In Korsika

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von

Dr. med. et phil. Wilh. Schiller ( Sektion Davos ).

Fortsetzung und Schluss zu Band XLI, pag. 244—267.

Nachmittags soll rekognosziert werden; denn morgens in aller Frühe wollen wir den Monte d' Oro besteigen. Wieder bummeln wir auf den Grat zwischen Ceppo und Belvedere hinauf, folgen dann dem halb verlorenen Pfad, der ins d' Orotal hinabführt. Wo der Hochwald sich lichtet, stoßen wir in enger Talsohle nahe dem Bach auf die elenden Steinhütten der Bergerie di Trottela, kaum höher als 1400 m. über Meer gelegen, jetzt noch einsam, verlassen. Das ganze, enge, in hohe Felswände gebettete Tal ist eine gewaltige Rundhöckerlandschaft, die Granitbuckel so hoch und breit und glatt, wie ich sie kaum je gesehen; das übrige erfüllt Geröll und Grus. Aber noch steigen einige Wetterbuchen höher hinan, und klettern an und auf die untern Wandstufen, und alles verhüllt und erfüllt mit freudigem Grün, die Alpenerle, eine mannshohe Wildnis, verdeckt den Fels und das Geröll, und wölbt sich über den grünen Talbach, der in glatten Rinnen sprudelnd von Granitbecken zu Granitbecken eilt. Aus der Höhe darüber starren rote Felsen, schimmern Schneefelder; ein vom Vorgipfel des d' Oro bis zum jenseitigen Ufer herablaufender Kamm hindert uns, den Gipfel, die ganze Anstiegsroute dahin zu schauen. Über diesen Bergsporn oder um ihn herum muß der Weg gehen; noch suchen wir den Steg über den Bach. Nirgends ist ein solcher zu finden; endlich wählen wir die uns zum Hinüberspringen am geeignetsten scheinende Stelle und markieren sie; aber wehe dem, der hier den Sprung verfehlt, an den glatten Felsufern ausglitscht, er dürfte Dr. With. Schibier.

nicht so leicht dem kochenden Kessel wieder entrinnen! Dann wenden rufen noch: Auf wir uns zur Umkehr. Blaue und weiße Pingu Wiedersehn!

Der strahlende Morgen des letzten Maitages sieht uns schon um 4 Uhr auf dem Weg zum Ceppo bald tauchen wir unter im Buchenwald und gelangen ins Tal des d' Oro und an den Bach. Alle springen wir glücklich hinüber und rücken nun durch Erlenbüsche, über grobes Geröll unserm gestern gesichteten Bergsporn auf den Leib. Dort bei der letzten Wetterbuche machen wir einen kleinen Halt. Ich benutze Phot. A. Rzewnski ( Sektion Davos ).

dann ein kleines Couloir zum Aufstieg; die zwei andern beschließen, das Hindernis zu umgehen. In zehn Minuten stehe ich oben, und nun liegt der Weg zum Hauptgipfel klar vor mir. Ein schluchtartiges Felsentälchen, zu dem mein Grat und der Vorgipfel jäh abstürzen, zieht sich weit hinauf, um dort zwischen Felssätzen, Schneefeldern auf halber Höhe zu endigen; über diesen letzten Hängen und Schneefeldern türmt sich der Blockbau des Gipfels tief im Hintergrund. Habe ich einmal die Schlucht, die in winterlichen Schneemassen tief vergraben unter mir liegt, an den Wänden des Vorgipfels traversierend umgangen, dann droht kein Hindernis mehr bis zu dem Gipfelfelsen, da jedes Hindernis über Schneefelder, gestufte Felshöcker umgangen werden kann bis hinauf zu dem dort zahmen Grat zwischen Vorgipfel und Monte d' Oro. Ein Geißpfad fast führt in anregender Steigung über den breiten Felsgrat bis an die Wände des Vorgipfels; an diesem traversiere ich nun zur Rechten den Fels, zur Linken in der Tiefe die gewaltige Schlucht und über Bänder von Schnee, aus denen die langen toten Ruten der Erle hervorgucken und manchen Halt gewähren. Die Umgebung, die ganze Aussicht ist hochalpin: Nur Fels und Schnee; dieser noch jetzt im Schatten gefroren, nirgends eine Spur von Grün. Das gegenüberliegende Ufer der Schlucht ist anscheinend viel zahmer; stürzen auch dort die Felsen jäh in die Schlucht ab, so sind sie nicht hoch, und darüber beginnen sanfte sich abdachende Schutthalden, Felssätze, Bachrinnen, zumeist von weiten Fluren der Bergerle besetzt, die in Korsika die Alpenrose ersetzen muß. Im Hochsommer mögen sie dem Berg ein freundlicheres Ansehen verleihen; jetzt sind die in der Höhe immer niedriger und niedriger werdenden Büsche noch ganz kahl, meist stechen nur die letzten Zweigspitzen durch den Schnee, und an diesen ziehe ich mich über manchen Felsabsatz in die Höhe. Ein Jauchzen kündet mir die Kameraden an; tief unter mir werden sie nun sichtbar, wie sie eiligst auf dem Grat, den sie auf dem Umweg viel später als ich erreicht haben, vorwärtsstürmen. Ich entschließe mich, allein weiter zu gehen; ist doch Carabus auf seiner ersten Bergfahrt in guter Hut, und finden die folgenden doch in meinen Fußstapfen im Schnee den Weg vorgezeichnet. Da, wo die Schlucht ihr Ende nimmt und sich in einzelne Bachrinnen, die das Wasser der obersten Schneefelder aufnehmen, auflöst, müssen einige glatte, nasse Felspartien überwunden werden; dann beginnt ein Anstieg über lange, steile Schneefelder, unter Steilwänden durch, wieder zwischen Felsgräten über Schnee oder zahme, glatte Rundhöcker, immer nach links hinüber und hinauf dem Gipfel entgegen. Bei 2150 bis 2200 m. stehen die letzten fußhohen Zwergbüschlein der Alpenerle, ganz zerstreut, wenig tiefer reizende Krokusgärtclien in frischestem Flor, und an Felsritzen sitzen starre Rosettchen eines Hungerblümchens, unserer Draba aizoides ganz ähnlich, und schicken zollhohe Stengel mit gelben Blüten-träubchen der uns erst aufsteigenden Sonne entgegen. Sonst nichts als Schnee und Fels und Grus. Rasch verfolge ich weiter meinen Weg, immer in Zickzack über Schnee und Geröll, und bald liegen die letzten hundert Meter unter mir, stehe ich hochaufatmend auf dem Grat. Wenn ich aber geglaubt hatte, von hier aus in wenigen Minuten auf dem Blockgipfel zu meiner Linken anzulangen, sehe ich mich nun enttäuscht: Nach allen Seiten, vor allem ins jenseitige Tal fallen die Blöcke, die Wände jäh ab.

