In der Silvrettahütte

Erinnerungen eines AlpenTraminlers.

C. Egger ( Sektion Davos ).

Von „ Wie, Sie haben wirklich letzten Sommer acht Tage in einer Clubhütte zugebracht, ohne daß es Ihnen langweilig oder ungemütlich geworden wäre? Sie finden das sogar eine entzückende Ferienidee, einen kapitalen Genuß? Na, ich danke: alle Tage hartes Lager, nasse Schuhe, Schlaf gleich null, Nahrung frugal bis schlecht etc., etc. Da muß man aber schon ein ganz enragierter Bergmensch sein, um so etwas herrlich finden zu können. Jetzt fällt mir etwas ein: war vielleicht Billigkeit der Beweggrund ?"

„ Lieber Freund, Sie sind nun gerade der zehnte Mann, der mir das seither gesagt hat. Sehen Sie, da kommt heutzutage der Tourist müde und hungrig des Abends spät in der Clubhütte an, brummt über schon vorhandene Gesellschaft, muß auf seine Mahlzeit warten, ist schlechter Laune, hat noch allerlei für die Bergtour vorzubereiten, schläft schlecht, wird bei Nacht und Nebel wieder aufgeweckt und fortgeführt und — merkt gar nicht, was für Poesie in so einem schlichten Hüttlein steckt. Die aber wollte ich gerade herausholen. Und was Ihren letzten Verdacht anbelangt, so machen Sie, bitte, das Experiment einmal selbst, nur wünsche ich Ihnen unsern Appetit und unsere Unternehmungslust dazu; Sie werden dann ja sehen, wie weit es mit der Billigkeit her ist. Doch lassen Sie sich ordentlich erzählen. "

Mit Guarda fangen wir an, denn das ist so recht ein Punkt, um Abschied zu nehmen vom lieben Engadin. Ja, guarda, „ schau " noch einmal hinab und hinauf ins bläulich dämmernde Thal mit seinem silbernen Inn und zu den Prachtskerlen von Bergen hinüber, die da so starr in Reih und Glied ins Frühmorgenlicht aufragen. Schau noch einmal auf das trauliche Dörfchen mit seinen schmucken Engadinerhäusern und dem kleinen Kirchlein, wo eben die Frühglocke bimmelt. Schon die Frühglocke? Anguoscha, wie haben wir uns verspätet bei Mama Meißer! Es ist nicht deshalb, weil uns der Portier zu spät geweckt hat — wir mußten uns, wie das an kleineren, ruhigen Fremdenstationen so zu gehen pflegt, die dienstbaren Geister erst selbst aus den Federn herausholen — auch nicht etwa darum, daß uns gestern abend der Nachtwächter vor unserem Fenster eine gar zu späte Stunde zum Schlafengehen gesungen hätte. Aber man darf doch in einem so heimeligen Hause wie die Pension Meißer in Guarda nicht schon in aller Herrgottsfrühe mit den Bergschuhen die Treppe hinunterrasseln, und man darf sich auch den letzten Kulturkaffee mit allen seinen Finessen eines währschaften Engadiner Gasthauses nicht leichtsinnig entgehen lassen, wenn man vorhat, acht Tage lang sein eigener Portier, Koch, Stiefelputzer und Wirt zu sein. Das Liebäugeln mit den knusprigen biscutins machte, daß schon die Frühglocke klang und die fleißigen Heuer von Guarda sich auf dem Weg in die Val Tuoi befanden, als wir eben diese Straße zogen. Und ohne alle Reue über die späte Stunde — denn selten noch hat ein so schöner Sonnenaufgang unser Auge erquickt, selten ein so bezaubernder Anblick auf ein erwachendes Thal sich uns geboten. Mit welchen Farben da der Morgen malte, wie die Berge nach Südosten violett vom gelben Himmel abstachen, wie der Vordergrund mit seinem kräftigen Grau und Braun der Häuser und der klaren Silhouette sich einfügte in das Gesamtbild, wie sich die tiefblauen Schatten vom Thalgrund lösten und die Berge allmählich sich verklärten unter dem rosigen Hauch des ersten kühlen Strahles, ja, das war einzig schön. Und nun geschah etwas Seltsames: als der Sursuragletscher schon in vollster Glut brannte und die umliegenden Bergspitzen alle längst schon in hellem Sonnenschein standen, da verblaßte plötzlich wieder alles und sank in das vorige Grau und Düster zurück. Überrascht und mit verhaltnem Atem hatten wir zugeschaut, so unerwartet war das gekommen. Und es dauerte eine gute Weile und viele lange Minuten, bis das Tagesgestirn zum zweitenmal erstand und auf den Höhen, jetzt freilich mit lichteren und kräftigeren Waffen, die Dämmerung besiegte. Nach diesem Doppelsonnenaufgang bei völlig klarem Himmel nahm uns der herrliche Lärchenwald der Val Tuoi auf, wo es sich leicht und bequem marschierte, und damit war dem schönen Engadin mit schnellen Schritten der Rücken gekehrt.

