Keltische Halden

Im Wallis gibt es eine Vielzahl von Lui-Namen: von den Bergwiesen Les Luis in Verbier über die Alpweiden Lui Pleine im Val Ferret bis zu den Gipfeln Bella Lui oberhalb von Crans und Lui des Chamois südlich der Rosablanche. Das standardfranzösische «lui» bedeutet «ihm» oder «ihr». Aber Pronomen sind keine Namenmotive; darum gibt es auch keine Berge, die Sie, Dir oder Uns heis­sen. «Lui» stammt in diesem Fall offenbar aus einer ­keltischen Sprache, die von der Bevölkerung des Rhone­gebiets oberhalb des Genfersees gesprochen wurde, bevor das Gebiet römisch wurde. Diese Sprache ist schriftlich nicht belegt, es lässt sich daher nur erschliessen, dass in ihr «loke» «glatter, meist begraster, steiler Abhang» bedeutet haben muss. Aus der noch älteren, rekonstruierten indoeuropäischen Urform «plāk» entwickelte sich über die Jahrhunderte nicht nur das keltische Wort, das als Lehnwort im Patois zu «lui» wurde, sondern ebenso ein germanisches Wort, das im schweizerdeutschen «Flue» für «Felswand» erhalten ist. Bella Lui ist also eine «schöne Grashalde» und die Lui des Chamois ist die «Halde, wo sich Gämsen aufhalten».