IV. Der Stücklistock

3309 M. = 10486P. F.

Von Eduard Hoffmann und F. Hoffmann-Marion.

Das anhaltend schlechte Wetter des 25. und 26. August hatte unser Brüderpaar verhindert, seinen Plan, die kleine Windgälle vom neuen Clubhôtel im Maderaner Thal aus zu besteigen, in Ausführung zu bringen, und bestimmte es, sich einem anderen Ziele zuzuwenden.

Schon ehe wir Basel verliessen — lautet der Bericht — hatten wir den Voralpstock als zweite Besteigung in unser Programm aufgenommen, vom Alpenclub-Hôtel jedoch eine Spitze rechts neben dem Spitzliberg erblickt, zu der Eduard, wie er sich ausdrückte, „ verzwickt viel Idee " hatte.

Der Stücklistock ist der nördlichste, schroff gegen die Gletscher des Sustenpasses abfallende Gipfel der das Voralpthal östlich begrenzenden Gebirgskette. Seine letzten Ausläufer nach Westen sind durch ein Joch von 2657 M. Höhe, welches als schmaler Felskamm den Kalchthal- vom Wallenbühlgletscher trennt, mit dem Sustenhorn verbunden; nach Osten fällt der Stücklistock fast senkrecht gegen den Rütifirn ab, während er nach Süden durch einen felsigen Sattel mit der Masse des Fleckenstocks zusammenhängt.

Da sich der Himmel gegen Nacht aufklärte, sollte nun dieser Plan ausgeführt werden. Wir hingen um so mehr daran, als unsere beiden Führer J. M. Trösch und Ambr. Z'graggen, welcher Letztere seinen zwölfjährigen Sohn Hans mitnahm, uns die Jungfräulichkeit des Berges verbürgten.

E. und F. Hoffmann.

Der Sonntag Morgen des 27. August sah uns auf dem Wege nach Gesehenen; dort wurde der nöthige Proviant aufgepackt und um 3 Uhr nach der Alp Hornfeli im Voralpthal aufgebrochen. Die näher an unserem Ziele gelegenen Alpen Bodmen und Wallenbühl zu beziehen, war uns unmöglich, da die Sennen sie bereits verlassen hatten.

Auf dem Wege nach Geschenenalp versäume der Wanderer nicht, sich an der herrlichen Quelle zum Kaltbrunn zu erlaben und den majestätischen Fall des Voralpbachs zu besehen, der sich über die ganze Wand, von Mitwald bis Wicki, donnernd herunterstürzt.

Weitersteigend erreichten wir bald das Voralpthal, und das heimelige Geläute der Kuhglocken zeigte uns die Nähe des Nachtquartiers an.

Kurz nach 3 Uhr am folgenden Morgen wurden wir nach und nach Alle munter, und nach einem aus herrlicher Milch bestehenden Frühstück brachen wir auf; es war 4 Uhr und noch dunkel, aber kein Wölkchen am ganzen Firmament.

Trösch, die Laterne in der Hand, eröffnete den Zug. Wir erreichten die Wallenbühlhütte, als schon die Sonne die höchsten Zinnen der Sustenhörner vergoldete.

Bald hernach überschritten wir einen der untersten Ausläufer des Kuhblankenstockes. Es ist dies die vom jungen Eimer erstiegene nördliche Spitze der Voralpkette, 3214 M., auf der grossen Excursionskarte als Voralpstock bezeichnet; der Voralpstock selbst ist der von Landrath Hauser vom Spitzliberg aus im Südosten erblickte Gipfel mit 3223 M., also 9 M. höher, und es wäre demnach die Karte in diesem Sinne zu corrigiren.

Ueber die Seitenmoräne des Wallenbühlfirns hinunter steigend betraten wir den Gletscher, zogen uns rechts gegen die Flühe hin und nachdem wir deren steile Wand über- schritten, lagerten wir uns um 3/47 Uhr am Fusse des Spitzliberges.