Wenn eines den Wert einer anmutigen Landschaft noch zu heben vermag, so ist es der Reiz ihrer Neuheit. Denn wenn sie später bei eingehenderer Betrachtung im einzelnen möglicherweise auch noch so viel gewinnen kann, so saugt sich das Auge beim ersten Anblick doch ganz anders an ihren schönen Linien fest, faßt mit immer neuem Entzücken das Ursprüngliche, Frische, Charakteristische ihrer Erscheinung in sich auf. Wie zogen wir frohgemut dem Neuen und Ungewissen entgegen, das sich uns hinter diesen Thalwänden erschließen sollte! Was machte uns der Piz Buin für einen mächtigen Eindruck, wie er so plötzlich und unvermittelt in seiner ganzen Größe über den Bäumen hervortrat, fast wie eine Erscheinung aus anderer Welt! Und weiter hinten jene Steigerung in der Wirkung, weil er dann, ohne jeden Maßstab zur Beurteilung seiner Größenverhältnisse, direkt aus dem grünen Thalboden herauswächst; hier imponiert nicht so sehr eine schöne Bergform, als vielmehr die Wucht, mit der dieser einzigartige Koloß allein ein ganzes, breites Thal abzuschließen vermag. Obschon durch die prächtigen Aufnahmen unseres Freundes Rzewuski darauf vorbereitet, war uns das alles doch so neu und überwältigend, wie es nur die Wirklichkeit selbst sein kann.

Doch giebt uns der Umstand, daß wir hier Neulinge waren, kein Recht, noch länger bei der Beschreibung dieses allbekannten Gebietes zu verweilen. Es genüge daher, zu sagen, daß wir mit viel Vorsicht und innerlichen Seufzern durch den frischen Schnee wateten, der in Kniehöhe die Geröllhalden und später den Gletscher gleichmäßig überdeckte. Bei den schweren Proviantsäcken, der starken Blendung, dem eisigen Wind, der Seillänge, die wir bei unserer Bodenunkenntnis für nötig hielten, und dem beständigen Umsichschauen ging zwar das Vorrücken im Neuschnee nur langsam von statten, und die schimmernde Paßhöhe wollte fast nicht näher kommen; dafür war die Direktion gut genommen und der Vordermann tauchte nur ein einziges Mal sanft wie bei einer Theater-versenkung in die Tiefe. Endlich, nach fünfstündigem Wandern über die endlose Weiße, kam doch die ersehnte Hütte, selbst noch in Schnee gehüllt, in Sicht.

Freundliches Hüttlein! wie oft und gern und wie dankbar stets haben wir den Fuß über deine gastliche Schwelle gesetzt, wenn wir erhitzt und geblendet, in jenem Zustand wohliger Berauschung, in den die Überfülle an Luft und Licht versetzt, über die Gletscher hergewandert kamen. Wie gut ließ es sich rasten in der traulichen Dämmerung deiner Stube, wo nur vereinzelt etwa ein Sonnenstrahl auf dem Fußboden oder auf dem blanken Küchengerät herumspielte; oder auf den Lagern des oberen Stockes, langausgestreckt die Glieder und andächtig in ein kunstvolles Pfeifduett vertieft!

