Gefährdete Pflanzen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON ERWIN STEINMANN, CHUR

Mit 3 Bildertafeln, 20 Bildern ( 53-55 ) Wir können uns heute nicht beklagen, das Interesse an der Natur sei im Abnehmen begriffen. Unsere Alpenstrassen genügen dem Verkehr kaum mehr. Die Clubhütten sind überfüllt. Die Bergbahnen erleben Blütezeiten. Früher verträumte Bergdörfer werden zu berühmten Kurorten. Von den Plakatsäulen leuchtet « Zurück zur Natur ». Wir wollen nicht untersuchen, ob die vielen Tausende von Besuchern unserer Alpen immer die nötige Ehrfurcht mitbringen, um das zu spüren, was uns unberührte Bergwelt zu bieten vermag. Sicher ist, dass unseren alpinen Landschaften Gefahren drohen. Es ist ein hoffnungsvolles Zeichen, dass diese Gefahren von vielen Menschen immer besser erkannt werden. Mit Wort und Schrift wurde und wird für einen sinnvollen Naturschutz gekämpft. Die folgenden Ausführungen sind zur Orientierung über ein Teilgebiet des Naturschutzes zusammengestellt worden. Wer glaubt, es handle sich beim Pflanzenschutz um eine Angelegenheit für romantische Idealisten, bedenke, dass Naturschutz heute eine sehr ernste Angelegenheit ist. Die trotz Massentourismus wachsende Naturentfremdung der heutigen Welt rechtfertigt das stete Bemühen, die Bevölkerung immer wieder neu auf die drohende Verarmung unserer Umwelt aufmerksam zu machen.

Warum gefährdet?

Alle Lebewesen brauchen zur Arterhaltung eine Umwelt, die ihre Lebensansprüche erfüllt. Viele der gefährdeten Pflanzen sind wenig anpassungsfähig und verlangen Lebensräume, die in den Augen der geschäftigen Menschen « nutzlos » daliegen. Moore, Sumpfwiesen, stark besonnte Trocken-hänge und einsame Alpentäler werden als ertragloses « Ödland » betrachtet. Wer denkt dabei an die vielfältigen Lebensgemeinschaften, die dort gedeihen? Wohl bewundert man Orchideen, Liliengewächse und andere leuchtende Blütenpflanzen in Büchern oder im Blumenladen. Man denkt nicht daran, dass durch die sogenannte « Bodenverbesserung » nicht nur die unscheinbaren Lebewesen verdrängt werden, sondern dass auch die grossen, schönblumigen Arten sich den neuen Umweltbedingungen nicht anzupassen vermögen und verschwinden. So mussten in den letzten Jahrzehnten viele seltene Pflanzen und Tiere dem Menschen weichen. Pflückverbote bannen diese Gefahren für unsere Lebewesen nicht. Die botanischen und zoologischen Kostbarkeiten solcher Gebiete können nur erhalten bleiben, wenn man ihre Lebensräume als Ganzes in möglichst grosser Ausdehnung unbeeinflusst erhalten kann.

In unseren Alpentälern und auf unseren Bergen gibt es aber gottlob noch weite Vegetations-komplexe, die weder in Ackerland noch in kostbares Bauland umgewandelt werden können. Man denke an die herrlichen Wälder, die steilen Magerwiesen, die Heuberge mit ihren farbenfrohen Kräutern und die alpinen Rasen, die sich langsam zwischen Schutthalden und Felsbändern verlieren! Wenn wir von ihnen sprechen oder an sie denken, sehen wir immer ihre bunte, vielfältige Flora vor uns. Ist es notwendig, dass ihre schönsten Arten durch die Raffgier rücksichtsloser Menschen immer weiter zurückgedrängt werden? Ist es notwendig, dass man seltene Pflanzenarten, in einen dicken Strauss zusammengepresst, als Siegeszeichen nach Hause trägt?

Ist es notwendig, dass Egoisten Lebewesen, die für alle geschaffen sind, ganz für sich beanspruchen? Ist eine Blüte an ihrem natürlichen Standort nicht viel schöner und edler, als zerdrückt in einem Plastiksack?