Nun erst glaube ich, mich zu erinnern, irgendwo gelesen oder gehört zu haben, daß ein Kamin, in welchem ein Block eingezwängt sei, den gewöhnlichen Weg zum Steinmann darstelle. Gewitzigt durch meine an der Punta dell' Oriente empfangenen Wunden, die mir beim Klettern jeden Augenblick einen mahnenden Schmerz verursachen, lasse ich ab von dem Beginnen, dem Gipfel über dem Grat beizukommen, steige ein Stück wieder ab, überklettere einen sekundären Grat, der zur Anstiegsroute hinunterläuft, und gerate über Fels und in tiefem Schnee in ein Couloir, das mir ein Fortkommen bis zur Höhe zu gewähren scheint. Und richtig, dort, wo dasselbe, mit Geröll und Schnee erfüllt, sich nach oben steil zwischen Wänden zum Kamin verengt, hängt auch der Block eingeklemmt in der Schwebe. Bei ihm angelangt bringen ein paar Stemm- und Klimmzüge mich über ihn weg in die Höhe. Jetzt höre ich auch wieder meine Gefährten weit zur Rechten offenbar auf meiner falschen Fährte; mein Zuruf leitet sie zu mir herüber, bald sind alle aufgehißt, und in kurzem sind wir alle im Sonnenschein um den Steinmann des Monte d' Oro vereinigt. Die Uhr zeigt die siebente Stunde.

Trefflich schmeckt nun das von Josephine eingepackte Frühstück; während desselben mustern wir auch die Gipfelflasche. Sie enthält die Karte von unserm Clubmitglied Hasler aus Bern, der wenige Wochen früher mit einem Oberländerführer hier oben gewesen war; dann wenden wir den Blick zur Aussicht, denn schon schleichen von allen Seiten Nebel und Wolkenfetzen an die Gipfel heran, und wieder fesseln vor allem drei mit Schnee bedeckte Berggruppen den Blick: Im Süden jene des Monte Renoso; uns gerade gegenüber im Norden eine andere des Monte Rotondo mit seinen Trabanten, und eben dort weiter zur Linken übers Niolotal weg die größte Bergmasse Korsikas, die im Monte Cinto gipfelt. Aber so hochalpin im einzelnen und großartig oft in der Nähe das Hochgebirge Korsikas uns entgegentritt, so verschwindet da, wo von hoher Warte aus ein Ganzes überschaut wird, das Gebirge einer kleinen Insel gegenüber dem gewaltigen Zug der Alpen, mit seinen unzähligen hehren Gipfelgestalten, die charakteristisch aus weiten Schnee- und Eisrevieren emporragen. Hier ist kein Horn, kein Zahn, kein Schneedom, der magnetisch den Blick auf sich zöge; dazu sind die Gipfel im Verhältnis zu den Kämmen zu wenig hoch, das Gebirge zu alt und abgetragen; anders freilich imponiert es aus den Tälern. Nun kehren wir wieder in die Nähe zurück! Carabus sucht Gipfelkäfer und findet keine, Rzewuski sucht zu photographieren und schimpft über die verschleierte Ferne; ich stecke noch einen Zweig des Juniperus nana, der zwischen den Blöcken ein letztes, ärmliches Leben führt, die Rosette einer Potentina, des Helichrysum frigidum, einer Saxifraga, einige dürre Grasbüschel, die gesamte Gipfelflora zum Andenken in die Tasche.

Auch hier, welch ein Unterschied zwischen diesem südlichen Gebirge einer vom warmen Meere umspülten Insel gegenüber unseren nordischen Alpen! Wären wir dort auf den Gipfel des Piz Kesch, 1000 m. höher gestiegen, die botanische Ausbeute wäre an Arten nicht geringer ausgefallen. In der Flora vor allem erkennen wir die ungeheure Bevorzugung unserer heimischen Berge: Wo hier bei 2400 m. nur noch die letzten Spuren höheren Pflanzenlebens ein kärgliches Dasein fristen, finden bei uns noch große Heerden stattlichen Rindviehs reichliche Nahrung, dehnt sich stundenweit der weiche Rasen der Triften, leuchtend von hundert edeln Blumensternen der Primeln, Gentianen, Ranunkeln, Veilchen, Saxifragen, Silenen und so vielen anderen, die Korsika nicht kennt, und die ihm auch einzelne Seltenheiten nicht ersetzen können1 ). Daheim wird in wenigen Tagen die Alp bezogen; das ganze Dorf steigt hinauf ins Sommerhaus, nicht Huhn, nicht Katze bleibt zurück; jetzt schon grüne saftige Triften, später fette Matten, die noch reichen Heuertrag liefern — hier noch alles tot, nur Fels und Schnee, und mag auch später die Junisonne die toten Ruten der Bergerle erwecken und die Hänge in einen Schimmer von Grün einhüllen, so bleibt das Pflanzenleben doch ein ärmliches. Und mögen auch bald da unten bei den Buchen ein paar Hirten in die elenden Steinhütten einziehen und ein paar hundert Schafe und Ziegen das Steintal bevölkern — der Himmel mag wissen, mit was sie sich den Sommer über ernähren mögen — die Grundlage einer Volkswirtschaft können sie nie abgeben. Man ist versucht zu glauben, ein Teufel habe den schwarzen Fichtengürtel und die grünen Alpentriften, die vordem vielleicht auch hier einmal bestanden hätten, weggeholt und an deren Stelle schon ob dem Buchenwald letzte öde Felsenkare, Gräte und Türme aus den Alpen gesetzt.

Wir beschließen, auf demselben Wege wieder den Abstieg zu nehmen, da eine Gratwanderung über den teilweise furchtbar zerklüfteten Kamm, im ganzen Halbkreis bis hinüber zur Migharella, die uns hier ihre Schneeseite zuwendet, viel zu viel Zeit in Anspruch genommen hätte; auch wäre ein solches Unterfangen ohne die Hülfe eines Seiles zu gefährlich gewesen. Rasch überwinden wir das Gipfelkamin; dann fördert uns eine lustige Glissade über Schneefelder schnell einige hundert Meter in die Tiefe. Dann beginnt ein Kampf mit Bachbetten, Runsen, platten Felsen, Rundhöckern, Erlengebüsch, das noch halb in Schnee steckt und wo man jeden Augenblick durchbricht; fast wider Willen gelangen wir nun so an den rechten Rand der Schlucht, und wir werden rätig-, auf deren Grund abzusteigen, da dort große, feste winterliche Schnee- und Lawinenreste ein rascheres Vorwärtskommen versprechen. Nicht ohne allerlei vorangegangene Versuche und Fährlichkeiten stehen wir endlich unten und wandern an manchem Loch in der Schneedecke vorbei, aus dem der Bergstrom unheimlich heraufdonnert. Bald senken sich die Wände, und wir landen am Fuße des Bergsporns, über den wir am Morgen unsere Wanderung begonnen haben. Eine gelbe Ranunkel, unserem Ranunculus montanus ähnlich, steht hier am Rande des Schnees, eines der wenigen Blümchen, denen wir den ganzen Tag über begegnet sind. Wir umgehen die Bergrippe und gelangen im Haupttal wieder in grüne Gefilde; unter Bergerlen am Ufer des Baches lassen wir uns nieder. Die Zeit vergeht mit Essen und Trinken; Carabus fängt dann Käfer, ich den einzigen aus den Erlen aufgejagten Schmetterling, einen Spanner ( Larentia miata ). Dann stampfen wir wieder langsam den Pfad durch den Buchenwald hinauf zur Paßhöhe des Ceppo, hinunter zur Festung und heim zum Forellenmahl bei der Josephine.

