Herr der Schluchten Timo Stammwitz, Tunnelbauer und Schluchtenerkunder

Was auf Berggipfeln nicht mehr geht, ist in den Schluchten der Schweiz noch möglich: Neuland entdecken, in dem nie ein Mensch zuvor war.

Die Fotos sind atemberaubend: Siphons in schillernden Farben, kunstvoll ausgehobelte Gneiswände im oszillierenden Spiel von Licht und Schatten. Es sind Fotos von einem Ort, an dem bis anhin noch niemand war: von der Rovanaschlucht zwischen Linescio und Bignasco im hintersten Maggiatal. Gelungen sind die Bilder dem Canyoning-Erstbegeher Timo Stammwitz. «Die Rovana ist der letzte Gebirgsfluss der Alpen, der komplett ungezähmt durch eine so lange, tiefe und schöne Schlucht schiesst», sagt er.

Für die Erstdurchsteigung dieses Naturmonumentes brauchte er 100 Tage, verteilt auf sechs Jahre, wobei er 29 Tage lang im Wasser stand. Um vorwärtszukommen, legte er Etappe für Etappe einen regelrechten Seilpark in der Schlucht an und baute ihn hinter sich wieder ab. Das Einzige, was an die Erstbegehung erinnert, sind die Bohrhaken.

Atmende Täler

Die Antwort auf die Frage nach dem Grund dieses Tuns hat ihren Ursprung in Wohlen. Dort ist der 39-jährige Timo Stammwitz aufgewachsen. «Schon als JO-ler in der Sektion Lindenberg liebte ich es, abseits der abgesicherten Routen auf Entdeckungstour zu gehen», sagt er. Eine Wasserratte sei er schon immer gewesen. Am Anfang seiner Passion als Schluchtenentdecker stand seine zweite Arbeitsstelle nach dem Bauingenieurstudium an der ETH: der Neat-Zwischenangriff in Sedrun. Von 2004 bis 2013 arbeitete er dort zuerst als Bauleiter im Vortrieb, dann als Assistent des Chefbauleiters. Mit jedem Meter Vortrieb betrat man Neuland, stand an einem Ort, wo vorher noch niemand stand, sah und entdeckte Gesteinsschichten und Phänomene, die noch niemand zuvor aus der Nähe gesehen hatte. «Ganz wie bei der Erstbegehung einer Schlucht», sagt Stammwitz.

Bis 30 Kilo am Rücken

Neues erkunden, Neuland betreten – durchaus mit kindlicher Neugier, aber auch mit seriösem Forschergeist: Das macht Timo Stammwitz beruflich als Tunnelbauer, und das war es auch, was ihn zusammen mit seiner Vorliebe für Wasser dazu brachte, Wasserläufe zu erkunden und bis zu deren Ursprung vorzudringen. Zuerst sei er von unten her aufgestiegen. «Ich merkte aber bald, dass der umgekehrte Weg zielführender ist.»

Mit der Ernsthaftigkeit der Erkundungstouren stiegen auch die Anforderungen an die Ausrüstung, was das Gewicht des Gepäcks bald einmal in die Höhe trieb. Vom leistungsfähigen Akkubohrer bis zum Handy ist alles mindestens doppelt wassergeschützt, für den Bedarfsfall ist auch noch ein Handbohrer dabei. Oft zurrt er sich den schwer beladenen Sitzgurt um den Neoprenanzug. Von seinem Helm baumelt eine Signalpfeife. «In der Schlucht kann es so lärmig sein, dass man sich nur noch mit der Trillerpfeife verständigen kann», sagt Timo Stammwitz.

Ein Leben – eine Passion

Rund 350 Schluchten hat Timo Stammwitz schon erstbegangen. Unnötig zu sagen, dass der Junggeselle für seine Passion fast seine gesamte Freizeit opfert. «Die Exploration beginnt heute nur noch selten mit der Landkarte, sondern meist mit dem Geoportal von Swisstopo und Google Earth», sagt er. «Wenn die Luftaufnahme nur einen feinen schwarzen Schlitz zeigt, ist die Chance auf einen spektakulären Canyon gross.» Bei der Besichtigung der Schlucht checkt Timo zuerst ab, ob schon Bohrhaken vorhanden sind, die auf eine erfolgte Erstbegehung hindeuten. Erst wenn das nicht der Fall ist, nimmt er sie genauer unter die Lupe.

«Die Schwierigkeitsbewertung einer Schlucht basiert auf vier Elementen», sagt er. Neben der Ernsthaftigkeit gibt es eine Einstufung für die aquatischen Herausforderungen, die Höhe und Exponiertheit der Abseilstellen und die allgemeine Fortbewegung. «Aquatisch relevant ist die Wassermenge. Die Beschaffenheit von Strudeln und Siphons spielen ebenfalls eine Rolle», sagt er. Da viele Gewässer reguliert sind, holt er auch Erkundigungen bei den Kraftwerksbetreibern ein. Die Einstufung der allgemeinen Fortbewegung bewertet Elemente wie Griffigkeit des Felsens, Schwierigkeit der Kletterstellen oder verkeilte Holzstämme, die es zu übersteigen gilt. Die Ernsthaftigkeit richtet sich schliesslich nach dem Vorhandensein von Fluchtwegen. Dauert es zwischen 30 Minuten und einer Stunde, bis man aussteigen kann, gibt das zum Beispiel die Bewertung IV.

Mitentscheidend ist der Zeitpunkt des Einstiegs. «Am besten begeht man eine Schlucht, wenn nach einem Starkregenfall wieder sichere Verhältnisse und ein günstiger Wasserstand errschen», sagt Stammwitz. «Dann ist sie herausgeputzt, und die glitschigen Algen sind weggespült.» Er sucht sich eine möglichst spektakuläre Abstiegslinie nahe am Wasserstrahl, ohne von diesem erschlagen zu werden. «Springen und Rutschen ist bei Erstbegehungen eher selten, eine Schlucht ist kein Funpark», sagt er.

Eine Welt neu entdeckt

Wenn alles stimmt, erlebt Timo Stammwitz in der Tiefe der Schluchten intensive Momente. «Du bist umgeben von einer unglaublich dramatischen Ästhetik voller Kraft und Wildheit, du erhält ganz neue Einblicke in die Erdgeschichte», sagt er. Bei seinen Schluchtenbegehungen am Eiger hat er nicht weniger als 15 verschiedene Kalkformationen gezählt.

Immer wieder zieht es ihn aber zurück zur Rovana. Er hat den Einheimischen Fotos gezeigt, und hat so ein enormes Interesse ausgelöst. «Mit diesen Bildern konnte ich ihnen ein Kleinod inmitten ihrer Heimat erschliessen», sagt er.

Bilder aus der Rovana

!!NICHT UEBERSETZEN!!

Möglicherweise werden die Rovanabilder 2017 in einer Ausstellung in Cevio gezeigt. Weiter Informationen sind erhältlich über www.vallemaggia.ch (Dieser Passus wird von Timo Stammwitz noch präzisiert)

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