Klettern wird Familien- und Breitensport!

Klettern wird Familien-und Breitensport!

Klettern liegt im Trend: Neue Kletterhallen entstehen, und gut abgesicherte Routen verlocken, sich am Fels in der Natur zu versuchen. Klettern lässt sich fast spielerisch erlernen und bietet die Möglichkeit, die Familie vermehrt einzubeziehen. Der Vater, der übers Wochenende zur Hochtour in die Berge verschwindet und Frau und Kinder zu Hause sich selbst überlässt, ist heute zunehmend weniger gefragt.

Das vorliegende ALPEN-Heft enthält verschiedene Beiträge, die unterschiedlich zum Thema für familienfreundliches Klettern hinführen. Einer handelt vom Bouldern – dem Klettern an Felsblöcken – im bündnerischen Dischmatal, ein anderer entführt uns in die sonnigen Kletterfelsen der Ägäis-Insel Kàlym-nos, und ein dritter zeigt, wie einmal erlerntes Klettern im Rahmen der Familie wieder aktiviert wird.

Klettern eignet sich gut als Teil eines Familienausflugs oder von Familienferien. Und da verfügen auch Frankreich, Italien und Spanien über zahlreiche Gebiete mit gut abgesicherten Plaisirrouten und vielen weiteren Möglichkeiten für Jung und Alt. Klettern und Bouldern ist eben nicht nur für « Cracks ». Im Gegenteil: Für alle sportlichen Fähigkeiten findet sich die angemessene Schwierigkeit oder dasjenige « Problem », das Herausforderung, aber nicht Überforderung bedeutet. Es erstaunt deshalb nicht, dass Klettern als Breitensport im Aufwind ist – und das wollen wir in den ALPEN auch zeigen.

Etienne Gross

SAC · Verantwortungsbewusster Alpinismus

DER STALAKTITENPLANET

Ein Geheimtipp: Familien-kletterferien auf der Ägäis-Insel Kàlymnos, Bademöglichkeiten inbegriffen.

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UNBEKANNTES BOULDER-PARADIES

Das Dischmatal bei Davos ist ein unbekanntes, aber wahres Paradies für Bouldern in allen Schwierigkeitsgraden.

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DIE ALPEN 2/2002

ALPEN-Nachrichten

Il notiziario delle ALPI

Nouvelles des ALPES

Ogre – der « Menschenfresser » zum zweiten Mal bezwungen

Vom Traum zur Realität

Im Sommer 2001 gelang der deutsch/ schweizerischen Seilschaft mit Thomas Huber, Iwan Wolf und Urs Stöcker die Zweitbesteigung des Ogres. Diese alpinistische Gross-leistung am « das Menschen fressende Ungeheuer » im Karakorum fand 24 Jahre nach der Erstbesteigung statt.

Sommer 2000: Ich sitze neben Thomas 1

in einem klapprigen Bus, der uns vom nordindischen Garwhal-Himalaya zurück in die Zivilisation bringt. Das Abenteuer « Shivling » 2 liegt hinter uns, und wir diskutieren über neue Ideen, Träume, Pläne – die Geburtsstunde der Motivation. Es fällt schnell ein Name:

1 Thomas Huber, Profibergsteiger aus Berchtesgaden, einer der « Huberbuam » 2 Vgl. Die ALPEN 9/2001 3 Bergsteiger Urs Stöcker aus Chur

Baintha Brakk oder englisch Ogre – auf Deutsch so viel wie « das Menschen fressende Ungeheuer ». Natürlich ist mir dieser Berg ein Begriff: Pakistan, nördlicher Karakorum, 7285 Meter hoch. Ich kenne die Bilder und insbesondere die haarsträubende Geschichte der Erstbesteigung durch die englischen Ausnahme-könner Sir Chris Bonington und Dough Scott im Jahr 1977: Wie Dough Scott beim Abseilen vom Gipfelturm ausrutscht, in eine Verschneidung knallt, sich auf 7200 Metern beide Beine bricht und in einem siebentägigen Überlebenskampf dem Berg nur knapp entkommt.