Wir glauben, dass viele gefährdete Pflanzen aus Unwissenheit, Unachtsamkeit und Gedankenlosigkeit ( aus Dummheit wagen wir kaum zu sagen !) gepflückt werden. Darum führen wir hier einige Arten auf, die unseres besonderen Schutzes bedürfen.

Nur kurz sei hier noch erwähnt, dass die althergebrachte landwirtschaftliche Nutzung der Streuwiesen, Magerwiesen, Heuberge und Alpweiden der Flora keinen Schaden zufügt. Würde die Mahd in tieferen Lagen ausbleiben, könnte der Wald die ihm abgerungenen Flächen wieder zurückerobern.

Gefährdete Arten Diese Zusammenstellung darf natürlich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit machen. In jedem Landesteil, ja in jedem Tal oder auf jedem Bergzuge können wieder andere Arten gefährdet sein. Den Pflanzen, die wir hier erwähnen, drohen besonders in den östlichen Teilen unserer Schweizer Alpen Gefahren. Man darf nicht glauben, es handle sich dabei um botanische Raritäten. Es gibt Pflanzen mit sehr wenigen oder nur mit einem Standort, die wir hier nicht zu nennen brauchen. Ist es nicht erstaunlich, dass die Lebensräume der folgenden Arten in den meisten Fällen noch ausgedehnt und weit verbreitet sind?

Alpiner Pflanzenschutz beginnt nicht erst über der Waldgrenze. Auch unsere Alpentäler besitzen viele botanische Kostbarkeiten. Besonders in den trockenen Föhntälern ( Rhonetal, Domleschg, Churer Rheintal, Unterengadin ) finden wir unter den wärmeliebenden Pflanzen einige Arten, denen der Mensch beharrlich nachstellt.

Die Schwarzweissaufnahmen auf Tafeln I—III können nur einen schwachen Abglanz der farbenprächtigen Blüten geben. Wir hoffen, dass möglichst viele Alpinisten das schöne Buch von Dr. E. Landolt, « Unsere Alpenflora », im SAC-Verlag erschienen, benutzen werden. An Büchern mit farbigen Abbildungen unserer wichtigsten Alpenpflanzen fehlt es wirklich nicht!

Steigen wir zusammen aus den warmen Tälern hinauf in die höchsten Regionen pflanzlichen Lebens!

Unter den Einwanderern aus den östlichen Steppengebieten, denen unsere trockenen, felsigen Steilhänge als Lebensraum zusagen, finden wir auch zwei Gräser der Gattung Stipa ( Pfriemgras ). Die feinen, silbrigen Grannenhaare des Federgrases, Stipa pennata ( Bild 1 ), leuchten bei trockener Luft weit von den Felswänden und Steilhängen. Das seltenere Haar-Pfriemgras, Stipa capillata, verlockt viel weniger, einen dekorativen Trockenstrauss zusammenzustellen. Glücklicherweise ist die « Felsenfeder » so anspruchslos, dass sie Felswände besiedeln kann, die von Menschen kaum mehr erreicht werden können.

Etwas tiefgründigeren Boden braucht die Berg-Anemone oder Berg-Küchenschelle, Pulsatilla montana ( Bild 3 ). Ihre pelzigen, dunkelvioletten, hängenden Blütenglocken schmücken die braungrauen Trockenwiesen schon sehr früh im Frühling. Schade, dass diese ersten Boten der erwachenden Natur oft in Massen geraubt werden!

Auf dem Boden lichter Wälder einiger südlicher und nördlicher Alpentäler finden wir zarte, hellrote und wohlriechende Blüten zwischen grossen, herzförmigen und merkwürdig gefleckten Blättern. Die Blüten des Alpenveilchens oder Hasenöhrchens, Cyclamen europaeum ( Bild 4 ), sind uns aus den Blumengeschäften wohl bekannt. Die Pflanze, in der Südschweiz eine treue Begleiterin der Edelkastanie, bevorzugt die warmen Talsohlen und steigt kaum höher als 900 m.