Nun sollte ein Ruhetag folgen, den jeder in seiner Weise auszufüllen gedachte. Ich wandere zum wievielten Male schon bei schönstem Wetter am Morgen den Wald hinunter zur Station und weiter das Tal hinaus nach Tattone. Den Lariciowald lösen hier ebenso stattliche Bestände der Igelföhre, des Pinus Pinaster ab, der Lariciokiefer so ähnlich, aber mit langen, spitzen, im Kranze an den Zweigen geordneten Zapfen. Sie verkündet schon die warme Region, und die Macchienstauden, die im Unterholze blühen, die Cistrosen und gelben Ginster bestätigen es. Die Cœnonympha Corinna und Pararge Tigelius spielen wieder häufig am heißen Wegrande im Föhrenwald. Draußen auf der Wiese von Tattone grünt und blüht es schon sommerlich; überall zirpt es und singt es; die Fruchtbäume haben schon verblüht. Dann aber folgt ein langer, mühsamer Rückmarsch, zurück durch den stillen Wald, wo rasch der Frühling den Sommer wieder ablöst, und erst nach Mittag lange ich wieder bei den blühenden Apfel- und Birnbäumen des Cols an. Nachmittags bummeln wir gemeinsam auf der andern Seite des Passes die Bergstraße hinunter. Bald liegt der Buchenwald hinter uns, und beginnt die Felsenheide ob und unter der in den Felsen gesprengten Route nationale. Es herrschen die grauen Heiden, die stachligen Ginster, die duftenden Rauten. Bis 870 m. steigen wir hinunter bis dahin, wo das Renosotal in Wald und Busch verloren mit seinem Bach ins Gravonetal ausmündet. Es ist schwül heute, gewitterdrohend. Wir lenken auf steinigem Fußweg ins schattige Tälchen ein; einige prachtvolle Steineichen stehen im Geröll; darunter in der Talsohle, welche der Bach und seine Geröllbänke ganz einnehmen, ist alles verhüllt von grünenden, blühenden, duftenden Büschen der Bergerle. So nahe berühren sich hier die Vertreter der immergrünen mediterranen Region mit jenen eines alpinen Klimas. Wir strecken uns aus auf den Steinen unter dem Dach der Erlen, nehmen ein Fußbad und entdecken im Sande die reizende korsische Linaria hepaticsefolia, die hier unsere Linaria alpina ersetzt.

Unsere Tage auf dem Col sind gezählt. Wir sind schon von unserer alten Wirtin in Corte benachrichtigt, daß eines ihrer Fuhrwerke, auf der Rückreise nach Corte begriffen, nächstens bei uns vorüberkommen werde, und daß wir dasselbe als Retourwagen zu einer geplanten Reise nach Ajaccio, zu den Calanche, über den Coldi Vergio nach Corte zurück benutzen könnten. Am Morgen des 2. Juni halten sogar zwei Landauer vor unserer Türe; da heißt es schnell einen Entschluß fassen. Wir raffen denn auch schnell das nötige Gepäck zusammen, versorgen das andere bei der Josephine, da wir noch einmal hierher zurückzukommen gedenken, und bald rollt unser schon staubiger, etwas lottriger Reisewagen, bespannt mit zwei schon müden Rößlein, Ajaccio zu. An unserem gestrigen Badeplatze vorüber geht es immer weiter der Tiefe zu, und bald nimmt uns der Kastanienwald von Bocognano auf. Die Berge links und rechts werden niedriger und niedriger, alle dicht mit Macchie bestanden. An einer einsamen Pinte im Tal machen wir Mittagsrast. Dann führt die Reise weiter im einförmigen Tal, immer den Gravone zur Linken, die graugrünen Berge zu beiden Seiten, drüben am Berghang die Eisenbahn in Sicht mit ihren Brücken und Viadukten, ein malerisches Bild, hie und da auf der Höhe ein Dorf; aber im Rückblick winken und grüßen immer wieder, aus immer weiterer Ferne, verklärt im feinen Dunste des Südens, die Schnee-und Felskronen des Monte d' Oro und der Punta dell' Oriente, die Wächter am Passe von Vizzavona. Eine weite sumpfige Ebene, Eucalyptusalleen längs der Straße verkünden das Meer und das Fieber. Noch einmal geht es eine Hügelwelle hinauf; dann senkt sich rasch die Straße, und auf einmal, ein überraschender glanzvoller Spiegel, blitzt der blaue Golf von Ajaccio, in seine Bergumrahmung eingebettet, auf. Wir umfahren seinen Hintergrund, passieren den Torpedohafen, den Bahnhof, eine lange Straße und betreten dann auf einem weiten Platz angelangt die Geburtsstätte Napoleons. Da es noch früh am Tage ist, verlassen wir bald unser Hotel und gehen auf Rekognoszierung aus. Statt über Schnee und im Schatten von Buchen wandeln wir unter wundervollen Palmen in der Rue und auf der Place des palmiers und genießen mit Entzücken die milde, laue Luft! Von der weiten Place du diamant, von da, wo Napoleon hoch zu Roß, umstanden von seinen vier togatragenden Königsbrüdern, hinaus auf den Golf und hinüber nach Frankreich blickt — das Ganze mehr ein Denkmal des Nepotismus als der Größe eines Welteroberers — blicken auch wir lange auf die wunderbare Wasserfläche, auf Golf und Meer, das ewig wechselnde, allein beständige! Wir schlendern am neuen Hafen herum, suchen Napoleons Geburtshaus auf; doch ich will nicht Ajaccio schildern, weder das alte korsische, ein Teil italienischen Lebens, noch das neue, die Fremdenstadt, die Bœdeker besser kennt als ich, und die auch irgendwo in Frankreich liegen könnte. Carabus, der uns morgen verlassen und allein nach dem Col zurückkehren will, um dort unser zu warten, sucht noch einen Naturalienhändler Guglielmi auf, und wir begleiten ihn; dort habe ich dann doch noch den stolzen Hospiton und die schüchterne Elisa, die sich so hartnäckig vor uns verborgen, gekriegt. Am Abend endlich dieses langen Tages sitzen wir draußen an einem der eleganten, großen Cafés auf dem Cours Napoléon, gegenüber der vornehmen préfecture — es ist gut, in Frankreich Präfekt zu sein — und dem Palmengarten davor, wo die Menge auf dem Trottoir dicht gedrängt beim Café sitzt, oder Bier trinkt, fast wie auf den Boulevards, und ganz Aj accio auf der breiten Straße auf und ab promeniert und den musikalischen und theatralischen Genüssen sich hingibt, womit die Konkurrenz der Restaurants einander zu überbieten trachtet.

Nicht zu früh am andern Tag holt uns der Kutscher wieder ab und führt uns erst gut eine Stunde den Weg, den wir gestern gekommen, zurück, dann schwenkt er ab links ins Land hinein. Mittag machen wir in Calcatoggio; am Abend erreichen wir Carghese, unsere Nachtstation. Es soll nicht meine Aufgabe sein, all das auf diesen Reisetagen Geschaute ins einzelne zu schildern, da wir eine Wegstrecke berühren, die schon oft vor uns befahren und auch im Jahrbuch schon beschrieben wurde. Die Erinnerung vermöchte auch nicht, alle Einzelheiten wieder auszugraben, da am Anfang wenigstens eine gleiche oder ähnliche Szenerie sich öfters zu wiederholen schien. Aber die ganzen Landschaftsbilder selber, wie sie sich typisch wiederholten, sind uns unvergeßlich geblieben: „ Eine Landstraße, wie sie in herrlicher Einsamkeit durch ein Tal am Berghang entlang sich einer unfernen, niedrigen Paßhöhe zuwindet. Dürftige Äcker, Wiesenflecke liegen in der Talsohle; die runden Höhen, die Abhänge erfüllt die Macchie, duftend, schimmernd, oft ein einziges Blütenmeer, weiß und rot, der Cistrosen, deren Blühen nicht enden will. Und stolz und still steht am heißen, staubigen Wegrande eine königliche Gestalt. Viele Meter hoch schiebt eine Doldenpflanze, die Ferula nodiflora, ihren äußerst zart belaubten Stengel in sonnig-heitere Luft und verbreitet dort ihre duftige Blütentraube. Ein Rebhuhn läuft vor uns her; Schmetterlinge, der Tigelius und die Corinna spielen am Wege; eine hochgelbe Colias edusa, größer, intensiver gefärbt als bei uns, eine Pieris Daplidice fliegen in reißendem Fluge über die Felder. Nahe der Paßhöhe steht ein einsames Wegerhaus oder auch eine Kapelle; noch ein paar Schritte, dann eröffnet sich dem Blick das große, glänzende, schimmernde Meer. Der Weg senkt sich und umgreift dann stille, scelige Buchten, wo die Wellen silbern ans Ufer schlagen. Felsige Rücken, Kaps eilen ins Meer hinaus; ein einsamer Turm steht dort auf Wache, wo der Blick am weitesten schweift. Überall große, einfache Linien. Hie und da öffnet sich die ruhige Bergwand zur Rechten; ein Flüßchen dringt in eine sum- In Korsika.

