Im Höhenrausch Dokumentarfilm Berge im Kopf

Vier Bergsteiger aus vier Generationen: Im Dokumentarfilm von Matthias Affolter erzählen Daniel Arnold, Stephan Siegrist, Jacques Grandjean und Werner Munter auch von den Schattenseiten ihrer Leidenschaft.

Vier Bergprofis sorgen auf der Kino­lein­wand für Verblüffung: Einer stürmt in der Rekordzeit von zweieinhalb Stunden die Eigernordwand hoch. Ein anderer strahlt in brüchigen Felsmassiven nach Kristallen. Ein Dritter zerbricht fast an seinen Kopfschmerzen, die ihn im nepalesischen Basislager auf 5500 Metern ereilen. Und ein Vierter bilanziert: «Meine Knie sind verbraucht. Ich war zu viel unterwegs.»

Vier Biografien, ein verbindender Film: Berge im Kopf, die erste abendfüllende Dokumentation des 37-jährigen Baslers Matthias Affolter, spielt meist in schwindelerregenden Höhen.

 

Starkes Seelenpanorama

Abgehoben ist das Werk jedoch nicht – im Gegenteil: Affolter porträtiert in seinem Film vier Generationen von Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen bergwärts streben. Dabei beschränkt sich der Regisseur nicht auf die Widerspiegelung subjektiver Glücksmomente. Vor allem in der zweiten Hälfte liefert Berge im Kopf ein starkes Seelenpanorama von Menschen, die sich ihrer nicht nur vorbildlichen Leidenschaft durchaus bewusst sind.

 

Begehren und bereuen

Der 29-jährige Urner Profialpinist und Bergführer Dani Arnold wird mit seinem Begleiter während einer Winterbesteigung des Zentralschweizer Gross Ruchens von einem Föhnsturm durchgepeitscht. Mit eisverklebtem Gesicht bilanziert Arnold auf dem Gipfel: «Wir haben uns selbst in diese Scheisse reinmanövriert. Das ist widerlich, aber eigentlich voll geil – weil wir diese Freiheit haben, zu machen, was wir wollen.»

Auch der 41-jährige Berner Extrembergsteiger Stephan Siegrist sagt klipp und klar: «Bergsteigen ist das, was mich ausmacht» – und verabschiedet sich für grössere Expeditionen jeweils mehrere Wochen von seiner Familie. Solches bereut inzwischen der 60-jährige Waadtländer Strahler Jacques Grandjean: «Ich war früher dumm genug, zu sagen: Die Berge kommen vor der Familie.» Grandjean beschreibt seine Passion auch als Sucht, allerdings als eine, die er sich nicht selbst ausgesucht habe. Nachdem sich seine Eltern früh getrennt hatten, schwänzte Grandjean oft die Schule, floh aus Heimen. «Aber jedes Mal, wenn mich mein Vater in die Berge mitnahm, war das ein Moment des Glücks.»

 

Auch im Alter etwas riskieren

Auch der 72-jährige Berner Lawinenpapst Werner Munter war als Jugendlicher ein rücksichtsloser Gipfelstürmer. Heute kommt der renommierte Schweizer Lawinenforscher zum Schluss: «Ohne Risiko gibt es keine Kultur.» Deshalb schwebt Munter auch als Schulfach «Risikokunde» vor, wo es zu lernen gelte, den Gefahrenlevel gewisser Situationen besser einzuschätzen.

Es sind viele Mosaikstückchen, die Regisseur Matthias Affolter in seinen Dokumentarfilm gepackt hat. Herausgekommen ist ein zusammenhängendes Ganzes, das auf inhaltlicher wie formaler Ebene besticht: Berge im Kopf verzichtet auf herkömmliche Off-Kommentare und bietet dank herausragender Kamera (Jonas Jäggy, Daniel Bartsch, David Göttler) spektakuläre Ein- und Ausblicke. Vor allem aber bringt der Film Glück und Übel, Flucht und Sucht, Anstrengung und Abhängigkeit im Leben von vier Alpinistengenerationen auf der Kinoleinwand zusammen.

Berge im Kopf

Der Film hatte Premiere an den Solothurner Filmtagen und läuft in den Kinos der Deutschschweiz ab 13. Februar. In der Romandie startet er Anfang März.

Vorpremieren: in Luzern im Kino Bourbaki, 9. Februar, 11.30 Uhr, anschliessendes Gespräch mit Dani ­Arnold, in Bern im Kino Quinnie, 12. Februar, 18.30 Uhr, anschliessendes Gespräch mit Stephan Siegrist und Jacques Grandjean, in St. Gallen im Kino Scala, 13. Februar, 20.30 Uhr.

www.berge-im-kopf.ch/

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