Kein Abenteuer ohne Risiko Seit dieser Tragödie hat keine zweite Seilschaft den Gipfel des Ogre betreten, obwohl dies in den vergangenen 24 Jahren mehr als 25 Expeditionen versucht haben. Doch das Ungeheuer hat sie alle abgeschüttelt. Der Respekt der Spitzenalpinisten ist gewachsen – und mit ihm der Ogre. Der Preis der Zweitbesteigung wird von Jahr zu Jahr grösser. Will ich mich wirklich auf dieses neue Abenteuer einlassen? Kaum zu Hause, schon wieder die Vorbereitungen für die nächste Expedition treffen? Alles auf die Karte Ogre setzen, bei dem die Erfolgschancen so gering sind? Doch genau das ist es, was jeden Sportler antreibt und ihm die Motivation für hartes Training gibt: die Ungewissheit des Erfolgs. Es gibt kein Abenteuer ohne Risiko. Damit ist das Projekt Ogre 2001 beschlossene Sache.

Internationales Stelldichein Im Sommer 2001: Der Traum steht am Anfang seiner Verwirklichung. Ein kleines starkes Team ist bereit, nach Pakistan aufzubrechen. Neben Thomas wird Urs 3 dabei sein. Ein starker Bergsteiger, den ich seit meiner Jugend kenne und

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Ar chi v Iw an W olf Das erfolgreiche Team ( v. l. ): Urs Stöcker, Thomas Huber und Iwan Wolf Auf dem Weg zum Ogre: der Biafo-Glacier DIE ALPEN 2/2002

von dem ich genau weiss, dass er gut in unser Team passt. Was uns allen schon im Vorfeld viel Kopfzerbrechen bereitet, ist der Umstand, dass trotz unseres anfänglich exklusiven Permits zu viele am Berg sein werden. Der Slovene Silvo Caro wird den Ogre von der Ostseite angehen. Der Südtiroler Hans Kammerlander wirds von derselben Seite wie wir, jedoch über die Britenroute, versuchen. Auf der Südpfeilerroute werden wir uns mit einer amerikanischen Expedition arrangieren müssen. Wer weiss, wie das ausgehen wird?

Ein Jahr nachdem wir den « Ogre-Plan » gefasst haben, treffen wir in unserem Basislager auf 4400 Meter ein, mitten im Herzen des Karakorum. Hinter uns liegt eine abenteuerliche Reise durch Pakistan, vor uns die wilden Granittürme der Latok-Gruppe mit ihrem Hauptgipfel, dem Ogre, und der kühnen noch unbestiegenen Pyramide des Ogre III. Ein gigantischer Anblick! Wir beginnen enthusiastisch mit den Vorbereitungen. Das heisst vorerst, während einiger Tage Material und Essen näher an den Berg schleppen – harte Knochenarbeit. Doch die während des letzten Jahres gewachsene Motivation ist riesig. Eine Woche später sitzen aber drei mental zerstörte Bergsteiger im Basislager und wünschen sich zurück nach Hause. So schnell stirbt Motivation.

Riesengrosse Enttäuschung An jenem Tag, an dem ich die härteste Entscheidung meiner Bergsteigerkarriere getroffen habe, schreibe ich in mein Tagebuch: « Wir nutzen die Vorteile einer Dreiermannschaft und teilen uns die Arbeit auf: Urs richtet das ABC-Lager her und kocht, Thomas und ich steigen weiter durch den Gletscherbruch und das 50° steile Couloir, bis auf 5500 Meter an den Einstieg des Südpfeilers. Kurz vor Ende des Couloirs blicke ich zurück und sehe weit unten im Couloir, dass uns die beiden Amerikaner Hans und Marc folgen. Auch Thomas sieht sie. Wir können es nicht fassen, fühlen uns provoziert. Seit wir mit der Arbeit am Ogre begonnen haben, ahmen sie jeden unserer Schritte nach, rennen uns immer hinterher. Es zeichnet sich ein Wettkampf um die Zweitbesteigung des Ogre ab. Auch die folgende halbstündige Diskussion auf Frontzacken bringt keine Lösung. Auf dieser Basis ist eine Kooperation undenkbar. Wir sind uns einig: Kein Berg der Welt rechtfertigt es, dieses unkalku-lierbare Risiko einzugehen, das durch ein Rennen entsteht. Die Alpingeschichte hat verschiedentlich gezeigt, dass ein solcher Wettlauf um einen Gipfel leicht tödliche Folgen haben kann. Der Bergsteiger verliert unter diesem zusätzlichen Druck die Entscheidungsfreiheit und den überlebenswichtigen sechsten Sinn, die oft verborgenen Gefahren am Berg zu erkennen. Keinem von uns wäre es egal, wann die Seilschaft neben uns aufbricht, ob sie die Route mit Fixseilen verbaut und wir hinterher jumaren. Würden wir wirklich umkehren, wenn das Wetter schlecht wird, die andern aber weitergehen? Wir würden das Verhalten einer zweiten Seilschaft immer in unsere Entscheidungen einbeziehen und vielleicht einen fatalen Fehler begehen. Daneben muss man sich fragen, was denn die schöne Seite des Expeditionsbergsteigens ist. Ist es nicht hauptsächlich, mit guten Freunden eine gute Zeit am Berg zu verbringen? Die Zeit am Berg wäre nicht gut geworden.. " " .Wir deponieren unser Material auf 5000 Metern,