Nach kurzer Rast erreichten wir, einige steile Moränenhügel übersteigend, den Gletscher ohne Namen, der sich vom Fusse des Stüeklistockes nach dem Wallenbühlfirn hinzieht und den wir den Stückligletscher nennen wollen. Hier wurden die Fusseisen angeschnallt und Z'graggen rieth, das Seil umzuknüpfen, was jedoch Trösch noch unnöthig erachtete. Letzterer ging voran, ihm folgten wir beide, nach uns Z'graggen und Hansli. Es ging alles gut, doch plötzlich, als ich eben eine kleine Spalte überschritten hatte, hörte ich Hansli aufschreien: „ Herr Jeses, Vater, e Herr im SpaltIch wandte mich rasch um und sah meinen Bruder ( Eduard ) zur Hälfte im Schrund, jedoch von Z'graggen's kräftiger Faust glücklich am Kragen erfasst und auch sogleich wieder auf den Beinen. Trösch fand es nun auch rathsamer, uns anzubinden, da der steilere Theil des Gletschers stark zerrissen war. Unter der sicheren Leitung unserer beiden Führer gelangten wir etwa um 3/49 Uhr glücklich durch das Gewirr der Schrunde an den Fuss des eigentlichen Stücklistockes.

Der Weg zum Gipfel lag uns klar vorgezeichnet. Eine wohl 40—50° steile Geröllkehle, hie und da mit Schnee bedeckt, zieht sich gegen einen zwischen dem Stüeklistock und einem der Ausläufer des Spitzliberges liegenden Sattel hin.

Ueber eine verrätherische Schneebrücke betraten wir die Kehle und stiegen so rasch, als es auf dem mit tiefem Geröll bedeckten Abhang anging, bergan; nur in den kleinen Schneeflecken rückten wir schnell vorwärts, da Trösch Fussstapfen trat. Während 3/4 Stunden wechselten wir so mit Geröll, Schnee und festem Felsen ab; ungefähr 200 Schritt unter dem erwähnten Sattel wurde nach vorgenommener Kundschaft links abgezweigt in eine andere, noch steilere, zum Gipfel führende Kehle.

Es war ein beschwerliches Klettern und es kostete noch viele Schweisstropfen, bis wir die letzten Felsen erklommen und um 11 Uhr 20 M. den Gipfel des Stücklistocks erreicht hatten.

Zur höchsten Spitze führt ein schmaler Grat, den wir nur Einer hinter dem Anderen betreten konnten und der nach beiden Seiten fast senkrecht abfällt. Der Punkt, auf dem wir standen, schien uns nicht der höchste, denn ein anderer Gipfel, nur wenige Schritte von uns getrennt, " liess uns darüber im Zweifel. Der Weg dahin, der uns vor Augen lag, war jedoch nicht zu begehen; doch Trösch und Z'graggen gelangten auf einem Umwege auf jene Spitze und versicherten uns, dass die von uns bestiegene die höhere sei. Hier wurde denn auch das Steinmannli errichtet; wir selbst mussten indessen etwa 10 Schritte hinuntersteigen, da nicht Kaum genug war für uns Alle. Die Flasche mit dem Wahrzeddel wurde neben dem Steinmannli in das Geröll vergraben.

Eine Besteigung des Stücklistocks ist sowohl vom Griessengletscher, als auch vom Rütifirn unmöglich; von Ersterem her wegen der vielfach zerrissenen Felsen und theilweise senkrechten Wände, von Letzterem, da die Abstürze zu steil und durch unüberschreitbare Schrunde von dem Gletscher getrennt sind.

Ein freudiges Gefühl durchströmte uns, welches wohl Allen bekannt ist, die zum ersten Mal eine von Menschen noch nie betretene Spitze erreicht haben. Ist das Wetter zudem so wunderschön, wie es an diesem Tage war, so bietet das in vollkommenster Klarheit entfaltete Panorama einen nicht zu beschreibenden Genuss.

