Kartograph Rudolf Leuzinger

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L. Held ( Sektion Bern ).

Von Als Sohn eines bescheidenen Bauers wurde Rudolf Leuzinger am 17. Dezember 1826 in Nett-stall, Kanton Glarus, geboren. Früh verwaist, kam er mit acht Jahren auf die Linthkolonie, jene glarnerische Armen-Erziehungs-anstalt, welche, auf dem der Linth abgerungenen Boden gegründet, schon so vielen tüchtigen Männern die rettende Heimstätte ihrer Jugend war.

Im Jahr 1843 treffen wir Leuzinger als Lehrling bei einem Steinhauermeister inWädenswilr wo es ihm indessen so wenig gefiel, daß er den Vorsteher der Linthkolonie dringend um Änderung seines Loses bat. Es war eine glückliche Fügung, daß um diese Zeit der Geograph J. M. Ziegler in Winterthur für seine kartographische Anstalt junge begabte Leute zur Heranbildung als Lithographen suchte. Durch Vermittlung des Zeichnungslehrers Leuzinger in Winterthur vernahm der Vorsteher Lütschg von dieser Gelegenheit und empfahl unseren Rudolf Leuzinger, der in der That im Jahr 1844 in die lithographische Abteilung des ausgedehnten Zieglerschen Geschäftes aufgenommen wurde.

Ziegler war bestrebt, sein noch neues Institut zu einer eigentlichen geographischen Anstalt auszubilden. Er trug sich mit dem Plane, einen großen Atlas der Erde herauszugeben, in welchem er seine Ideen über Terraindarstellung verwirklichen wollte. Hiezu brauchte er namentlich tüchtige Terrainstecher und als solcher erwies sich in kurzer Zeit der Lehrling Leuzinger.

An Anregungen fehlte es dem strebsamen jungen Manne nicht. Hervorragende Kartographen arbeiteten in der Anstalt Zieglers und bevorzugten Leuzinger um seiner liebenswürdigen Eigenschaften willen. Ziegler, obgleich nicht selbst Techniker, beherrschte durch seinen geistigen Einfluß jeden Arbeiter und vermochte es, den Werken seines Institutes ein ganz bestimmtes Gepräge aufzudrücken.

Im Jahr 1847 unternahm Ziegler eine längere Heise nach Berlin, um sich in Deutschland mit Geographen wegen Material für seinen Atlas in Verbindung zu setzen. Leuzinger mußte ihn als Faktotum begleiten und hatte namentlich auch Karten zu kopieren. Dabei kam er mit bedeutenden Männern, wie Ritter, in persönliche Beziehungen und erntete manche schmeichelhafte Anerkennung seiner Leistungen. Für den jungen, zurückhaltenden, aber scharf beobachtenden Glarner war diese Reise und der Aufenthalt in den großen Städten ein bedeutsames Ereignis, auf das er in seinen späteren Jahren mit besonderer Vorliebe zu sprechen kam.

Nach Absolvierung seiner Lehrzeit verblieb Leuzinger noch einige Jahre als Kartograph im Institut des Herrn Ziegler. Die hauptsächlichsten Arbeiten dieser ersten Periode aus Leuzingers Thätigkeit sind:

Der Terrainstich auf 10 Blättern der Karte von St. Gallen und Appenzell 1: 25,000, bearbeitet nach den eidgenössischen Aufnahmen von J. M. Ziegler, ein Werk, welches Leuzingers außerordentlich verständnisvolle Auffassung der Gebirgsformen klar erkennen läßt. Sodann zwei weitere Karten von St. Gallen. Karte der Insel Sumbava, der Insel Madeira 1: 100,000; Karten der Kantone Tessin 1: 150,000, Graubünden 1: 250,000, Glarus 1: 50,000 und Freiburg. Dazu kommen seine Arbeiten am allgemeinen Atlas und am Schulatlas von Ziegler, u. s* w.

Leuzinger hatte sich unterdessen einen eigenen Hausstand gegründet, aber nach wenig Jahren wurde seine Frau von der Schwindsucht ergriffen und starb nach langem, schwerem Krankenlager.

Da verließ Leuzinger Winterthur und siedelte 1859 nach Glarus über, wo er neben der Kartographie ein kleines Geschäft in optischen Artikeln betrieb. Aus dieser Zeit ist folgende Episode, welche ihn als Künstler und als Mensch charakterisiert, zu berichten.

