«Mehr Sicherheit im Bergsport»

Drei Fragen an Hermann Brugger, Leiter des Instituts für Alpine Notfallmedizin an der EURAC in Bozen und Präsident der Internationalen Gesellschaft für Berg­medizin (ISMM).

Stellt das neue Klimazentrum in Bozen die Forschung auch im Bereich Höhenmedizin auf den Kopf?

Das nicht, aber sie wird sie wesentlich verbessern, da wir Tests unter gleichen Bedingungen beliebig wiederholen können. Die Klimafaktoren Höhe, Temperatur, Wind, Schnee und Regen können gemeinsam oder einzeln geregelt werden, sodass wir diese Faktoren und ihre Wirkungen auf den Menschen isoliert beobachten können. Feldstudien sind zwar toll und abenteuerlich, aber wissenschaftlich ist es häufig nicht möglich, die einzelnen Störfaktoren aufzuschlüsseln und einen eindeutigen Effekt herauszufiltern. Deshalb gibt es so viele widersprüchliche Ergebnisse. In der Klimakammer können wir die Hypoxie (Sauerstoffarmut) in grosser Höhe (hypobare Hypoxie) mit derselben Hypoxie unter Normaldruck (normobarer Hypoxie) vergleichen. Auch das wird hochinteressant, da fast alle Studien normobar gemacht wurden.

Ist die Zeit der aufwendigen, aber auch erlebnisreichen Forschungsexpeditionen in grosse Höhen nun vorbei?

Nein, diese brauchen wir nach wie vor, aber ihre Ergebnisse können jetzt in der Klimakammer verifiziert werden. Wir werden viele Jahre brauchen, um Ergebnisse aus der Feldforschung kontrolliert und standardisiert zu verifizieren. Die Höhen­medizin hat sich bisher auf den Einfluss der Höhe auf den Menschen konzentriert und die restlichen Klimafaktoren vernachlässigt. Die Interaktionen aller Klimafaktoren können in der Kammer viel besser gemessen, analysiert und reproduziert werden. Was uns dort aber fehlen wird, ist das Aben­teuer.

Ab Frühling 2018 werden sich in Bozen Hunderte von Forschern die Türklinke in die Hand geben und pausenlos Forschungsdaten sammeln und auswerten. Wie profitieren Durchschnittsbürger von diesem Projekt?

Neben der industriellen Nutzung, die auch dazu dienen wird, Sicherheitsausrüstung, Notfallausrüstung und medizinisches Gerät wetterfest und höhentauglich zu machen, werden die Erkenntnisse auch helfen, Wege zur optimalen Akklimatisa­tion zu finden und Rettungsaktionen in grosser Höhe sicherer zu machen. Die Sportartikelhersteller erhalten die Möglichkeit, Bekleidung und Ausrüstung unter extremen Bedingungen zu testen und zu verbessern. Wir erwarten, dass mit diesen Untersuchungen das Wissen über das Leben in grosser Höhe erweitert und ein Beitrag zu mehr Sicherheit und Gesundheit im Bergsport geleistet werden kann.

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