Die prächtige Feuerlilie, Lilium bulbiferum ( Bild 5 ), mit ihren grossen orangeroten Blüten gehört auch zu den wärmeliebenden Pflanzen. In bezug auf Bodenansprüche ist sie allerdings nicht allzu wählerisch. So leuchten denn ihre « Flammenkelche » von den Felswänden der Föhntäler wie von den Sonnenhalden unserer alpinen Hochtäler. Viel höher als 2000 m steigt sie selten. Wer ihr auf abschüssiger Halde oder auf einer versteckten Magerwiese begegnet, muss ergriffen vor so viel Schönheit stehenbleiben.

Die artenreiche Familie der Orchideen oder Knabenkräuter ist nicht nur in den Tropen weit verbreitet. Auch in unseren Bergen gibt es viele, z.T. sogar häufige Orchideenarten. Phantastisch geformte, oft wohlriechende Blüten, mit sonderbar vielfältigen Farbtönen geschmückt, zeichnen diese Pflanzengruppe aus. Viele unserer schönsten Knabenkräuter führen ein verborgenes Dasein und werden nur vom geübten Auge erkannt. Dazu gehören auch die Insektenblumen. Die Fliegenblume, Ophrys muscifera ( Bild 2 ), wächst in den Kalkalpen auf lichten Waldstellen oder auf Waldwiesen. Ihr grösster Feind ist sicher der Dünger.

Wieviel auffälliger leuchten uns da die unerwartet grossen Blüten des Frauenschuhs, Cypripedium Calceolus ( Bild 6 ), entgegen. Das goldene Gelb der Lippe wird durch das Rotbraun der übrigen Perigonblätter noch stärker zum Leuchten gebracht. Wir müssen heute leider schon die entlegensten Fichten-, Bergföhren- und Buchenwälder aufsuchen, um diese Blütenwunder auf ihrer kalkigen Unterlage beobachten zu können. Wer nicht mehr das Glück hat, einen dieser verträumten Frauenschuhstandorte zu kennen, muss sich mit der Beobachtung der kleinblütigen Orchideen begnügen.

Ein Blatt des langblättrigen Sonnentaues, Drosera anglica ( Bild 7 ), soll hier die Schar der unscheinbaren Pflanzen vertreten, die durch Entwässerungen und Bodenverbesserungen vertrieben werden. Die langen rötlichen Fangarme ihrer Blätter können kleine Insekten festhalten und verdauen. Sogar in den Sumpfwiesen des Oberengadins können wir die Schleimtröpfchen der Tentakeln dieser sonderbaren « fleischfressenden » Pflanzen im hellen Sonnenlichte aufleuchten sehen.

Der Türkenbund, Lilium Martagon ( Bild 8 ), mit seinen grossen, roten, gefleckten Turbanblüten hat ein weites Verbreitungsgebiet. In den Tälern kann er sich in versteckten Buchenwäldern vor neugierigen Menschenaugen schützen. Über der Waldgrenze muss er seine volle Schönheit zeigen. An stark besonnten Hängen finden wir besonders üppige Exemplare.

Wir wollen die Talsohlen verlassen. Zwischen braungebrannten Ställen führt unser Weg über die Maiensässwiesen in die Höhe. Hier können wir im Juni die weissen Trichter der Paradieslilie, Paradisia Liliastrum ( Bild 10 ), bewundern. Die « himmlisch reine Alpenlilie », wie sie Hermann Christ preist, steigt auch über die Waldgrenze hinauf bis in die heute nicht mehr genutzten Wildheuplanken.

