Im Spannungsfeld zwischen Abenteuer, Sicherheit und Recht

Mit der Weiterentwicklung der technischen Mittel und Möglichkeiten, ihrer internationalen Normierung und der verbesserten Ausbildung steigen im Namen der Unfallprävention die Anforderungen an die Sicherheit in allen Bereichen des Bergsports. Gleichzeitig ergibt sich aus den sozialen und rechtlichen Ansprüchen unserer Gesellschaft die Notwendigkeit, für jeden Riss im immer feinmaschiger werdenden « Sicherheitsnetz » einen Schuldigen zu finden. Anderseits erwartet man in unserer Gesellschaft ein zunehmend breites Angebot von Aktivitäten, deren Ausübung mit einem gewissen Risiko verbunden ist oder zumindest eine « abenteuerliche » Komponente enthält. Der Bergsport und insbesondere das Sportklettern geraten damit in ein sich ständig verstärkendes Spannungsfeld.

Realistische rechtliche Sicherheitsvorstellungen?

In den verschiedensten Sparten des Bergsports haben sich Unfälle ereignet, die strafrechtliche Konsequenzen nach sich zogen. So wurden auch in den ALPEN ein Bergwander- und ein Skitourenunfall vorgestellt. Trotz der an sich nachvollziehbaren Begründungen wird beim einen oder andern Leser ein ungutes Gefühl zurückgeblieben sein. Die Sicherheitsanforderungen stellen sich in den Bergen ( wie überall in der Natur ) nie in genau gleicher Form, ungeachtet, ob es sich nun um eine Skitour, eine Bergwanderung, eine Klettertour oder eine Schluchtbegehung handelt. Und selbst wenn sich im voraus alle Gefahrenquellen vorhersehen Messen, würde dies noch lange nicht bedeuten, dass sie auch ausgeschlossen werden können.

Wo liegt der « Risikogrenzwert »?

Der Bergsport steht permanent in einem Spannungsfeld, weil seine Ausübung Risiken beinhaltet, die Risikogrenze sich aber letztlich nicht objektiv festlegen lässt. Diese erhält jeweils erst im nachhinein bzw. dann eine besondere Bedeutung, wenn es zu einem Unglück gekommen ist.

Die Überschreitung eines kalkulierbaren und damit eingehbaren Risikos, das zu einem Unglücksfall führen kann, ist vielfach von einer Verkettung von Umständen abhängig, die im vornherein nicht absehbar ist. Das bedeutet, dass die schmale Grenze zwischen kalkulierbarem Risiko und Unfall auf einem objektiv unterschiedlichen Risikoniveau erreicht und überschritten wird. Vor allem in jenen Fällen, wo Anforderungen an die Vor-hersehbarkeit und an das Verhalten gestellt werden, denen sich im Berg-sportalltag kaum durchgehend nachleben lässt, kann eine Beurteilung notgedrungen den Anstrich der Zufälligkeit und damit einer gewissen Willkür erhalten. Letztlich ergibt sich das oben erwähnte Spannungsfeld daraus, dass in unserer heutigen Gesellschaft einerseits ein « kalkuliertes » sportliches Risiko gesucht wird, man sich aber anderseits für jede Überschreitung der Risikogrenze rechtlich und finanziell absichern möchte.

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Die zukünftige Entwicklung geht in Richtung optimal abgesicherter Routen. Solche entsprechen auch am besten den breitensportlichen Bedürfnissen.

Spannungsfeld: Abenteuer oder Sicherheit?

Heute lassen sich im Bergsteigen und speziell im Klettern generell zwei Grundströmungen unterscheiden, die vor allem in Form von unterschiedlichen Vorstellungen und Ansprüchen bezüglich Ausrüstung der Routen ( und Verwendung technischer Hilfsmittel insgesamt ) zum Ausdruck kommen. Dabei wird bei der einen der Leistungsmassstab stärker von einer eher abenteuerbetonten, in der anderen mehr von einer sportbezogenen Komponente bestimmt. Praktisch bedeutet dies, dass die - nennen wir sie einmal so - « Abenteuerfreaks » dem « Grenzerlebnis » und damit der Fähigkeit, Risiken psychisch zu tragen, einen wichtigen Platz einräumen und darin auch einen integrierenden Bestandteil der bergsteigerischen Leistung sehen. Entsprechend fordern sie eine Absicherung auf individueller Basis mit möglichst wenigen fixen Sicherungsmitteln und in « alpinem Stil ». Für die « Sportfreaks » steht demgegenüber der Aspekt der Sicherheit an erster Stelle. Bergsteigen - insbesondere natürlich Sportklettern - soll gemäss seinen sportlichen Regeln, damit gleichzeitig aber auch möglichst risikolos betrieben werden kön- Editorial nen, Leistungsmassstab ist primär die Schwierigkeit. Dies bedeutet nicht, S dass jegliches Risiko ausgeschaltet? werden kann, aber dass man es mit c allen zur Verfügung stehenden Mit-J. teln zu minimieren sucht. Im Kletter-* bereich hat dies zur Folge, dass immer 5 mehr durchgehend ausgerüstete Rou-iM ten mit relativ dicht aufeinander fol-14 genden und unter unfallverhütenden Gesichtspunkten angebrachten fixen Sicherungsmitteln ( Bohrhaken ) entstehen.

An den künstlichen Kletterwänden ist - allein schon aus Haftungsgrün-den - eine andere Form der Absicherung gar nicht möglich. Und je mehr sich das Klettern zu einem Breitensport entwickelt, desto mehr gewinnt diese Form der Absicherung an Bedeutung. In der Schweiz ist sie heute als Plaisir-Klettern1 zu einem festen Begriff geworden.

Wohin geht die Entwicklung beim Klettern?

Die Frage, welche Gesichtspunkte dieses Spannungsfeld und damit auch dessen weitere Entwicklung bestimmen, wird - wie überall - durch die Praxis entschieden. Und das ist bereits weitgehend geschehen, indem zunehmend Routen bevorzugt werden, die über einen möglichst hohen Sicherheitsstandard verfügen. Gewiss ist dieser im Bergsport nicht das alleinige Kriterium, der Ausrüstungsgrad scheint sich aber - insbesondere im Klettern - zu einem immer wichtigeren Gesichtspunkt zu entwickeln. Und je mehr künstliche Kletteranlagen den Einstieg in den Bergsport vermitteln, desto weniger wird man noch bereit ( und fähig ) sein, den zusätzlichen, den Kletterfluss nur unterbrechenden Aufwand einer stets heikel bleibenden individuellen Absicherung auf sich zu nehmen. Routen, die den heutigen Absicherungsvorstellungen nicht entsprechen, werden zunehmend gemieden. Dass damit auch ein paar selbstgesetzte « Denkmäler » in Vergessenheit geraten, mag aus alpinhistorischer Sicht bedauerlich sein, sollte uns aber gleichzeitig dazu bringen, uns zu fragen, welches Ziel man mit der Eröffnung einer Route primär verfolgen möchte: Selbstdarstellung oder Kreation einer schönen und gut abgesicherten Aufstiegslinie.

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