Nach Norden, scheinbar nur durch den Sustenpass ge- trennt, erheben sich der Titlis, der Schlossberg, der Urirotte--und Blackenstock, mit den sie begrenzenden Gletschern, so wie der steile Krontlet.

Nach Süden verschliesst der Fleckenstock einen kleinen Theil der Fernsicht; wir konnten auf seiner Spitze noch genau das von den vorjährigen Besteigern errichtete Wahrzeichen unterscheiden. Nach Westen und Südwesten eröffnet sich dagegen ein wundervolles Bild: das Susten- und das Gletscherhorn mit ihren weiten Firnfeldern vom Fuss bis zur Spitze; darüber hin die schwarze Pyramide des Finsteraarhorns, das Schreckhorn und die schneeigen Häupter der Wetter- und Viescher Hörner, die Jungfrau, der Mönch und der Eiger; südlich vom Gletscherhorn die Thier- und Winterberge, der Damma- und Galenstock und einige Walliser Gipfel. Osten und Südosten sind begrenzt durch die bekannten Berge des Maderaner Thals, in welchem wir mit blossem Auge den neuerbauten Gasthof unterscheiden konnten. Den Hintergrund bilden Tödi, Bifertenstock, Crispait und die vielen Spitzen der Bündner Berge.

Nachdem wir freudig auf das Wohl des bezwungenen Stücklistockes angestossen, verliessen wir i/i nach 1 Uhr nur ungern seine luftige Höhe.

Den obersten, steilsten Theil des Weges wieder hinabzuklettern, erklärte Trösch für unmöglich; wir betraten daher mehr nach links einen schneeigen, einer Dachfirst ähnlichen Grat, welcher einerseits senkrecht nach dem Rüti-gletscher, andererseits in die zum Gipfel führende Kehle abfällt. Trösch empfahl, sehr vorsichtig zu sein, denn die Stelle war etwas kitzlich; nur ganz schmale Felsbänder führten von dem Grat auf den unten liegenden Weg, und für jeden Schritt wurde der Befehl des vorangehenden Führers abgewartet. Im Geröll, durch welches nun im Sturm- schritt bergab marschirt wurde, hatten wir uns je Zwei und Zwei den Arm gegeben, um uns vor dem Fallen zu schützen.

Da, wo wir am Rande des Stückligletschers die untere Kehle betreten hatten, banden wir uns wieder an das Seil und passirten die hinüberführende schlechte Schneebrücke auf dem Rücken liegend. Um 3 Uhr 18 Minuten hielten wir kurze Zeit an der Haltstelle vom Morgen und vertilgten fröhlich den noch vorhandenen Vorrath an Wein und Kirschenwasser. Wir hatten die nämliche Strecke, zu der wir aufwärts 4l/2 Stunden gebraucht, in l*/a Stunden zurückgelegt.

Anschliessend sei hier noch der Ausdauer des Herrn Dr. Otto Lindt erwähnt, welcher, von der Gelmer Alp durch Regen verjagt, den Umweg über Stein und die Stein-Limmi machte, um von dieser Seite aus zu operiren. Nach ihm ist die in der Distanz-Tabelle des Triftgebietes im 2. Bande des Jahrbuches angegebene Entfernung von Stein nach Gesehenen auf 9 Stunden zu reduciren.

Wieder in seinen Projekten durch einfallenden dicken Nebel durchkreuzt, verificirte derselbe die Uebergänge der Thierberg-Limmi zwischen den Thierbergen, die er jedoch schwieriger fand, als sie sich 1864 darboten.