Welch eindrückliches Bild von der Fülle pflanzlichen Lebens vermag uns eine frühsommerliche Wiese in der subalpinen Stufe zu geben! Auch wenn wir die Waldgrenze hinter uns lassen und hinauf in die Alpweiden und die alpinen Rasen gelangen, nimmt die beglückende Schönheit der Flora nicht ab. Hier finden die grossen, pelzigen Anemonen ihre besten Lebensbedingungen. Die Schwefelanemone, Pulsatilla alpina ssp. sulphurea ( Bild 12 ), meidet kalkigen Boden. Ihre Blüten strecken ihre gelben Sterne nur kurze Zeit der Sonne zu. Die nachfolgenden Fruchtstände bilden aber als « wilde Mannli » oder als « Gemsbärte » einen dauerhaften Schmuck der Wiesen. Zusammen mit den dunkelblauen Bechern des Kochschen und Clusiusschen Enzians sind unsere grössten Anemonen-arten in der Umgebung vieler Bergbahnstationen und Fahrstrassen leider sehr selten geworden.

Vielleicht haben wir auf unserem Weg zur Waldgrenze das Glück, auf einer jungen Tanne, auf einem Haselstrauch oder auf einer Legföhre die grossen hellblauen Blüten unserer schönsten Liane, der Alpenrebe, Clematis alpina ( Bild 11 ), zu entdecken. Sie hat eine Vorliebe für Kalkböden und soll über Nordasien und Japan bis in die Gebirge Nordamerikas zu finden sein. Ihre Stengel werden allerdings von Buben nicht heimlich zu billigem Rauchmaterial verarbeitet. Dazu eignen sich nur die stärkeren Äste ihrer weitverbreiteten Schwester, der Waldrebe oder Niele.

Alpenmannstreu, Eryngium alpinum ( Bild 14 ), werden die meisten nur als Gartenform kennen. Am schönsten gedeihen sie in den Alpentälern, in welchen auch ihre natürlichen Standorte liegen. Die blaue « Edeldistel » gehört in die Familie der Doldengewächse, und wer ihre hellen, amethystblauen, harten, dornigen Hüllblätter im natürlichen Lebensraum bewundern will, kann in unseren Alpen nur noch sehr wenige Stellen finden, wo diese prächtige Pflanze wächst.

Auch die grossen, hellblau leuchtenden Blüten der Alpenakelei, Aquilegia alpina ( Bild 13 ), sind selten geworden. Trotzdem man sie auf Kalkschutt und auf tiefgründigem Boden mit Alpenerlen finden kann, ist sie wenig anpassungsfähig und bedarf unseres besonderen Schutzes. Die dunkle Form der gemeinen Akelei ist dagegen von der Talsohle bis zur Waldgrenze noch recht häufig anzutreffen.

Neben der grossen Zahl der blauen Glockenblumen wächst auf Magerwiesen und Wildheuplanken eine Art mit blassgelben Blüten. Die hellen Kerzen der Strauss-Glockenblume, Campanula thyrsoides ( Bild 9 ), leuchten immer nur in geringer Zahl aus den dicht wachsenden, saftigen Kräutern der Bergwiesen. Die üppigen Blütenstände überraschen uns immer wieder durch ihre edle Schönheit.

Auf sonnigen Magerwiesen finden wir bis weit über die Waldgrenze das schwarze Männertreu oder Bränderli, Nigritella nigra ( Bild 16 ). Ob wohl der feine Duft die Ursache des massenhaften Pflückens dieser Orchidee sein mag? In abgelegenen Gebieten kann sie recht häufig sein. Ihre rote Schwester ist selten und wächst nur in den östlichen Schweizer Alpen.

Die Alpenaster, Aster alpinus ( Bild 15 ), bezaubert den Bergsteiger immer wieder mit ihrem Kranz leuchtend violetter Zungenblüten, der die gelborangen zentralen Röhrenblüten umgibt. Sie ist nicht sehr anspruchsvoll. Im Jura, an Kalkfelsen in den Tälern, auf Magerwiesen und an windumbrausten Graten kann man ihre auffälligen Blütenstände leuchten sehen.

