Für das Klettern der Zukunft Mit neuer Organisation Sperrungen verhindern

In der Schweiz fehlt ein national organisierter Einsatz für das Sportklettern. Routeneinrichter Pesche Wüthrich macht sich mit dem SAC nun daran, dies zu ändern. Bei bereits existierenden lokalen Organisationen stösst das Projekt aber nicht nur auf Gegenliebe.

Das Jahr 1991 dürfte Kletterern vor allem wegen eines gewissen Wolfgang Güllichs in Erinnerung geblieben sein. Ihm gelang damals mit Action Directe im Frankenjura als Erster eine Route im elften Schwierigkeitsgrad. Mit solchen Identifikationsfiguren, die über die Kletterszene hinaus bekannt waren, gewann der Sport zusehends an Interesse. Die Zunahme der Klettergebiete und der Kletterer verstärkte aber auch Probleme, die es bereits seit Ende der 1980er-Jahre gab. In den Vereinigten Staaten kämpfte man schon damals vielerorts mit Landeigentümern, die nicht sonderlich Freude an der aufstrebenden Freizeitbeschäftigung hatten. Vielen Klettergebieten, die auf privatem Grund lagen, drohte sogar die Schliessung.

Geld für Landkäufe und Prozesse

Das Jahr 1991 markiert darum auch die Entwicklung der ersten Organisation, die für die spezifischen Interessen des Sportkletterns einsteht. Der «Access Fund» setzt seither in den USA neben dem Landkauf auch auf politisches Lobbying und juristische Unterstützung für lokale Erschliesser. Mit finanziellen Zuwendungen greift die Organisation zudem den Einrichtern beim Ankauf von Bohrhaken unter die Arme. Finanziert wird die Non-Profit-Organisation einerseits durch Spenden aus dem Klettermilieu, andererseits vor allem durch das Sponsoring der Hersteller von Kletterartikeln. Mittlerweile beteiligen sich über 100 Produzenten und 250 Verkaufsläden an dem Projekt.

Auch in Deutschland und Österreich gibt es mit dem Bundesverband IG Klettern und climbers-paradise.com mittlerweile Organisationen, die sich explizit für das Sportklettern einsetzen. In der Schweiz sieht dies anders aus. Eine nationale Orchestrierung für den Erhalt und die Erschliessung von Klettergebieten fehlt. Doch braucht es eine solche überhaupt? «Ja», findet Pesche Wüthrich, «denn die Gefahr, dass Klettergebiete in der Schweiz geschlossen werden oder nicht erschlossen werden können, nimmt zu», sagt er. Seit fast vier Jahrzehnten ist Wüthrich in der Schweizer Kletterszene aktiv und hat Tausende Kletterrouten selber eingebohrt. Dementsprechend ist sein Engagement für eine landesweite Kletterorganisation eine Herzensangelegenheit. «Über die Jahre habe ich insgesamt bestimmt 100 000 Franken für Bohrhaken bezahlt», schätzt Wüthrich. Klar sei für ihn das Erschliessen immer auch Selbstzweck gewesen. Dennoch wünscht er sich, dass seinesgleichen nicht mehr alles aus der eigenen Tasche berappen muss.

Gefahr von alten Bohrhaken

Denkt Wüthrich an die Zukunft des Kletterns, so sieht er einige Probleme. Diese reichen von der Zunahme der Schutzgebiete bis hin zum schlechten Zustand vieler Kletterrouten. «Wir haben einige Gebiete, in denen die Bohrhaken stark marode sind», so Wüthrich. Sobald deshalb irgendwo ein Unfall passiere, würden sofort Rufe nach einem Verbot laut. «Dem sollte man vorgängig entgegenwirken. Wenn nicht von Anfang an die verschiedenen Interessengruppen zusammen nach Lösungen suchen, dann sind in Zukunft viele Klettergebiete bedroht», ist er überzeugt.

Wüthrich setzt sich deshalb stark für einen Kletterfonds ein und steht seit Anfang Mai 2015 im Kontakt mit dem SAC. Bei einem ersten Treffen waren neben Vertretern und Juristen des SAC unter anderem auch der Bergführerverband, Naturschutzorganisationen und ein Produkthersteller dabei.