Schon einmal hatten wir, mein Freund Paulus und ich, einer Hütte einen solchen mehrtägigen Besuch abgestattet. Damals, noch vor der eigentlichen Saison, saßen wir ganz allein in der Einsamkeit des weitabgelegenen Refugiums, mit nichts als Hühnern und „ Munken " zu Gefährten, und unser Proviant, den wir gleich bei der Ankunft in einem recht ansehnlichen Haufen auf dem Tisch vor uns aufgebaut hatten mit dem Gelöbnis, nicht zu weichen, solange noch ein einziges Krümchen vorhalte, schmolz uns in der Hälfte der vorgesehenen Zeit weg wie Schnee vor dem Föhn, so daß unser glückliches Stillleben in der Einsamkeit ein jähes Ende fand.

Hier nun in der Silvrettahütte sollte das anders werden. Zum ersten stand sie unter der treuen Hut der Maria Guler und ihres Schwesterleins. Dann kamen auch täglich von Klosters her allerlei Gäste, die allein schon ein bewegtes Leben in die vier Wände und ein Kommen und Gehen mit sich brachten, die beiden zierlichen Grautiere mit ihren willkommenen Vorratskörben nicht ausgenommen. Und endlich hatten wir schon vom Engadin aus den Vorstand unserer Sektion, die Herren Dr. Schibier und Rzewuski, herbeitelegraphiert, so daß uns ein paar fröhliche Tage in angenehmster Gesellschaft zu erwarten standen.

Am folgenden Morgen waren wir zwar noch allein, schlenderten jedoch vergnügt wieder gletscheraufwärts durch den immer noch reichlich vorhandenen und weichen Schnee und machten unsere Bergbesteigung. Der Name thut nichts zur Sache, da ich mir vorgenommen habe, nicht von der Besteigung eines Berges zu sprechen, sondern von den Bergen. Die Pioniere haben das Ihre getban, sollten nun wir, die Nachgenießenden, nicht auch zu Worte kommen dürfenDa hieß es einfach: Hinauf und hinan, und Steig, o Seele, mit diesen Trutzigen Urweltsriesen, das Wie und Wo und alles, was nach touristischem Ehrgeiz und Methodik riecht, ist in diesen Zeilen mit Absicht und nicht ohne Grund ausgeschlossen. Warum?—l'uomo sulle Alpi mit der Uhr in der Hand ist mir nun einmal unausstehlich, und bei kühnen Wagestückchen will ich gerne der Fuchs mit den sauren Trauben sein.

Allerdings oben in den freien Höhen, ja, da zählten wir die Stunden dann auch nicht, sondern gaben uns ganz dem Vollgefühle des behaglichen Genießens hin. Und das war es auch, was uns zu dem Aufenthalt in der Hütte bewog und ihn uns so lieb machte. Nicht hinaufstürmen, um dann wieder hinab zu müssen ins Thal, in Hast und Eile ein Stückchen Himmelsglanz erobern, das kann jeder — aber oben bleiben, schauen, beobachten, ausgeruht und mit Muße sich versenken in die Hochgebirgsnatur und sich ihrer erfreuen bei Tag, bei Nacht und zu allen Zeiten, unter allen Verumständungen. Viele Worte wurden dabei nicht gemacht, denn mein Paulus ist einer von den Leuten, von denen mein alter Lehrer Schider zu sagen pflegte: „ Dos is obâ an innerer Mensch !" Aber seine glänzenden Augen sprachen deutlich, und das, was ich oben mit dem Ausdruck „ behagliches Genießen " bezeichnete, scheint mir fast eine seiner Bündner Stammeseigenschaften zu sein. So mußten die Engadiner, wenn sie sich draußen in der Welt genug herumgeplagt hatten, nachher, ins heimatliche Thal zurückgekehrt, das Erworbene in aller Ruhe und Behaglichkeit verzehren. So auch entschädigte sich mein Paulus für die Anstrengungen des Aufstiegs, indem er den Zustand glücklicher Stimmung, wie er uns beim Aufenthalt auf den Höhen zum Teil schon als Resultat des durch Ruhe, Sonnenstrahlung und reine Luft bewirkten physischen Wohlbefindens, andrerseits als Ausfluß der sich uns aufdrängenden Sinneseindrücke und der moralischen Befriedigung zu teil wird, gerne möglichst lange festhält. Seine einzige Untugend besteht darin, daß er beständig Taschenmesser auf den Berggipfeln liegen läßt. Nur mit Mühe konnte ich ihn davon abhalten, nicht stracks das Silvrettahorn noch einmal zu besteigen, um das Verlorene zu holen.