Die Alpenaster bevorzugt Standorte, an welchen auch das berüchtigte Edelweiss, Leontopodium alpinum ( Bild 18 ), zu finden ist. Der weisse Stern seiner stark behaarten Hochblätter kann es an Schönheit kaum mit den Farben der Alpenaster aufnehmen. Aber die « legendenhafte Glorie » dieser alpinen Pflanze weckt in vielen das Verlangen, sie auch unter Gefahren an exponierten Stellen zu pflücken.

Über der Waldgrenze ist die Familie der Primelgewächse durch ziemlich viele Arten vertreten. Goldgelb strahlen uns die grossen Blüten der Aurikel oder des Flühblümchens, Primula Auricula ( Bild 17 ), aus grauen Kalkfelsen entgegen. Auch magere Böden auf Kalkschutt verschmäht sie nicht. Ihre violette Schwester, die klebrige Primel, Primula viscosa, zählen wir auch zu den gefährdeten Pflanzen. Sie ist seltener als die Aurikel, bevorzugt saure Böden und ist nur im südöstlichen Graubünden verbreitet.

Es ist kaum zu glauben, dass auch die eigentlichen « Alpinisten » unter den Blütenpflanzen, die alpinen Polsterpflanzen, unter Schutz gestellt werden müssen. 40 bis 50 Jahre braucht eine Pflanze, bis sie ein ansehnliches Polster aufgebaut hat. Ist das nicht Grund genug für den Schutz dieser Pioniere? Wir können nur staunen, wie es der Alpenmannsschild, Androsace alpina ( Bild 19 ), fertigbringt, seine Blütenhalbkugeln zu bilden. Der Schweizer-Mannsschild, Androsace helvetica ( Bild 20 ), vermag sogar senkrechte Kalk- und Dolomitwände mit seinen Polstern zu schmücken. Und wenn der Kletterer an einsamen Gneisfelsen plötzlich ein blau schimmerndes Polster des Himmelsherolds vor sich sieht, wird er einen Augenblick innehalten und das beglückende Gefühl, mit dem uns die Freude an der Alpenflora erfüllt, besonders dankbar geniessen.

Was können wir tun?

Wir wissen, dass in einer Welt voll Materialismus schöne Worte wenig ausrichten. Wir glauben auch nicht, dass wir die rücksichtslosen Naturschänder zu bessern vermögen. Wir hoffen aber mit vielen Gleichgesinnten, dass sich immer mehr Mitmenschen von der dringenden Notwendigkeit eines sinnvollen Naturschutzes überzeugen lassen.

Wer weiss es besser als wir Bergfreunde, dass der Mensch aus seiner Beziehung zur Gebirgswelt und ihren Kreaturen viel edle Kraft zu gewinnen vermag? Dem Bergsteiger ist es selbstverständlich, dass unsere alpinen Landschaften für unser Land ein hohes Gut bedeuten. Seit je hat sich daher der SAC für die Erhaltung unserer Naturlandschaften eingesetzt. Heute wartet auf uns die schwere Aufgabe, auf unseren Bergtouren, dem Beispiele der Bergwacht folgend, noch mehr für den Schutz unserer Alpenflora einzustehen. Vielleicht müssen wir uns dazu noch intensiver mit den Geschöpfen unserer Alpen auseinandersetzen. Die Kenntnis der Lebensgewohnheiten einiger unserer Pflanzen und Tiere wird uns erst mit der nötigen Ehrfurcht und Kraft erfüllen, um uns gegen mutwillige Naturzerstörung und mangelnde Einsicht in die biologischen Gesetzmässigkeiten zu wehren. Jeder wird auf seine Art Wege und Möglichkeiten finden, um unsere Berggemeinden und Bergbahngesell-schaften davon zu überzeugen, dass sie die Landschaften mit ihren Lebewesen, denen sie ihren Aufschwung zu einem grossen Teil verdanken, nicht zerstören lassen dürfen.

Vergessen wir auch nicht, dass unsere Jugend den Sinn für die Schönheiten der Natur noch nicht verloren hat. Die Erziehung zur Ehrfurcht vor Pflanzen und Tieren ist eine edle Aufgabe unserer Schulen. Je früher wir damit beginnen können, um so nachhaltiger wird die Wirkung sein.