pfige, kleine Mündungsebene vor, wo die Frösche quaken und die gelbe Iris blüht. Ein Damm führt die Straße hinüber, und eine Eukalyptusallee begleitet sie, zum Teil erfroren mit verdorrten Blättern. Am Mittag und am Abend ein Dorf, umgeben von unendlich zerteilten Kulturflecken, Gärten, eingehüllt in einen Hain von allerlei Fruchtbäumen. Unser Wirtshaus, eine einfache Pinte, wie sie auch sonst hie und da einmal am Wege stand. Unsere guten, alten Dorfwirtshäuser sind wahre Fürstenherbergen dagegen. Aber immer wird man freundlich empfangen von einfachen Leuten, von der guten Hausfrau die holprige Holztreppe hinauf geführt in den ersten Stock, hineinkomplimentiert in die gute Stube, wo das Sofa steht und die Kommode und an den Wänden die Familienporträts hangen und einige Markthelgen, meistens das russische Kaiserpaar darstellend, Napoleon fehlt merkwürdigerweise. Er sei nicht beliebt in Korsika und habe im Glück die Heimatinsel vergessen. Und noch erinnere ich mich, daß dann das vorausbestellte Essen immer aus Schafragout bestund, das, mit allerlei Gemüsen gekocht, vortrefflich schmeckte; immer folgten dann Forellen oder eine delikate Languste, die das nahe Meer geliefert hatte; zum Nachtisch fehlte kaum je der nationale Broccio. So üppig speist man aber in Korsika eben nur auf telegraphische Vorausbestellung; sonst muß man mit dem Einfachsten vorlieb nehmen, wie denn auch der Korse selber einfach lebt. Der Ertrag seiner Fruchtbäume, vor allem die Kastanien, die Milch und das Fleisch seiner Ziegen und Schafe, die er in die Macchie treibt, die Arbeit seiner Frau, die den Acker bestellt, ernähren ihn. Die Freiheit, die er liebt, verträgt sich nicht mit vieler Arbeit, erfordert aber Genügsamkeit, und die ist ein Erbe südlichen Landes. Ein Schweizer fragt sich oft, ob nicht Walliser Bauern schon längst dort im Herzen des Gebirges, wo das Wasser nie versiegt und auch im Sommer aus Schneefeldern und Gewitterregen erneuert wird, jede Quelle, jeden Bach gefaßt und über Täler und Schluchten heraus an die Küste geleitet hätten, um dort der unfruchtbaren Macchie Ernten abzuringen. "

Freilich die Arbeit tut 's allein nicht immer, wenn das Glück und der Himmel dem Landmann nicht auch hold sind. Als wir am Morgen des dritten Reisetages dem Col di S. Martino zustrebten, der uns noch von unserer Mittagsstation Piana trennte, sahen wir Cedratpf lanzungen unmittelbar am Wege, von denen Rickli im Mai 1900 aussagte, sie hätten alle kränkelnd ausgesehen, viele Stöcke seien ganz abgestorben gewesen, viele hätten zahlreiche Zweige eingebüßt, die reduzierten Blätter seien reichlich mit einem schwarzen rußigen Überzug von Pilzen bedeckt gewesen. So sahen wir die Pflanzung aber auch noch im Juni 1905.

PianaHier beginnt wieder eine andere Welt, die Welt der Romantik. Wie auf einem Präsentierteller, am Abhang der Berge, liegt das Dorf, um eine große, schöne Kirche eng geschaart, hoch über dem Meere, zu dem nur steile Fußpfade hinunterführen. Über die nächste Schlucht, gerade vor uns schaut eine steinerne Märchenwelt herein, rote Spitzen, Zacken, Gräte, die berühmten Calanche!

Als wir — es war eben Sonntag — auf unser Mittagessen wartend, noch auf der Terrasse des Café im Dorf bei einem Frühschoppen sitzen und immer dort hinüberstarren, beginnen die Korsen, uns von ihrer „ petite Suisse " zu erzählen, und einer meinte, daß es dort allerlei Ungeheuer, Drachen und Löwen, Hexen, Geier und Adler, auch ein Bild Napoleons zu sehen gebe, man sich das alles aber am besten von einem Führer erklären lasse. Wir beschließen aber, bei dem Gang durch dieses Labyrinth unsere Phantasie frei walten zu lassen. Über Mittag zieht ein Gewitter auf, schwarz stehen die Wolken über Berg und Meer; drohend grollt der Donner, zucken die Blitze, und so unter klingendem Spiel durchwandeln wir die kurze, kaum zwei Kilometer lange Strecke der Calanche zu Fuß, diese seltsame rötlich strahlende Steinwelt des Porphyr, die Türme und Mauern, an die nur da und dort die graugrünen Sträuchlein der mediterranen Zone sich heften, wo da und dort eine Gruppe von Pinus Pinaster wirkungsvoll die Ruinen krönt oder abschließt. Tritt man dann durch das letzte verfallene Tor, so liegt tief unten am grünen Hang, den die schönste, üppigste Arbutusmacchie bekleidet, tiefblau das Meer, der Golf von Porto. Ein Felsenkap mit Turm springt in die Fluten vor, und jenseits des tiefen Tals, das dort mündet, erheben sich hohe Berge. Und darüber hinaus dringt wieder ein Golf ins Land und springt wieder ein Felsenrücken hinaus ins Meer, und nochmals wiederholt sich dies Bild immer weiter nach Westen hinausrückend ins Meer, aus hoher felsiger Küste hinaus in duftende Ferne. Hier rivalisiert Korsika mit den schönsten Gegenden der Riviera. In vielen Kehren, immer durch die üppigste Macchie, führt die Straße ins Tal von Porto. Wir dringen sofort in dasselbe ein und gönnen den armen Rößlein nur kurze Rast in einer Fuhrmannskneipe im Schatten hoher Ulmen. Bald steigt der Weg wieder; das Tal wendet sich scharf zur Linken, ist ganz von hohen Bergen eingeschlossen, das Meer bald für immer verschwunden. In großem Bogen gewinnt der Weg immer steigend rasch an Höhe, immerfort im Schatten, unter Kastanienhainen. Wir sind wieder ganz eingeschlossen im engen Bergtal; tief unten rauscht der Fluß von Porto; hinter uns im Rückblick ragen, wie es scheint gerade ob den Calanche, einige gewaltige Spitzen in den Himmel, mit grauenerregenden Abstürzen, unnahbar, der Capo d' Orta.

