2017 hat Sophie Lavaud ihren siebten Achttausender ­bestiegen. Eine einzigartige Erfolgsbilanz für eine, die den Gegenentwurf zu den Superhelden der kleinen Elite des Höhenbergsteigens darstellt.

Als wir uns im November 2017 in einem Genfer Café treffen, erholt sich Sophie Lavaud gerade von einem anstrengenden Jahr. Drei Himalaya-Expeditionen, 107 Nächte auf Höhen über 5000 Metern in der Kälte und ohne Komfort liegen hinter ihr: «Ich bin hart im Nehmen, aber auch glücklich, dass ich mich in der Schweiz erholen kann, wo das Leben bequem ist.»

Eine freie Frau

Die Genfer Himalaya-Bergsteigerin ist adrett geschminkt. Das Make-up betont ihr einnehmendes Lächeln und ihren durchdringenden Blick. Die bescheidene Frau ist stolz auf die zwei weiteren Bergriesen, die sie geschafft hat: den Broad Peak und den Manaslu. Mit nun sieben Achttausendern, darunter der Mount Everest (2014), hat sie so viele davon bestiegen wie keine andere Frau in der Schweiz oder in Frankreich.

Als Kind war Sophie Lavaud oft im Mont-Blanc-Massiv, wo ihre Eltern ein Chalet besassen. Meistens wanderte sie.

Als Städterin gehört sie in Sachen Hochgebirge nicht zu den Frühstarterinnen. Für den Beginn ihrer Laufbahn brauchte es besondere Umstände: Als ihre Berufskarriere im Bereich Marketing und Eventorganisation wegen der Finanzkrise von 2008 bis 2010 ins Stocken gerät, beschliesst sie, eine Auszeit zu nehmen. Und stellt sich einer «etwas verrückten» Herausforderung: einen Achttausender zu besteigen. «Ich hatte keine Kinder, keine Arbeit, dafür viel Zeit und Freiheit», sagt sie.

Am Everest machte es klick

Ihre erste Expedition erlebt Sophie Lavaud als Dilettantin: «Ich war eine Frau Jedermann, die die Mittel hatte, sich einen Traum zu erfüllen.» Das war 2012. Sie kauft sich in eine Expedition ein, die den Shishapangma zum Ziel hat. Wie eine Kundin, die einen Bergführer bezahlt, um den Mont Blanc zu besteigen. Sie erreicht den Gipfel, fühlt sich gut und hängt in derselben Saison gleich noch den Cho Oyu an ‑ eine seltene Kombination. Sophie Lavaud ist 44 Jahre alt und beschliesst, ihr Leben zu ändern: «Ich hatte an sehr grossen Höhen Geschmack gefunden, sie sind zu meiner Passion geworden.»

Bei ihrem Erfolg am Everest zwei Jahre später macht es endgültig klick: Sie beschliesst, alle 14 Achttausender zu besteigen. Die Herausforderung fesselt sie, sie macht daraus einen Beruf, widmet ihr ihre ganze Zeit. Die Hälfte des Jahres ist sie fortan auf Expedition. Jeder Rückkehr in die Schweiz folgt ein Hindernislauf, um die nötigen Mittel aufzutreiben, damit sie wieder aufbrechen kann. Gewandt erfüllt die Himalaya-Berg­steigerin die Verpflichtungen gegenüber ihren Sponsoren. Bis sie wieder einen neuen Berg besteigt, hält sie in Firmen Vorträge über Hartnäckigkeit, Bescheidenheit, Solidarität und Teamspirit. Ein Materialausrüster begründet seine Unterstützung für Lavaud so: «Sie ist glaubwürdig für alle Bergsteiger, die keine Superhelden sind. Es ist leicht, sich mit ihr zu identifizieren.»

Bescheiden und ohne Komplexe

«Ich bin eine ganz gewöhnliche Berg­stei­gerin», fasst die Genferin zusammen. Solobesteigungen, neue, anspruchsvolle Routen, extreme Tech­ni­ken, Besteigungen im Renntempo – all das ist ihr völlig fremd. Ohne besondere Beiträge zur Alpingeschichte und ohne sich mit anderen zu vergleichen, die ihre Grenzen mit immer spektakuläreren Exploits ausloten, geht Sophie Lavaud ihren eigenen Weg. Bescheiden, aber effizient.

Die Anfängerin in Sachen Höhenbergsteigen hat dazugelernt. Die Schultern sind etwas breiter geworden, und sie schliesst sich nicht mehr kommerziellen Expeditionen an. Jetzt entscheidet sie, wer bei ihrem Projekt dabei ist. Im Gelände hat sie sich von den geführten Expeditionen befreit: «Ich entscheide selber über meine Besteigungsstrategie.» So setzt sie etwa aus Sicherheitsgründen zusätzlichen Sauerstoff ein: «Diese Unterstützung hat mir bei der Erholung geholfen und Erfrierungen verhindert.» Zu ihrer Genugtuung hat sie dennoch zwei Achttausender (Gasherbrum II und Broad Peak) ohne zusätzlichen Sauerstoff geschafft.

