Kinder in Not sind das Schwierigste Neue Zahlen und Fakten zu Kindernotfällen in den Bergen

Kindernotfälle in den Bergen sind selten. Passieren sie doch, ist die Situation für Retter und Angehörige emotional anspruchsvoll. Neue Zahlen belegen, dass mit dem zunehmenden Alter der Kinder auch die Häufigkeit der Notfälle steigt.

«Wie alt ist das Kind? Was ist in diesem Fall mit Atemnot genau gemeint? Welchen Tubus brauche ich wohl – und welche Grösse? Wie schwer ist das Kind, und welche Medikamentendosierung passt dazu? Und wieso schüttelt es mich trotz einem gerüttelten Mass an Erfahrung?» So umschreibt die ehemalige Rega-Ärztin Anna Brunello ihren Gemütszustand bei einem Rettungsflug zu einem Kindernotfall in den Bergen. Mit Unwägbarkeiten und Unsicherheiten müsse man sich als Notärztin abfinden, so Anna Brunello, aber Einsätze für verunfallte Kinder seien vielleicht die schwierigste Aufgabe.

Am gefährlichsten sind Skipisten

Anna Brunello ist heute leitende Ärztin auf der interdisziplinären Intensivstation des Kantonsspitals Graubünden. Sie hat zusammen mit anderen Autoren eine Übersicht über alpine Kindernotfälle veröffentlicht. Die Zahlen, die sie zusammengetragen haben, zeigen, dass pädiatrische Notfälle im Alpenraum insgesamt rund 8% aller Rettungseinsätze ausmachen. Im Jahr 2016 transportierte die Rega 415 verletzte Kinder unter 16 Jahren aus den Gebirgsregionen, was 6,5% aller primär versorgten Patienten ausmacht. Der grösste Teil der alpinen Kindernotfälle ereignet sich in der Schweiz auf Skipisten (71,2% beim Skifahren, 28,8% beim Snowboarden).

Anteil Kindernotfälle an Bergnotfällen

Der eigentliche Bergsport – ohne Pistenskifahren oder Schlitteln – ist für Kinder relativ sicher: Nur rund 3,6% aller Bergnotfälle betrifft Kinder, davon ist das Gros zwischen 11–16 Jahre alt. Im Durchschnitt erleiden rund 2600 Personen pro Jahr einen Bergnotfall.

Gemäss Statistik der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) waren in den Wintersaisons zwischen 2011 und 2016 in der Schweiz insgesamt 13 906 Kinder unter 16 Jahren auf Nothilfe angewiesen. Das entspricht beinahe einem Drittel sämtlicher registrierter Notfalleinsätze auf Skipisten. Im Gegensatz dazu wirkt die Zahl der vom SAC zwischen 2011 bis 2016 gezählten Bergnotfälle von Kindern unter 16 Jahren (ohne Pistennotfälle) mit insgesamt 577 gerade bescheiden. Neben den Schneesportarten ist das Wandern die Lieblingsaktivität für Familien mit Kindern. In sehr seltenen Fällen wurden Kinder bis 16 Jahren bei Aktivitäten wie Hochtouren, Gleitschirmfliegen, Eisklettern und Canyoning gerettet.

Mit dem Alter steigt Unfallgefahr

Das Autorenkollektiv um Anna Brunello kommt zum Schluss, dass die Unfallgefahr mit dem Alter der Kinder steigt. Je älter die Kinder sind, desto häufiger sind sie in den Bergen auf Nothilfe angewiesen. Buben sind dabei insgesamt nur wenig häufiger betroffen als Mädchen. Fast die Hälfte der Notfälle geht auf Stürze (auch Stolperstürze und Abstürze aus grösserer Höhe) zurück. Selten sind Schlangenbisse (fünf Fälle in zwölf Jahren) sowie Stürze in Gletscherspalten oder Blitzunfälle (je ein Ereignis in zwölf Jahren). Mehr als ein Drittel aller pädiatrischen alpinen Notrufe wurde wegen Blockierung, Erschöpfung oder Verirren ausgelöst.

Insgesamt ist ein grosser Teil der in den Bergen geretteten Kinder (46,8%) zwar nur leicht verletzt. Doch viele davon sind auf eine stationäre Behandlung angewiesen. Gemäss den untersuchten Statistiken befindet sich der kleinere Anteil (11,3–20,3%) aller geretteten Kinder in akuter Lebensgefahr.