Ringsum alles still; es herrscht die Einsamkeit der korsischen Landstraße. Kein Haus, kein Dorf, nur gerade gegenüber am steilen, kahlen Hang klebt ein Dorf, Ota. Je höher wir kommen, entfaltet der Fluß immer großartiger seine Erosionsschlucht, die berühmte Spelunca von Evisa. Wir gehen zu Fuß, auch den armen Rößlein zuliebe, von denen das eine fast nicht mehr weiterkommen kann; freilich unser korsischer Kutscher bleibt ruhig auf dem Bocke sitzen und wundert sich nicht wenig über die kuriosen Fremden, die bezahlen und zu Fuß gehen. Ein Christ und Korse haut auf sein Pferd los, und legt es sich zum Sterben nieder — was kümmert 's ihnhat er Geld, so kauft er eben ein anderes.

Evisa, das gerade vor uns hoch in den Bergen ( 850 m ) verborgene, wollen wir heute noch gewinnen auf dem kürzesten Wege. So verlassen wir die Landstraße und unsern Wagen, welcher die Schlucht, immer ansteigend lind ihr im weiten Bogen nach Osten ausweichend, umgehen muß und erst in großer Höhe überschreiten kann, und folgen einem Seitenpfad, der an den Fluß hinunterführt. Wir lassen dort die Brücke nach Orta links liegen und dringen auf steinigem Fußweg immer tiefer in die Spelunca vor. Immer enger wird das Schluchtental, immer höher steigen die Wände; auf und ab führt der Weg durch Felsenlabyrinthe und senkt sich endlich in einen Felsentrichter, in den die Wände von allen Seiten viele hundert Meter tief abfallen, zu einer Brücke, die in einem hohen steinernen Bogen die grünen, gurgelnden Wasser überspannt. Eine wahre Treibhausluft herrscht in diesem Felsenkessel, beängstigend, erdrückend; wenn irgendwo, ist hier die Romantik auf die Spitze getrieben, ist hier die Szenerie für Banditenstreiche. Aber Felsen, Schlünde, schaurige Wasser, Geisterbrücke sind verklärt von einer üppig tropischen Vegetation, die alles umschlingt, alles verschönt; nie habe ich Ähnliches gesehen. Der Erdbeerbaum, die Baumheide, der Buchs sind hier wahre Bäume und rechtfertigen hier zum erstenmal ganz ihren deutschen Namen. Und nun der Aufstieg aus diesem Purgatorium nach EvisaWir werden sie nie vergessen, die viele hundert Meter hohe, steile, von Felsen flankierte Halde, an der der schlecht gepflasterte Weg in vielen, vielen Kehren im Macchiengebüsch verloren, in glühender Hitze, die uns unzählige Schweißtropfen kostete, hinaufführt. Erst als die Büsche allmählich niedriger werden, merken wir, daß wir an Höhe gewonnen haben; endlich winkt von einem höchsten Grat zur Rechten ein helles Baumgrün — das müssen Buchen seinund streicht über einem ersten gewonnenen Rücken ein frisches Lüftchen. Nun noch eine Buschhalde rechts hinauf, und vor uns liegt die weite, ganz vom Kastanienwald erfüllte Mulde von Evisa; mäßige Berge umgeben sie in weitem Rund. Über die Lücke, wo wir hinauf gekommen, sieht man Porto und das Meer in der Tiefe; und stolz grüßen die zwei spitzen Kegel des Capo d' Orta herüber! Auf ebener Landstraße gelangen wir bald ins Dorf und zu unserer Herberge, einem jener einstöckigen, grauen Steinwürfel, voller Mauerlöcher, ohne Bewurf, umgeben von Schutt und Gräben, wie sie zumeist die korsischen Siedelungen zusammensetzen; einmal aber die finstere Treppe überwunden, finden wir das Zimmer heimelig, das bald aufgetragene Essen köstlich und köstlicher noch die wiedergewonnene frische Bergluft. Erst spät am Abend langt auch unser Fuhrmann auf seinem Wagen schlafend an, und merkwürdigerweise leben auch noch beide Rößlein.

Auch den nächsten Reisetag, der wie der gestrige halb Sonne halb Wolken bringt, beginnen wir zu Fuß ausmarschierend, sei es, um die Pferde zu schonen, sei es, um von Grund aus die Schönheiten des Aitonewaldes genießen zu können. Denn diesen gilt es heute zu durchwandern, und immer ansteigend den Col di Vergio ( 1464 m ) zu gewinnen und einzudringen ins korsische Hirtenland Niolo! Erst nimmt uns noch das Schattendach des Kastanienwaldes von Evisa auf, dann öffnet sich uns ein Lariciowald, schöner und größer als wir ihn bis dahin gesehen. Höher mischen sich Buchen bei; Stechpalmen stehen dazwischen; Weißtannen treten auf, mit reicher, voller Beastung bis auf den Boden; auf kleinen grünen Lichtungen erhebt die edle Gentiane ( Gentiana lutea ) ihr Haupt, Bergwasser rauschen, und nahe der Paßhöhe sind sie begleitet von Bergerle und dem ersten lichten Grün der Birken. Dünner und dünner wird der Wald; immer verwitterter wird Lariciokiefer und Buche. Blauer In Korsika.

Himmel und rote Felswände schimmern immer noch durch die Zweige; noch eine Kehre, die liebliche Parklandschaft liegt hinter uns. Wir stehen auf dem windgefegten Plateau des Passes. Noch trotzen hier einige Wetterbuchen und Lariciokiefern allen Wettern; sonst deckt nur zoll-hoher Steppenrasen den Boden. Da kriecht wieder der Zwergwachholder, zwischen den Steinen stehen spärlich wenige Kräuter, unsere Erophila verna, Thlaspi brevistyla, Alsine verna, Cardamine resedifolia, Luzula spicata, Geum montanum, Veronica repens, Plantago insularis: aber sie alle, einheimische Korsen und alpine Einwanderer, vermögen Phot. A. Rzewnski.

keinen leuchtenden alpinen Teppich zu weben. Nur Armeria multi-ceps mit ihrem roten Köpfchen wetteifert mit unserer Armeria alpina, und eine andere, eine Reseda in alpiner Gewandung ( Asterocarpus sesamoides ), weithin die Blütenähren am Boden verspreitend, interessiert durch ihre Seltsamkeit. Unter uns liegt ein großes, weites Becken, erfüllt von einem einzigen Walde, dem Forst von Valdoniello; zur Rechten begrenzen ihn einfache Berglinien. Gerade uns zur Linken, wo die magere Weide ansteigt, erheben sich bald über spärlichem Lariciowald die roten, wilden, nackten Felsen. Ein Schäfer treibt seine Herde dorthin; sogar ein paar kleine, weiß und rot gezeichnete Kühlein, die ersten, die wir im Gebirgslande erblicken, weiden hier und erinnern uns in Statur und Größe an jene unserer Eringertalrasse. Wir lagern uns am Boden, schauen hinunter ins Niolo, wohin der Wind die Wolken treibt, und erwarten den Wagen. Endlich kommt er langsam gefahren, faulenzend liegt sein Führer auf dem Bock und schläft. Unsere Geduld ist zu Ende; wir steigen ein und jetzt geht es in fröhlichem Trab bergab, hinein in den Wald, wo lichtgrünes Birkengebüsch, vom winterlichen Schneedruck ganz in die Knie gesunken, als Unterholz zwischen den dunkeln Föhrenstämmen uns lange begleitet. Immer schöner, herrlicher wird der Wald, immer höher und dicker die mastgleichen Stämme, immer freudiger rauschen die Bergbäche, die wir öfters kreuzen. Wie drüben im Ai'tonewald liegt auch hier ein grünes Idyll im dunkleren Walde, das Forsthaus, umgeben von seiner Wiese und Obstbaumgarten; dann aber, wie die Talsohle erreicht ist, schwindet der Wald, kahl und öde wird die Gegend, dürr und nackt die Gehänge, aber darüber steigt zur Linken Korsikas gewaltigste Gebirgskette auf, die Zacken der Cinque Frati, das Horn der Paglia Orba, die Ketten und Bergstöcke, die zuletzt in der Punta Minuta, im Monte Falò, und endlich im Monte Cinto gipfeln. Um Mittag sind wir in Calacuccia, Korsikas zukünftigem „ Zermattwieder unter Kastanien und Nußbäumen, und froh, unsern Wagen endgültig verlassen zu können.

