Hochgebirgsführer durch die Berner Alpen

Die beiden neuen Bändchen der deutschen Ausgabe der Climbers'Guides 1 ) für das Berner Oberland, die Dr. H. Dübi im Auftrage der Sektion Bern S.A.C. herausgibt, umfassen den mittleren und höchsten Teil der Berner Alpen von der Gemmi bis zur Grimsel. Da der Westflügel von der Dent de Morcles bis zur Gemmi und der Ostflügel von der Grimsel bis zum Urirotstock schon in den Bänden I ( 1907 ) und IV ( 1908 ) behandelt worden sind, so liegt nun der „ Hochgebirgsführer durch die Berner Alpen " vollständig vor, soweit es im Plane der Climbers'Guides vorgesehen war. Dieser umfaßt aber nicht das ganze Berner Oberland, wie man aus seinem Titel folgern könnte, sondern schließt die Mittelalpen im Gebiet der Saane und Simme und ebenso im eigentlichen Oberlande die Gruppen des Schilthorns und des Schwarzhorns aus. Stoff genug für ein allfälliges fünftes Bändchen, das als Anhang zum Hochgebirgsführer die Vor- und Mittelalpen des Berner Oberlandes zu schildern hätte!

Aus praktischen Gründen, damit der Hochgebirgsführer nicht zu wohlbeleibt werde, was ja für Führer und Touristen gleich fatal ist, wurde das Gebiet zwischen Gemmi und Grimsel in zwei Teile zerlegt. Band II ( 1910 ) behandelt den westlichen Teil von der Gemmi bis zum Mönchjoch, d.h. die Balmhorngruppe und ihren südlichen Ausläufer, den Ferden Rothorngrat, die Kette des Lauterbrunner Breithorns und die Jungfraugruppe, nördlich vom Hauptkamm die Gruppe der Blümlisalp und südlich von demselben die Bietschhorngruppe mit ihren Abzweigungen zwischen den Tälern Ijolli, Bietsch, Baltschieder und Gredetsch, die Nesthornkette und die Aletschhorngruppe. Band III ( 1909 ) umfaßt das Gebiet vom Mönchjoch bis zur Grimsel: die Finsteraarhorngruppe, die Fiescher-, Schreck- und Wetterhörner, die Oberaarhorn- und die Galmigruppe und im Bereich des Urbachtals die Gruppen des Hühnerstocks, des Rizlihorns und des Dossenhorns.

Diese summarische Inhaltsangabe genügt, um zu zeigen, wie reich und vielgestaltig das Gebiet der beiden neuesten Hochgebirgsführer ist. Es ist das Gebiet der größten Gletscher, der mächtigsten Firn- und Felshäupter, der wildesten Grate der Berner Alpen.

Es versteht sich von selbst, daß ein zuverlässiger Führer des Bergsteigers durch diese großartige Bergwelt von vornherein der besten Aufnahme in alpinen Kreisen sicher ist und keiner Empfehlung bedarf, zumal wenn er zwei so hervorragende Bergsteiger und Bergkenner zu Verfassern hat, wie Dr. W. A. B. Coolidge, der den Text der englischen Ausgabe geschrieben, und Dr. H. Dübi, der diesen übersetzt und an vielen Stellen verbessert und vervollständigt hat.

Dank der eigenen Bergerfahrung in den Berner Alpen, die bei beiden Autoren bis in die Sechzigerjahre hinaufreicht, und ihrer genauen Kenntnis der alten wie der neuen alpinen Literatur, dank auch dem vielen neuen Material, das ihnen von englischen und schweizerischen Bergsteigern eingesendet wurde, ist der Hochgebirgsführer von einer Reichhaltigkeit, die auch den in Erstaunen setzen wird, der die alpine Literatur einigermaßen zu kennen glaubt. Es ist aber, der Vollständigkeit zuliebe, da und dort nur zuviel geschehen. So hätte der Abschnitt „ Engelhörner " ( Bd. III, pag. 175—189 ) füglich kürzer gehalten werden dürfen, denn ohne eine Spezialkarte, die nach dem Plan der Hochgebirgsführer nicht beigegeben werden konnte, ist es nicht möglich, sich in der übermäßig detaillierten neuen Nomenklatur zurecht zu finden. Merkwürdig, daß der Name King's Peak für den Punkt 2626 unverändert aus der englischen Ausgabe in die deutsche hinübergenommen worden ist! Kingshorn oder Kingspitz kann man sich allenfalls gefallen lassen, da die Spitze vor ihrer Besteigung durch Sir H. Seymour King 1887 namenlos gewesen zu sein scheint, aber Peak paßt schlechterdings nicht zwischen die Hörner, Stöcke und Burgen der Engelbornkette hinein.

Über den Plan und die Anordnung der Hochgebirgsführer, die denen der Climbers'Guides entsprechen, ist im Jahrbuch XLIV, pag. 385 u. ff., so eingehend berichtet worden, daß es nicht nötig ist, hier darauf zurückzukommen. Nur das mag wiederholt werden, daß in den Führer auch solche benannte oder quotierte Punkte aufgenommen worden sind, über deren Besteigung nichts bekannt ist, und daß deren in dem „ erschöpften " Gebiet der zentralen Berner Alpen zwischen Gemmi und Grimsel noch etwa dreißig verzeichnet sind, allerdings meist Kleinzeug, aber darunter doch ein halbes Dutzend Berge von über 3000, einer sogar von mehr als 3600 m Höhe. Wo sie zu suchen sind, das bleibe der Findigkeit der Clubgenossen überlassen, die hoffentlich von dem trefflichen Hochgebirgsführer durch die Berner Alpen einen recht ausgiebigen Gebrauch machen werden.A. Waber.

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