Jägihorn und östlicher Jägifirn

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Trotz eingehender Durchforschung war mir in der Südkette des Lötschthals eine schwerempfundene Lücke geblieben, nämlich die nicht ganz vollständige Gewissheit über die Existenz oder Nichtexistenz der grossen Quermauer, welche die Karte vom Jägihorn zum Gredetschgrat hinüberziehen lässt. Für meine Person stand es mir unumstösslich fest: Sie ist nicht vorhanden; aber die Schilderung einer Gegend erfordert eben nicht subjektive,

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sie verlangt objektive Gewissheit. Was sollten denn nur um 's Himmelswillen die Ingenieure gesehen haben, um eine solche Riesenwand zu verzeichnen, falls der Gletscher eben war? Möglich war es ja immer, dass mir ihr Anblick auf dem Lauinhorn durch die Biegung des Gletschers, auf dem Breithorn durch die Nebel verdeckt worden war; aber wahrscheinlich war es nicht. Es gestattete jedoch weder meine Zeit, noch das nun eintretende schlechte Wetter eine Rückkehr in die Gebirge-Ich wandte mich daher brieflich an meinen Freund, Herrn J. J. Lehner in Gampel, den Besitzer des Hôtel Nesthorn zu Ried, um durch seine Vermittlung die Brüder Siegen zu einer nochmaligen Untersuchung der fraglichen Stelle zu veranlassen. Meine Fragen hatte ich genau präzisirt, Karten und Abbildungen, um nichts zweifelhaft zu lassen, von Hause beigesandt. In Folge dessen erhielt ich unterm 29. September und 16. Oktober folgenden Bericht:

Am 27. September, Morgens um 3 Uhr, verliessen die Brüder Siegen das Hôtel Nesthorn zu Ried. Nach vierstündigem Marsch langten sie bei dem Rothen Galm, um 8 Uhr auf demBaltschiederjoch an. Ton hier aus wurde der westliche Jägifirn bis zum Jägigrat überschritten. Am Grat entlang, den man etwa in seiner Mitte erreicht hatte, ging man so weit nach Süden vor, bis eine Erkletterung des Jägihorns, 2960 m — 9112 Par.F ., möglich wurde. Dasselbe wurde bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal erstiegen; jedoch war der Aufstieg über Terrassen von vereistem Granit so schwierig, dass er mehrmals kaum durchführbar schien. Nach Errichtung eines Steinmanniis auf der höchsten Spitze wurde der Versuch gemacht, über die Ostseite des Grates hinab den östlichen Jägifirn zu gewinnen. Etwa 50 Klafter tief gelangte man auch wirklich hinab; dann aber verbot die Steilheit der Gehänge jedes weitere Vordringen.

Man wandte daher wieder um, kehrte mühsam zu der ersten nördlichen Einsattelung hinter dem Horn zurück und von hier hinab auf den westlichen Jägifirn. Die drei Brüder machten nun gegen Osten die Runde um den ganzen Fuss des Jägihorns, überschritten den östlichen Gletscher und erkletterten jenseits mit leichter Mühe den Gredetschgrat. Der Rückweg nach dem Jägihorn war derselbe; auf der schuttfreien Westseite des Baltschiedergletschers hinabwandernd, langten sie am Abend auf der obersten Alp des gleichnamigen Thales an und kehrten am folgenden Tag durch das Rhonethal nach Hause zurück.

Das Resultat bezüglich der Gestaltung des östlichen Jägifirns war ganz das von mir vermuthete, nämlich folgendes:

1 ) Die fragliche Quermauer existirt nicht; nur hat die Eismasse in der Gegend des Jägihorns ein etwas stärkeres Gefälle. Dasselbe macht jedoch so wenig Schwierigkeiten, dass der Gletscher sowohl im Hin- als im Rückweg beidemal gerade an dieser Stelle überschritten wurde, ohne dass man durch Spalten behindert jemals vom direkten Weg hätte abweichen müssen.

2 ) Der Jägigrat versinkt in seiner ganzen Ausdehnung vom Jägihorn bis zum Lauinhorn so tief und steil in den östlichen Gletscher, dass an keiner Stelle eine Ueberkletterung desselben möglich ist, auch nicht in der obersten Gratlücke, die ich bei Gelegenheit des Lauinhorns geschildert habe.

3 ) Noch viel höher ist die von mir öfter besprochene sogenannte Nest-Breithornwand im Osten, und ihre Darstellung auf der Karte steht wohl zu ihrem enormen Absturz in keinem Verhältniss.

4 ) Oestlich vom Jägifirn, da wo die irrige Quermauer anschliessen soll, befindet sich nur ein kleiner Felsvorsprung;

ein grö'sserer in dem nordwestlichen Winkel am Fusse des Lauinhorns.

5 ) Die grossen Moränen beginnen theilweise unter dem mittleren namenlosen Gipfel der sogenannten Nest » Breithornwand, in ihrer Hauptmasse erst am Gredetschgrat. Sie bedecken sofort bei ihrem Entstehen die ganze Breite des Gletschers.

Ich bin zu Ende. Indem ich nun von dem mir so lieb gewordenen Lötschthale Abschied nehme, möchte ich seine Gebirge meinen geehrten Kollegen noch auf dreifache Weise empfehlen: Zur geologischen Untersuchung,, zur neuen topographischen Aufnahme, und allen Naturfreunden überhaupt zu häufigerem Besuche als bisher. Das neue Gasthaus zu Ried, in dem allen berechtigten Anforderungen mehr als entsprochen wird; ist eine vorzüglich gelegene Station für eine Fülle lohnender und bedeutender Exkursionen. Vortreffliche Führer findet man namentlich in den Brüdern Siegen, und was eine Hauptsache ist: Der Geldsack des Reisenden ist dort noch nicht zum Jagdobjekt geworden. Unter einem braven, unverdorbenen Volke, in einer erhabenen, grossartigen Natur wird Jeder sich wohl fühlen, der in dem still von der Welt gesonderten Thale, sei es Ruhe, sei es Anstrengung sucht.

mil

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