Unser verehrter Vorstand hatte sich unterdessen samt dem neuesten Sektionsmitglied und einem Träger eingefunden, so daß der folgende Ausflug sechs Mann hoch unternommen werden konnte. Der langbeinige Präsident allerdings ging seine eigenen Wege und hatte, während wir in einem langweiligen Eiscouloir am Piz Fliana staken, längst schon eine andere Route gefunden, die Spitze erklommen, die Gipfelflora gesammelt und in Gedanken eine bis zwei Abhandlungen über Allein- versus Seilgängerei geschrieben. Mittlerweile opferte sich unser Vizepräses für uns auf und schlug unermüdlich und schweißtriefend Stufe um Stufe dem Fels entlang in das harte, böse Eis, ohne daß wir viel vom Fleck kamen. In der Mitte der Rinne hatte nämlich ein unterirdisch Wässerlein die schönsten blanken Eisblasen getrieben, und es wäre das einfachste gewesen, da hinüber zu traversieren, wenn es nicht gar so ungemütlich ausgesehen hätte. Alle waren vom Ernst der Situation vollständig überzeugt, nur unser kleines Trägerlein Friedrich Davatz hatte als letzter der Kolonne schon lange stumm an seinem kalten Brischagi herumgekaut, um endlich in die bedeutungsvollen Worte auszubrechen:

„ Wenn i mi 's dem Herr R. z'säge gitrauti, so fählt es me gwüß « n biz am Kuraschi !"

Der Jubel über diese Erkenntnis war groß; wir schickten ihn sofort voraus, und so am „ Puntenöhri " gepackt, rutschte er auch wirklich behend wie eine Katze voran über den steilen Eishang. Dafür blieb er von jetzt an unser „ Kuraschi ", und da wir nun diese jedem Bergsteiger höchst notwendige Eigenschaft in Person bei uns hatten, gelangten wir auch richtig auf den Gipfel, um droben wieder einen der Höhepunkte dieser sonnigen, glücklichen Tage zu verleben. Ich habe oft allein auf Berggipfeln gestanden. Die feierliche Stille, die erhabene Einsamkeit, die uns dann umgiebt, diese ganze Sonntagsstimmung, wer möchte sie gerne preisgeben? Und doch ist es noch um vieles schöner, im Kreise guter Freunde droben zu weilen, und deshalb waren wir unsern Davosern dankbar, daß sie unserem Rufe so bereitwillig Folge geleistet hatten.

Warum wir Herrn Rzewuski gebeten hatten, uns gerade auf diesen Berg zu führen? Dreierlei Dinge wegen. Einmal reizte uns seine edle Form, dann seine Vornehmheit, indem er abseits vom großen Touristen- ström liegt, und nicht zum mindesten endlich sein schöner, musikalischer Name. Fli - a - na — wie das klingt!

Wenn bei der Gipfelaussicht das Geheimnisvolle der blauen Ferne, das Anziehende des Lichtwechsels, des Farbenspiels, der Wolkenbildung, das Lehrreiche der Orientierung und der geologischen Übersicht, das Großartige des weiten Blicks, der in Einem Höhen und Tiefen mißt, den Hauptreiz bilden, so ist dabei die Ausbeute in malerischem Sinne für das Auge, je höher die Erhebung, desto geringer. Da ist mir der einfache, alte, schon so oft beschriebene und abgelaufene Silvrettapaß denn schon viel lieber. Wie da die schöne, sanft geschwungene Linie des Firns sich vom Himmel abhebt und schon von unten Bedeutende » dahinter ahnen läßt, wie dann allmählich die prächtigen Gestalten de& Piz Fliana und Verstanklahorns sich aufbauen, während in der Ferne einzig die beiden Gewalthaufen Ortler und Bernina sichtbar sind, das ist alles so formschön, so erhaben und großen Stils! Das Packendste aber an diesem einzigen Gemälde, wo alles Unbedeutende, Unedle ausgemerzt ist, das ist der königliche Linard selbst. Geisterhaft ragt er als dunkle Rieaenpyramide in den Himmel hinein. Man sieht nicht, wo er fußt, noch wo er herkommt, auf was für einem Fundament er steht, man sieht nur den blendenden Cuderagletscher und dahinter schwebend, in der Luft gleichsam, diese stolze Berggestalt. Nie bin ich müde geworden, dieses Bild zu schauen.