Jetzt sollen die Beine der armen Rößlein geschont und unsere wieder einmal auf die Probe gestellt werden. Nach Tisch wird Kriegsrat gehalten, und in Wahrheit, guter Rat ist teuer. Fast bedauern wir, unser Vehikel voreilig entlassen zu haben, denn der Himmel ist vielfach verhängt, regendrohend, aber wird es morgen besser sein? So entschließen wir uns kurz, heute noch auf die Alp Ascia, an den Fuß des Monte Cinto, vorzurücken. Um 4 Uhr kommt der bestellte Maultiertreiber mit seinem Grauschimmel; wir beladen diesen mit dem Nötigsten, ich schwinge mich noch dazu auf den Rücken des Reittiers, und vorwärts geht es gerade hinauf den nächsten Weg nach Lozzi. Steinig und steil ist der WTeg zwischen magern Getreideäckern, wo man zwischen den Halmen fast spazieren gehen kann. Die Fruchtbäume werden immer spärlicher bis hinauf zu dem schon 1000 m. hochgelegenen Dorf, wo der Weg sich da und dort arg zwischen Häusern und Mauern durchwindet, die den Einsturz drohen. Dann ist der Weg wieder ein steiles Bachbett, eine Runse, begrenzt von Steinwällen, und darüber hinaus begleiten uns noch eine Zeitlang die dürren Äckerchen. Dann geht es eben fort, und Rzewuski reklamiert den Gaul für sich. Jeder Baumwuchs hat aufgehört; die Umgebung, obwohl erst wenig über 1000 m. hoch, mutet schon ganz alpin an. Fast unbemerkt sind wir ins Cintotal hineingekommen; tief unter uns zur Rechten rauscht der Erco, darüber steht der felsige Capo Terri Corscia ( 2103 m ); zur Linken ziehen sich nackte In Korsika.

Weiden in langem Grat zum Eckpfeiler des Capo al Mangano ( 1620 m ); vor uns entrollt sich immer imponierender der felsige Grat der Cintokette. Wir kreuzen einen Bach, der dem Erco zuströmt; dann geht es steil wieder den Abhang hinauf, und auf einmal hält die Karawane vor einem Steinkreis. Zwei wilde Gestalten hantieren hier an einem Feuer mit Kesseln und Geschirren; es sind die Hirten von Ascia ( zirka 1350m ). Wir werden freundlich aufgenommen; man räumt uns auf Steinen Sitze am Feuer ein; bald verschwinden die Hirten und kehren erst spät in dunkler Nacht von einer unsichtbaren Heerde zurück mit zwei Eimern voll Schafmilch, die sie mit unendlicher Geduld zusammen gemolken haben. Wir hatten indessen eine Suppe gekocht, von unsern Vorräten geschmaust, nun bietet man uns auch Schafmilch an, der wir aber keinen sonderlichen Geschmack abgewinnen können; was davon übrig bleibt, wird dann zu jenem scharfen korsischen Schafkäse verarbeitet, von dem man uns auch zu essen gibt. Wir aber sind müde und bitten, uns das Nachtquartier anzuweisen. Der Meisterhirte nimmt seine Laterne, wir stolpern ihm nach über Stock und Stein in die Höhe; kein Stern ist zu sehen, alles in Dunkelheit gehüllt, es fallen einige Regentropfen. Vor einer kleinen, von zwei großen Felsblöcken, die sich gegenseitig stützen, gebildeten Höhle hält er still und heißt uns über ein Mäuerchen, das den Jahrbuch des Schweizer Alpenclnb. 42. Jahrg.

20 Eingang fast ganz abschließt, ins Innere kriechen. Dort auf seinem auf der Erde ausgebreiteten Mantel, dem Pelone, in unsere Mäntel gehüllt und aneinander geschmiegt, einen Stein als Kopfkissen, den mit der Hand erreichbaren Felsblock über uns als Bettdecke, verbringen wir die Nacht in warmer, dumpfiger Kellerluft. Die Hirten aber, denen wir ihr Quartier geraubt, und unser Maultiertreiber sitzen und liegen die ganze Nacht an dem mit allerlei Stachelgesträuch stets unterhaltenen Feuer. Schon um drei Uhr stehen wir wieder draußen vor unserer Höhle, sehen hinauf zum Himmel, wo die Wolken immer noch ziehen. Wir sind ungewiß, was wir tun sollen; doch die Cintokette bleibt wolkenfrei, und dies entscheidet. Ich gehe allein voraus, rekognoszierend, immer aufwärts über magere Weide, bald dem Bache nach, der aus dem weiten, geröllübersäten Tale kommt, das sich nun entschieden zur Linken wendet. Bei zirka 1500 m. passierte ich die elenden Steinhütten der Bergerie; die Bergerle bildet weite, nach und nach immer niedriger werdende Gestrüppbüsche im Geröllboden; in der Bergkette zur Rechten tritt ein Gipfel immer dominierender hervor; nach einer Stunde Marsch ungefähr stehe ich dem Monte Cinto gerade gegenüber. Aus dem Grat erheben sich steil die Gipfelfelsen und kehren dem Beschauer eine einzige schwarze Wand zu, unter dieser verläuft ein stark geneigtes Schneefeld. Tief eingerissen zieht sich vom Grat der Kette die Bachschlucht an dem Schneefeld vorüber, immer tiefer, und breiter werdend bis ins Tal hinunter. Die rechte ( orographisch linke ) Seite der Schlucht ist ungangbar; links aber steigen Geröllhalde, Felsenbänke, Schneefetzen, allerdings von einer Gratrippe nach oben immer mehr eingeengt und gegen die Schlucht hinaus gedrängt, bis zu jenem Schneefeld unter der Gipfelkrone an.

Hier muß es möglich sein, auf jenes Firnfeld zu gelangen, und von da aus in die Gratlücke und über den Grat auf den Gipfel zu kommen, oder unter den Felsen traversierend die Südostseite des Berges zu gewinnen, die, obwohl unsichtbar, doch einen Zugang zum Gipfel gewähren möchte. Rasch steige ich über groben Schutt in die Höhe bis dahin, wo die festen Felsbänke beginnen, und erwarte hier Rzewuski, der langsam mit dem Maultiertreiber folgte und von dem ich fast fürchtete, er möchte sich durch das stets drohende Unwetter von der Besteigung abschrecken lassen. Doch siehe, er verabschiedet seinen Führer, kommt eilig nach, und nach gemeinsamer Frührast beginnt nun ein lustiges Klettern über abgerundete Felssätze und Rundhöcker, getrennt durch kleine Schneestreifen, aus denen wieder als letztes Wahrzeichen der Vegetation die braunen, nackten Ruten der Bergerle hervorlugen. Schon scheint der Gipfel zum Greifen nahe; wir ziehen unser Aneroid hervor; es weist auf 2250 m.; so hoch mögen auch die letzten-Erlenruten stehen. Noch fast 500 m. bleiben zu überwinden übrig, und so nahe haben wir uns.