Unsere Route auf den Ogre III: der erste Grataufschwung, eine von einem Risssystem durchzogene überhängende Wand DIE ALPEN 2/2002

lassen den Amerikanern den Vortritt und trotten enttäuscht zurück ins Basislager. »

Ogre-III-Erstbesteigung als Alternative... Ganz gestorben ist die Motivation noch nicht, und nach langem Grübeln und Diskutieren wenden wir uns dem Ogre III zu. Den Gipfel dieser steilen, 6900 Meter hohen Pyramide hat bis anhin noch keiner betreten. Ein wilder Gletscherbruch versperrt uns den Zugang zum Berg. Zwei Tage suchen wir, steigen hin und her, klettern auf und ab und finden schliesslich einen Weg, der uns an den Fuss eines langen Couloirs bringt. Diese sich über 1000 Meter erstreckende und bis zu 60° steile Rinne führt direkt in eine kleine Scharte auf 6000 Metern. Hier können wir ein kleines Zelt aufstellen. Wegen des anhaltend schlechten Wetters brauchen wir ganze zwei Wochen, bis wir genügend Essen, Seile und Klettermaterial auf dieser Höhe haben. Doch nun sind wir bereit, den 900 Meter hohen Granitpfeiler zu erklettern, der über unserem Hochlager steil aufragt. Trotz des guten Wetters kommen wir nur langsam voran. Die Kletterei ist wider Erwarten extrem schwierig. Schon drei Tage kämpfen wir um jeden Höhenmeter, und es zeichnet sich ab, dass wir zu wenig Gas und Seile haben, um den Gipfel erreichen zu können. Wir haben den Berg deutlich unterschätzt. Zermürbt steigen wir bei schönstem Wetter ins Basislager ab, um Nachschub zu holen. Die Zeit rennt uns davon. Das schöne Wetter wird bald enden.

... mit Gipfelerfolg Wir gönnen uns einen Tag Pause, bevor wir erneut zu unserem Hochlager aufsteigen. Ich frage mich, wie oft ich diese Schinderei durch das Couloir noch auf mich nehmen muss. Doch wir kommen schnell voran und stehen schon am frühen Morgen bei unserem Zelt auf 6000 Metern. Diskussionslos ist klar: Wir gehen weiter und fixieren noch heute die mitgebrachten Seile, denn wir wittern die Chance, morgen vielleicht doch den Gipfel zu betreten. Mit der zurückge-wonnenen Motivation klettern wir bis lange in den Nachmittag hinein. Es fehlen noch 500 Höhenmeter zum Gipfel, die wir morgen schaffen können. Mit dieser Sicherheit seilen wir ab zum Zelt und kriechen für vier Stunden in unsere Schlafsäcke.

Meine Sicherheit von gestern schwindet langsam. Ich wühle mich durch brusttiefen Schnee und komme kaum voran. Zum Glück wird das Gelände nach 80 Metern angenehmer: steilere Kletterei, dafür kein Wühlen mehr. Um zwei Uhr nachmittags, am 1. Juli 2001, ist die Erstbesteigung des Ogre III perfekt. Wir stehen alle auf dem höchsten Punkt, einer riesigen Wechte, die unsere Tat mit einem grossen Wumm-Geräusch kommentiert.

