Henri Beraldi: Le Passé du Pyrénéisme

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Die Lektüre dieses interessanten Buches, dessen ersten Teil wir in Jahrbuch XL VII, pag. 331, besprochen haben, ist keineswegs eine leichte und durchwegs angenehme Sache. Der Plan, den der Verfasser befolgt, die Erforschung der Pyrenäen und die Beurteilung der von den Pyrenäen handelnden Literatur des 18. Jahrhunderts durchwegs an die entsprechenden Erscheinungen in den Alpen anzuschließen, zwingt ihn zu einer sprunghaften Komposition, und der buntscheckige Eindruck wird verstärkt durch die bis ins Unleidliche getriebene Gewohnheit, Parallelen mit dem seither Gewordenen in Parenthesen und Anmerkungen massenhaft einzuschieben und damit Stimmung und „ Milieu ", kaum daß sie im Leser entstanden sind, wieder zu zerstören. Immerhin überwiegen die Verdienste der Arbeit BeralJis bei weitem ihre Fehler. So rechne ich es ihm hoch an, daß er uns über die Daten und Itinerarien Bourrits im Berner Oberland, Wallis, Gotthardgebiet und Savoyen, soweit das aus den absichtlich alle Datierung vermeidenden Schriften Bourrits möglich ist, von 1770—1780 — weiter geht Beraldis Buch nicht — orientiert und an mehreren Punkten, wo Bourrit mit seiner Autopsie flunkert, auf seine literarischen Quellen, so namentlich auf de Kéralios 1770 erschienene Übersetzung von Gruners „ Eisgebirgen ", nachdrücklich aufmerksam macht. Über Bourrits Arbeitsmethode und seine Geschicklichkeit, sich die Verdienste anderer Leute gutzuschreiben, erhalten wir durch Beraldi neue Belege, so u.a. in bezug auf die Entdeckung des „ Eismeers von Chermontâne ". Dagegen hat Beraldi die von mir bei verschiedenen Gelegenheiten beigebrachten Winke über das wirkliche Itinerar Polier de Bottens vom 17. August 1742, von Kandersteg nach Lauterbrunnen über Dündengrat und Sefinenfurgge, und den Unsinn, den Bourrit daraus gemacht hat, nicht genügend benutzt. Die große Wirkung Bourrits auf die Hebung des Touristenverkehrs in der alpinen Schweiz schätzt Beraldi richtig ein, wie er auch über seine artistische Tätigkeit gute Auskunft gibt. So notiert er, daß Ludwig XVI. 1779 Bourrit in Paris zwei Gemälde abkaufte, den „ Lac de Kandel-Steig " ( Öschinensee ) für das Naturhistorische Kabinett in Paris und den „ Glacier inférieur de Grindelwald " für die K. Privatgalerie in Versailles. Existieren diese Gemälde noch? Es scheint nicht, daß Bourrit und Ramond, welcher 1778 seinen Wohnsitz von Koltnar nach Paris verlegt hatte, sich dort gesehen hätten. Sicherlich war dies nicht der Fall auf der ersten Schweizerreise Ramonds, die den 22jährigen in dreimonatiger Ferienfahrt, vom Mai bis Anfang August 1777, zuerst von Straßburg nach Zürich brachte, wo sie durch einen anderen Studienfreund, Escher, bei Bodmer, Geßner und Lavater eingeführt wurden. Weiter nach Einsiedeln; von da über den Hacken nach Schwyz, nach Luzern zu Pfyffer und auf dessen Rat, an der Hand seines Reliefs, über Stans nach Engelberg, über den Jochpaß, am Titlis vorbei, über den Ramond erkundete, daß er von Geistlichen des Klosters gelegentlich erstiegen werde, und daß man von seinem Gipfel das Turmkreuz des Straßburger Münsters erkennen könne, und im Angesicht des „ Schreckhorns " ( wahrscheinlich ist das Finsteraarhorn gemeint ) hinunter nach Meiringen, wo zwei Tage Rast gemacht werden. Dann die klassische Tour: Grindelwald und Lauterbrunnen. In Bern Besuch bei dem greisen Haller, der Ramond seine Überzeugung von dem beständigen Anwachsen der Gletscher ausgesprochen haben soll. Von Bern über Freiburg und Lausanne nach Ferney, zum Besuch bei Voltaire, vielleicht nach Genf, jedenfalls nicht nach Chamonix. Dann zurück nach Vevey, Chillon, Bex, St. Maurice, das Wallis hinauf, mit Abstecher zum Bad Leuk, zum Rhonegletscher, über die Furka nach Urseren, auf den Gotthard und zurück, hinunter nach Altorf, über den Klausenpaß nach Glarus, wohin Ramond, der in der Zwischenzeit in Zürich gewesen ist, am 27. Juli allein zurückkehrt, um den Landsgemeindeverhandlungen über die Erneuerung des Allianz-vertrages mit Frankreich beizuwohnen. Über Solothurn und Basel kehrt Ramond nach Hause zurück. Gestützt auf die Tatsache, daß Ramond notorisch einmal mit dem Dichter J. M. R. Lenz am Rheinfall zusammentraf, ihn wohl auch von Straßburg her kannte, nimmt Beraldi an, daß Lenz der Begleiter Ramonds auf dieser Reise gewesen sei. Unsere Leser wissen aus den Nachweisen von Dr. A. Dreyer, im Jahrbuch XLVIII, pag. 189—-190, über die Irrfahrten von Lenz im Jahre 1777, daß dies unmöglich ist. Verdankenswert sind die Aufschlüsse über die Schweizerreise, welche der Mineraloge Besson im gleichen Jahre, im