In Korsika.

dem Ziel geglaubt, das uns so leicht erreichbar schien, wie unser gleich hohes ( 2710 m ) heimisches Schiahorn.

Der Berg beginnt, uns mehr Respekt einzuflößen. immer steiler geht es aufwärts, immer höher « und mächtiger erheben sich die Felsen der Gratrippe zur Linken und drängen uns gegen die Schlucht hinaus, bis wir zuletzt in einem ganz schmalen Schneecouloir stecken bleiben. Links die hohe Felswand, über uns ein eingekeilter gewaltiger Felsblock, unter dem ein Bächlein rauscht, rechts ganz glatter, geneigter Fels, über den die Schmelzwasser der höhergelegenen Schneefelder rieseln, bleibt uns -...

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Phot. J. Rzewnski.

nur der eine Ausweg, uns vom Schnee in die Spalte zwischen dem Block und dem. Fels zur Rechten hinaufzuschwingen. Rzewuski treibt seinen Pickel tief in den Schnee, tritt darauf und turnt mit meiner Unterstützung auf eine lockere Leiste und an sichern Ort zwischen Block und Fels. Ich reiche ihm den Pickel nach; als er mich daran heraufziehen will, erweist er sich zu kurz; die Situation wird fatal; denn ohne jede Sicherung die Stelle zu passieren, ist nicht schwierig, aber riskiert, da Ausgleiten sicheren Tod bedeutet. So verfallen wir aufs Improvisieren eines Seiles, Rzewuski macht den Riemen von seinem Rucksack los, bindet ihn an seinen Pickel, und dank dieser neuen Hülfe stehe ich bald neben ihm.

Noch ein paar glatte Felsplatten, Rundhöcker werden überwunden, dann sind wir an der Gipfelkrone. Nach rechts in die Schlucht und in die Gratlücke hinaufzuklettern, scheint uns ohne Hülfe eines Seiles zu schwierig zu sein, und so beginne ich unter den Felsen durch über das jähe Schneefeld nach links zu traversieren Zwar der lange Lodenmantel ist wieder einmal recht lästig und der Spazierstock ein unzuverlässiger Begleiter, aber es geht, keine Lawine löst sich, und bald steige ich von Schnee auf Fels, über den Ansatz der Gratrippe, durch die Lücke auf die Sttd-ostflanke des Berges und, hurra — dort oben winkt der Gipfel; ein weites Trümmerfeld, Blockhalden, Felssätze, Schneefelder führen hinauf, kein Hindernis ist mehr zu erkennen. In 20 Minuten sind wir oben auf dem Monte Cinto. Kalt weht der Wind: die Wolken wogen um alle Gipfel in der Runde, in alle Täler hinein. Schaurig ist der Blick ins tiefe wald-erfüllte Becken von Asco gerade unter uns, aber noch verknüpft uns ein Sonnenstrahl mit bewohnten Gegenden; darüber hinaus nach Westen blitzt durch einen Riß der Wolken ein Stück blaues Meer, der Hafen von Calvi bis zu uns herauf. Sonst nur Wolkenballen um Bergeshäupter; hie und da befreit sich ein Gipfel, der für uns keinen Namen trägt. Wieder imponiert uns die Wildheit der korsischen Bergwelt, ihr bei absolut geringer Höhe durchaus hochalpiner Charakter, und wieder muß ich beim Vergleichen an unsere so begünstigten heimischen Berge denken. Hier nur Fels und Schnee, keine einzige Blüte, kein Kraut mehr. Seit die letzten Erlenruten uns verlassen haben, hat die organische Welt für uns aufgehört, und mag auch da und dort in den Ritzen eine Pflanze ihr Leben verborgen fristen, so ist für sie am sechsten Juni der Sommer noch nicht angebrochen; bei uns in derselben Höhe, etwa auf unserm Schiahorn eine Flora, die noch über 2600 m. weit über 100 Arten zählt, die sogar noch zum Rasen und zur Weide zusammenschließt, wie ich sie in Korsika auf den Bergen nie getroffen habe, und die oft schon im April erwacht und dann schon im Blau der Enzianrasen mit jenem des Himmels wetteifert. Und da weit unter uns das Cintotal, nun bis in den Hintergrund offen daliegend, von steilen Felswänden überragt, ein kahles ödes Trümmertal, wo Wälder rauschen sollten, nur noch magere Schaf weide; mag auch der Mensch hier die natürliche Ordnung in unsinniger Weise gestört haben, so tritt die gewaltige Depression aller Vegetationslinien nirgends in Korsika wohl so eindrucksvoll in die Augen wie bei diesem Niederblick vom Monte Cinto. Ringsum alles Schweigen; keine Spur eines flüchtigen Grattieres; das Piepen des letzten Stein-schmätzers hat uns schon lange verlassen. Es ist zirka 8 Uhr morgens, als wir unsere Karte neben die des Clubgenossen Hasler in die Gipfelflasche deponieren und uns zur Umkehr wenden. Wir suchen die- Schneefelder der Südostseite auf, und auf diesen abfahrend gelangen wir rasch 300—400 m. in die Tiefe; aber immer mehr sehen wir uns auch ein- geengt zwischen zwei Felsgräte, die immer höher und höher sich erheben. Immer steiler senkt sich das Schneefeld in den Trichter, der schließlich sich zur Felsschlucht verengt. Dort ist der Schnee eingebrochen; nur eine schmale Brücke führt an gähnendem Loch vorüber, aus dem dumpf der Bergbach heraufrauscht, weiter in Ungewisse Tiefen. Keine Möglichkeit, aus diesem Engpaß herauszusehen; nie dürfen wir es wagen, uns der trügerischen Brücke anzuvertrauen; fällt jetzt noch der Nebel ein, so ist die Mausefalle fertig! So steigen wir mühsam ein Stück weit wieder in die Höhe, Rzewuski sucht rechts, ich zur Linken einen Ausweg über die umschließenden Mauern. Ich klettere durch ein Schuttcouloir auf die Grathöhe, aber fast entmutigt blicke ich in ein anderes, noch unzugänglicheres, unübersehbares Schluchtental — da tönt Rzewuskis Stimme herüber: „ Komme her — ich hab 's gefunden !" Durch Risse und Spalten in fast senkrecht scheinender Felswand ist es ihm gelungen, halb gehend, halb kriechend und kletternd fast horizontal zu seiner Grathöhe zu traversieren — und bald stehe ich auch neben ihm. Leichtes Klettern führt uns von da hinunter und hinaus auf Blockhalden, gerundete Felsflächen, und wieder auf Schnee, aus dem uns braune Ruten der Alpenerle freundlich angucken, ein erster Gruß der wieder auftretenden Vegetation. Unweit von uns sehen wir den Talschluß, ein felsiges Becken, über dem gegenüber imponierend der Monte Falò steht. Hier in der Nähe muß sich auch der Cintosee befinden; doch nichts ist von ihm zu entdecken; noch liegt er in Eis und Schnee begraben. Unter Blockhalden, Schuttwälle, durch Erlengestrüpp wandern wir talaus. Bei 1840 m..notieren wir den letzten Schneefleck.