Der vierte Tag war ein Sonntag und Ruhetag. Zunächst wurde er dazu benützt, um Nadel und Zwirn zu führen und dem Herrn Präsidenten eine schadhafte, allen Respekt zerstörende Stelle seiner äußeren Erscheinung auszubessern, zu welchem Zwecke er der Länge nach auf den Tisch vor der Hütte gelegt wurde. Wenn jetzt die eben erscheinenden zwei jungen Damen mehr Geistesgegenwart besessen und ihren Beruf als Amateurphotographen besser verstanden hätten, so hätten sie das schönste Genrebildchen aufnehmen können. Aber schneller noch war der letzte Stich gethan und mit einem Hailoh der alte Christian Jann begrüßt, dessen Kopf hinter den Damen auftauchte.

„ Ei, ei, alter Jan, so junges Wibervolch führt Ihr noch da herauf?11 „ Jung sind sie wohl, aber grusam leid !" war die Antwort, und dabei wetterleuchtete es humorvoll über das runzlige Gesicht.

Und dann hockten wir uns auf den großen Stein an die Sonne und ließen uns vom alten Jan Geschichten aus seiner Führerpraxis erzählen, Geschichten, denen man manchmal anmerkte, daß ihr Erzähler nicht nur auf die Berge, sondern auch auf die Jagd ging.

An diesem Sonntag wimmelte es von Gletscherbummlern, so daß Marieli alle Hände voll zu thun hatte. Wir bereiteten uns daher, wie gewöhnlieh, unser Mahl selbst, und der Oberkoch Paulus bot alle seine Kunst auf, um etwas ganz Gutes auf den Tisch zu bringen. Und obwohl das Menu nur solche Leckerbissen aufwies, wie etwa Polenta all' italiana u. dgl., so rief doch Herr R. in seinem schönsten Davoserdeutsch einmal übers andere aus: „ Nit um hundert Fränkli wett i jetzt im Schwizer-hof an der table d' hote sitze und poulet esse !" Und er ist doch ein Feinschmecker, er, und muß es wissen.

Es war nur fast zu heiß zum Tafeln im Freien, denn die Sonne setzte wacker ein und schickte sich an, den Winter wieder bis an des Gletschers Rand zurückzutreiben. Aber noch saß der Schnee hartnäckig an den Grasbüscheln fest, noch spiegelten die langen, blauen Schatten, die unaufhörlich gehende Dachtraufe, die starke Blendung eine Märzen-landschaft vor. Kein freundlicherer Anblick als das grüne Juwel, die Oase von Parsenn dort unten, kein hübscheres Bild als die Monbieler Häuschen und die paar Ziegeldächer von Klosters draußen auf dem friedlichen Wiesengrund der Thalsohle, wie sie so aus all der weißen Umrahmung in satten Farben herauf leuchteten. Jetzt konnte man auch von bloßem Auge das winzige Bähnchen wahrnehmen, wie es an den Abhängen der Casanna hinan keuchte, langsam, langsam. Nichts kam jedoch den Abenden gleich mit ihren wunderbaren Beleuchtungen einer an Wasserdampf reicheren Atmosphäre. Oh, diese Abende auf der Hütte, oder wenn wir über den Gletscher heimwärts schlenderten, das Auge mit immer neuem Entzücken auf das Kaleidoskop der Lichterscheinungen gerichtet, Abende voll goldenen Glanzes, voll Verklärung! Da waren auf einmal die Wolken da, man wußte nicht wie; wie Schiffe tauchten sie auf und strichen mit geblähten Segeln um die Hörner, als weiße Schemen oder gesäumt mit Purpur oder ganz in Licht getränkt. Die Rotwand im Rücken erschien dann etwa blau oder grünlich, wie phosphorescierend, hinter einem feinen Schleier. Der Gletscher war grau und düster. Einmal hob sich ein wunderbarer Regenbogen hinter den Klippen des Verstanklahorns empor. Keck ragte der dunkle Drohfinger des Litzners in die Luft, umwallt von schwebenden Nebel-geistern. Aber dort unten im Prätigau mengte es sich und wogte in hundert lichten Farben und Blitzen — das zauberhafte Bild des Sonnenuntergangs.

