisch berechneten Rückzüge. Auch das kleine Gethier ist dem Alpwalde nicht fremd. Verschiedene Spinnenarten stellen dem unruhigen Volk der Fliegen von Zweig zu Zweig, an Rinden und Stöcken ihre Netze. In Blüthen, Früchten, Rinde, Holz und Moos begehen verschiedene Insekten ihre Metamorphosen. Mäuse nagen durch hohes, dürres Gras ihre Gänge oder graben in lockerem Boden, in dem hie und da auch der Maulwurf haust und seine kleinen Erdhügel durch den Rasen herausstösst.

Obwohl das Alpvieh wählerisch genug ist, die wohlschmeckenden, aromatischen Kräuter der freien, sonnigen Weidplätze dem trockenen, scharfen, faden Gras der Waldungen vorzuziehen, so eilt es an heissen Tagen doch in vollem Sprunge und mit hochwedelndem Schwänze dem Walde zu, wo es Kühlung findet und sich des lästigen Fliegengesehmeisses im Dickicht er- 5Ö0Coaz.

wehren kann. In langsamem Züge, mit dumpfem Gebrüll zieht es dagegen bei Schneewetter nach den Waldungen in die s. g. Schneeflucht, wenn der Alpbesitzer für keine bessere Unterkunft gesorgt.

Und wo bleiben denn die Ziegen, diese Freiesten der Freien, denen so zu sagen keine Grenzen gesteckt sind von der Tiefe des Thales bis in die höchsten Gräte? Hörst du nicht ihr herannahendes wirbelndes Geschell? Eben kommen sie von den höchsten Alpweiden zurück, wo sie, immer streifend, die feinsten, z.T.h. seltensten Kräutchen sich ausgesucht, nach dessen Fund sich mancher Botaniker vergeblich müht. Jetzt hält die Heerde an der Grenze des Waldes an, um die richtige Zeit zur Thalfahrt abzuwarten, und während der Hirt mit seinem Ränzchen an der Seite in der Sennhütte einen Trunk sich erbittet, ätzen die Ziegen als Abendbrod die äussersten, zartesten Triebe der jungen Fichten, an denen sie sich hinaufstrecken so lange sie sind. Die kleinen 3—5 Fuss hohen, nach altfranzösischem Garten-geschmack pyramidal zugeschnittenen Fichten, welche du an Rändern, Lichtungen und Strassen der Alpwaldungen so häufig triffst, das ist das Werk unserer Ziegen in Mussestunden.

In diesen Hochalpwaldungen ist des Forstmanns regelnde Thätigkeit noch wenigorts sichtbar. Die Alpknechte bedienen sich zur Feuerung des in Masse herumliegenden Holzes und der stehend dürren Stämme. Das benöthigte Bau- und Zaunholz wird so nahe als thunlich gefällt und da, wo auf Kosten des Waldes Weide zu gewinnen ist. Eben so rücksichtslos haut der Bauer junge Stämmchen an der Waldvegetationsgrenze, um sein Bergheu von den Bergmädern in 's Thal zu schaffen. Hie und da ist es noch üblich, frische Rindenstreifen Aipwaldungen.

zu Käsformen zu benutzen, welche von den saftreichsten, wüchsigsten Stämmen geschält wurden. In manchen schweizerischen Kantonen wird diesen Uebelständen mehr oder weniger kräftig entgegengearbeitet, im Allgemeinen greifen aber Gesetze und forstwirtschaftliche Arbeiten leider noch zu selten bis in diese entlegenen Waldungen herauf.

Ungeachtet das beobachtende und forschende Auge in diesen Hochwaldungen mannigfaches, reges Leben erblickt, ist es bei ruhiger Atmosphäre doch meist still. Meisen, Spechte, Nusshäher, Kreuzschnäbel und eine Menge anderer Vögel unterbrechen durch ihr beständiges Hin- und Herklettern, ihr Picken und Hämmern, ihr Gepiep und Geschrei noch am häufigsten die Lautlosigkeit, welche, wie auf den höchsten Gebirgen, zeitweise auch hier des Menschen Brust beengt.