Verunglimpft von den «Helden»

Der Bergführer und Bergfilmemacher François Damilano aus Chamonix hat Sophie Lavaud im Basislager am Shi­sha­pangma beobachtet. Er beschreibt eine Frau, «die ihre Emotionen gut kontrolliert und die sich durch nichts von ihrem Ziel abbringen lässt». Eine «zurückhaltende», «schamhafte», «reservierte» Frau, die aber einen unerschütterlichen Optimismus zeigt: «Sie ist immer positiv eingestellt, selbst in harten Momenten, im körperlichen und psychischen Leiden, das bei der Besteigung eines Achttausenders unvermeidlich ist.»

François Damilano hat ihren Weg aufmerksam verfolgt und zwei Filme über sie gedreht. In On va marcher sur l’Everest er K2, une journée particulière setzt er einen Kontrapunkt zur dominierenden Sichtweise, in der Sophie Lavauds Besteigungen als traurige Verharmlosung des Himalaya-Bergsteigens kritisiert werden. «Ihr Alpinismus wird vom innersten Zirkel der Stars abschätzig beurteilt; für diese Alpinisten zählen nur das Heldentum und die Wettkampfleistung. Aber wenn es alltäglich wäre, einen Achttausender zu besteigen, dann wäre Sophie sicher nicht die einzige Französin, die es siebenmal geschafft hat.»

Zu ihrem Vergnügen

Das Rennen um die 14 Achttausender ist längst entschieden. Bereits drei Frauen haben den Grand Slam des Bergsteigens geschafft, und rund 30 Männer. Also warum überhaupt weitermachen? «Solange ich die Kraft, die finanziellen Mittel und den Spass daran habe, mache ich weiter», sagt Sophie Lavaud ganz offen. Und ihre Augen leuchten, wenn sie erzählt, wie sie mutterseelenallein auf dem Gipfelgrat zum Broad Peak unterwegs war.

Sie bekennt sich zum ethischen Grundsatz: den Körper, der eine harte Vorbereitung verlangt, respektieren. Ist sie dem Tod in grosser Höhe schon einmal nahegekommen? Sophie Lavaud wehrt ab, wie alle intimeren Fragen. Gewisse Sachen behält sie lieber für sich. Ihr liegt viel daran, ihr Privatleben, ihren «geheimen Garten», zu beschützen.

Die Himalaya-Bergsteigerin verteufelt nicht die allgemein wachsende Begeisterung fürs Höhenbergsteigen, diese Demokratisierung des Himalaya. Dafür kritisiert sie deren Auswüchse: «Ich sah Chinesen und Japaner, die im Basislager zum ersten Mal Steigeisen anschnallten, das ist nicht seriös.»

Zum 50. Geburtstag wollte sich Sophie den Kangchenjunga schenken. Im Mai 2018 unternahm sie zum zweiten Mal einen Besteigungsversuch, aber es sollte nicht sein. Es war genau wie im vergangenen Jahr, als sie rund 100 Meter unter dem Gipfel aufgeben musste. Trotz dem zweifachen Scheitern an diesem technisch anspruchsvollen Achttausender glaubt sie an den Gipfelerfolg: «Der Berg ist ein Monster, aber ich fühle, dass ich es schaffen kann.» Zweifelsohne wird sie ihren Traum bis zum Ende verfolgen.

Kurzbiografie

1968 Sophie Lavaud wird am 15. Mai in Lausanne ­geboren.

2004 Mit einem Freund besteigt sie den Mont Blanc: «Eine ­persönliche Herausforderung.»

2011 Das Unternehmen für Event­organisation in der Bankenbranche, das sie mit ihrem Bruder ­gegründet hat, macht infolge der Finanzkrise Konkurs.

2012 Sie besteigt ihren ersten Achttausender, den Shisha­pangma. «Ich ging aus Abenteuerlust dahin.»

2014 Am 25. Mai steht sie nach dem Aufstieg von der ­tibetischen Seite her über den Nordgrat auf dem Gipfel des Everest.

2016 Sie verzichtet am K2, nachdem eine Lawine ein Höhen­lager mit ihrem Material und ihren Lebensmitteln ­weggefegt hat.

2017 Nach einem Fehlversuch am Kangchenjunga ­erreicht sie am 11. Juli den Gipfel des Broad Peak und hängt am 26. September gleich noch den ­Manaslu an. Es sind ihre Achttausender Nummer sechs und sieben.

2018 Bei ihrem zweiten Versuch, den Kangchenjunga zu bezwingen, scheitert sie 130 m unter dem Gipfel. Ihr nächstes Ziel in diesem Jahr ist der K2.

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