Kaiser Napoleon HL wollte seinem Werke „ Histoire de Jules César " unter anderm Karten von Gallien beigeben, um deren Erstellung sich die bedeutendsten Kartographen Frankreichs bewarben. Aber kein Entwurf befriedigte Napoleon, der offenbar die Schule der früheren Ingenieur-Geographen gegenüber der nüchternen, kunstlosen Darstellungsweise seiner Tfffî* Zeit bevorzugte. Da war es Randegger, der ebenfalls in Mitte der vier* ziger Jahre die Lehrzeit im Institute von Ziegler durchgemacht batte und nun bei Erhardt in Paris arbeitete, welcher auf Leuzinger aufmerksam machte als denjenigen, der das Werk nach Wunsch zu Stande bringe.

Erhar

Wie mancher hätte sein Schicksal auf solchen Erfolg aufgebaut Leuzinger litt es nicht in Paris, wo ihm die Sprache und das ganze Wesen des Volkes fremd war; er wies alle Anträge glänzender Stellungen ab und kehrte in sein stilles Heimatthal zurück, glücklich, den Seinen einige Ersparnisse überbringen zu können.

Da kam die Katastrophe von Glarus 1861. Wenn der Brand sein Häuschen in Ennenda auch verschont hatte, so war doch seine Existenz für längere Zeit gefährdet. Einer Einladung Denzlers, des Kataster- direktors des Kantons Bern, folgend, verkaufte er sein Besitztum und zog nach Bern, um hier Pläne für die Forst- und Baudirektion des Kantons zu gravieren.

Vorerst autographierte er eine Anzahl Blätter des Forstatlas des Kantons Bern; erstellte in Farbendruck Karten des Gürbengebietes, von Interlaken und Umgebung, von Grindelwald, alle in größerem Maßstab, dazwischen einige Schulkarten und Beilagen zu wissenschaftlichen Werken, Manöverkarten, Normalien für das Vermessungswesen etc.

Als im Jahr 1863 der Schweizer-Alpen-Club gegründet wurde, eröffnete sich ihm ein neues Feld der Thätigkeit mit dem Stich der Et-kursionskarten, Arbeiten, welche seiner ganzen künstlerischen Richtung zusagten. Beinahe jeder Band des Jahrbuches brachte ein Werk seiner Hand, teils selbständige Bearbeitungen, teils Kopien der eidgenössischen Ori gin al auf nahmen.

Es ist bekannt, wie günstig diese Karten aufgenommen würden und wie sie der Herausgabe des großen topographischen Atlas der Schweiz eigentlich Bahn gebrochen haben; Die Bearbeitung der Exkursionskarten brachte Leuzinger in nähere Beziehungen mit dem eidgenössischen topographischen Bureau und namentlich mit dessen Chef, Oberst Hermann Siegfried, der den genialen Kartographen nach Verdienen würdigte.

Nachdem Ende 1868 die Gesetze betreffend Publikation des Schweizer* Atlas im Maßstab der Originalaufnahmen erlassen waren, übertrug Siegfried die Gravure der Hochgebirgsblätter unserem Leuzinger, während diejenigen des Flachlandes in Kupfer gestochen wurden. Siegfried wählte diese zweierlei Vervielfältigungsverfahren trotz der dadurch bedingten Komplikation, weil er wohl wußte, daß nur Leuzinger im stände sein werde, die Felsen des Hochgebirges in der Weise zu gravieren, wie sie in den besseren Originalen enthalten waren. Dies hat sich auch im Verlaufe der ganzen Publikation bis heute bewiesen und wird von allen Fachmännern des In- und Auslandes anerkannt.

Neben der Erstellung der Siegfriedblätter fand Leuzinger noch Zeit zu weiteren größeren Arbeiten, wovon zu nennen sind: Karte des Kantons Neuenburg ( von Mandrot ) 1: 100,000; der Franche Comté, Schulhand-karte der Schweiz 1: 700,000, des Kantons Bern 1: 400,000; Schulwandkarte der Centralschweiz i: 100,000; I. Reisekarte der Schweiz; Reisekarte von Oberitalien 1: 900,000; Karte des Berner Oberlandes i: 200,000; Post-, Eisenbahn- und Telegraphenkarte der Schweiz; II. Reisekarte der Schweiz 1: 400,000; Physikalische Karte von Frankreich in Farbendruck; Übersichtskarte der Schweiz und der angrenzenden Länder 1: 1,000,000; Gesamtkarte der Schweiz 1: 517,000 u. s. w.