Und erst die Nächte! Ich höre sie noch, die Seufzer der Nacht, die leisen Stimmen der Einsamkeit, das Murmeln der Quelle, den Hauch des Nachtwindes. Ich sehe noch deutlich die dunkeln Bergumrisse, die Schneeflecke und Eisflächen, wie sie in fahlem Scheine, doch bestimmt, hervortreten unter den glitzernden Strahlen des unermeßlichen Sternenheeres. Und dann diese elektrische Lampe von Klosters, wie sie einsam aus dem Dunkel des nächtlichen Thaies heraufschimmert, selbst ein vom Himmel gefallener Stern! Nicht brütend mit schweren Flügeln lastet hier die Nacht auf dem Erdreich, daß der ermattete Pulsschlag der Welt kraftlos einem neuen Tag entgegenschleicht, nein, durchsichtig, hell, frisches Leben kündend, ein Moment der Sammlung, eine Atempause ist die Nacht des Hochgebirgs, und sie gebiert am Morgen ein neues Meer von Licht.

Kein Wunder, wenn solche Schönheiten der Natur eine Menge Bewunderer anziehen; aber leider nicht alle, die oben waren, haben sie auch wirklich gesehen, weil sie die Brille menschlichen Eigendünkels und menschlicher Beschränktheit nicht zu Hause gelassen hatten. In dem Bienenkorb der Silvrettahütte war in diesen Tagen ein beständiges Ein- und Ausschwärmen, und es ließen sich von uns, die wir uns hier zu Hause fühlten, die schönsten und vergnüglichsten Beobachtungen anstellen über unsere Gäste. Eine kleine Musterkarte: da waren der anspruchslose Hochtourist in bergmäßiger Ausrüstung und in Begleitung bekannter Führer — beide uns stets willkommen — sowohl als der Klosterser Gletschergigerl in gelben Schuhen, Glacés und tadelloser Wäsche anzutreffen. Ein Generalstabsoffizier bereiste die Grenze und benutzte die Hütte zum Nachtquartier; da er aber morgens fünf Uhr schon Mo-mentphotographien machte, wagten wir es, einigen Zweifel an der Befähigung zu seinem Offizium zu hegen. Dann hatten wir wieder den Besuch eines Schäfers; über Nacht war ihm seine Herde, 107 Stück an der Zahl, verloren gegangen, und er bat uns nun aufgeregt um einen „ Spiegel ", damit er seine Ausreißer an den umliegenden Hängen besser suchen könne. Eines schönen Tages stand auch der bocksbärtige Ziegenhirt iu der Thüröffnung, um sich, wie allwöchentlich während der Hochsaison, die Cigarrenenden aus dem Aschenbecher zu holen. Einmal ließ sich eine laute quecksilberne Gesellschaft Welscher nieder und schien sich mit Gesang und Kartenspiel einen fröhlichen Abend bereiten zu wollen, bis ihnen unser Vizepräsident mit einem „ il faut dormir maintenant !u energisch die Hüttenordnung in Erinnerung brachte. Oder der be-kannteTeutone ( Herr OberlandesgerichtsratssubstitutoderÄhnliches ) erschien, der zuerst eine Flasche Sekt verlangt und sich nachher über den Preis des getrunkenen billigen Montagners beschwert; um die Aussicht bekümmert er sich natürlich nicht im mindesten. Dann kam ein Vater mit der Absicht, seinen hoffnungsvollen Nachwuchs in die Wunder der Gletscherwelt einzuführen. Wie da die Freude aus den Augen leuchtete, mit welcher Begeisterung das jugendliche Herz angesichts der Bergriesen schlug, und wie ruhig und bescheiden die vier Sprößlinge sich auf dem angewiesenen Eckchen der Hütte zusammenließen, das alles bot ein viel erfreulicheres Bild, als das Wesen, wie es manche Renommierclubisten oft in Hütten zur Schau zu tragen pflegen. Beim jüngsten Knirps machte sich das Recht der Jugend geltend, insofern als er beim nächtlichen Aufbruch — sie hatten eine vielstündige Gletscherwanderung ins Tirol vor — trotz dreimaligem „ Samiel, wach auf !" und tüchtigem Schütteln und Rütteln noch immer keinen Mucks that. Die größte Bewunderung endlich nötigte mir ein junger Herr von altem Bündner Adel ab, der in seinem steifen, mehr als handbreiten Stehkragen nicht nur schlief, sondern dieses Möbel auch noch auf den Piz Buin hinauftrug, wo er damit auf die umgebende Bergwelt jedenfalls einen sehr großen Eindruck gemacht hat.