Dagegen ist des Sturmes Wirkung in diesen unregelmässig bestandenen Waldungen, in den tief n Wellen-biegungen der Wipfelflächen und besonders im Astwerk der uralten Fichten eben so grossartig wie am Meeresstrande. Aengstlich blickt man zu den hin- und herschwankenden Stämmen hinauf mit dem wogenden Gezweig. Auf das Aechzen der sich reibenden Stämme und Aeste, diesen Klagetönen des gequälten Waldes, lauscht das Ohr bald nach dieser, bald nach jener Richtung!, Aber fest wurzelt Arve und Lärche, selten knickt ein Stamm entzwei. Häufiger wird die hole Fichte, gegen deren schwere Benadelung der Sturm gewaltig anschwellt, in ihrer flaehstreichenden Bewurzlung gelockert und aus dem Boden herausgedrückt. Krachend stürzt der Baum durch die Be&stung seiner Nachbarn und fällt mit dumpfem Schlage zur Erde.

Scharfe Regengüsse oder Gruppeln rieseln durch 's Gezweig, Blitze schlängeln sich über Bäume herunter.

Wie eine Riesenrakete schiesst das Feuer durch das tlechtenreiehe und dürre Geäst des Bauines, und nach Kurzem ist derselbe eine Glutsaule mit einzelnen Flamm-chen. Ueber dieses Schauspiel rollt und kracht der Donner und wird von den nahen Felsen im Echo wieder zurückgeworfen.

Allmälig zieht das Gewitter weiter. Der Regen lässt nach: die frühere Lautlosigkeit tritt v\ ieder ein. Dem überraschten Besucher des Gebirges wird wieder leichter. Er tritt heraus aus seinem gefährlichen Ver. steck. Eine kühle, wo nicht kalte Luft umgibt ihn. Er ist entzückt über die grossartige Naturerscheinung, wie er solche mit all' seiner Phantasie nie geträumt.

Hie und da folgt auf stürmisches Wetter, auch mitten im Sommer, Schneefall. Schwer beladet sich das nadelreiche Gezweige. Die Arve trägt die Last- auf kräftigen, geübten Armen. Die elastische Fichte biegt sich tief und der weiche Schnee, gleitet rauschend zur Erde. Schlimmer ergeht es der sommerlich benadelten Lärche; manche der gering elastischen Aeste brechen unter der gewaltigen Last zusamnun, doch weit seltener, als in den untern Walddistrikten. Tief gebeugt ist der Wipfel des jungen Stämmchens, und wo es nicht sehr fest wurzelt, wird es zu Boden gedrückt.

DasJ^t ein schwaches Bild eines Alpwaldes. Steigst du tiefer hinunter, so verwischt sich dasselbe immer mehr. Die Arve bleibt bald zurück, allmälig auch die Legfohre und Alpenerle und verschiedenes Alpen-gebüsch. Dafür grüsst dich ( am häutigsten auf Kalkboden und Sonnseiten ) die Kiefer, in frischeren Lagen die Silbertanne und mit ihr die Buche und ein zahlreiches Geschlecht von Laubhölzern, unter denen am Südabhange der Alpen die edle Kastanie häufig, diesseits seltener auftritt.

Die Fichte und etwas spärlicher auch die Lärche ziehen durch alle Regionen der Alpen, sie gesellen sieh eben so traulich zu den Kastanienbäumen, wie zu den Arven an der äussersten Grenze der Wald vegetation.

Am Südabhang verliert der Wald sehr bald seinen alpinen und bald auch seinen eigenthümlichen grossartigen Waldeharakter und geht in die s. g. Öelven in niedriges Buschwerk über, stellenweise sogar in gemeines Ginster- und Brombeergestrüpp.

Da hinunter begleiten wir dich aber nicht weiter, denn wir dürfen für diesmal die Grenze des Alpwaldes nicht überschreiten, und noch viel weniger diejenige, welche uns die Redaktion des Jahrbuches haarscharf gesteckt.

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