Unannehmlichkeiten verschiedener Art bewogen Leuzinger im Jahr 1881 Bern zu verlassen, zum Bedauern der vielen Freunde aus allen Kreisen, die seinen Umgang ungern missen mochten. Er wählte sich als zukünftigen Aufenthaltsort das „ Haltli " bei Mollis, einen der schönsten Punkte des Glarnerlandes. Dort schlug er sein stilles Atelier auf und wirkte emsig weiter, immer neue, immer vollkommnere Werke dem Kranze seiner früheren einverleibend.

So entstanden hier die Reliefausgabe der Karte der Schweiz 1: 517,000; eine Reliefkarte von Südbayern und Tirol 1: 500,000; die Reliefkarte von Palästina 1: 500,000; die Eisenbahnkarte Europas in 6 Blättern; mehrere Relief bearbeitungen von Karten des S.A.C.; kleinere Karten für Bädeckers und Meyers Reisebücher; die Felsgravure auf den Karten des Rhonegletscher-Werkes und auf Imfeids Montblanc-Karte.Von den Siegfriedblättern hatte er 117 vollendet ( als letztes Samnaun ) und 6 Blätter harrten noch seines Stiftes, als ihn der Tod am 11. Januar 1896 abrief.

Leuzinger starb an einem Herzschlag, nachdem er einige Zeit an einem Herzleiden krank gewesen war. Einige Freunde von Bern, Zürich und Glarus, sowie eine große Menge Leidtragender der nächsten Umgebung geleiteten ihn zur letzten Ruhestätte.

Rudolf Leuzingers Werke verdienen eine eingehende Würdigung.

Der Beginn seines Wirkens fällt in die Zeit, da die schweizerische Landesaufnahme allen kartographischen Arbeiten eine zuverläßige Basis und zugleich Vorbilder in künstlerischer Vollendung bot. Das Bedürfnis nach Karten entwickelte sich in ungeahnter Weise und verlangte die verschiedenartigsten Bearbeitungen namentlich für den Verkehr, die alpine Thätigkeit, die öffentlichen Bauten, für Wissenschaft und Schule.

L. Held.

Gleichzeitig wurde die Technik der vervielfältigenden Künste durch neue Verfahren bereichert und in jeder Richtung ausgebildet, so namentlich auch die Chromolithographie, welcher bei der Erstellung der Karten eine bedeutende Rolle zukam.

Auch im Gehalt der topographischen Darstellung trat infolge der Errungenschaften der Geologie eine Vertiefung ein, für welche der reproduzierende Kartograph Verständnis haben mußte.

„ Haltli* Leuzingers Wohnsitz Leuzinger folgte nicht bloß allen Wandlungen auf diesen Gebieten, sondern er brach mancher Verbesserung die Bahn, geleitet von einem feinen künstlerischen Empfinden. Kein besserer Interpret für Darstellung geologischer Formen ließ sich finden als er, der niemals Geologie studiert hatte.

Schon seine Erstlingswerke ließen die Fähigkeit erkennen, seine Aufgaben geistig zu erfassen. Betrachten wir z.B. auf der St. Gallerkarte 1: 25,000 die Partie des Säntis oder diejenige der Grauen Hörner, so finden wir die wilde Natur dieser Gebirge in einfacher Weise, aber mit großer Kraft dargestellt. Es ist nicht eine bloße Steigerung des Schattens, wie ihn die Schraffenskala für steilere Hänge fordert, sondern die ganze Strichführung drückt das Rauhe, das Bewegte und Wechselnde des Hoch- gebirgsterrains aus. Man fühlt es heraus, daß Leuzinger hier den Eindrücken folgte, welche er schon als Knabe in den Bergen seiner Heimat empfangen hatte.

Rudolf Leuzinger, Kartograph.

18S6—1896.

Die Darstellung des Gebirgsterrains war die eigentliche Force Leuzingers, und hier schreckte er vor keinen Schwierigkeiten zurück. Ziegler bevorzugte die senkrechte Beleuchtung und eine lichte, offene Zeichnung der Schraffen. In dieser Manier sind neben der St. Gallerkarte auch die Karten von Glarus, Sumbava, Madeira gestochen worden. Letztere ist in 5 Farben ausgeführt und es ist zu bedauern, daß der farbige Aufdruck der Vegetationszonen den Effekt des Terrainbildes stört.