So kam allerlei Volk zusammen, und besonders des Nachts hätte man sich nach Mosso oft des besten Schlafes erfreuen sollen. Dieser Physiologe sieht nämlich die Ursache der Bergkrankheit oder, anders ausgedrückt, die physiologische Wirkung der rarefizierten Luft auf den menschlichen Körper zum Teil im Mangel an Kohlensäure und führt u.a. als Beweis an, daß sich in der hermetisch verschlossenen Hlttte Regina Margherita, wo ihnen kaum 1 m3 Luftraum pro Person zur Verfügung stand, zwei Schülerkarawanen von zusammen 45 Personen während der Nacht äußerst wohl befunden hätten. Ich möchte das vielmehr auf Rechnung ihrer Jugend setzen und weise auf mein oben angeführtes Beispiel hin. Wenigstens habe ich selbst in der Silvrettahütte, als ich einmal zufällig ganz allein war, bei geöffneten Fenstern ungleich viel besser geschlafen, als andere Nächte im menschen- und daher kohlensäurereichen Räume, auch wenn in letzterem Falle die Bedingung absoluter Ruhe erfüllt war.

Noch zu einer andern Abschweifung nötigt mich diese Hüttenbetrach-tung. Man kann oft den Ausspruch hören: Kinder und Bummler gehören nicht in eine Clubhtitte, sie versperren nur den Platz. Abgesehen davon, daß ich mich selbst zu den letztern rechne und also pro domo spreche, halte ich den Vorwurf für durchaus übertrieben. Während der ganzen Zeit unseres Aufenthalts in der Silvrettahütte kam es ein einziges Mal vor, daß jemand darin übernachtete, ohne nachher eine Bergtour zu machen, es betraf dies ein junges Mädchen, das seinen Vater begleitete. Aber warum auch sollte die Hütte nicht ebenso gut offen stehen für die, so sich mit minder großen touristischen Projekten tragen, wenn sie nur ein offenes Auge für die Alpenwelt mitbringen? Daß gerade die einst auch zu tüchtigen Bergsteigern heranwachsende Jugend viel empfänglicher ist für die Schönheiten des Hochgebirgs als manche Alten, steht für mich durch viele Erfahrungen fest. Die Bummler allergewöhn-lichsten Schlages aber hatten sich schon längst wieder verzogen, wenn unsere vier Geißen heransprangen, um sich von Marieli melken zu lassen und mit ihren Glöcklein uns den Abend einzuläuten.

Wie mancher Clubgenosse wird lächeln über diese eben ausgesprochene „ philisterhafte Meinung "! Es ist mir aber sehr ernst damit; denn ich finde, das ethische Moment des Bergsteigens ist denn doch himmelhoch erhaben über das rein touristische, wie es in jüngster Zeit bei den tonangebenden Bergsteigern das erstere zu überwuchern droht.