Dankbar wollen wir auch die Arbeit unserer Behörden anerkennen. Sie schufen und schaffen Gesetze und Verordnungen über Naturschutz und Pflanzenschutz. Wir hoffen, dass ihren Bemühungen in Zukunft mehr Erfolg beschieden sein wird, als das bis heute der Fall gewesen ist. Sicher dürfen wir auf die Einsicht der verantwortlichen Stellen hoffen, dass eine Kontrollorganisa-tion, die für das Einhalten der Schutzbestimmungen sorgt, unumgänglich sein wird. Man wird auch einsehen müssen, wie beschämend gering die öffentlichen finanziellen Aufwendungen für den Naturschutz noch sind. Vielleicht wird es in der Zukunft nicht mehr vom Wohlwollen einiger Weniger abhängen, ob eine unersetzliche Naturlandschaft erhalten bleiben kann oder nicht.

Die Aufgaben sind schwer. Aber es geht um etwas Wertvolles und Grosses.

Hermann Christ, der die Schönheit unserer Alpenflora in unübertroffener Meisterschaft zu preisen verstand, schrieb 1879 nach einem Abschnitt über das Blütenmeer einer Bergwiese: « So steht die Alpe in ihrem Hochzeitskleid vor uns, die Vorahnung einer reineren, höheren Welt, ein Gruss unseres Gottes, und alle Herrlichkeit der Welt dort unten ist gegen sie wie Spreu. » Soll uns die Spreu das Wichtigste sein?

In den meisten schweizerischen Kantonen bestehen heute Pflanzenschutzgesetze. Es seien hier als Beispiel zwei diesbezügliche Verordnungen wiedergegeben, soweit sie die Flora betreffen:

St.Gallen: Ein vollständiges Pflückverbot gilt für folgende Arten: Alpenakelei, Alpenrittersporn, Edelweiss, Purpurenzian, Ungarischer Enzian, Frauenschuh, Ophrysarten, Feuerlilie, Türkenbund, Paradieslilie, rotes Männertreu, Purpurorchis, Rohrkolben, Seidelbast, Seerosen, Sumpfgladiole.

Ein beschränktes Pflückverbot ( maximal 5 Exemplare ) gilt für folgende Arten: Alpenrosen, Alpenanemone, Schwefelanemone, Arnika, Alpenaster, Bergaster, Bergglockenblume, Alpenveilchen, stengellose Enziane, Federgras, Mont Cenis-Glockenblume, Strauss-Glockenblume, stengelloses Leimkraut, schwarzes Männertreu, Maiglöckchen, polsterbildende Mannsschildarten, Märzenstern, Orchideen aller Arten, die nicht schon gennant wurden, Aurikel, violette Gebirgsschlüsselblumen, Schneeglöcklein, Schwertlilien, Sterndolde, Steinnelke.

Graubünden: Nach der Revision wird das Gesetz über den Schutz wildwachsender Pflanzen folgende Liste enthalten müssen: Alpenmannstreu, Alpenakelei, Ophrysarten, gemeine Küchenschelle, Alpenrebe, Wulfens Hauswurz, Frauenschuh, Edelweiss, Feuerlilie, Türkenbund, weisse Alpenrose, Berg-Küchenschelle, Aurikel, Paradieslilie, Alpenveilchen, Alpenaster, Federgras, Strauss-Glockenblume, rotes und schwarzes Männertreu, alpine Arte-misia-Arten, Rohrkolben.

( Es kommt nicht immer darauf an, dass bestimmte Pflanzen unter Schutz gestellt werden. Weit wichtiger ist, dass wir uns für den Schutz der alpinen Flora gesamthaft einsetzen, auf ein Blumenpflücken verzichten und uns mit allem Nachdruck dagegen zur Wehr setzen, dass auch die Alpenblumen als Verkaufsobjekt in die Fremden- und Verkehrsindustrie eingeschaltet werden. Ein anständiger Mensch schändet auch die Pflanzen unserer Berge nicht! M. Oe. )

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