Die Ogre-Kette mit ( v. l. ) Ogre thumb ( Daumen ), Ogre und Ogre III Am Tag des Gipfelerfolgs Ogre III: auf dem Schneefeld zwischen dem zweiten und dritten Aufschwung Fotos: Archiv Iwan Wolf DIE ALPEN 2/2002 Fo to s:

Ar chi v Iw an W olf Die erfolgreiche Zweitbegehung des Ogres, « des Menschen fressenden Ungeheuers », gelang 24 Jahre nach der Erstbegehung durch Sir Chris Bonington. Blick auf den Ogre von Ogre III aus, auf den oberen Teil des Eisfeldes des Südpfeilers Harte Kletterei über 7000 m Höhe, in einer Rinne des Ogre-Gipfelaufbaus DIE ALPEN 2/2002

Neuer Anlauf am « Menschenfresser » Pünktlich mit dem schlechten Wetter treffen wir am nächsten Tag im Basislager ein. Die Amerikaner sind auch zurück vom Ogre. Sie haben den Kopf des Südpfeilers auf 6500 Metern erreicht und sind dann umgekehrt – schlechte Schneeverhältnisse, unglückliche Routenwahl, Motivationsprobleme. Ihre Expedition ist damit zu Ende, und einige Tage später sind wir ganz allein im Basislager. Nur der Ogre ist uns nach so viel Trubel und Aufregung treu geblieben. Ob er uns eine Chance geben wird? Regen und Schnee halten sich hartnäckig. Nach sechs Tagen Lesen und Karten Spielen ist das Wetter wieder halbwegs « brauchbar », und wir können zu unserem ursprünglichen Ziel, dem Ogre, zurückkehren. Wir steigen ins vorgeschobene Basislager hoch, wo das vor einem Monat deponierte Material auf uns wartet. Innerhalb der nächsten drei Tage können wir 15 Seillängen am Südpfeiler klettern und auf 5950 Metern Lager 2 aufbauen. Damit sind die Vorbereitungen für die Besteigung des Ogre abgeschlossen. Für einen Gipfelversuch brauchen wir jetzt nur noch vier bis fünf Tage schönes Wetter.

Erfolgreiche Zweitbegehung 9 Tage später: Wir sitzen noch immer im Basislager und lauschen, wie die Regentropfen auf das Zelt trommeln. Doch der Wetterbericht stimmt uns zuversichtlicher. Ein Schönwetterfenster von drei Tagen soll sich öffnen. Drei Tage nur! Dennoch müssen wir es versuchen, auch wenn unsere Zeit knapp wird. In der Nacht starten wir bei « grausigstem » Wetter. Schnee und Wind machen den Aufstieg zum Lager 2 zur Qual. Aber nur eine gute Ausgangsposition bringt eine realistische Gipfelchance. Nach einer engen Nacht zu dritt im Portaledge scheint am nächsten Tag tatsächlich die Sonne. Zwei weitere Tage Kletterei in senkrechtem Granit bringen uns auf den Kopf des Südpfeilers auf 6500 Meter. Der Gipfel scheint zum Greifen nahe, doch bleiben viele Zweifel: die Spurarbeit durch das folgende Eisfeld, die schwierige Kletterei am Gipfelaufbau, der Wind. Bis hierher sind schon einige gekommen, aber alle mussten sie umdrehen. Um ein Uhr früh schlägt die Stunde der Wahrheit: Wir brechen zur letzten Etappe auf. Das 55° steile Eisfeld klettern wir seilfrei in stockdunkler Nacht. Um acht Uhr erreichen wir den Fuss des felsigen Gipfelaufbaus. Ein eisiger Wind pfeift uns um die Ohren. Die letzten Seillängen halten uns stundenlang in Atem – bis uns der Wind plötzlich mit voller Stärke ins Gesicht bläst. Die Wolken rasen an uns vorbei. Wir stehen durchfroren und müde auf einem drei Quadratmeter grossen überwechteten Block. Alles andere ist unter uns. Was vor vier Tagen noch eine leise Hoffnung, ein Traum war, ist für uns in Erfüllung gegangen: Am 21. Juli 2001 um 15.30 Uhr stehen wir als zweite Seilschaft auf dem höchsten Punkt der Latok-Gruppe, dem Ogre, 7285 Meter – 24 Jahre nach der ersten Seilschaft! a

Iwan Wolf, Chur Warten auf besseres Wetter in einer Eishöhle beim Aufstieg auf den Ogre Erste harte Seillänge im Südpfeiler des Ogre, Schwierigkeitsgrad VIII– ( UIAA )

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