Für die Finanzierung eines solchen Fonds kommen für Wüthrich sowohl freiwillige Beiträge von den Kletterern selbst als auch Sponsorengelder von Produktherstellern oder Verkaufsläden infrage. Und er sagt auch, dass Zweiteres wohl nicht ohne Gegenleistung möglich sei. Wie diese konkret aussehen könnte, lässt er allerdings offen. Angst, dass etwa Einstiege in Klettergärten aufgrund des Sponsoreneinsatzes zu Werbeflächen verkommen, hat der umtriebige Routeneinrichter dennoch keine – das Engagement für den Fonds an sich sei bereits eine gute ­Werbung. Bruno Hasler von der Fachgruppe Sicherheit im Bergsport sieht indessen die freiwilligen Beiträge der Klettergemeinschaft im Vordergrund. Er bezweifelt, dass über die Produzenten genügend Geld in die Fondskasse fliessen würde.

Einer, der sich mit Klettergemeinschaften bestens auskennt und einer nationalen Kletterorganisation eher kritisch gegenübersteht, ist Patrick Müller. Der Präsident der IG Klettern Basler Jura ist einer der Pioniere, was die Interessenvertretung gegenüber Kanton und Umweltverbänden anbelangt. Seit bald 20 Jahren setzt er sich auf lokaler Ebene für Klettergärten ein.

Lieber regional als national

Müller findet die Idee durchaus sinnvoll. Nichtsdestotrotz müsse der Einsatz für die Klettergebiete möglichst aus regionalen Gemeinschaften entstehen. «Diese kennen die kantonalen Gegebenheiten und die betroffenen Felsen besser als eine zentrale Stelle», so Müller. Zudem bezweifelt er, dass der SAC geeignet ist, sich unbeschränkt für die Sportkletterer einzusetzen. «Die Doppelfunktion von Naturschutz und Vertretung der Kletterinteressen funktioniert nicht so gut, wie es für Sportkletterer nötig wäre», findet Müller.

Wüthrich sagt, er sei sich bewusst, dass der grösste Schweizer Bergsportverband im Spagat zwischen unterschiedlichen Interessen stehe. Er sieht aber viele Vorteile in der Zusammenarbeit. Etablierte Strukturen und juristische Arbeit, wie sie beim SAC vorhanden seien, wären für kantonale Interessengemeinschaften nur schwer zugänglich. Dem Einwand der mangelnden lokalen Abstützung entgegnet Wüthrich, dass man beim Kletterfonds die regionalen Klettergemeinschaften stark in den Diskurs miteinbeziehen wolle.

Eigenverantwortung bleibt

Essenziell für ein Zustandekommen des Fonds ist auch der rechtliche Hintergrund. «Ein solcher Fonds muss aufpassen, dass er sich nicht in eine Normierung hineinmanövriert», warnt Müller. Ansonsten drohe ein Aufwand, der fast nicht zu bewältigen sei, so Müller: «Man stelle sich beispielsweise vor, alle Bohrhaken und Standplätze müssten regelmässig überprüft werden!»

Für Wüthrich ist klar, dass die Ver­antwortung nach wie vor bei den ­Kletterern liege. Und er fügt hinzu: «Kletterunfälle vermeidet man nicht mit zertifizierten Routen, sondern mit Wissen und Beurteilungsfähigkeiten.» Und auch Hasler betont, dass man als Routenerschliesser grundsätzlich nicht für den Unterhalt jedes einzelnen Bohrhakens und der Standplätze haftbar sei. «Ich mache mir keine allzu grossen Sorgen, dass sich dies in Zukunft ändern wird», so Hasler.

Alte Routen sanieren

Altes Hakenmaterial in Kletterrouten wird in der Schweiz nicht systematisch ersetzt. Oft leisten die Einrichter selber den Aufwand, seltener setzen sich regionale Gruppen oder gar Institutionen dafür ein. Im SAC übernimmt aktuell die Fachgruppe Sanieren und Erschliessen diese Aufgabe. Ihr ­stehen jährlich rund Fr. 25 000.– für neues Hakenmaterial zur ­Verfügung. Mehr unter www.sac-cas.ch/unterwegs/sicherheit/­sanieren-erschliessen.html

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