Mehr als nur das richtige Gerät

Diskussionen um die Sicherheit beim Klettern würden sich zu stark um die Sicherungsgeräte drehen. Dieser Ansicht ist die Interessengemeinschaft Kletteranlagen (IGKA). Sie plädiert für einen umfassenderen Ansatz.

«Die Ursache der meisten Kletterunfälle ist menschliches Fehlverhalten, nicht das Sicherungsgerät», hält Thomas Georg fest. Er ist zuständig für das Ressort Ausbildung in der IGKA und Geschäftsführer der Kletterhalle Lenzburg. Damit verhält es sich beim Klettern ähnlich wie im Berufsleben, wo ebenfalls menschliches Versagen der Hauptgrund der Unfälle darstellt. Darum ist es der IGKA auch ein Dorn im Auge, dass sich die Sicherheits­diskussion beim Klettern vornehmlich um die Geräte dreht und zu wenig um das Verhalten. So wie zum Beispiel im Artikel «Halbautomaten im Test», ­erschienen in der Ausgabe «Die Alpen» 03/2016. Thomas Georg findet es nicht angebracht, aus der Anzahl Unfälle mit einem spezifischen Gerät auf dessen Sicherheit zu schliessen. Denn um hier einen Zusammenhang herzustellen, müsste man beispielsweise wissen, wie oft die verschiedenen Geräte im Einsatz sind. Der ehemalige IGKA-Präsident Andrea Lerch ergänzt: «Dies verlässlich zu messen, ist sehr schwierig. Daten aus themenbezogenen Erhebungen sind deshalb mit grosser Vorsicht zu interpretieren.» Und man wisse nach Unfällen nur sehr selten genau, wie die Geräte wirklich bedient wurden.

Bedienung beherrschen

Einen Sicherheitsgewinn sehen Lerch und Georg in Geräten wie Click up, Smart oder Grigri, die ein spontanes Blockieren ermöglichen. Doch auch bei diesen Geräten kann nie ganz ausgeschlossen werden, dass die sichernde Person die Kontrolle über das Bremsseil verliert, sei es durch Einwirkung von aussen oder durch Unachtsamkeit. Deshalb mahnt Georg vor übertriebenen Erwartungen bei blockierunterstützenden Geräten: «Für die Sicherheit ist es viel entscheidender, dass die Sichernden die Bedienung ihres Gerätes beherrschen, als dass sie ein Gerät mit spontanem Blockieren einsetzen.»

Schlappseil verhindern

Lernen beziehungsweise Ausbildung steht für die IGKA im Zentrum der Sicherheit beim Klettern. Doch worauf müsste man, abgesehen von der für ein spezifisches Gerät korrekten Handhabe, vor allem achten? «Übermässiges Schlappseil verhindern», so die erste Antwort von Thomas Georg. Natürlich brauche es ein gewisses Mass an nicht gespanntem Seil, doch dieses müsse gut kontrolliert werden. Denn bei zu viel Schlappseil besteht die Gefahr ­eines Bodensturzes – und das unabhängig vom Sicherungsgerät. Häufig entgeht den Sichernden, dass auch bei der Bremshand Schlappseil vorhanden ist. Der gleiche Effekt von «verstecktem» Schlappseil entstehe, wenn die Sicherungsperson zu weit von der ersten Zwischensicherung entfernt stehe, fügt Andrea Lerch an. Zieht es diese bei einem Sturz zur ersten Sicherung hoch, ist die Länge des Sturzes desto grösser, je weiter weg die Person von der Wand ist.

Seitlich positionieren

Wie sich die sichernde Person positioniert, ist generell ein Schlüsselfaktor für die Sicherheit. Der Sichernde sollte darauf achten, dass er einerseits nahe an der Wand ist, anderseits aber auch nicht direkt unter dem Kletternden steht. Damit soll verhindert werden, dass der Kletternde auf seinen Partner stürzt. «Am besten nimmt man eine leicht seitlich versetzte Position ein», empfiehlt Georg. Wichtig ist auch: Alle anderen Personen in der Nähe der Wand müssen die Gefahrenräume meiden.

Die Sicherheit lässt sich bereits vor dem eigentlichen Klettern verbessern (siehe Kasten). Ein wichtiger Faktor ist zudem das Gewicht der Kletterer. Sind die Gewichtsunterschiede gross, sollten Vorsichtsmassnahmen getroffen werden. Beim Top-Rope-Klettern empfiehlt es sich, das Führungsseil in die erste Zwischensicherung der Nachbarroute einzuhängen. Im Vorstieg sollte zusätzlich auch noch die erste Zwischensicherung der Nachbarroute eingehängt werden, ein Vorgehen, das auch «Lenzburger» oder kurz «L-Methode» genannt wird.

Kontrolle durch Hallenbetreiber

All diese Verhaltensregeln sind einfach umsetzbar. Es stellt sich trotzdem die Frage, wie man die Leute dazu bringt, sie zu kennen und anzuwenden. Thomas Georg erläutert das Vorgehen der Kletterhalle in Lenzburg: «Bei der Eintrittskontrolle werden neue Besucher zuerst nach ihrer Ausbildung und zum Sichern befragt. Bestehen dann noch Unsicherheiten bezüglich deren Kompetenz, gibt es eine praktische Kontrolle. Können dabei allfällige Anwendungsfehler nicht innerhalb von rund fünf Minuten behoben werden, müssen sich die neuen Gäste aufs Top-­Rope-Klettern oder aufs Bouldern beschränken.» Das habe sich bewährt.

Da es auch Hallen ohne Kontrolle gebe, sollte laut Georg und Lerch nicht die Kontrolle, sondern die Ausbildung im Vordergrund stehen. «Darum machen wir die Hallenbesucher auch auf unser IGKA-konformes Ausbildungsangebot aufmerksam», sagt Georg.

Ausbilden und weiterbilden

Immer wieder gebe es auch Kletternde, die in guter Absicht Kollegen zum Sichern und Klettern ausbilden wollen, sich dabei aber massiv überschätzen. Lerch warnt: «Meist fehlt der Überblick über die Gefahren, die während des Lernprozesses bestehen.»

Frisch ausgebildete Kletterer würden die Standards aufgrund ihrer Ausbildung kennen und üben. Lerch weiss: «Bei ‹alten Hasen› ist das schon schwieriger, da diese verständlicherweise davon ausgehen, alles bestens zu beherrschen.» Da sich der Klettersport aber weiterentwickelt, sollte sich jeder Kletterer auch um ein «Update» kümmern. «Denn sichern tut man nicht für sich, sondern für seinen Seilpartner!», betont Lerch.

Neue Broschüre von SAC und IGKA

Neu veröffentlicht die IGKA zusammen mit dem SAC die Broschüre Sicher klettern indoor. Sie richtet sich nicht nur an Kursteilnehmer, sondern auch an fortgeschrittene und erfahrene Kletternde.

Partnercheck vor dem Einstieg

– Klettermaterial kontrollieren: Passt zum Beispiel das Sicherungsgerät zum Seildurchmesser?

– Gegenseitiger Check: Gurt geschlossen, Knoten korrekt gebunden und Handhabung des Sicherungsgeräts okay?

– Persönliche Unterschiede im Kletterniveau beachten: «Ist zum Beispiel eine Person nur fürs Top-Rope-Klettern ausgebildet, darf auch nur Top-Rope geklettert werden, egal ob der andere Erfahrung im Vorstieg hat», sagt Thomas Georg.

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