Auftrage des Barons v. Zurlauben und für dessen „ Tableaux de la Suisse ", unternahm und die ihn u.a. auf den Glacier d' Argentière, nach Aernen im Goms, von wo aus er den gegenüberliegenden Fieschergletscher zeichnete, und zum Rhonegletscher führte, wo er „ vier verschiedene Stirnmoränen, 120, 80, 82 und 34 Toisen von der Gletscherzunge entfernt ", konstatierte, gewiß eine beachtenswerte Notiz. Die Bedeutung von Besson, dessen weiteres Itinerar gut bekannt ist, für die Entwicklung des Alpen-verständnisses wird von Beraldi gut erfaßt. Das gleiche gilt in hohem Maße von allem, was er über Saussure sagt, dessen Reisen und Arbeiten er von 1758-1780 im einzelnen verfolgt. Auch Bourrits wird dabei immer wieder gedacht. Was Beraldi über Goethes Schweizerreise von 1775 berichtet, ist ziemlich genau, steht aber nur in einem losen Zusammenhang mit seinem Thema. Denn er macht keinen ernstlichen Versuch, eine persönliche Bekanntschaft der Beiden während Goethes Straßburgeraufenthalt zu konstruieren, obschon Ramond sicherlich durch den „ Werther " zu seinem Drama: Les dernières Aventures du jeune d' Olban ( 1777 ) und durch den „ Götz von Berlichingen " zu seinem anderen: La Guerre d' Alsace pendant le grand schisme d' occident angeregt worden ist. Auch von einer Anregung durch die Goethesche Schweizerreise von 1779 kann deswegen nicht die Rede sein, weil sie bekanntlich erst viel später gedruckt wurde. In Beraldis Buch nimmt die literaturgeschichtliche Würdigung Ramonds auf nichtalpinem Gebiet einen großen Raum ein. Wir haben uns damit nicht zu beschäftigen, dagegen wollen wir hervorheben, daß es auch über alpinhistorische Fragen, die nicht mit Ramond zusammenhangen, Auskunft gibt. Was über die recht mäßige Wirkung von Rousseaus Schwärmerei für das Hochgebirge auf die zeitgenössische Literatur, von 1761-1778, gesagt wird, ist sehr beachtenswert. Spürbar ist dieser erst in Jean André Deines Lettres sur les Montagnes, La Haye, 1778. Bekanntlich ist dieses Buch hervorgegangen aus den Briefen, welche Deluc während seines Schweizeraufenthaltes 177475 als Reisebegleiter von Mlle Schwellenberg, Ehrendame der Königin Charlotte von England, deren Vorleser Deluc war, an die Königin geschrieben hatte und worin die Exkursionen von Lausanne nach dem Unterwallis und bis Sitten, im Berner Oberland und auf den Chaumont bei Neuenburg, zum Lac de Joux beschrieben werden. Diese in Delucs Briefen durch ihre Kränklichkeit und Sentimentalität interessante junge Dame erscheint im späteren Leben und in mehr politischer, vielleicht ebenso parteiischer Beleuchtung als eine sehr positive, sehr intrigante und habsüchtige Person. Zur Entstehungsgeschichte des Delucschen Reisebuchs kann ich einen pikanten Beitrag geben. Im Jahre 1775 hatte J. S. Wyttenbach ( vgl. mein Neujahrsblatt der Literarischen Gesellschaft Bern auf das Jahr 1911, pag. 12 f. ) aus dem 2. Band von Delucs Recherches sur les modifications de l' atmosphère ein Bruchstück alpinen Charakters, den Voyage dans les Alpes du Faucigny, mit der Buetbesteigung von 1772, ins Deutsche übersetzt und mit einem Vorbericht und Anmerkungen versehen in Bern herausgegeben. Er bot nun Deluc für eine zweite Auflage seines wissenschaftlichen Werkes, in welcher auch Wyttenbachs Beiträge hätten figurieren sollen, die Dienste seines Berner Verlegers an. Deine lehnte in einem freundlichen Schreiben vom 14. August 1775, in welchem auch Mne Schwellenberg Wyttenbach grüßen läßt, das Anerbieten ab, weil von der ersten Auflage des physikalischen Werkes noch viele Exemplare unverkauft seien etc. und fügt hinzu: „ On va d' ailleurs imprimer à part mes relations de voyage avec quelques additions. " Diesem Unternehmen, das 1777 in drei identischen Ausgaben in Genf, Paris und La Haye herauskam, wollte offenbar Deluc nicht selber Konkurrenz machen. Um diese Hoffnung betrogen, warf sich die Berner Typographische Gesellschaft, die hinter Wyttenbach steckte, 1778 auf eine Neuausgabe von Gruners Eisgebirgen, unter dem Titel: Reisen durch die merkwürdigsten Gegenden Helvetiens. Und es will mir scheinen, dass auf die sehr ungeschickte und ganz äußerliche Form dieses Auszugs in angeblichen Reisebriefen die Dclucsche Literatur eingewirkt habe, wie darin auch dem Rousseauschen Geschmack Tribut gezollt wird. Über die durch Rousseau und seinen Nachbeter Bourrit aufgebrachte Legende vom Fortbestand des goldenen Zeitalters im Wallis machte man sich in der Schweiz und in Paris schon 1777 lustig. Dies nachgewiesen zu haben ist ein besonderes Verdienst Beraldis. Zu der noch heute ungelösten Frage nach dem Col Major, d.h. der

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