So schwanden die Stunden und die Tage. Am Sonntag Abend hatten wir noch die Zuozer Pardunaunza ( Kirchweih ) in der Hütte fröhlich mitgefeiert, in den nächsten Tagen erhielten das Verstanklahorn und der Piz Buin Besuch, und auch mit kleineren Herren wurden mit stets gleichem Gewinn für uns Bekanntschaften geschlossen. So steht am 16. August in der Hütteiibnchchronik: Paulus auf den Anstandsspitz geschickt. In der That hielt dieser jugendliche Gipfelstürmer jeden Tag für verloren, an dem nicht „ etwas los " war, während wir, die Älteren und Gesetzteren, den letzten Abend lieber in beschaulicher Euhe auf unserem alten, sonnigen Steinblock genießen wollten, wie die „ Munken ", wenn sie nach langen Höhlentagen sich wieder einmal den Pelz recht aussonnen lassen können. Und dann war endlich auch der Tag angebrochen, an dem ich, wenn er zur Neige ging, in der nordwestlichen Landesecke wieder schwere Rheinluft atmen mußte; bei einiger Eile reichte es gerade noch auf den Schnellzug in Klosters. Aber so ohne Abschied fort aus dem vertrauten Winkel, an einem solchen Prachtsmorgen ins Thal hinab? Niemals! Also rechtsumkehrt und noch einmal ( zum neuntenmal jetzt schonüber den Gletscher hinauf. Nur noch schnell ein wenig in die Höhe, nur noch einen kurzen Blick in die Firnenwelt, ein souvenir zum Mitnehmen nach Hause! Wir waren noch unser drei, da unser Präsident den Gletscherpickel schon wieder mit der Knochensäge hatte vertauschen müssen und auch den andern Kameraden als soliden Familienvater das Heimweh angekommen war. Wie immer, dämmerte der Morgen wieder in unbeschreiblicher Pracht und Hoheit herauf, und die Tödikette stand wie ein riesiger, schimmernder Perlenkranz am Horizont. Unser Gletscher, jetzt schon völlig aper, war uns nunmehr bis in alle Einzelheiten hinein ein alter Bekannter geworden und der Silvrettapaß noch stets gleich schön und strahlend wie beim erstenmal; aber wie eine bekannte Gegend unversehens wieder mit ganz neuen Reizen aufwarten kann, zeigte sich auch hier. Schon unterwegs war uns aufgefallen, daß der Schatten des Berges, den wir besteigen wollten, ungemein deutlich in der freien Luft zu sehen war, und droben auf dem Gebirgskamm harrte unser etwas ganz besonderes, eine Erscheinung, wie sie einem nur durch einen glücklichen Zufall zu teil wird und uns allen neu war. Das Nebelbild, das wir zu unserer Überraschung erblickten, bot sich in seiner typischen Form dar: der Schatten meiner frei auf dem Gipfel stehenden Person wurde auf eine etwas unterhalb in ziemlicher Entfernung vorbeistreichende Nebelschicht geworfen und zeigte sich von zwei konzentrischen Farbenringen umgeben. Doch sind mir dabei noch einige Besonderheiten aufgefallen. Vor allem erschien das Schattenbild sehr deutlich und relativ scharf begrenzt und ging nicht über den äußeren Ring hinaus ( bekanntlich besteht es nicht aus einem, sondern aus vielen hintereinander liegenden und sich deckenden Schattenbildern; in unserem Fall scheint die Nebelschicht also schmal gewesen zu sein ). Dagegen war vom unteren Rand her gegen meine Füße zu In der Silvrettahütte.

deutlich der Schatten der Extremitäten im freien Luftraum zwischen Berg und Nebelwand zu sehen. Zweitens: die Erscheinung zeigte sich nur in der Nähe des Steinmannes; aber trotz der großen Entfernung des Nebels, aus welchem Grund auch die Gegenstände der näheren Umgebung hätten sichtbar sein sollen, warf der Steinmann merkwürdigerweise doch keinen Schatten.

Von diesem Schlußeifekt völlig befriedigt, zogen wir dann am Nachmittag endlich ab ins Thal, nachdem uns das gute Marieli noch mit allerlei Kochkünsten in Erstaunen versetzt hatte. Erschreckt durch unsere Abschiedsjuchzer huschte eine Viper über den Weg ins Alpenrosengebüsch, und der erste Baum nach langer Zeit, eine uralte, schöngewachsene Arve, mutete uns wie der Vorbote einer andern Welt an.

Und dann ging 's, um dennoch die Zeit noch einzuholen, auf den Polstern des Engadin - Expreß in rasender Eile durch die Nacht nach Norden, und Träume von Gletschern, von Licht und Klarheit, von schwindligen Abgründen und drohend die Arme reckenden Nebelgespenstern umgaukelten das müde, brennende Haupt eines seiner Reisenden.

A bunansvair nella sted prossema!

Jahrbuch des Schweizer Alpencluh. 34. Jahrg.

II.

Freie Fahrten.

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