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Von den Stichen in Napoleons „ Histoire de Jules César " erkeönt man mit Leichtigkeit diejenigen, welche Leuzinger ausgeführt hat Es sind namentlich der „ Plan de Gergovia 1: 20,000 " und der „ Plan d^tèsia 1: 35,00Oa, welche in Bezug auf vorzügliche Modellierung des Terrains als Muster gelten kennen.

In den Exkursionskarten des 8. A. C. ist Leuzinger von der Zieglersehen .Terraindarstellung abgegangen und hat sich mehr derjenigen von Dufour zugewandt. So sind die beiden ersten, das Tödigebiet 1863/64 und das Triftgejbiet 1864/65, in schwarzen Schraffen unter schräg von Südwesten einfallendem Lichte bearbeitet. Der Effekt wird durch eine etwas zu düstere Behandlung der Schattseiten beeinträchtigt, namentlich durch die zu kräftigen Roulettetöne auf den Gletschern.

Dieser Umstand hat wohl auch dazu geführt, in den weiteren Exkursionskarten das Terrain durch Horizontalkurven statt durch Schraffen darzustellen. Hier kömmt nun hauptsächlich die Felszeichnung zur Geltung und es ist interessant zu verfolgen, wie sich Leuzinger von Blatt zu Blatt vervollkommnete. Die von den Ingenieuren Dufours begründete und im Siegfriedatlas weiter entwickelte Zeichnungsmanier der Felspartien beherrschte Leuzinger vollständig. Er kopierte nicht Strich um Strich/ sondern arbeitete frei, so daß er auch von zeichnerisch ungenügenden Vorlagen gute Karten reproduzierte.

Ehr besonderes Verdienst erwarb sieh Leuzinger um die Kartographie dadurch, daß er zuerst sogenannte Reliefkarten mittelst lithographischem Farbendruck herstellte. Als frühestes Beispiel ist -wohl die Exkursionskarte des Greinagebietes, zweite Bearbeitung voar Jahr 1605, anzuführen. Es ist bekannt, daß diese neue Darstellungsart, welche zum mathematischen Bilde der Horizontalkurven die künstlerisch wirkende Terrainzeichnung fügt, immer mehr Anerkennung und Verbreitung findet.

In dieser Manier sind mehrere Schweizerkarten, eine physikalische Karte Frankreichs, die Reisekarte Südbayerns und Tirols, Palästina, sodann Karten einzelner Gebirgsgruppen, wie Stockhorn, Monte Moro, Rigi etc. in größerem Maßstabe erschienen. Leuzinger arbeitete fortwährend an der Ausbildung dieses Verfahrens und noch wenige Wochen vor seinem Tode entwickelte er zum Schreiber dieser Zeilen neue Ideen und neue Verbesserungen, welche teils die Auffassung, teils die Reproduktionstechnik betrafen.

Das war ein Charakterzug Leuzingers, daß er seine Werke nie tiber-schätzte und daher immer weiter strebte. Man kann von ihm in der That sagen, daß er nie den Zenith seines Könnens überschritten hat. Seine letzten Werke, die Felsgravure der Rhonegletscher- und Montblanc-karten, stehen wohl am höchsten, Leuzinger hat außer 118 Siegfriedblättern mehr als 200 Karten erstellt, teils ganz, teils den schwierigsten Teil derselben, den Terrainstich, Eine genaue Aufzählung derselben ist kaum mehr möglich, da sein Name als Mitarbeiter oft nicht angeführt ist. Auch in seinem Nachlaß fanden sich keine Karten vor, denn seiner Gewohnheit gemäß gab er das letzte Exemplar ohne Zaudern her, wenn er damit einem Menschen eine Freude machen konnte.

Das Atelier Leuzingers ist stets eine stille Klause geblieben, in der neben ihm nur zeitweise ein Lehrling oder ein zweiter Lithograph arbeitete. In geschäftlicher Beziehung hat Leuzinger manchen Mißerfolg an seinen Werken erlebt, und trotz seiner bescheidenen Lebensbedürfnisse konnte er sich keine Reichtümer erwerben.

Leuzinger hat selbstlos und eifrig mitgearbeitet, die schweizerische Kartographie zu Ansehen zu bringen. Sein Name wird immer genannt sein, wenn die Hauptförderer der großen vaterländischen Kartenwerke aufgezählt werden.

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