Aus obigen Beschreibungen, denen der Referent seine eigenen widrigen Schicksale beizufügen gerne unterlasse ergeben sich folgende Resultate:

1 ) Von der Gelmer Alp aus, diesem hinter Fels und See versteckten interessanten Alpwinkel, können verschiedene Uebergangspunkte zum Triftgletscher gewählt werden. Die kürzeste gerade Richtung nach der Clubhütte führt über oder neben dem Thieralplistock vorbei; länger und beschwerlicher erweist sich der Weg über den Diechter Gletscher mit den Uebergängen nördlich und südlich des Gwächtenhorns. Statt den Triftgletscher gegen den Thältistock hin zu traversiren, würde man wohl auch, vorausgesetzt, dass man zeitig genug an den Ausgang des Sackthäli's gelangt, den Ausläufer des Sackgrätli's, die Sacklamm, überklettern und über die Windegg zu Thal gelangen können.

2 ) Beweist die gefahrvolle Niedersteig des Herrn Hoffmann vom Mittelstock nach Gesehenen, dass ein Hinunterklettern möglich, allein von diesem Punkt aus nicht zu empfehlen ist, und ich stimme ganz mit Herrn Hoffmann überein, dass wohl eher die Kehle zwischen Rhonestock und 3513 M. zu versuchen wäre, oder vielleicht noch besser eine grössere Schneekehle nördlich vom Schneestock, welche gegen 3547 M. hinaufführt; es ist diess diejenige, welche Herr Dr. Otto Lindt von Gesehenen aus angreifen wollte.

3 ) Nach meinen eigenen, freilich unvollständigen Reeogni-tionen zu urtheilen, sollte es wohl möglich sein, vom Rhone-Gletscher über den felsigen Kamm zwischen Galenstock und 3513 M. nach dem Tiefen Gletscher und auf die Furka-Strasse zu gelangen.

Ebenso kann man nach Caspar Blatter's Angabe vom Tiefen Gletscher ohne grosse Mühe die Felswand zwischen 3513 M. und dem Gletschhorn erklettern und von diesem Kamm auf den Wintergletscher hinuntersteigen, wie übrigens bereits voriges Jahr durch Herrn Jacomb bewiesen worden ist. Doch hielt sich dieser dem Anscheine nach höher auf schwierigerem Terrain. Das Gletschhorn selbst und die benachbarte namenlose Höhe 3231 M., die man Tiefenstock oder Winterstock nennen könnte, würden bei Gelegenheit eines hier beabsichtigten Ueberganges würdige, freilich etwas rauhe Zielpunkte abgeben.

Stellen sich die directen Erklimmungen der Winterberge als zu gefährlich heraus, so dürfte die kleine Abschwenkung neben dem Gletschhorn vorbei auf den oberen Tiefen Gletscher und von diesem nach dem Rhonegletscher ein praktischeres Resultat liefern, welches der zwei Kammüberschreitungen wegen nur etwas Zähigkeit voraussetzt. Im Vorbeigehen aber sollte noch der Rhonestock feierlich auf seinen Namen getauft werden.

4 ) Ausser diesen Partien bleibt noch die Ueberschreitung der hinteren Gelmer Hörner auszuführen übrig.

Alle diese Vervollständigungen und Wünsche für den Sommer 1866 mögen ihre glückliche Erledigung finden.

In mineralogischer Beziehung dürfte noch bemerkt werden, dass die Weissenfluh eine Krystallhöhle mit grossen Rauchtopasen am Thierberg ausbeuteten; auch wurden wieder in der Umgebung des Galenstockes mehr oder minder schön ausgebildete rothe und doppelfarbige Flussspath-krystalle gefunden.

Die Distanzen-Tabelle bereichert sich mit folgenden Angaben :a Trift-Gebiet.

Grimsel — Gelmer Alp 21/* St. Gwächten-Limmi 54/a St. Clubhütte — 3 St. = 11 Stunden. Clubhütte — Kilchlistock 3V4 St.

— Mittelstock — Geschenen-Alp 13 St. Hornfeli-Alp — Stücklistock l1^ St., retour 4 St. Kehlen-Alp — Thierbergsattel 4 St.Windegg 3 St. = 7 Stunden.

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