Handschlaufe weg vom Pickel

Bergführer und Ausbildner sind sich einig: Die Handschlaufe am Pickel vermittelt nur vordergründig Sicherheit, effektiv ist die Handschlaufe aber hinderlich und zuweilen gefährlich. Deshalb wird vom Einsatz abgeraten.

Wer im Bergsportladen steht, wird feststellen, dass mehr oder weniger sämtliche Eispickel mit Handschlaufe angeboten werden. «Dies hat vor allem verkaufstechnische Gründe. Für den Einsatz der Schlinge am Berg aber gibt es keine guten Gründe, ganz im Gegenteil», erklärt Bergführer Bruno Hasler, Fachleiter Ausbildung beim SAC. Wer für zehn zusätzliche Franken die «vollständige Ausrüstung» bekommt, entscheide sich nur selten für die minimale Version, so Hasler. «In diesem Fall aber würde die ‹Lightvariante› Sinn ergeben, denn es gibt keinen Grund, die Schlaufe am Berg auch einzusetzen».

Mehr Gefahren als Nutzen

Es sei die «fatale Angst vor dem Verlust», die Bergsteiger dazu verleite, den Pickel mit der Schlaufe am Handgelenk zu sichern, meint auch Christian Frischknecht, Bereichsleiter Berg­sport & Jugend beim SAC. Was auf den ersten Blick sinnvoll erscheine, habe am Berg aber eine gefährliche Wirkung. Frischknecht, selbst Bergführer, weiss, wovon er spricht: «Bis bei einem Zickzackaufstieg in einer Seilschaft alle den Handwechsel vorgenommen haben, vergeht jeweils viel Zeit, und der Wechsel beeinträchtigt jedes Mal auch die Konzentration.»

«Mühsam und unnötig», meint dazu auch Bruno Hasler. Zudem sei die Sicherheit der ganzen Seilschaft gefährdet, wenn unter Zeitdruck versucht werde, die Manipulation ohne Halt vorzunehmen. Beide Bergführer haben zwar Verständnis für die verbreitete Angst vor dem Pickelverlust. Die Gefahr, den nicht gesicherten Pickel zu verlieren, sei aber äusserst gering und stehe in keinem Verhältnis zum effektiven Nutzen. Bei einem Sturz verkrampfe man sich in der Regel, weshalb der Pickel eher fest umklammert, kaum aber losgelassen werde. Hasler und Frischknecht teilen dezidiert die Ansicht, dass die traditionelle Handschlaufe am Pickel überflüssig und deshalb vor allem «für den Kopf» sei. Dass die Schlaufe Tradition habe, mache es nicht besser. Mit einem Pickelverlust sei am ehesten bei einem Spaltensturz zu rechnen. Spaltenstürze seien aber statistisch sehr selten, weshalb auch das Verlustrisiko als sehr gering eingestuft werden könne.

Verletzungsgefahr beim Sturz

Ein zusätzliches Argument, das gegen den Einsatz der Handschlaufe spricht, ist für Christian Frischknecht auch die Verletzungsgefahr bei einem Absturz oder Wegrutschen. Ein umherwirbelnder Pickel berge ein grosses Verletzungsrisiko. Denn in diesem Fall gelte: «Lieber Pickel weg als zusätzliche Verletzungen». Deshalb sind sich Christian Frischknecht und Bruno Hasler einig: Es gebe keinen Grund, den Pickel mit der Handschlaufe am Körper zu befestigen.

Das angenehme Gefühl, zu wissen, dass der Pickel nicht weg und verloren ist, wenn man ihn einmal loslässt, ist also trügerisch. Die Handschlaufe ist überflüssig und behindert den Aufstieg unnötig. Im Sportgeschäft muss sich niemand dafür schämen, auf die billigere Variante zu setzen und für einmal zehn Franken (oder mehr) einzusparen. Ganz im Gegenteil. Oder wie Bruno Hasler fragt: «Wer hat schon einen Bergführer gesehen, der eine Handschlaufe am Pickel hat?»

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