Erstversorgung von Kindern für Eltern und Retter belastend

Verunfallt ein Kind, ist das für die Eltern eine enorm belastende Situation. Aber auch die Retter sind viel stärker gefordert. In den Bergen gibt es grosse Temperaturschwankungen und eine Kälte mit geringer Luftfeuchtigkeit. Das setzt einem verletzten Kind stark zu. Durch den Unfall und das harsche Klima ermüdet es und hat Angst. Wenn es dann hyperventiliert oder gar Panikattacken bekommt, ist das für die Retter besonders schwierig.

«Kindernotfälle stellen spezielle Anforderungen an die Retter», sagt Anna Brunello. Eine Umfrage unter amerikanischen Rettern hat bestätigt, dass die Hauptgründe für Stress bei der Behandlung von Kindern vor allem psychologischer Art sind: Die Identifikation mit den kleinen Patienten, weinende Kinder oder unvorhersehbare, problematische Reaktionen der Eltern erschweren nicht selten eine rasche, professionelle Hilfe. Was die Retter darum oft tun: die Eltern einbeziehen. «Der bewusste Einbezug in die Versorgung ersetzt bei den Eltern das blockierende Gefühl der völligen Hilflosigkeit», sagt Brunello. Schwierig sei es auch, wenn das Kind so jung sei, dass es noch nicht gut sprechen könne. Deshalb seien verletzte Kinder möglichst nicht von ihren Eltern oder nahen Betreuungspersonen zu trennen.

Und was können Eltern tun, bevor die Rettungskräfte eintreffen? Als Erstes: darauf achten, dass die Atemwege des Kindes frei sind. Dazu das Kind wenn möglich in eine stabile Seitenlage bringen. Verunfallte Kinder müssen zudem besonders vor einem Wärmeverlust durch Kälte und Wind geschützt werden. Denn Kinder haben im Vergleich zu Erwachsenen ungünstigere Verhältnisse zwischen Körperoberfläche und Körpervolumen, weshalb sie viel schneller auskühlen. Wichtig ist, dass ihr Kopf gut bedeckt wird, da bis zu 30% des Wärmeverlustes über den Kopf erfolgen. Das sind grundsätzlich bekannte Tatsachen, die bei psychischer Belastung in einem Notfall schnell in den Hintergrund rücken können. Deshalb – so Anna Brunello – sei es gut, sie immer wieder zu erwähnen und zu «verankern».

Tipps für Eltern in Notsituationen mit Kindern

  • Dem elterlichen Instinkt/Bauchgefühl folgen bei der Beurteilung, ob es sich um eine Bagatelle handelt oder um einen gefährlichen Unfall bzw. eine in dieser Situation gefährliche Krankheit.
  • Den grundlegenden Richtlinien der Wiederbelebung folgen.
  • Für die Sicherheit (auch der Helfer) in der momentanen Situation sorgen, Hilfe organisieren.
  • Kind in die passende Lage bringen (Seitenlage), bei Blässe Beine hochlagern, bei Kälte Wärmeverlust vermeiden.
  • Sich auf das Machbare konzentrieren, das Schreckliche (an der Situation) und das Nachdenken darüber auf später verschieben.
  • Darauf vertrauen, dass es (fast immer) gut ausgeht.

Dr. Christian Mann, stv. Chefarzt, Kinder und Jugendmedizin Kantonsspital Graubünden

Höhenkrankheiten bei Kindern

Wenn ein Kind in den Bergen auf Höhen über 1500 bis 2000 Metern über Meer plötzlich erkrankt, muss immer auch an eine Höhenkrankheit gedacht werden. Als Risikofaktoren gelten vorangegangene oder bestehende grippale Symptome oder Lungenkrankheiten. Eine Akute Bergkrankheit (AMS) ist bei Kindern laut der Ärztin Anna Brunello schwer zu diagnostizieren, weil bei ihnen die Symptome sehr unspezifisch sind. Appetitlosigkeit und Übelkeit, Schlafstörungen, Änderungen des Spielverhaltens, Aufgeregtheit und Weinerlichkeit können Zeichen dafür sein. Sie müssen ernst genommen werden. Bessert sich der Zustand nicht, wenn sich das Kind ausgeruht und getrunken hat, ist eine baldige Rückkehr in tiefere Lagen die richtige Therapie. Wenn aber Husten und Schnorchelgeräusche (Verdacht auf Höhenlungenödem) oder Schwindelgefühle und Verwirrtheit (Zeichen eines Hirnödems) dazukommen, ist der sofortige Abstieg nötig.

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