Ein kleiner gelber Ranunculus, wieder der Crocus stellen sich ein ;. allmählich ergrünt die Erle. Wir scheuchen daraus einen kleinen Spanner, Eubolia assimilata, und stellen ihm eifrig nach — das erste Lebewesen seit vielen Stunden! Auf einmal steht auch unser Gastfreund und Schäfer vor uns, um ihn seine Schafe, die weit hinauf ins Tal fast bis an den Fuß des Cinto gedrungen sind. Wir danken ihm herzlich für die Aufnahme, die er uns gewährt hatte; als wir aber wagten, ihm für seine Kinder ein Geschenk anzutragen, hatte er nach einem Augenblick des Besinnens nur ein kurzes „ Je n'ai rien besoin " für uns und kehrte sich zu seinen Schafen im einsamen Felsental. Wie genügsam sind diese Hirten, wie hart ihr Land! Heute dagegen ist Alpfahrt in Davos: Da beziehen die Bauern mit Kind und Kegel, mit Katze und Huhn, mit Heerden stattlicher Rinder die Alpdörfer; saftiger Rasen, tausend Blumensterne überall, und überall Freude und Jauchzen zum Beginn des Sommerfestes, jeder Geißbub ein König!

Um Mittag sind wir wieder unten bei unserer Höhle; wir machen nur kurze Rast, beladen das Maultier, gehen alle drei zu Fuß bei einzelnen Sonnenblicken wieder über Lozzi nach Calacuceia zurück. Fast begeistert uns der gute pranzo zu neuer Tat — aber schon wieder droht der Himmel, und bald setzt auch der Regen ein. Wir beschließen den Rückzug. Der Wirt schirrt den zweirädrigen Karren, setzt seinen Jungen als Kutscher auf den Bock, und fort geht 's in sausendem Trab. Bald umfängt uns die berühmte, sieben Kilometer lange Schlucht der Scala di Santa Regina: Kahle Felsen steigen zu beiden Seiten in die Höhe, überall vom Nebel verhangen; zur Rechten in der Tiefe rauscht der Golo im Abgrund. Wie wütend fährt der Junge auf der rasch sich senkenden Straße um die Felskulissen, längs den Felsengalerien, so daß wir uns gegenseitig halten müssen und jeden Augenblick fürchten, in den Abgrund geschleudert zu werden. Wie man immer geneigt ist, Unbekanntem, Neuem gegenüber sich an Bekanntes zu erinnern und es mit diesem in Parallele zu setzen, so muß ich heute das verlassene Niolo mit dem Urserntal vergleichen, und die Scala di Santa Regina wird an diesem Tage zur korsischen Schöllenen. Wir atmen auf, als unser Rößlein endlich eine ruhigere Gangart anstrebt, aber es geschieht dies nur, um, scharf nach rechts sich wendend, einen neuen Col — Col di Dominanda — in Angriff zu nehmen, denn in Korsika löst ein Col nur einen andern ab. Frierend, tief in unsere Mäntel gehüllt und so geschützt vor dem feinen Sprühregen, ohne Blick mehr für die Macchie, erreichen wir die kleine Paßhöhe; von da bringt ein flotter Trab uns rasch vor das Hotel Paoli in Corte.

Wieder begrüßt uns am andern Morgen Sonnenschein und duftende Macchie; aber schon mittags ist der Himmel wieder mit Wolken umzogen, und so kehren wir, statt dem Monte Rotondo auf den Leib zu rücken, in unser altes Standquartier auf den Col di Vizzavona zurück. Trüb und kalt ist es da oben und einsam; Carabus ist verschwunden; er hat unsere Rückkehr nicht abgewartet und ist schon auf der Heimreise in Bastia angelangt. Nur Josephine ist noch da und immer gefällig, und wieder flickt sie Hosen; diesmal sind es aber jene Rzewuskis, die am Monte Cinto fast unheilbare Wunden empfangen haben.

Die Zeit des Abschieds von Korsika ist auch für uns gekommen. Die Tage, die uns noch bis zur Abfahrt des Dampfers bleiben, wollen wir lieber im warmen Litoral von Ajaccio zubringen. Am 8. Juni, nach einer üppigen Mahlzeit, die uns den Abschied besonders schwer machen soll, ziehen wir das letzte Mal vom Col zur Station hinunter, vorbei am Apfelbaum, der noch immer blüht. Auch im Wald herrscht noch immer Frühling, blühen Sanikel und Waldmeister; Frühlingswalderbsen und Cyclamen nicken „ Lebewohl !"

Ein Gewitter mit so gewaltigen Donnerschlägen, wie ich in unsern Bergen nie eines erlebt, ein im Wortsinn sündflutartiger Regen geht in der Nacht nieder. Nun verstehen wir die nackten Berge Korsikas, nun würdigen wir die Bedeutung der Macchie, ohne deren Schutz das ganze Erdreich der Insel in das Meer hinaus geschwemmt werden müßte. Herrliche Tage folgten diesem Ausbruch aller Elemente, die uns alle Reize jener Gegend, die einzige Verbindung von Land und Meer, Wasser und Berg, Kultur und Macchie noch einmal kosten lassen. Dann an einem Sonntag spät nachmittags fährt unser Schiff langsam aus dem Hafen, aus dem Golf, und zwischen den roten Klippen der Iles sanguinaires hinaus ins freie Meer; zum letztenmal grüßt, verschwommen im Duft der Ferne, der Monte d' Oro. Und je mehr wir das hohe Meer gewinnen, sinken die fernen und nahen Berge und Ufer, und mit Wehmut gedenken wir bald der Insel, die auf ihren stolzen Bergen, in ihren einsamen Wäldern und Macchien uns Leib und Seele erfrischt hat.

Dann folgte Elend und Schweigen. Der große Lärm des großen Marseille tut uns noch weh. Noch einmal ruht der Blick im Fluge auf graugrünen Heiden, grauen Oliven, grauen Dächern und Mauern; noch trennen uns die Schluchten des Jura von der Heimat; endlich liegen auch diese hinter uns, und öffnet sich die weite, einzige Parklandschaft Helvetiens, der schönste Garten Europas zwischen Jura und Alpen: Überall saftiges Grün, große Laubmassen, Wälder und Wäldchen, heller und dunkler, Gärten und Felder, schon ruhend in sommerlichem Glänze, überall Zeichen der ordnenden Hand der Menschen, der Arbeit, des Fleißes bis an die Firnen, die Felsen hinan; wohin immer das Auge schweift, trifft es auf ein reizendes Städtchen, auf reiche Dörfer, stolze Gehöfte. Da ist die Gegend, von der einst schon Gœthe bezeugt, daß sie von höchster Kultur einen Begriff beibringe, und wieder erinnere ich mich mit Stolz der Frage, die einst ein italienischer duca, den ich aus der Schweiz an die Riviera zu begleiten hatte, an mich tat: Gibt es denn in der Schweiz nur reiche Leute? Hier ein Land rastloser Bewegung — dort in Korsika ein Land der Ruhe, des Beharrens. Aber wenn der Himmel bei uns lange grau gehangen und die Sorge des Alltags immer schwerer das Gemüt bedrückt, dann lacht die Sirene des Südens, und ihrem Zauber, blauem Himmel und Meer, und heiterem Volk, sonnendurchglühten Felsen, und ihrer ornamentalen Vegetation .verfallen wir immer wieder.

III.

Kleinere Mitteilungen.

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